Jahre der Inventur
I
Lockenwickler gibt es immer noch. Jede Welle
im Haar mit Stanniol-Papier unterlegt, ein
mit Sorgfalt gebauter Joint. Unergründich
das Schönheitsbedürfnis, sieben Leben.
Zuhause in der Bank tragen die Frauen
kein Grau, das wird nicht gern gesehen.
Stattdessen Strähnchen, sowieso
gezupfte Augenbrauen. Mascara geht aber.
Gelegentlich sieht man noch Herren,
in Innenstädten, Rumänen vielleicht, mit
schwarzer Schuhcreme im Haar
und goldenen Plomben, auf Brautschau.
Alles aufgerüstet. Das Gate zu den Schwellkörpern
pharmazeutisch gesteuert, Männer
grübeln über die Brust-OP. Den Toskanischen
Schimmer im gestrafften Lid. Wie Wattebäusche
II
liegen glänzende Auberginen auf rumänischen Feldern.
Heuwagen mit Autoreifen, idyllisch von Pferden gezogen,
Sie kennen die geblähten Monsanto – Früchte aus
diesem Film, wo aber dann doch noch am Ende,
die Holländer dann doch noch billiger sind?
Wegen der Gewächshäuser. Holzwolle. Substrate.
Unser Auto hat sechsfach CD-Wechsler. Liest auch
MP3, hundertfünfzig Lieder die Scheibe, aber nur, wenn
die Stopmarke – Burningfinished?YesKlicken - eingebrannt ist.
Eigentlich ist das Lila der rumänischen Auberginen stumpf.
Wissen Sie, wie früher Salz gewonnen wurde? Aus Salzlauge,
die rieselte über ein Weidengeflecht, im Sommer,
kristallisierte, das wurde abgeklopft.
Ich kenne den Geruch von Salz. Inhalationen,
abwechselnd Salz und Latschenkieferöl,
wir saßen, fünfundzwanzig Kinder,
in Bad Reichenhall, in der Nebelkammer.
Und Hopfen, der Hausarzt verordnete
Abende im Hopfenkeller der Brauerei.
Also ging mein Vater mit mir dorthin, damit
ich an Hopfenblüten atmen lerne.
(Zeilenanfänge angepasst).
Jahre der Inventur
-
Niko
hallo räuberkneißl,
auch wenn ich mich am ende frage: "ja.....und jetzt? was sagt mir das ganze?" und ich keine antwort darauf FÜR MICH ergründen kann, so finde ich viele zeilen auf eine spezielle art faszinierend. vor allem teil I gefällt mir. dann aber wird es mir zu sprunghaft, zu schnell wechselnd. von der mode zu den rumänen, vielleicht im zusammenhang mit schönheitschirurgischen op-tourismus. was aber so auch nicht erkennbar für mich ist und daher ein weiteres fragezeichen. dann hin zu dem auto mit cd-wechsler, zurück zu den rumänen, sprung dann in die zeit der kinderkur (FÜR MICH bräuchte es bei "kurkinder" die "kur" nicht. bei vielen kindern in bad reichenhall und inhalalation und nebelkammer erklärt sich das von selbst) und dann wieder vor ein stück zum hopfenblütenatmen (was ich einen schönen, nein: guten begriff finde) mit dem vater. es ist FÜR MICH zu sehr dickicht und ich hätte mir mehr struktur gewünscht. wie es - siehe titel - für eine inventur (ein ziemlich kritischer titel seit günter eich) irgendwie von nöten wäre.
nur ein leseeindruck. und insgesamt sehr gern gelesen.
liebe grüße: niko
auch wenn ich mich am ende frage: "ja.....und jetzt? was sagt mir das ganze?" und ich keine antwort darauf FÜR MICH ergründen kann, so finde ich viele zeilen auf eine spezielle art faszinierend. vor allem teil I gefällt mir. dann aber wird es mir zu sprunghaft, zu schnell wechselnd. von der mode zu den rumänen, vielleicht im zusammenhang mit schönheitschirurgischen op-tourismus. was aber so auch nicht erkennbar für mich ist und daher ein weiteres fragezeichen. dann hin zu dem auto mit cd-wechsler, zurück zu den rumänen, sprung dann in die zeit der kinderkur (FÜR MICH bräuchte es bei "kurkinder" die "kur" nicht. bei vielen kindern in bad reichenhall und inhalalation und nebelkammer erklärt sich das von selbst) und dann wieder vor ein stück zum hopfenblütenatmen (was ich einen schönen, nein: guten begriff finde) mit dem vater. es ist FÜR MICH zu sehr dickicht und ich hätte mir mehr struktur gewünscht. wie es - siehe titel - für eine inventur (ein ziemlich kritischer titel seit günter eich) irgendwie von nöten wäre.
nur ein leseeindruck. und insgesamt sehr gern gelesen.
liebe grüße: niko
Hallo, Räuber,
das ist ein Text voller origineller und authentischer Details, den ich sehr gern gelesen habe. Einige Ungereimtheiten sind mir noch aufgefallen:
Hier steht zweimal doch noch. Sprichst du den Leser mit Sie an? Dann müsste Sie groß geschrieben werden. Aber ist diese plötzliche Ansprache an der einen Stelle des Textes so glücklich?
Die nicht ganz konsequent durchgehaltene Großschreibung an den Zeilenanfängen finde ich nicht so schön. Ich finde das fließender, wenn die Groß-/Kleinschreibung aus dem Zusammenhang entsteht. Aber wenn groß, dann an jedem Zeilenanfang.
Meinst du wirklich "Zuhause" (nicht zu Hause) in der Bank? Geht es da um den Heimatort oder sind die Frauen in der Bank zu Hause, eine Ersatzfamilie?
Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Krankheit des Kinders (Inhalieren) und dem Gemüseanbau? Vielleicht das viele DDT o.ä., das früher gespritzt wurde? Man erwartet irgendwie, dass sich ein Kreis schließt, dass das Ende ein Motiv des Anfangs wieder aufnimmt. So ein kleines Aha-Erlebnis am Schluss wäre nicht schlecht, um den Text abzurunden. Oder geht es einfach darum, dass sich alles, was mit der Kindheit zusammenhängt, langsam entfernt und "ausstirbt"?
Ein Text mit wunderbaren Motiven, an dem sich das Arbeiten noch lohnen würde
findet
fenestra
das ist ein Text voller origineller und authentischer Details, den ich sehr gern gelesen habe. Einige Ungereimtheiten sind mir noch aufgefallen:
diesem Film, wo aber dann doch noch am Ende,
die Holländer dann doch noch billiger sind?
Hier steht zweimal doch noch. Sprichst du den Leser mit Sie an? Dann müsste Sie groß geschrieben werden. Aber ist diese plötzliche Ansprache an der einen Stelle des Textes so glücklich?
Die nicht ganz konsequent durchgehaltene Großschreibung an den Zeilenanfängen finde ich nicht so schön. Ich finde das fließender, wenn die Groß-/Kleinschreibung aus dem Zusammenhang entsteht. Aber wenn groß, dann an jedem Zeilenanfang.
Meinst du wirklich "Zuhause" (nicht zu Hause) in der Bank? Geht es da um den Heimatort oder sind die Frauen in der Bank zu Hause, eine Ersatzfamilie?
Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Krankheit des Kinders (Inhalieren) und dem Gemüseanbau? Vielleicht das viele DDT o.ä., das früher gespritzt wurde? Man erwartet irgendwie, dass sich ein Kreis schließt, dass das Ende ein Motiv des Anfangs wieder aufnimmt. So ein kleines Aha-Erlebnis am Schluss wäre nicht schlecht, um den Text abzurunden. Oder geht es einfach darum, dass sich alles, was mit der Kindheit zusammenhängt, langsam entfernt und "ausstirbt"?
Ein Text mit wunderbaren Motiven, an dem sich das Arbeiten noch lohnen würde
findet
fenestra
Hallo Räuber Kneißl, mir gefällt die Zweiteilung des Textes, durch die Du auch zwei Welten beschreibst. Die schicke Welt der modernen Ökonomie im Gegensatz zum agrarischen Kleinbetrieb, verknüpft mit Kindheitserinnerungen ... so spannst Du den Bogen tatsächlich über Jahre und Grenzen und zu der dann einsetzenden, und wohl nicht auf einmal zu bewältigenden, Verarbeitung dieser Gegensätze und Mehrdeutigkeiten. Die gelegentlich verkürzten oder inversen Sätze passen gut dazu.
Nur in der vierten Zeile der ersten Strophe von Teil II finde ich das doppelte "dann doch" störend und inhaltlich unnötig.
Nur in der vierten Zeile der ersten Strophe von Teil II finde ich das doppelte "dann doch" störend und inhaltlich unnötig.
Ein Klang zum Sprachspiel.
-
RäuberKneißl
Hallo,
danke für die Anmerkungen. Es scheint, dass (auch hier wieder) dem Gedicht ein bißchen der Atem fehlt, um das, worum es geht, zumindest in diesem Medium rüberzubringen.
Günter Eichs Gedicht hatte ich ja schon ganz vergessen, dies hier hat eine ganz andere - fast diametral andere - Zielrichtung.
Die Monsanto Hybrid-Auberginen, schön glänzend und aufgebläht, aber unfruchtbar, sind vielleicht noch nicht wirksam im Gedicht. Dieses unstete Hybridhaft-Aufgeblähte, das sich einer Bestandsaufnahme, einer Trennung von Schein und Sein in den Weg stellt, führte etwas zu der Hektik, die wohl irritierend wirkt.
Ich werde mal überlegen, ob ich den Bogen Richtung Salz/Atmen noch anders hinkriegen kann.
Danke für die Rückmeldungen,
Franz
danke für die Anmerkungen. Es scheint, dass (auch hier wieder) dem Gedicht ein bißchen der Atem fehlt, um das, worum es geht, zumindest in diesem Medium rüberzubringen.
Günter Eichs Gedicht hatte ich ja schon ganz vergessen, dies hier hat eine ganz andere - fast diametral andere - Zielrichtung.
Die Monsanto Hybrid-Auberginen, schön glänzend und aufgebläht, aber unfruchtbar, sind vielleicht noch nicht wirksam im Gedicht. Dieses unstete Hybridhaft-Aufgeblähte, das sich einer Bestandsaufnahme, einer Trennung von Schein und Sein in den Weg stellt, führte etwas zu der Hektik, die wohl irritierend wirkt.
Ich werde mal überlegen, ob ich den Bogen Richtung Salz/Atmen noch anders hinkriegen kann.
Danke für die Rückmeldungen,
Franz
-
Last
Lieber Franz,
der Titel und die auflistende Erzählweise des Textes erinnern mich natürlich auch an das bekannte Gedicht von Günter Eich. Aber - wie du ja auch schon angemerkt hast - hier ergibt sich dann doch eine andere Zielrichtung; während es sich bei Eichs Gedicht vor allem um eine Momentaufnahme der Nachkriegszeit handelt (mehr als wenige Besitztümer ist einfach nicht da), wird hier eine Entwicklung rekapituliert (so auch schon der Titel "Jahre der Inventur"). Außerdem finden wir hier eine Fülle von materiellen (Luxus)Gütern, die sich über mehrere Kulturlandschaften erstrecken.
Für mich lese ich den Text als einen Selbstbestimmungsversuch durch das, was man hat und hatte, bzw. dem man gegenüber stand und steht; wobei sich das vermeintliche Selbst gerade aus der Spannung ergibt, die aus dem unabgeschlossenem Abwägen beider Teile gegeneinander und deren Verstrickungen ineinander entsteht.
Von dieser Lesart her gefällt mir der Text. Für meinen Geschmack enthält er aber zu viele Details, die zwar liebevoll ausgeschmückt werden, mich aber gerade dadurch aus dem Lesefluss hinaus drängen - und wenn ich mich wieder hinein finden möchte, muss ich das anhand des nächsten Details tun.
Darin könnte sich durchaus ein sich Verlieren in Einzelheiten, quasi im Sinn einer Reizüberflutung, abzeichnen, das mit meiner Lesart sehr gut vereinbar wäre. Nur gestaltet sich der Leseprozess für mich etwas zu mühsam, als dass ich mich weiter darauf einlassen möchte.
LG
Last
der Titel und die auflistende Erzählweise des Textes erinnern mich natürlich auch an das bekannte Gedicht von Günter Eich. Aber - wie du ja auch schon angemerkt hast - hier ergibt sich dann doch eine andere Zielrichtung; während es sich bei Eichs Gedicht vor allem um eine Momentaufnahme der Nachkriegszeit handelt (mehr als wenige Besitztümer ist einfach nicht da), wird hier eine Entwicklung rekapituliert (so auch schon der Titel "Jahre der Inventur"). Außerdem finden wir hier eine Fülle von materiellen (Luxus)Gütern, die sich über mehrere Kulturlandschaften erstrecken.
Für mich lese ich den Text als einen Selbstbestimmungsversuch durch das, was man hat und hatte, bzw. dem man gegenüber stand und steht; wobei sich das vermeintliche Selbst gerade aus der Spannung ergibt, die aus dem unabgeschlossenem Abwägen beider Teile gegeneinander und deren Verstrickungen ineinander entsteht.
Von dieser Lesart her gefällt mir der Text. Für meinen Geschmack enthält er aber zu viele Details, die zwar liebevoll ausgeschmückt werden, mich aber gerade dadurch aus dem Lesefluss hinaus drängen - und wenn ich mich wieder hinein finden möchte, muss ich das anhand des nächsten Details tun.
Darin könnte sich durchaus ein sich Verlieren in Einzelheiten, quasi im Sinn einer Reizüberflutung, abzeichnen, das mit meiner Lesart sehr gut vereinbar wäre. Nur gestaltet sich der Leseprozess für mich etwas zu mühsam, als dass ich mich weiter darauf einlassen möchte.
LG
Last
Zuletzt geändert von Last am 19.02.2011, 10:19, insgesamt 1-mal geändert.
Lieber Räuber,
mir gefällt Deine Gedicht ausgesprochen gut, gerade wegen der Verschlungenheit. Du nimmst Motive wieder auf, setzt sie in Beziehung zueinander, spürst auf, was noch da ist, wie es sich verändert hat.
Einzig beim Salz geht es mir so, dass es etwas plötzlich und ohne Bezug auftaucht (vielleicht erschließt er sich mir auch nur nicht?).
Ich finde, den Text kann man oft lesen und entdeckt immer noch Neues, er lädt auch zum Assoziieren ein. Ich finde das sehr fein und überzeugend gemacht!
Liebe Grüße
leonie
Mir gefällt auch der Titel, er lässt mich an so etwas wie "Wechseljahre" denken, an Prozesse, die lange dauern, an einen Wandel, der sich langsam vollzieht.
mir gefällt Deine Gedicht ausgesprochen gut, gerade wegen der Verschlungenheit. Du nimmst Motive wieder auf, setzt sie in Beziehung zueinander, spürst auf, was noch da ist, wie es sich verändert hat.
Einzig beim Salz geht es mir so, dass es etwas plötzlich und ohne Bezug auftaucht (vielleicht erschließt er sich mir auch nur nicht?).
Ich finde, den Text kann man oft lesen und entdeckt immer noch Neues, er lädt auch zum Assoziieren ein. Ich finde das sehr fein und überzeugend gemacht!
Liebe Grüße
leonie
Mir gefällt auch der Titel, er lässt mich an so etwas wie "Wechseljahre" denken, an Prozesse, die lange dauern, an einen Wandel, der sich langsam vollzieht.
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