mond bei fuß (vorher: mondfluss)

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
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fenestra
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Beitragvon fenestra » 27.10.2010, 19:15

mond bei fuß


flussaufwärts weicht der mond
nicht von meiner seite
spiegelt als welle und teilchen
alle formen der wasserbewegtheit

polsternagel in samt
oval bis banane
einbaum quer zum flussbett schaukelnd
bohlenbrücke von hüben nach drüben

oder schleicht unter wasser
durch hängende büsche
gleichzeitig reglos und unverhüllt
vom himmel aus zusehend

die letzten jogger verlassen den wald
treiben wild in die deckung
drei fledermäuse ziehen
flussabwärts der lichtung zu

wären es seepferde
vier davon wären mir erlaubt
zum persönlichen gebrauch
die taucherbrille gegen salzwasser
habe ich aufgesetzt

was macht es schon
dass die landschaft versinkt
von den fledermäusen werde ich das anrufen lernen
birkenstämme zitiere ich herbei
schilf und brombeergebüsch
umfangen mich wieder

hunde könnten mich anleiten
witterung aufzunehmen
zu lesen im atemstrom
zwischen den zeilen von pappellaub und morcheln
nähme ein dachs konturen an
des fuchses reviergrenze
des eichkaters kobel

warum gelingt es mir nicht
abzutauchen mit dem letzten licht
hinter die scheibe des aquariums
unter das asphaltriff der stadt

der mond treibt erste knospen im park
ein paar schritte weiter in der siedlung
ist er nur noch einer
von vielen
Zuletzt geändert von fenestra am 06.11.2010, 17:48, insgesamt 1-mal geändert.

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leonie
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Beitragvon leonie » 27.10.2010, 20:28

Ist das klasse! Ich bin gerne mitspaziert, am Ufer, aber auch in den Gedanken und Fragen.

Ich bin beeindruckt!

Liebe Grüße

leonie

Max

Beitragvon Max » 27.10.2010, 22:15

Liebe Fenestra,

ich finde den Text sehr schön und ähnlich wie leonie empfinde ich ihn als einen Spaziergang, auf dem ich die Autorin gerne begleite.

Aber ... aaaaaaaber ;-) .. der Tiiiitel. Vielleicht bin ich inzwischen hypersensibel, was solche Wörter wie "Mond" angeht gerade dann, wenn sie in Komposita auftauchen, dass ich ein Gedicht mit dem Titel "Mondfluss" sofort als Bachblütenlyrik abgestempelt und nicht gelesen hätte, wäre es nicht von Dir gewesen ...

Liebe Grüße
Max

wüstenfuchs

Beitragvon wüstenfuchs » 29.10.2010, 13:13

Liebe fenestra,

dein Mondspaziergang gefällt mir ausnehmend gut, gerne laufe ich mit durch die Bilder.

Der Titel überraschte mich, da meine Freundin, in vielen Mondforen einschließlich der Schwarzmondfrauen unterwegs, mir erzählte, dass dort die Menstruation generell mit Mondfluss bezeichnet wird.

So dachte ich, du hättest darüber geschrieben...lach,


Viele Grüße
Fux

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 29.10.2010, 13:24

Hallo, ihr drei, wie schön, dass ihr mich begleitet auf meinem Spaziergang und meine Eindrücke teilt!

Mit dem Titel habt ihr nicht ganz unrecht. Es war ein ganz spontaner Griff, da inhaltlich auf den ersten Blick treffend. Die Bedeutung, die du ansprichst, lieber Fux, ist mir später dann auch aufgefallen. Eine gewisse Kitschgefahr ist ebenfalls nicht von der Hand zu weisen, lieber Max. Mir ist noch kein anderer Titel eingefallen. Etwas mit Wahrnehmung oder Ufer .... ich werde noch überlegen und bin auch für Vorschläge offen!

Viele Grüße
fenestra

Quoth
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Beitragvon Quoth » 01.11.2010, 19:20

Liebe fenestra,
nehme die Einladung, Dich auf einem "Nachtspaziergang" (Titel?) zu begleiten, ebenfalls gerne an. Auffallend Dein Bemühen, jede pseudolyrische Gewolltheit zu vermeiden und auch sehr nüchterne Begriffe wie Wasserbewegtheit und Reviergrenze zu benutzen, das Mondspiegelbild mit einer Banane zu vergleichen. In seiner Mitte hat das Gedicht einen merkwürdigen und mir nicht ganz verständlichen Wendepunkt in der Seepferd-Strophe. Wieso wären dem lyrischen Ich, wenn die drei Fledermäuse Seepferde wären, vier davon "erlaubt"????? Gut, aber ab hier ändert sich was in dem Text, denn die Nachtwandrerin beobachtet nicht mehr nur, sondern beginnt, sich zu sehnen. Wonach? Nach Auflösung in dieser Natur, danach, selbst ein Teil von ihr zu werden, die Landschaft versinkt, Birkenstämme können "herbeizitiert" werden, das klingt sehr nach Zauberei! - Schilf und Brombeergebüsch umfangen sie und sie lernt wittern wie ein Hund ... Ihre direkteste Formulierung findet die Sehnsucht in der vorletzten Strophe:
warum gelingt es mir nicht
abzutauchen mit dem letzten licht
hinter die scheibe des aquariums
unter das asphaltriff der stadt

Hier könnte der Text für mich zu Ende sein, die letzten vier Zeilen sind für mich ein gleichsam beruhigender Abgesang ("Nein, nein, keine Sorge, ich spring schon nicht hinein!").
Asphaltriff ist der einzige ausgefallene Begriff in dem angenehm unverdichteten Text.
Tempobezeichnung: Andante (schreitend).
"Fluss ohne Ufer" wäre auch ein schöner Titel (besonders wegen der versinkenden Landschaft), aber der ist leider schon an Hans Henny Jahnns Roman vergeben.
Gruß
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 01.11.2010, 23:44

Hallo fenestra,

ich lese hier für mich zwei eigenständige Gedichte, die sich auch sprachlich unterscheiden, ihren eigenen Klang tragen. Das eine bildet den "nüchternen" Rahmen, das andere einen nahezu "magischen" Mittelteil.
► Text zeigen


der mond treibt erste knospen im park
Das wäre ein klasse Titel, eine wunderbare Einstimmung und ist so oder so, eine sehr schöne Zeile. :-)

► Text zeigen


Das Betrachten, Heraufbeschwören, Bildhaft werden, wird für mich erst in Strophe 4 wirklich erlebbar. Die ersten drei Strophen empfinde ich als statisch, trotz der Bewegung, die darin beschrieben wird und kopflastig, was aber nicht negativ gemeint ist. Diese Ernüchterung der letzten Strophe und die "Rahmengestaltung" hat mich ein wenig an "siebnundreissig im schatten" erinnert, bei dem es mir ganz ähnlich ging.
Für mich wäre eine auf diesen Kern reduzierte Version auch hier sehr viel einlassender. Wobei ich auch dem Rahmentext etwas abgewinnen kann, er hat seinen eigenen Reiz. Nur die Mischung geht für mich nicht auf, nimmt beiden Seiten ihre Stärke.

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

Quoth
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Beitragvon Quoth » 02.11.2010, 18:45

Hallo Flora,
Eine "Mischung" ist das ja nicht, sondern eine Abfolge - so wie wenn ein Komponist nach Moll moduliert und zum Schluss in die Ausgangsdurtonart zurückkehrt. Ich mag solche Kontraste innerhalb eines Textes, lege offenbar weniger Wert auf Homogenität als Du.
Gruß
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 02.11.2010, 19:33

Hallo Quoth,

ja, "Mischung" trifft es nicht wirklich gut, da hast du recht. Vielleicht nur in sofern, als mir die Tonartwechsel nicht wirklich vorbereitet erscheinen, aus dem Text selbst heraus motiviert, da beides für mich in sich aufgehoben wäre. Oder vielleicht auch nicht in einem LIch, zu einer Zeit, in dieser Straffung angelegt. Ich würde hier dann vielleicht eher verschiedene Stimmen hören, als eine Entwicklung, was zum Beispiel durch Kursivsetzung des Mittelteiles angedeutet werden könnte und es dann für mich schon wieder anders lesbar machen würde.

Liebe Grüße
Flora
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fenestra
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Beitragvon fenestra » 02.11.2010, 21:38

Lieber Quoth,

danke für deine feine Analyse! Es hätte mich auch sehr gewundert, wenn niemand bei der Seepferd-Strophe nachgehakt hätte. Es ist dies doch wohl das einzige Motiv, das sich nicht direkt aus dem Zusammenhang des Spaziergangs assoziieren lässt. Die Seepferde sind sozusagen mit mir durchgegangen - ich war sehr neugierig, ob das so als Collage funktionnieren würde! Ein Versuch, meine oft zu geradlinigen Gedankengänge zu durchbrechen und - ja - vielleicht wirklich so etwas wie Magie aufkommen zu lassen. Wie das Seepferdchen-Motiv in meine Gedanken kam, werde ich gleich in einem anderen kleinen Textchen erläutern.

Die herbeizitierten Birkenstämme sind ja nicht wirklich magisch, es ist einfach die Vorstellung, sie durch Ultraschall, wie die Fledermäuse, wieder auf den Schirm der Wahrnehmung zurückholen zu können nach Einbruch der Dunkelheit.

Und je dunkler es wird, liebe Flora, desto mehr müssen die Gedanken im Inneren kreisen, sich Ersatz für äußere Wahrnehmung schaffen. Ich finde, es ist keine strenge Trennung zwischen dem, was du Rahmenhandlung nennst, und dem Mittelteil vorhanden. Auch die Vergleiche des Mondspiegelbildes mit Einbaum und Brücke assoziieren doch schon ein Übersetzen in eine andere Sphäre. Das nimmt dann seinen Lauf in den Gedanken, bis zu dem Zeitpunkt, als die Stadt auftaucht, aus einem Mond viele Lichter werden und die unergründliche Natur im Dunkeln zurückbleibt. Ich freue mich jedenfalls, dass du beiden Teilen des Gedichts etwas abgewinnen kannst, auch wenn der Übergang für dich wohl anders aussehen müsste.

Als Titel überlege ich noch: Mondsequenz ?

Auch euch beiden Danke fürs Mitgehen im Mondlicht!
fenestra

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 06.11.2010, 17:48

So, der neue Titel lautet jetzt:

Mond bei Fuß

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leonie
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Beitragvon leonie » 07.11.2010, 16:16

Das ist ja ein süßer Titel. Ich finde, er passt und unterstreicht den Inhalt.

Liebe Grüße

leonie

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Beitragvon fenestra » 07.11.2010, 18:43

Danke, leonie! Freut mich, dass du es passend findest!


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