Getönt

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 30.12.2010, 20:52

Getönt

Ob da ein Rand ist, ein Unterschied
So wie zwischen Eisengabel
Und hölzernem Jonglierbesteck
Ob, meine ich, wenn das Sichtfeld
Ins Unscharfe ausläuft

Oder die chinesische Mauer
Als nasengetragener Horizont
Womöglich sind sowas Scheuklappen,
Zarte Beschränkungen,
Zäpfchenschützer und Stützen

Der aufrechten Stäbchen.
Ich meine, das fließt ins
Langnasenbild und ob, z.B.
Alle Begriffe gelb sind oder blau.

Max

Beitragvon Max » 31.12.2010, 21:14

Lieber Räuber,

ein Text, der es mir nicht leicht macht. Dabei bin ich - fürs erste - wenig anspruchsvoll. Ich will nur für mich klären: Wovon handelt der Text?
Doch während ich noch darüber nachdenke, ob denn ein Unterschied besteht zwischen einer Eisengabel und einem hölzernen Jonglierbesteck - gemeint sein könnten immerhin Essstäbchen - und wenn ja, welche das sind und auf welcher Skala sind auftreten und wichtig werden, da wird mir diese Frage schon wiede raus dem Sichtfeld gerückt und wird unscharf.
Danach beschätfigt sich der text mit der chinesischen Mauer und ihrem Wirken auf Stäbchen und Zapfen, doch ich bleibe sitzen auf meiner ursprünglichen Frage - und weiß eigentlich nur zu antworten: Tja, irgendwas mit China.

Liebe Grüße
Max

keinsilbig

Beitragvon keinsilbig » 01.01.2011, 19:51

RäuberKneißl hat geschrieben:Getönt

Ob da ein Rand ist, ein Unterschied
So wie zwischen Eisengabel
Und hölzernem Jonglierbesteck
Ob, meine ich, wenn das Sichtfeld
Ins Unscharfe ausläuft

Oder die chinesische Mauer
Als nasengetragener Horizont
Womöglich sind sowas Scheuklappen,
Zarte Beschränkungen,
Zäpfchenschützer und Stützen

Der aufrechten Stäbchen.
Ich meine, das fließt ins
Langnasenbild und ob, z.B.
Alle Begriffe gelb sind oder blau.




"Getönt" - der titel des gedichtes, ist der schlüssel zum verstehen desselben und sollte nicht vernachlässigt werden.

je nachdem, welche tönung die "eigene brille" auf der (lang)nase aufweist - fällt das ergebnis des wahrgenommenen aus.
stäbchen und zäpfchen werden - je nach filter der brille - mal mehr, mal weniger "getäuscht".
und da man sich eine brille niemals ohne absicht aufsetzt, täuscht man sich letztlich selbst. auch, wenn man dann nicht wahrhaben kann (oder will), dass alles, was man zu sehen meint, immer nur der ganz subjektiven und zum teil "unfreien" sicht-wahl entspringt. ob nun rosarote tönung, tunnelblick oder sehr partieller fokus mit viel gleitsicht drumherum....

es geht also um wahrnehmung und das ICH, das mit "teil der brille" ist und sich seiner stäbchen und zäpfchen nicht bewusst. was aber nicht heißt, dass es das, was damit wahrgenommen werden kann, nicht dennoch so steuert, dass "unangenehmes" möglichst weichgezeichnet, eingefärbt oder einfach ausgeblendet, kontrastärmer gemacht wird, um "verträglich" zu sein. wer strengst sich schon gerne beim schauen an?!

das menschliche auge unterscheidet in drei zapfen-rezeptoren, nämlich jene für blau, für grün und für rot.
gemeinsam mit den stäbchen-rezeptoren erst kann das auge "sehen", da die zäpfchen erst bei ausreichender belichtung funktionieren und farben wahrnehmen.der prozess, der ermöglicht, "gelb" wahrzunehmen, ist erstaunlich komplex. und die frage, ob nun "alle begriffe gelb sind oder blau" macht aus dieser perspektive definitiv sinn.

und wo läuft das sichtfeld ins unscharfe? doch immer dort, wo wir die gleitsicht-bereiche hinhaben möchten. interessant auch, wenn man weiß, dass man mit dem peripheren sehvermögen in erster linie bewegung registriert. besser als würde man das bewegliche objekt direkt fixieren mit den augen! überträgt man diese "bilder" auf unsere "willentliche wahrnehmung" (jetzt nicht die optische, sondern die gesamte wahrnehmung, wie der mensch sie steuert oder sie ihn), ergeben sich da spannende gedankengänge und blickwinkel.


die fragen nach dem wahrnehmbaren unterschied sind im text angedeutet und zugleich auch noch als fragen in frage gestellt. etwas, das ich höchst philosophisch empfinde und sehr schätze als wahrnehmbare haltung des autors.

die chinesische mauer - sie kann man mit bloßem auge noch aus dem weltall erkennen. zugegeben - ein höchst selten eingenommener blickwinkel auf ein bauwerk einer (uns) fremden kultur. scheuklappen werden liebevoll als zarte beschränkungen angedacht - aus dem wissen der "tönbaren" und gleitsichtigen wahrnehmung, der wir nun einmal unterworfen sind. der nasengetragene horizont - hängt dann auch davon ab, wie wir die nase tragen, oder? mal höher, mal zu boden gerichtet, mal witternd (und dann meist mit geschlossenen augen) und ab und zu gerümpft, mit augenbrauen, die anzeigen, dass etwas kritischer ins auge gefasst wird....

lyrICH meint, dass all diese faktoren ins langnasenbild einfließen. und das lese ich herrlich doppeldeutig! wir, die - in den augen der erbauer der chinesischen mauer - europäischen lang- oder großnasen mit unseren eigenen scheuklappen und der nasengetragenen chinesischen mauer, der wir uns nicht bewusst sind, wo wir doch mit unserer weltoffenheit so gerne prahlen vor uns selbst... wir machen uns unser eigenes bild vom "anderen", und oft reicht unser blick nicht weiter als bis zur spitze unserer nase.

und oft erklären wir uns ein gelb zu blau, indem wir die brille wechseln.

all das lese ich hier und noch viel mehr mit jedem weiteren lesedurchgang.

ich gestehe: das wissen über die biologie des seh-vorganges und der physiognomie sind mir da natürlich tür und schlüssel, die ev. jemand anders irritierend vermisst, um des textes entsprechend habhaft werden zu können.

das "chinesische" lese ich persönlich als "platzhalter" für "augenscheinlich fremdes", in das von außen hineingeschaut wird und das von außen auf mich blickt.

die nase als begrenzung des eigenen horizontes, ist thema.
das "ob" als wortgewordenes "bewusstsein", dass die eigene wahrnehmung nie die "absolute" wahrheit einer sache erfasst.

scheuklappen, selbstgewälte filter, das spiel mit perspektiven - ein herrlich vielschichtiger text, der mir viel freude bereitet und die gehirnwindungen schön in bewegung bringt.

ich jedenfalls habe ihn sehr genossen!


gruß,

keinsilbig

Max

Beitragvon Max » 01.01.2011, 21:20

Hallo Keinsilbig,

wie schön, dass Dir der text so zusagt. Wenn Dein Beitrag auch als Antwort auf meinen gedacht war, so reden wir vermutlich leider aneinander vorbei.
Mein Problem ist (vermutlich) nicht, dass mir elementare Kenntnisse über den Aufbau des Auges oder die große Mauer fehlten, sondern dass der Text für mich seine Kritalliasationskeime auflöst, bevor sich bei mir ein Kristall gebildet hat.
Es freut mich zu sehen, dass es anderen da anders ergeht.

liebe Grüße
max

keinsilbig

Beitragvon keinsilbig » 01.01.2011, 21:56

Max hat geschrieben: Wenn Dein Beitrag auch als Antwort auf meinen gedacht war



wieso kommst du auf diese idee, max?

nein - dem war nicht so.


lieber gruß,

keinsilbig

RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 01.01.2011, 23:34

Lieber Max,
der Text handelt vom Wahrnehmen, von den Tönungen und Begrenzungen, mit denen wir ausgrenzen und einfärben - und die damit wiederum das Begreifen beschränken. Das eingeschränkte Begreifen tut sich schwer, die eigene Beschränktheit zu erkennen, deshalb hat sich die etwas verknäuelte, kristallisationslos-fragende Form ergeben, die du ja richtig beschreibst. Ich bin mir nicht ganz im Klaren, ob deine Anmerkungen auf mangelnde Transparenz der Aussage/des Inhalts des Gedichts zielen oder auf eine Überfüllung mit Bildern, die den Kern verdecken?

Liebe Keinsilbig,
das sind schöne, eloquente, treffende Langfäden meines Gedichtchens, die ich gut nachvollziehen kann. Danke dafür!

Grüße
Franz

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Eule
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Beitragvon Eule » 02.01.2011, 01:30

Hallo Räuber, fand Dein Gedicht schön altmodisch unhandlich und poetisch sperrig interessant. Vor allem die Schlusszeile ließ mich kichern ... Herzliche Grüße und ein gutes Neues !
Ein Klang zum Sprachspiel.

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Lisa
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Beitragvon Lisa » 02.01.2011, 13:58

Lieber Räuberkneißl,

ich finde gerade, dass du durch die Bilder bzw. die Sprache des Gedichts es schaffst, einen in das Gefühl zu versetzen, auf das man schauen soll:

der Text handelt vom Wahrnehmen, von den Tönungen und Begrenzungen, mit denen wir ausgrenzen und einfärben - und die damit wiederum das Begreifen beschränken. Das eingeschränkte Begreifen tut sich schwer, die eigene Beschränktheit zu erkennen


ohne dass der Text (außer an einzelnen Stellen) explizit wird -. Ich finde wirklich, dass man diese Verknäulungen/Verengungen spürt und damit darauf gestoßen wird, dass solch ein Zustand einem nicht fremd ist. Und das finde ich sehr gelungen, weil ich finde das (die meisten) ästhetische Texte so arbeiten "sollten" bzw. das Geheimnis eines Kunstwerk in dieser Art hervorzurufen liegt, gerade weil die unmittelbareren Ausdrucksformen nicht mehr barrierefrei sind.

Die letzte Zeile ist für mich die einzig schwächere, hier bekommt die Botschaft durch das "gelb" und "blau" etwas "Sophies-Welt-Erklärungscharakter" - diese Farbvergleiche sind zum einen schon etwas abgenutzt und zum anderen für meinen Geschmack etwas zu eindimensional.

Trotzdem merkt man auch an diesem Text, dass dir ein großer sprachlicher Ausdruck zur Verfügung steht, mit dem du relativ "autark" gegenüber den gewohnten Strukturen etwas erzählen kannst. Ich glaube, das ist die Stärke deiner Texte.

liebe Grüße,
Lisa
Vermag man eine Geschichte zu erzählen, die noch nicht geschehen ist?
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.

Max

Beitragvon Max » 02.01.2011, 17:52

Lieber Räuber,

meine Diskussion bezieht sich auf eine Mischung der beiden von Dir erwähnten Punkte. Ich glaube, ich täte mir leichter mit einem Text, der bei einem oder zwei kommunizierenden Bildern stehen bleibt. Ich vermute, dass Du einwenden würdest, dass dies Deine Aussage zu stark vereinfacht ... Ich glaube, ich komme dabei sehr aus einer Tradition, die ein erstes Vereinfachen durchasu für zulässig hält, wenn es dem verständnis dient .. komplexer werden geht entweder leicht doer gar nicht ;-)

liebe Grüße
Max

Max

Beitragvon Max » 02.01.2011, 17:53

Liebe Keinsilbig,

sorry, dann habe ich dich missverstanden ... vielleicht weil Du zu verstehen scheinst, wo ich mit blanken Augen stehen bleibe ;-)

Liebe grüße
max

keinsilbig

Beitragvon keinsilbig » 02.01.2011, 18:29

Max hat geschrieben:Liebe Keinsilbig,

sorry, dann habe ich dich missverstanden ... vielleicht weil Du zu verstehen scheinst, wo ich mit blanken Augen stehen bleibe ;-)



grins, max,

ich meine - nach vielen jahren der auseinandersetzung mit kunst - zumindest zu verstehen, dass der "fehler" in der herangehensweise liegt, die eben so informations-verarbeitend, "häppchenweise" "stehenbleibt", anstatt "mitzunehmen" im blick auf das ganze und - wie lisa es super auf den punkt gebracht hat - mit zuzulassen, dass "noch nicht verstandenes" mit "bewirken" kann, dass einen das werk in "das gefühl versetzt", auf das es den blick lenken möchte.

nur selten führt zufriedenstellend ans ziel des verstehens, ein werk-ganzes analytisch auseinanderzunehmen, um dann - nach dessen analyse der ausmachbaren einzelteile und anschließenden synthese - festzustellen, dass dennoch ein paar schrauben übriggeblieben sind und nicht zuordenbar... ;-)


lieber gruß,

keinsilbig

RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 02.01.2011, 21:34

Tja Arne, die Moden älterer Herren :->}}}},
mal schauen, ob ich irgendwann noch bis zum Einbau von Puttchen vordringe (nichts für ungut, Aram).

Mit der letzten Zeile bin ich selbst nicht ganz glücklich, die Kritik von Lisa/Arne verstehe ich gut. Ursprünglich hatte ich einen expliziten Verweis auf den Inspirator drin - Mickey und Mallory -, das wurde dann wieder zu Wikipoetisch und tatsächlich wenig nachvollziehbar.
[OT: Ich hatte kürzlich Oliver Stones Natural Born Killers gesehen (das Drehbuch von Quentin Tarantino kannte ich schon länger) - der hat aus dem Lust-Killer Mickey eine Art Anti-John-Lennon gemacht, mit gelben und blauen Sonnenbrillen. Wie so Assoziationen halt laufen ...]
@Max: zum Eßbesteck: eine Zeitlang habe ich nur mit Stäbchen/resp. Porzellanlöffeln gegessen - die Lebensumstände hatten das mal so ergeben, chinesische Freundin usw. - danach empfand ich lange als sehr verquer, sich Essen mit Eisenbesteck in den Mund zu schieben, abgesehen von der relativen motorischen Plumpheit. Das drängelte sich als ein anderes Sinnenfeld für das Thema kulturelle Einfärbung in den Text.
@Lisa: viel Lob für die zwei kleinen Versuche, die ich bisher eingestellt habe, danke.
Grüße
Franz

Max

Beitragvon Max » 02.01.2011, 22:15

Lieber Franz,

ich glaube, wir kommen wirklich von verschiedenen Betrachtungspunkten ;-) .. ich hielt es für erwisen, dass Essstäbchen die drittbeste Art sind, nahrund zu sich zu nehmen :-)

Liebe grüße
Max

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 03.01.2011, 18:47

Hallo, Räuber,

dass es sich bei der Eisengabel um den Teil eines Essbesteckes handeln soll, darauf wäre ich nie gekommen! Ich kenne nur Tafelsilber oder - besser, weil geschmacksneutraler - Cromargan ... ;)

Ich fand den Text interessant wegen der Anspielungen auf Zäpfchen und Stäbchen, auf die neurophysiologischen Vorgänge beim Sehen, die optischen Täuschungen. Aber irgendwie war der Text zu Ende, bevor sich dieser Aspekt bei mir richtig entfalten konnte. Ein paar Vexierbilder mehr würden mir gut gefallen.

Viele Grüße
fenestra


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