Großväter

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
scarlett

Beitragvon scarlett » 17.07.2007, 16:44

version 3/2010


Der eine trug sein Kreuz
rot aufgemalt (man sagte mir)
nicht nur bis Stalingrad

Fern war dort Hippokrates
und längst gebrochen
der Stab des Äskulap

das Heil versickerte im Schnee
(wie klang danach
sein Lautenspiel?)

Der andere entkam
zunächst

hinter Reißbrett und Maschinenträume
bis sich dazwischen schoben
Bombenflieger

nicht nur in Tusche

Ein vollbesetzter Irrtum
(der Geschichte, wie man spät erfuhr)
trug ihn schließlich doch noch fort

für immer

hinter ausgediente Fronten
ins neue Bruderland
voll von schwarzem Schnee

Väter
waren sie beide doch groß
bleibt nur die Frage
was hätten sie mir wohl erzählt?


Der eine trug sein Kreuz
rot aufgemalt (man sagte mir)
nicht nur bis Stalingrad

fern war dort Hippokrates
und längst gebrochen
der Stab des Äskulap

das Heil versickerte im Schnee –

(wie klang danach sein Saitenspiel?)

Der andere entkam
zunächst

zwischen Reißbrett und Maschinenträume
schob ein Fließband
Bombenflieger

nicht nur in Tusche –

ein vollbesetzter Irrtum
(der Geschichte wie man spät erfuhr)
trug ihn schließlich doch noch fort

für immer

hinter ausgediente Fronten
ins neue Bruderland
voll von schwarzem Schnee –

Väter
waren sie beide doch
groß
bleibt nur die Frage
was hätten sie mir wohl erzählt?

(zumindest an des einen Grabe
kann ich hin und wieder stehn)


scarlett, 2007
Zuletzt geändert von scarlett am 16.11.2010, 12:06, insgesamt 1-mal geändert.

Max

Beitragvon Max » 22.07.2007, 13:19

Max, wenn ich das "nur" rausnehme, dann macht das "doch" irgendwie auch keinen Sinn mehr, also:

"Väter
waren beide
groß
bleibt die Frage... "

Nee, ich glaube, das "nur" muß bleiben...


Liebe Scarlett,

ich glaube da hast Du recht ...

Liebe Grüße von max,

der gleich nach England fliegt ...

scarlett

Beitragvon scarlett » 16.11.2010, 12:04

Hallo,

einige werden sich sicher noch an diesen text erinnern.
andere ihn evtl. erstmalig lesen.

drei jahre sind vergangen, seit dem er entstanden ist.
und jetzt erst bin ich innerlich so weit "gereift", die letzte klammer endgültig zu tilgen.

im zuge meiner lesung in ingolstadt hab ich mir den text wieder vorgenommen.

und ich habe noch was verändert, an zwei stellen:

das saitenspiel hab ich präzisiert, es heißt nun lautenspiel;

und wichtiger noch: die strophe, in der es um den zweiten großvater geht;

ist das nun eine verschlimmbesserung oder nicht?

vielleicht hat ja der eine oder andere der kommentatoren von "damals" nochmal zeit und lust drüber zu schauen. oder es kommt der eine oder andere hinzu mit frischen ideen.

ich würd mich freuen!

lg
scarlett

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Eule
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Beitragvon Eule » 17.11.2010, 22:52

Hallo scarlett, auch für mich ist dies ein beeindruckendes Gedicht - die Wunden der Kriege sitzen meist tief und heilen oft langsam - manchmal auch, wenn man nur mittelbar oder medial betroffen ist.

Deine Neubearbeitung: version 3/2010 finde ich sehr gelungen, für mich bestünde daran kein weiterer Änderungsbedarf mehr. Viele Grüße !
Ein Klang zum Sprachspiel.

scarlett

Beitragvon scarlett » 18.11.2010, 08:07

hallo arne,

ich danke dir sehr für diese rückmeldung und dass sie so positiv zu der neuen version ausfällt, freut mich umso mehr, als dies einer meiner ganz wichtigen texte ist.
das ruhen lassen hat sich also gelohnt, das lässt mich hoffen ...

hab einen guten tag und mach es gut,

herzlichst,
scarlett

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 20.11.2010, 19:49

ich lese dieses gedicht zum ersten mal und nachdem ich das gedicht von quoth gelesen habe, dass sich ja ausdrücklich auf dein gedicht bezieht. um jetzt zunächst bei dem gedicht und deinen konkreten fragen zu bleiben; ich finde die änderungen gelungen und das gedicht insgesamt sehr wichtig. gut, dass es jetzt mit der frage endet. im übrigen kann ich mich nur den zahlreichen klugen kommentaren, die es schon vor drei jahren anschliessen, dass es fein gearbeitet ist und konsequent in einem sehr berührenden blick von außen, von dem was man erzählt bekommen hat und dass dieses ein fenster öffnet, durch die abschliessende frage, was da noch war, was alles nicht erzählt worden ist. und das gelingt durch ein sehr zurückhaltendes aufzeigen, dadurch, dass du den leser durch bilder lenkst, ihn zu assoziationen verleitest, ihn durch diese geschichte führst.

scarlett

Beitragvon scarlett » 23.11.2010, 11:23

liebe xanthi,

was für ein schöner, mitgehender kommentar!
ganz lieben dank dafür.

liebe grüße,
scarlett,
tief berührt ...


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