unsternbedroht

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
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allerleirauh
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Beitragvon allerleirauh » 16.10.2010, 19:26

ich will hier bleiben hinter dem wald
wenn die stare aus meinen augen schwärmen
ihre flügel sind mir uhrenzeiger und kompass zugleich

noch steht der raps im licht noch rinnt sein gelb in den tag

aber schuppen und scheunen bekommen mäuler in den nächten


mein herbstfluss ist eine verschleierte frau, die ihre hüften hell wiegt
wenn sie tanzt, trägt sie die sonne davon stück für stück

mein herbstfluss ist ein bärtiger mann, der abends heult wie ein wolf

mein herbstfluss heißt shakespeare und schmeckt nach lakritze
Zuletzt geändert von allerleirauh am 22.10.2010, 18:30, insgesamt 2-mal geändert.

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 18.10.2010, 12:46

ich weiß nicht, wie oft ich dieses gedicht jetzt schon gelesen habe.
und immer wollte ich etwas dazu schreiben, weil ich es mag.
aber ich kann und/oder will es nicht analysieren.
für mich ist es ein surrealistisches gemälde, in das ich hineingehen kann, mich darin verlieren, hinter dem wald stehen bleibe und den staren zugucken, die über dem herbstfluss fliegen, dem herbstfluss der sich so poetisch wiegt und wie ein wolf heult und shakespeare heißt, aber anders schmeckt.

keinsilbig

Beitragvon keinsilbig » 18.10.2010, 17:14

hallo allerleirauh,


mir geht es da ähnlich wie meiner vorschreiberin. viele deiner bilder "funktionieren" für mich und bilden - wie sie schon sagte - eine art surrealistisches kaleidoskop-bild voller eindrücke.

andere wieder funktionieren für mich nicht, hinterlassen dadurch aber dieses gefühl des "ich kann die welt einfach nie ganz erfassen". und das ist ja durchaus authentisch, wie ich finde.

lediglich die "uhrenzeiger" stören mich als wort. immerhin bedeutet das wort "uhrenzeiger", jemand oder etwas, das mir uhren zeigt - und nicht, wie vermutlich gemeint, die uhrzeit. da stolpere ich dann, weil das gefühl von zeit innerlich bei mir konkurriert mit einem bild voller flügel, die auf unzählige uhren zeigen - und kann mich mit mir selbst nicht "einigen" - und würde mir daher wünschen, dass der autor da "eindeutiger" würde. ganz einfach, weil das wort - ähnlich wie "ohrenfell", das ich hier im forum andernorts gleichermaßen irritiert gelesen habe - so wirkt, als würde jemand etwas anderes meinen, als das wort eigentlich aussagt.

aber ansonsten mag ich es so, wie es da steht. mit all den "ungereimtheiten" und bildern, die auch nur zum teil gestalt werden. dadurch "lebt" der text und entfaltet eine nachhaltige wirkung.

lg,

keinsilbig

Quoth
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Beitragvon Quoth » 18.10.2010, 17:30

Hallo, allerleirauh,
verschiedene Eintragungen aus dem Notizbuch zusammengeführt, so wirkt es auf mich. Den "uhrenzeiger" lese ich als "uhrzeiger". Mit dem Raps habe ich Schwierigkeiten, weil er unpassend zum dreifach beschworenen "herbstfluss" im Mai blüht (also gelb ist), im Herbst wird er neu angesät und steht als flache Keimpflanze grün auf den Äckern. In der letzten Zeile müsste es heißen "mein herbstfluss", nicht "meinen herbstfluss", denn womit ließe sich dieser Akkusativ rechtfertigen? Und dann der Name, den das lyrische Ich diesem Herbstfluss gibt - ein literarisch gewaltiger, vielleicht der gewaltigste Name überhaupt. Sprengt er nicht das ansonsten so persönliche Mosaik an Eindrücken und Aussagen? Und dann der Titel: Ganz allein aus ihm erfahre ich von einem drohenden Unstern, der im Text keine mir ersichtlichen Spuren gelassen hat.
Gruß
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

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allerleirauh
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Beitragvon allerleirauh » 18.10.2010, 17:50

hallo xanthippe. einsilbig und quoth,

danke für eure rückmeldungen. ich war diesmal echt versucht, den text wieder rauszunehmen, weil ich das gefühl hatte, er (ich!) mute dem leser zu viel zu.

es freut mich, dass ihr den text als surreal und kaleidoskopartig empfindet.

@uhrenzeiger. ich habe eine weile experimentiert. vielleicht wäre "uhrenzeig" im sinne von "signal" oder "zeichen" (im zeitlichen sinne, bezogen auf einen zeitPUNKT oder eine kurze zeitSPANNE)günstiger? andererseits scheint mit das zeigerwort mit dem flügelwort zu korrespondieren.

@raps. das bild blühender rapsfelder hat sich in den letzten jahren ganz eindrucksvoll in meine herbsterinnerungen geschoben. hier in unserer gegend ist es tatsache so, dass der raps so angepflanzt wird, dass er im oktober noch einmal blüht. ich finde das jedes mal wieder frappierend, weil mir das so vorkommt, als hätte man eine frühlingsscherbe in ein herbstmosaik gesetzt. (ergänzend: natürlich wirkt die herbstliche rapsblühte vor laubfärbung und kahlen bäumen ganz anders.)

@meinen herbstfluss. danke quoth, dass du mich auf den peinlichen fehler hingewiesen hast. er rührt daher, dass die letzte zeile ursprünglich lautete "meinen herbstfluss nenne ich shakespeare...".

lg
a

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 19.10.2010, 15:28

Hallo a.

@raps. das bild blühender rapsfelder hat sich in den letzten jahren ganz eindrucksvoll in meine herbsterinnerungen geschoben. hier in unserer gegend ist es tatsache so, dass der raps so angepflanzt wird, dass er im oktober noch einmal blüht.
Bist du sicher, dass es nicht Senf ist? Die Rapsblüte hat mich auch in den Frühsommer versetzt.

Das Kaleidoskopartige kommt bei mir tatsächlich eher als Vereinzeltes an, das sich nicht zu einem Bild zusammenfügt. Die Bilder, Splitter selbst gefallen mir sehr, wobei ich es schade finde, dass sie sich für mich dann eher gegenseitig ihre Wirkung nehmen, miteinander konkurrieren. Besonders fällt mir das auf bei den doppelt besetzten Augen. Vielleicht erschwert mir aber auch der Titel zusätzlich den Einstieg, da er mir sehr verkopft und "künstlich" erscheint, und sich für mich im Gedicht auch nicht wiederfinden oder weiterführen lässt.

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

Max

Beitragvon Max » 20.10.2010, 14:44

Liebe A.,

ein Text, den ich schon vor vier Tagen hier gefunden habe - und der mir schon damals gefiel.

Fü mich ist es ein Text, den ich nicht analysieren muss, einer, mit dem ich mich wohlfühle, wenn ich ihn lese, dessen Bilder mir vertraut vorkommen, auch wenn ich sie nicht bis ins Detail erklären kann - vielleicht im besten Sinne Lyrik.

So is der Herbst (auch wenn er hier gerade mal wieder rumschmuddelt)
Liebe Grüße
Max

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allerleirauh
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Beitragvon allerleirauh » 22.10.2010, 18:33

liebe flora, lieber max,

danke für eure rückmeldungen.

ich habe lange darüber nachgedacht, was flora zum thema "konkurrierende bilder" geschrieben hat. ich glaube, sie hat besonders in bezug auf AUGEN recht und ich habe im text eine änderung vorgenommen.

lga

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 27.10.2010, 09:34

Hallo a.

ich will dich ja nicht nerven, .-) aber schau mal, sehen die blühenden Felder gerade so aus?
Bild

Die Änderung gefällt mir gut... bezüglich des Titels geht es mir noch immer so, dass er mir den Einstieg verstellt und nicht für die Sprache des Gedichtes öffnet.

Liebe Grüße
Flora

(Vielleicht magst du auch nochmal beim Lied vom sichnichterinnernkönnen vorbeischauen? Würde mich freuen.)
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

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allerleirauh
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Beitragvon allerleirauh » 28.10.2010, 19:05

liebe flora,

nein, ich glaube, so sehen die felder hier um diese zeit nicht aus. sie sind anders gelb und man sieht weniger vom blattwerk. ich habe vergangenes jahr fotografiert, kann aber momentan nicht auf meine bilder zugreifen; bei gelegenheit würde ich das entsprechende foto mal hier einstellen, um unserem landwirtschaftlichen diskurs die nötige grundlage zu geben...
ich denke, dass dieser "späte raps" (entschuldigung, frau aigner) nicht mehr bis zur frucht reift. möglicherweise wird er zu tierfutter oder nur untergepflügt. keine ahnung. ich werde im nächsten jahr ganz genau aufpassen, versprochen.

wenn der titel den zugang verstellt ...hm. dann muss ich das wohl hinnehmen. für mich korrespondiert er insbesondere mit dem ersten vers: das bleibenwollen wird von einer unmittelbar bevorstehenden veränderung unmöglich gemacht.
außerdem ist "unsternbedroht" für mich ein shakespeare-wort, ich kenne es ausschließlich aus dem romeo und julia-prolog.

lg
a.

Klara
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Beitragvon Klara » 28.10.2010, 19:30

Hallo allerleihrau,

das finde ich ich einfach nur wunderbar.

Auch wenn ich den Titel nicht verstehe (und die Kommentare gar nicht lesen und gar nichts "kritisieren" mag).

Die Stare aus den Augen sind groß - auch weil sie grau sein könnten, oder zunächst grün, oder werden, dann blind, vielleicht...

und diese Zeiger starren gen Alter, weisen, verweisen die Jugend...

der Raps, dieser duftig-stinkende Augenaufmacher -

und der Herbst mit seinem gierigen Schlund, der wie Schuppen von den Augen fällt, jedes Jahr wieder, jedes Jahr länger -

das helle Wiegen mag ich, in dem die Wiege der Alten noch schwingt, doch das Baby bleibt liegen, im Tanz immerdar, gewiegt und gewogen, bleibt auch im Alten, im Bart, der ein Milchbart sein könnte und war und der früher mal Shakespeare hieß, so sagt man, wie Lakritze in Weiß. Oder grünrote Birnen, oder alles nur eine Geschichte, die sich immernie wiederholt.

Ich mag das. Hoffentlich hör ich's dich lesen in Dresden : )

Danke, klara


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