Nachtigall

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Klara
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Beitragvon Klara » 11.02.2011, 10:52

Nachtigall

Einst dachte ich
Ihr Singen wäre mein
Besonders
Früh am Morgen, wenn’s noch dunkel
Als gäbe ihre Wahrnehmung allein
mir ihren kühnen Adel – nur
die Summe – nicht den Rest

Einst fand ich tausend Meter viel
im Wasser
Heut bin ich erst nach einer knappen Stunde
munter, der gute treue Schwindel
kann mich nicht lang halten, denn
nach dieser Spitze geht es
nur noch runter

(Die alte Frau vertraut in ihrem Haus
In Küche, Diele, Bad und guter Stube
mit Dingen, Wringen, Angelegenheiten
kommt bald, vielleicht, wahrscheinlich
vor dem Tod ins Heim
Lässt ihre Handgriffe zurück
All ihre Risse, Kniffe, Wichtigkeiten
Wohin geht all das Leben
unter dieser Haut?)

Reichen mir tausend Vögel nicht
gegen Gespenster
Der nasse Tag schickt nur das Ende
einer guten Nacht
die ich durchschwommen und
besungen hab
für eine andre Frau am Fenster

Ich reg mich
Höre weiter
Hör‘ ihr zu
der kleinen feinen Hur‘:
Wach ist sie nicht für mich, sondern für jeden
Und klingt doch rein wie einst
ins trüb gewordne Ohr
Zuletzt geändert von Klara am 15.02.2011, 08:10, insgesamt 1-mal geändert.

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 14.02.2011, 11:06

manchmal ist es ja so ein flapsig hingeworfener ersteindruck, der die diskussion ins rollen bringt und mit dieser hoffnung im hinterkopf schreib ich dir jetzt, dass ich es berührend finde, dieses gedicht, manche stellen, besonders die in klammern, aber dass ich die form nicht mag, dass es mir so seltsam stilisiert vorkommt, sicher hat das gründe, dennoch: ich mag es nicht. dabei könnte ich das gedicht sehr mögen, rein inhaltlich.

Mucki
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Beitragvon Mucki » 14.02.2011, 11:53

Hallo Klara,

mir geht es hier ähnlich wie Xanthippe. Da ist etwas, was mich auf Abstand hält zu deinem Gedicht.
Die ersten 3 Strophen (vor allem die ersten beiden) gehen an mich ran, berühren mich. Mit den letzten beiden Strophen kann ich nicht viel anfangen. Da ist - jedenfalls für mich - irgendwie keine Linie drin.
Dat ist so, als wäre der Text bockig. ,-))) Vielleicht sind es auch meine Sinne. *g*

Saludos
Gabriella

Gerda

Beitragvon Gerda » 14.02.2011, 17:05

Liebe Klara,

ein Text von dir, den ich als "Stimmungsgedicht!" lese, der mich berührt, weil er feine Stränge hat, die aber m. M. n. (noch) nicht gut miteinander vesponnen sind.
Es geht um Verlust und vielleicht hat sogar "One Art" von Elzabeth Bishop dir irgendwie über die Schulter geschaut. ;-)

Sann das Lyrich eben noch am Morgen über den Gesang der Nachtigall (vielleicht am Fenster stehend, jedenfalls habe ich das Bild vor Augen), als etwas besonderes, befinde ich mich in der zweiten Strophe anscheinend beim Schwimmen.
Das bekomme ich nicht zusammen. Und der Schwindel, muss ich ihn als Selbstbetrug lesen? Wo ist die Verbindung?
In Str. 3 betrachtet Lyrich sich slebst als alte Frau oder aber eine Solche ... hioer bin ich völlig ratlos ... wo sind die Verbindungsschnüre?
Dann in Str. 4 lese ich von Vögeln, (Plural), erfahre, das sie die Gespenster nicht vertreiben können, ja und auch noch etwas Interessantes, das mit Str. 2 möglicherweise korrespondiert, nämlich, dass Lyrich die Nacht durchwommen habe. Also ist das Schwimmen in Str. 2 wohl im übertragenen Sinne gemeint ...?
Der Schluss, soll den Gedanken aufgreifen, dass die Nachtigall für viele Menschen singt und nicht ausschließlich für das Lyrich.
Diesen Gedanken und die Ereknnetnis von der sich vieles ableiten lässt, finde ich wunderbar. Ich würde mir nur wünschen, erspüren zu können, dass alles im Text miteiander und gerade auch mit dieser Erkenntnis zu tun hätte.

Liebe Grüße
Gerda

Klara
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Beitragvon Klara » 15.02.2011, 08:25

Hallo,
einhelliges Nichtmögen... hm - sollte mir das zu denken geben ;)

Xanthippe: Ich weiß nicht, ob das Gedicht überhaupt gemocht werden will.
dass ich die form nicht mag
hat es eine Form? Welche? Es hat einen Takt, hoffe ich, der hat mich verführt, es zu schreiben, dieser Takt, der nicht aufhören kann, immer weiter taktet, schwere Schritte... -
dass es mir so seltsam stilisiert vorkommt
mit stilisiert meinst du den Rhythmus?

dabei könnte ich das gedicht sehr mögen, rein inhaltlich.
aber dann wärs ja Prosa, kein Gedicht. Es ist ein Inhalt, der in Verse gezwungen wurde (wenn du so willst), vielleicht magst du deshalb nicht?

Gabriella:
Da ist etwas, was mich auf Abstand hält zu deinem Gedicht.
Find ich gut - ist jetzt kein Spruch: Das find ich gut, dass das auf Abstand hält!
Die ersten 3 Strophen (vor allem die ersten beiden) gehen an mich ran, berühren mich. Mit den letzten beiden Strophen kann ich nicht viel anfangen. Da ist - jedenfalls für mich - irgendwie keine Linie drin.

Vielleicht kann ich dir auf die Sprünge helfen: Die Linie ist hören (Vogel sing und flieg), und schwimmen. Die Linie ist eine gleiche Wahrnehmung, die anders wirkt. Die alte Frau ist die Brücke. -
Aber ich werde jetzt nicht meinen eigenen Text interpretieren! ;) Da käme ich ja in Teufels Küche -
Dat ist so, als wäre der Text bockig.
Das ist hübsch gesagt (hab mich über den Satz gefreut), hat aber, finde ich, keinen Bezug. Ich lese da nichts Bockiges, und hab auch nichts Bockiges geschrieben :)

Gerda:
"Stimmungsgedicht!"
Mit diesem Etikett kann ich leider nichts anfangen, auch hier nicht.
Es geht um Verlust und vielleicht hat sogar "One Art" von Elzabeth Bishop dir irgendwie über die Schulter geschaut.
Ich weiß nicht: Geht es um Verlust? Warum bist du so sicher? Wen und was würde "ich" im Gedicht verlieren (wollen/müssen/dürfen)? Und die Bishop: Wenn sie mir doch nur über die Schulter schauen würde! Dann könnt ich vielleicht besser schreiben ;)

Sann das Lyrich eben noch am Morgen über den Gesang der Nachtigall (vielleicht am Fenster stehend, jedenfalls habe ich das Bild vor Augen), als etwas besonderes, befinde ich mich in der zweiten Strophe anscheinend beim Schwimmen.
Das bekomme ich nicht zusammen.
Kann ich nachvollziehen, dass du das nicht zusammenkriegst. Verzeih bitte dennoch, wenn ich da nichts auflösen mag.
Und der Schwindel, muss ich ihn als Selbstbetrug lesen?
NEIN! Wie kommst du darauf?
Wo ist die Verbindung?
In der Anstrengung? In der Körperlichkeit? In guten Gefühlen? Im DAsein?
In Str. 3 betrachtet Lyrich sich slebst als alte Frau oder aber eine Solche ...
Nein, nicht sich selbst. Mag sein, dass die Assoziation etwas weit hergeholt wirkt
hioer bin ich völlig ratlos ... wo sind die Verbindungsschnüre?
Im Kopf.
Dann in Str. 4 lese ich von Vögeln, (Plural)
Ja, sicher, man hört ja nicht dieselbe Nachtigall, durch die Jahre, nehme ich an, sondern mehrere verschiedene Nachtigallen :) Vögel sind etwas Mythisches - findest du nicht?
, erfahre, das sie die Gespenster nicht vertreiben können, ja und auch noch etwas Interessantes, das mit Str. 2 möglicherweise korrespondiert, nämlich, dass Lyrich die Nacht durchwommen habe. Also ist das Schwimmen in Str. 2 wohl im übertragenen Sinne gemeint ...?
Nachts kommen die Gespenster, manchmal bleiben sie auch, wenn's hell wird.

Der Schluss, soll den Gedanken aufgreifen, dass die Nachtigall für viele Menschen singt und nicht ausschließlich für das Lyrich.
Nee. So übersetzt klingt es irgendwie falsch. Eher nimmt diese - nicht Erkenntnis, sondern Wahrnehmung - dem "Ich" die (eingebildete? altersgemäße?) Einmaligkeit des Erlebens. Es ist keine irgendwie gruppenduselige Erkenntnis und schon gar keine Moral als Effekt in diesem Text. Überhaupt: - ist es überhaupt kein Rätselgedicht, deshalb gibt es auch keine (Auf)Lösung.

Dank euch fürs Anschauen!

herzlich
klara

Gerda

Beitragvon Gerda » 15.02.2011, 09:27

Liebe Klara,
wenn mich ein Gedicht berührt, lässt es mich nicht gleichgültig und da dein Text mich berührt hat kann es schon mal gar nicht sein, dass er mir nicht gefällt. Aber "Gefallen" allein, sagt kaum etwas aus, genauso wie "Schön", oder siehst du das anders?
Stimmungsgedicht hast du, so glaub ich, missverstanden. (So wie es Erzähl-, Handlungs-, Dinggedichte und noch vieles mehr gibt), ist dieser Text für mich ein Stimmungsgedicht.
Ich spüre eine Stimmung des Lyrich, als Basis des Textes.
Über Wahrnehmungen, die beschreiben, wird für mich, die Intention vermittelt, die ich mit Erkenntnis des Lyrich beschrieben habe. Wo ist da die Moral?

Liebe Grüße
Gerda

Edit Schreibfehler korrigiert
Zuletzt geändert von Gerda am 15.02.2011, 13:49, insgesamt 1-mal geändert.

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ferdi
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Beitragvon ferdi » 15.02.2011, 09:45

Hallo Klara!

Das Gedicht ist schon sperrig in der Hinsicht, dass es viele Bestandteile hat, die so oder so gelesen werden können. Der "Schwindel" wäre so eins - Zeichen von Krankheit oder Erschöpfung?! Oder doch ein milder Betrug? Ist "vertraut" Handlung? Wohl nein, zwei Zeilen später kommt ja das "mit". Insgesamt ist es immer mehr ein "Zusammensuchen" und weniger ein "annehmen", weswegen mir Gabriellas "bockig" schon sehr treffend erscheint ;-) Den roten Faden glaube ich zu sehen, der Bogen vom ersten zum letzten Abschnitt schlägt sich mir auf jeden Fall; Manche Einzelheiten dazwischen sind noch etwas dunkel.

Ferdigruß!
Schäumend enthüpfte die Woge den schöngeglätteten Tannen. (Homer/Voß)

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 15.02.2011, 11:26

hallo klara,

dabei könnte ich das gedicht sehr mögen, rein inhaltlich.


aber dann wärs ja Prosa, kein Gedicht. Es ist ein Inhalt, der in Verse gezwungen wurde (wenn du so willst), vielleicht magst du deshalb nicht?


das verstehe ich nicht. wenn ich nur den inhalt mag, aber die form irgendwie nicht dem inhalt entsprechend finde, oder nicht so, dass sie mich anspricht, heißt das automatisch, dass prosa dabei herauskommt? ich komme zugegebenerweise nicht sehr gut zurecht mit dieser unterscheidung zwischen prosa und lyrik, erzählender lyrik, lyrischer prosa, da fehlt mir das wissen, der hintergrund um das zu beurteilen, weil es mich auch nicht interessiert, die dinge auf diese art einzuordnen (das mag sinn machen, ich will das gar nicht abwerten, nur mir persönlich ist es eben unwichtig). aber zurück zum thema: ich habe nichts gegen einen inhalt der in verse gezwungen wird, nur muss er sich dort entfalten können. das sehe ich hier nicht, ähnlich wie bei den übersetzungsversuchen von frau bishop.
das ist schon alles und ich glaube das beantwortet auch die anderen fragen, die du an mich hattest.

soweit erstmal
xanthi

Trixie

Beitragvon Trixie » 15.02.2011, 11:46

Hi Klara,

der Ton trifft mich, ich finde es passend, "schön", den Stil, die Schreibart. Wie es genau für mich klingt, möcht ich gar nicht sagen. Ob es jetzt sehnsüchtig oder wehmütig ist oder zweifelnd oder hilflos oder was auch immer. Ich höre eine Ballade, die für mich schlüssig und rund ist, konsequent und nicht unverständlich. Mehr brauch ich/will ich nich sagen =)

Liebe Grüße
Trix


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