Lamento

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
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allerleirauh
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Beitragvon allerleirauh » 31.10.2010, 14:17

I

gefräßige krähen
aus der sonne gefallen
sie fanden dich
die mutter
den vater
im schlaf

II

überall fliegen
ihr seht mich
neunäugig
schreit stumm
mit blutigen mündern

III

ein schlehdorn wurzelt
neben meinen herzen
schwarze falter torkeln
hinter die lider
jede nacht liegen sie starr
auf meinen händen

IV

bruder, schau nicht nach süden
sieh in die augen des vaters
er findet dich dort
bruder, sei bei ihm
er hält dich im tod
und mich am leben

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Eule
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Beitragvon Eule » 31.10.2010, 14:49

Hallo allerleihrau, Dein Vierteiler erzählt in sparsamen Worten, aber eindrucksvoller Symbolik, von Schmerzen, Gewalt, Einsamkeit, Sehnsucht und Verlassenheit. Sicher keine heile oder geheilte Welt, aber Gefühle, die doch von vielen geteilt werden. Hoffnung wurzelt dabei im Überlebenskampf, aber sie sucht nach Verständigung. Formal schön durchkomponiert ! Viele liebe Grüße !
Ein Klang zum Sprachspiel.

Quoth
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Registriert: 15.04.2010
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Beitragvon Quoth » 02.11.2010, 18:39

Hallo, allerleirauh,
der Text vermittelt mir Antigone-Stimmung: Vom unbegrabenen Bruder, der auf dem Schlachtfeld verwest, den Vögeln und Fliegen zum Raub preisgegeben. Freilich kommen hier nun auch die Eltern mit herein, tot offenbar ebenfalls, woraus sich eine Art kollektiver Familientrauer ergibt - angeredet aber wird nur der Bruder. Es wird gar viel Düsteres konzentriert - Krähen (schwarze Vogel), explizit schwarze Falter, Schlehdorn (auch Schwarzdorn genannt) - der Text endet mit dem Verweis auf ein Jenseits, in dem der tote Bruder Halt am toten Vater findet, von dem sich das lyrische Ich ebenfalls unterstützt glaubt. Auch diese Jenseits-Wendung passt zur erwähnten Antigone-Stimmung.
Die "neunäugigen" Fliegen irritieren mich. Muss der Schlehdorn nicht neben "meinem" Herzen wurzeln? Mehrere Herzen eines lyrischen Ich - nun ja, dichterische Freiheit!
Gruß
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

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allerleirauh
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Beitragvon allerleirauh » 03.11.2010, 21:07

hallo arne und quoth,

danke für eure rückmeldungen.

quoth, du hast natürlich recht, mit "meinem herzen". allerdings gefällt mir der gedanke, dass jemand, der verzweifelt ist und trauert, mehrere herzen in sich trägt (tragen muss) irgendwie auch sehr gut. ich nutze mal meine dichterische freiheit und lasse das so stehen.

lg
a

wüstenfuchs

Beitragvon wüstenfuchs » 04.11.2010, 20:34

Das Gedicht fasziniert mich und ich lese es immer wieder, und werde morgen dazu noch mehr schreiben...,

viele Grüße
Fux


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