vergehen VIII

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Gerda

Beitragvon Gerda » 02.02.2011, 13:29

vergehen VIII

nichts ist mehr (gut) wie es war
sicherheit gab es zwar nie/doch
unsicherheit als status quo …

abhanden gekommen die selbstwahrnehmung
schwammiges haltsuchen im ungewissen
sichspüren im niederschreiben von banalitäten

zwanzig umzüge in rund sechzig jahren
der einundzwanzigste steht bevor, dabei
nicht einmal viel von der welt gesehen

vergehen die einzige konstante und
das verlassen als grund_muster_
des lebens_wurzeln nur noch stummel

wie mag es sich anfühlen sesshaft zu sein?
©GJ20101004

Edit: andere Formatierung
Zuletzt geändert von Gerda am 05.02.2011, 10:48, insgesamt 3-mal geändert.

Jürgen

Beitragvon Jürgen » 03.02.2011, 18:20

Liebe Gerda,

ich habe Deinen Text jetzt mehrmals gelesen. Ich finde ihn sehr interessant, aber einige Stellen verunsichern mich. Nur ein Lesereindruck

Sich spüren/ sichspüren. Ich überlege immer noch, ob Tippfehler, oder ob ich was übersehe

"zwanzig umzüge in rund sechzig jahren "

Das "rund" will ich irgendwie nicht mitlesen. Das Wort kommt so alltagssprachlich daher. Das kann Absicht sein, aber für mich passt es nicht so ganz zum Text. Ich würd es weglassen.


Der Schluss gefällt mir.

Schöne Grüße

Jürgen

Benutzeravatar
Amanita
Beiträge: 5886
Registriert: 02.09.2010
Geschlecht:

Beitragvon Amanita » 03.02.2011, 21:57

Ich wandele auf einer ähnlichen Fährte wie Gurke; finde nämlich (auch), dass sich die Strophen sprachlich zu sehr unterscheiden. Die Strophe zwanzig umzüge ... ff wirkt auf mich auch sehr alltäglich = nicht nach Lyrik.
Die letzte Strophe finde ich, ebenso wir Gurke, am besten. Da ist was Neues drin, ich finde sie anregend.

Gerda

Beitragvon Gerda » 03.02.2011, 22:12

Lieber Jürgen,
liebe Amanita

das ist jetzt noch kein Antwort auf eure Rückmeldungen, für die ich danke.

Ich habe nachträglich einen Kniff angewendet, nämlich die Formatierung geändert.

@ Jürgen das "sichspüren" ist gewollt so geschrieben, hab ich schon öfter mal solche Zusammensetzungen.

Für heute erst Mal liebe Grüße
Gerda

Benutzeravatar
Amanita
Beiträge: 5886
Registriert: 02.09.2010
Geschlecht:

Beitragvon Amanita » 03.02.2011, 22:18

Ah ja ... so weit war ich in meinen Gedanken auch, die Unterschiede richtig deutlich herauszustellen - wollte Dir das nur nicht "andrehen".

Herby

Beitragvon Herby » 04.02.2011, 04:23

Liebe Gerda,

dein Text behandelt eine Thematik, die mir sehr nahe ist, und greift Fragen auf, die mir nicht unbekannt sind: Orientierung des Ich und Ortswechsel. Die Form greift diese Zweiteilung auf: einerseits die zweite Strophe und die letzt Zeile, andererseits die die erste und dritte Str.
Er beginnt mit einer These und endet mit einer Frage, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Und doch gibt es für mich einen Berührungspunkt: man kann ja auch in sich selbst sesshaft sein, im Sinne von "in-sich-ruhen,, bei sich sein". Dieser Deutungsweise widerspricht jedoch die Tatsache, dass in der ersten Zeile von "abhanden gekommen" die Rede ist, ergo muss die Serlbstwahrnehmung ja mal vorhanden gewesen sein, ergo müsste das Gefühl der Sesshaftigkeit ja bekannt sein.
Das ist ein Text, der sicherlich sehr stark biographisch gefärbt ist, ohne jedoch zur Betroffenheitslyrik zu zählen. Dafür fehlt es ihm an Larmoyanz. Er erinnert eher an eine Art (Zwischen-)Bilanz, zu der auch die Sprachform passt, die mich stark an den diarischen Stil denken lässt.
Übrigens - die von Jürgen angesprochene Schreibweise von "sichspüren" finde ich ganz passend, spiegelt doch die Zusammenschreibung die Nähe zu sich selbt wieder, die notwendig ist, um sich zu spüren. Und wie Animata und Jürgen sehe ich auch einen deutlichen Unterschied in der letzten Strophe, die das zuvor Gesagte abstrahierend zusammenfasst.

Soweit ein paar nächtlche Gedanken zu deinem Text, der mir gut gefällt.

LG Herby

Max

Beitragvon Max » 05.02.2011, 00:08

Liebe Gerda,

auch wenn der Inhalt des Textes natürlich deprimierend offen ist, mag ich diesen Text von Dir.

Ja, die Strophe mit den zwanzig Umzügen ist alltäglich, aber gerade das macht für mich die Qualität des textes aus. Da ist nichts auf gekünstelt und doch lebt die Kunst zB in dem Bild mit den Stummelwurzeln ... (das ich vielleicht noch knapper so geschrieben hätte:

vergehen die einzige konstante und
das verlassen
die wurzeln stummel

Mir gefällt diese Offenheit.

Liebe Grüße
Max

Gerda

Beitragvon Gerda » 05.02.2011, 10:56

Lieber Max,

danke sehr für deine Rückmeldung, dein Einfühlen und Text-(Inhalts)-Verständnis.

Vielleicht kann ich die letzte Strophe tatsächlich kürzen, im Moment klebe ich da noch dran. Das geht ja nicht nur mir so, dass da zeitlicher Abstand u. U. nötig ist.

Für mich ist die Zeile

das verlassen als grund_muster_
des lebens_


Für mich sind diese Zeilen (derzeit) wichtig und vollständig, weil ich meine, insbesondere jetzt, nachdem ich einen Unterstrich hinter "grund" ergänzt habe, den ich auch im Manuskript vergessen hatte, dass sie tiefer gehen als der von dir vorgeschlagene verkürzte Schluss ... wie gesagt ich überlege.

Liebe Grüße
Gerda

Gerda

Beitragvon Gerda » 05.02.2011, 11:02

Liebe Amanita, lieber Jürgen

ich schreibe euch gemeinsam, weil ich glaube, dass nach der anderen Setzung, das Grundproblem, was ihr beide mit dem Text habt (hattet), quasi "gelöst" ist.

Die Zeilen in der "alltagssprache" sind gewollt schlicht und lapidar.
Da gibt es nichts dran herumzudeute(l)n.

Schön, Amanita, dass dir der Schluss gefällt.

Jürgen, das "sichspüren" hat Herby schon erklärt.

Insgesamt kann ich euch nur bitten, zu lesen, was Herby und Max schreiben, weil die beiden meine Intention gut herausgespürt haben.

Danke euch auch noch einmal für die Rückmeldungen.

Liebe Grüße
Gerda


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 13 Gäste