Er war im Einklang mit den Dingen

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Quoth
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Beitragvon Quoth » 25.09.2010, 10:53

Er war im Einklang mit den Dingen
Montage für lebhaften Sprecher

Hetty seufzte angstvoll, als ob es ihr an Luft fehle, und mit beiden Händen ihr Haar aus der Stirne streichend, floh sie ans Fenster und rief: „Ich bin ein vorsichtiger Mensch, aber spätestens beim 4:0 war mir gut ums Herz!“ Das Verhalten vieler Anleger änderte sich: Sie räumten der Sicherheit ihrer Geldanlage einen höheren Stellenwert ein als der Rendite. Mirko tobte am Spielfeldrand und stampfte mit den Füßen auf den Boden. Er würde sich als Anleger defensiv positionieren und die Aktien zyklischer Unternehmen skeptisch betrachten. Im Dämmerlicht des Salons war Hettys Gesicht kaum mehr zu sehen, und erst als sie in Schluchzen ausbrach, wusste Mirko, dass sie weinte. Er war im Einklang mit den Dingen. Als er vors Haus ging, sein Wasser abzuschlagen, öffnete der Himmel seine Schleusen, und gemeinsam erfrischten sie die Erde und ihre leuchtenden Blumen. Mit der Kraft des schwindelnden Abgrunds zogen ihn jene geheimnisvollen, im duftenden Schatten der großen Salons gegen ihn gesponnenen Intrigen an. Mit seiner scharfen, an der Spitze geröteten Nase und seinen dünnen, zusammengekniffenen Lippen sah er immer aus, als ob er innerlich wütend sei, und in seiner Rede war er kurz bis zur Unhöflichkeit. Über den Platz hallte der Betgesang einer fernen Prozession. Mirkos Seele schmachtete in der Andacht des Gartens, und wie das Motiv des fernen Gesangs kehrte der immergleiche Gedanke wieder: „Was fühlt sie? ... Was fühlt sie für mich? ...“



Da es ein Forum für experimentelle Prosa hier nicht gibt, stell ich das hier ein.
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 26.09.2010, 19:35

Lieber Quoth,

wenn Prosa so kurz ist, wie diese hier, ist sie sogar für mich verdaulich ...

Da ich mich gerade anhand der Lyrik von Friederike Mayröcker wieder mehr mit Montagen beschäftigen will, hat mich dies hier interessiert. Du montierst offenbar Passagen aus einem Groschenroman mit Fussballreportagen und Börsenberichten. Die Sprache geht erstaunlich gut ineinander über, das Ganze könnte der Plott eines Films sein, bei dem finstere Spekulanten ihr Unwesen treiben und sich nebenbei mit hübschen Damen auf Empfängen treffen. So weit, so gut, die Frage ist allerdings, wohin ein solcher Text führen soll. Es gibt keinen Escher-Effekt, keine Surrealitäten, doppelten Böden. Aber gerade dazu eignen sich Montage-Techniken. Versuch dich doch mal, von den Logik-Zwängen eines Drehbuchschreibers freizumachen ... ;)

Viele Grüße
fenestra

(gespannt auf den nächsten Montage-Text)

Quoth
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Beitragvon Quoth » 27.09.2010, 08:35

Hallo, fenestra,
habe absichtlich die Größe eines Netzhäppchens nicht überschritten ... Aber in puncto Groschenroman muss ich widersprechen. Das sind alles namhafte Autoren, sogar ein Nobelpreisträger ist dabei, und unsere Bundeskanzlerin nicht zu vergessen.
Gruß
Quoth
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Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 27.09.2010, 10:06

Lieber Quoth,

ein sehr schönes Intertext-stückchen, ich muss mal immekeppel hierher schicken, dann könnt Ihr einen experimentalen Prosafaden moderieren ---

es hat mir sehr, sehr gut gefallen. Das Thema könnte ein Salonrenner werden ...

Wenn ich lange suche, finde ich auch was zu kritisieren! Hier ist meiner Meinung nach die Verbindung zwischen ANleger und Fußball und Nobelpreisträger etwas ungleich gewichtet. Mir scheint, das Gamze könnte noch einen Satz vertragen, der sich als bindendes Glied verstünde ...

liebe Grüße
Renée

immekeppel

Beitragvon immekeppel » 27.09.2010, 10:51

hetty, groschenroman? - ich vermute mal hesse, das ist der einzige nobelpreisträger, den ich mit nem groschenroman verbände...

immekeppel

Beitragvon immekeppel » 27.09.2010, 11:15

nachtrag - obwohl vom thema handel ja die buddenbrooks passender wären *g*

Quoth
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Beitragvon Quoth » 27.09.2010, 23:04

Hallo, immekeppel,
es sollte keine Rateaufgabe werden... Ich wollte nur herausfinden, ob das geht, und es scheint zu gehen. Für fenestras Gefühl offenbar sogar zu gut und zu bruchlos. Das ist einfach Belletristik gemischt mit Wirtschafts- und Sportteil der FAZ. Nach dem bindenden Glied, Renée, werde ich suchen ...
Gruß
Quoth
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immekeppel

Beitragvon immekeppel » 28.09.2010, 09:37

na gut - die faz redakteure sind wahrscheinlich allesamt humanistisch gebildete geisteswissenschaftler - daher gibt's kaum sprachliche brüche *g*

aber mirko kommt mir nicht ins haus, wenn er statt auf's klo in meinen garten pinkelt (onnoch im stehen, mann.....)

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 28.09.2010, 18:58

Naja, für diese Sätze hat er/sie den Nobelpreis vielleicht nicht bekommen ... aber es kann auch am veränderten Zusammenhang liegen, der diese Assoziationen bei mir hervorruft oder an meiner derzeitigen Überempfindlichkeit gegenüber romantischen Schilderungen von Beziehungen ... oder schlicht an meinen lückenhaften literarischen Kenntnisse.

Quoth
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Beitragvon Quoth » 29.09.2010, 10:20

Hallo, Immekeppel,
ja, ich erstaune auch immer wieder über die scheinbare sprachliche Bruchlosigkeit einer solchen Montage. Dann habe ich den Eindruck, dass Sprache ein beliebig umarrangierbarer Kosmos ist, der immer Sinn ergibt.

Hallo, fenestra,
nur keine Rechtfertigungen. Nicht nur vom Erhabenen zum Lächerlichen, auch vom Groschenroman zur Hochliteratur ist nur ein Schritt. Und gerade wenn Liebe geschildert wird, verengt sich der Abstand naturgemäß. Deine Überempfindlichkeit teile ich übrigens ...
Gruß
Quoth
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