Kein September
Hallo scarlett,
und nie vergärte an den Reben
der Jahreswein vor Trauer schwer
Da werden Begriffe verwendet, die sich auf einen "realen" Vorgang zu beziehen scheinen, an ein Natur-Bild anknüpfen sollen, dies aber völlig falsch und ich frage mich, wozu, warum wurde dann das Bild überhaupt gewählt? Hinzukommt die Verknüpfung mit "Trauer", was für mich dann auch keine Metapher mehr ist, sondern schlicht eine Benennung. Auch das "schwer" geht leider für mich nicht auf, da es weder in Bezug zum Wein noch zu den Trauben negativ zu lesen wäre, sondern eher von einer Fülle, Tiefe sprechen würde. Und an den Reben vergärt nichts und schon gar kein Wein.
Ich denke, es hätte viele sehr schöne und starke Möglichkeiten gegeben mit dem Wein(berg)bild so zu arbeiten, dass es sachlich richtig ist und aufgeht, auch ohne dass die Trauer explizit benannt werden muss.
Oder aber diesen Schritt weiter zu gehen und es vollständig zu lösen, etwas ganz Eigenes zu erschaffen.
Natürlich kann ich jetzt hergehen und sagen, dass das Bild ja nicht so wichtig ist, dass ich mir schon denken kann, was du wohl damit sagen wolltest, aber das ist dann für mich nicht das, was ich von Texten erwarte.
Liebe Grüße
Flora
Mmmh, schade, denn sich über eine Rückmeldung zu einem Text Gedanken zu machen, wäre für mich schon an sich ein "weiterbringen", weil es eine neue Sicht auf den Text ermöglicht.zunächst mal danke für deine Rückmeldung, wenn sie mich auch kein Stückchen weiterbringt.
Das sind für mich Bilder die so offensichtlich nicht mehr der "Natur", einer äußeren "Sachlichkeit" angehören, sondern einer ganz persönlichen, inneren Sicht(weise) entspringen, eigene gemalte Bilder sind, dass ich damit kein Problem habe. Bei deiner zweiten Strophe geschieht aber etwas ganz anderes.Bei deiner Auffassung frage ich mich z. B., wie du mit einer absoluten oder auch "nur" kühnen" Metapher verfahren würdest? Wo liegt da die reale/sachliche/bildliche Ebene bei absoluten Metaphern wie "das blaue Reh" oder "schwarze Milch der Frühe"?
und nie vergärte an den Reben
der Jahreswein vor Trauer schwer
Da werden Begriffe verwendet, die sich auf einen "realen" Vorgang zu beziehen scheinen, an ein Natur-Bild anknüpfen sollen, dies aber völlig falsch und ich frage mich, wozu, warum wurde dann das Bild überhaupt gewählt? Hinzukommt die Verknüpfung mit "Trauer", was für mich dann auch keine Metapher mehr ist, sondern schlicht eine Benennung. Auch das "schwer" geht leider für mich nicht auf, da es weder in Bezug zum Wein noch zu den Trauben negativ zu lesen wäre, sondern eher von einer Fülle, Tiefe sprechen würde. Und an den Reben vergärt nichts und schon gar kein Wein.
Ich denke, es hätte viele sehr schöne und starke Möglichkeiten gegeben mit dem Wein(berg)bild so zu arbeiten, dass es sachlich richtig ist und aufgeht, auch ohne dass die Trauer explizit benannt werden muss.
Oder aber diesen Schritt weiter zu gehen und es vollständig zu lösen, etwas ganz Eigenes zu erschaffen.
Natürlich kann ich jetzt hergehen und sagen, dass das Bild ja nicht so wichtig ist, dass ich mir schon denken kann, was du wohl damit sagen wolltest, aber das ist dann für mich nicht das, was ich von Texten erwarte.
Was wäre das hier für dich? Und um über sich hinauszuweisen, muss doch erst mal ein "sich" da sein?Für mich bedeutet Metapher nicht, dass ein Bild AUCH eine andere Bedeutung tragen kann, ohne die sie nicht funktioniert, sie weist deutlich darüber hinaus, wichtig ist EIN Gemeinsames, das weitere Konnotationen freisetzt.
Sie muss also nur in einem Teil sachlich/bildlich übereinstimmen.
Die Rückmeldung erschien mir im Kontext der Diskussion sowohl unter Leonies Gedicht, Renées Übersetzungsfaden, aber auch für dich als Autorin interessant, da das ja nicht nur dieses Gedicht hier betrifft. Vielleicht habe ich mich auch falsch ausgedrückt, ich merke, dass die Deutung, das Einlassen auf die übertragene Ebene für mich eben erst ein zweiter Schritt sein kann. Den ersten, nämlich das Gedicht selbst anzuschauen, die gewählten Bilder ernst zu nehmen, die Worte selbst, habe ich freilich schon getan, sonst hätte ich sicher nicht geschrieben.Ferner halte ich die Bereitschaft, sich auf einen Text einzulassen, als eine Grundvoraussetzung für die Beschäftigung mit jeder Art von Texten. Wenn du also einräumst, dass du dazu nicht so richtig bereit bist, frage ich mich schon, warum dir dann eine Rückmeldung wichtig erscheint.
Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)
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Renée Lomris
Liebe Scarlett,
eben ist mir ein ausführlicher Kommentar vor den Augen verschwunden (crtl+z gedrückt) ... während ich einen Anfall von Schlaflosigkeit nutzte, um mich eingehender mit deinem Gedicht "Kein September" zu befassen. Und mit dem Faden.
Wenn ich richtig gelesen habe, hast du nur zwei Worte geändert. Da ich dein Gedicht sehr gerne wieder gelesen habe, ( ich will noch näher darauf eingehen, was mir so gefallem hat) , stellte sich mir die Frage, ob so eine scheinbar geringfügige Änderung tatsächlich eine aufschließende - zur Schlüssigkeit führende - Wirkung haben könnte.
Abgesehen davon, dass nie der selbe Mensch das selbe noch einmal liest - hat die Änderung eine große Wirkung.
Von mondsalzig-sandsalzig zu Mittagssand-Mittagsstrand erstreckt sich eine neue Kohärenz, die ein Verständnis deiner Weinmetapher erleichtert. Damit ist es dir gelungen mehrere Probleme gleichzeitig zu lösen.
Zum ersten ist der Mond verschwunden - es ist nun nicht so, dass ich zur Mondjägerin geworden bin und jede Mondabschießerei begrüße, es zeigt sich nur, dass er nicht immer NOTWENDIG ist. Zum zweiten ergibt sich aus dem bereits zu Beginn eingestreuten Sand eine erläuternde Ortsangabe. September und Sand (Septembersand) und am Ende der Mittagsstrand bieten eine szenische Grundlage, auf der der Trauerwein - jusqu'à la lie getrunken werden kann.
Die von dir gewählte Reimform hat mir von Anfang an gut gefallen und trägt zur Distanzierung der Trauer bei. Das Problem der Dichtung besteht mMn darin, eine Dringlichkeit zu vermitteln, ohne den Leser bei der dichterischen Umarmung zu ersticken.
Hier hat sich gezeigt, dass die Arbeit an der Wortperipherie dir ermöglicht hat - meiner Ansicht nach jedenfalls - den eigentlich umstrittenen und von dir zu Recht verteidigten "Wein" als Metapher (nie vergärte der Jahreswein) beizubehalten.
Ich als Leser war jednfalls in der Situation, die der Schreibende nie aus den Augen verlieren sollte: Der Lesende ist nie der selbe. Ein anderer liest um die Mittagszeit, und um Mitternacht ist es wieder ein anderer. Wie die Übersetzung ist der Leser untreu...
Wer mit so wenig Mitteln so subtil und wirkungsvoll Texte schreiben und bearbeiten kann, braucht sich der eigenen Handschrift nicht zu schämen ... c'est un euphemisme
liebe <grüße
Renée
P.S. und das selbe Kompliment gilt den ausführlichen und hoch interessanten Kommentaren hier, von Flora und Leonie
eben ist mir ein ausführlicher Kommentar vor den Augen verschwunden (crtl+z gedrückt) ... während ich einen Anfall von Schlaflosigkeit nutzte, um mich eingehender mit deinem Gedicht "Kein September" zu befassen. Und mit dem Faden.
Wenn ich richtig gelesen habe, hast du nur zwei Worte geändert. Da ich dein Gedicht sehr gerne wieder gelesen habe, ( ich will noch näher darauf eingehen, was mir so gefallem hat) , stellte sich mir die Frage, ob so eine scheinbar geringfügige Änderung tatsächlich eine aufschließende - zur Schlüssigkeit führende - Wirkung haben könnte.
Abgesehen davon, dass nie der selbe Mensch das selbe noch einmal liest - hat die Änderung eine große Wirkung.
Von mondsalzig-sandsalzig zu Mittagssand-Mittagsstrand erstreckt sich eine neue Kohärenz, die ein Verständnis deiner Weinmetapher erleichtert. Damit ist es dir gelungen mehrere Probleme gleichzeitig zu lösen.
Zum ersten ist der Mond verschwunden - es ist nun nicht so, dass ich zur Mondjägerin geworden bin und jede Mondabschießerei begrüße, es zeigt sich nur, dass er nicht immer NOTWENDIG ist. Zum zweiten ergibt sich aus dem bereits zu Beginn eingestreuten Sand eine erläuternde Ortsangabe. September und Sand (Septembersand) und am Ende der Mittagsstrand bieten eine szenische Grundlage, auf der der Trauerwein - jusqu'à la lie getrunken werden kann.
Die von dir gewählte Reimform hat mir von Anfang an gut gefallen und trägt zur Distanzierung der Trauer bei. Das Problem der Dichtung besteht mMn darin, eine Dringlichkeit zu vermitteln, ohne den Leser bei der dichterischen Umarmung zu ersticken.
Hier hat sich gezeigt, dass die Arbeit an der Wortperipherie dir ermöglicht hat - meiner Ansicht nach jedenfalls - den eigentlich umstrittenen und von dir zu Recht verteidigten "Wein" als Metapher (nie vergärte der Jahreswein) beizubehalten.
Ich als Leser war jednfalls in der Situation, die der Schreibende nie aus den Augen verlieren sollte: Der Lesende ist nie der selbe. Ein anderer liest um die Mittagszeit, und um Mitternacht ist es wieder ein anderer. Wie die Übersetzung ist der Leser untreu...
Wer mit so wenig Mitteln so subtil und wirkungsvoll Texte schreiben und bearbeiten kann, braucht sich der eigenen Handschrift nicht zu schämen ... c'est un euphemisme
liebe <grüße
Renée
P.S. und das selbe Kompliment gilt den ausführlichen und hoch interessanten Kommentaren hier, von Flora und Leonie
Hallo, Scarlett,
Frage: hast Du Dich für "vergärte" bewusst entschieden? Es gibt die starke Form "vergor"; ich würde sie bevorzugen.
Du schreibst:
Vergären ist ist bei vielen Getränken und flüssigen Speisen (Suppen) identisch mit Schlechtwerden. Eine vergorene ("sauer gewordene") Bohnensuppe muss weggeschüttet werden. Wein aber wird durch Vergären erst aus dem Traubenmost erzeugt. Von daher ist "vergärte" (oder "vergor") sogar das falsche Wort an dieser Stelle; ich würde es durch "verdarb" ersetzen.
Jahreswein ist für mich ein besonders (von Fachzeitschriften o.ä.) ausgewählter und hervorgehobener Wein. "Jahrwein" kenne ich als anderen Ausdruck für "Federweißer", also den jungen, noch hefehaltigen gärenden Wein dieses Jahres - den gibt es aber meist erst im November.
Ich habe im vorigen Jahr die zweite Septemberhälfte in Italien verbracht. Da war der Sandstrand in der Tat noch heiß. Freilich fände ich es besser, wenn Du das Geografische nicht in den Untertitel schriebest, sondern z.B. durch einen Ortsnamen oder eine Rebsorte oder Konkretisierung der Baumart im Text verankertest.
Gruß
Quoth
Frage: hast Du Dich für "vergärte" bewusst entschieden? Es gibt die starke Form "vergor"; ich würde sie bevorzugen.
Du schreibst:
Was ich allerdings mit dem "Jahreswein" eigentlich ausdrücken wollte, ist, dass der gesamte Wein eines Jahrgangs nichts geworden ist.
Vergären ist ist bei vielen Getränken und flüssigen Speisen (Suppen) identisch mit Schlechtwerden. Eine vergorene ("sauer gewordene") Bohnensuppe muss weggeschüttet werden. Wein aber wird durch Vergären erst aus dem Traubenmost erzeugt. Von daher ist "vergärte" (oder "vergor") sogar das falsche Wort an dieser Stelle; ich würde es durch "verdarb" ersetzen.
Jahreswein ist für mich ein besonders (von Fachzeitschriften o.ä.) ausgewählter und hervorgehobener Wein. "Jahrwein" kenne ich als anderen Ausdruck für "Federweißer", also den jungen, noch hefehaltigen gärenden Wein dieses Jahres - den gibt es aber meist erst im November.
Ich habe im vorigen Jahr die zweite Septemberhälfte in Italien verbracht. Da war der Sandstrand in der Tat noch heiß. Freilich fände ich es besser, wenn Du das Geografische nicht in den Untertitel schriebest, sondern z.B. durch einen Ortsnamen oder eine Rebsorte oder Konkretisierung der Baumart im Text verankertest.
Gruß
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.
-
scarlett
Liebe Renate,
ich danke dir fürs nochmalige Rückmelden zu diesem Text.
Viel Kluges und Bedenkenswertes hast du m M nach dazu geschrieben, und es freut mich, dass die kleinen Änderungen dir das Ganze jetzt nohc schlüssiger erscheinen lassen.
Eh bien, faut toujours boire jusq´à la lie ... ca donne quand meme du courage et de la clareté pour tout ce qui nous va encore nous arriver ...
Ganz liebe Grüße,
Monika
Hallo Quoth,
vergärte hatte ich aus Rhythmusgründen gewählt, nun, da in S1 "Fässer" statt "Reben" steht, kommt noch die Vokalharmonie hinzu.
Natürlich soll vergären hier im Sinne von verderben stehen, deine Ausführungen zum vergorenen Wein machen mich jetzt allerdings wieder zweifelnd ...
Wenn ich die nun berücksichtige und dich obendrein richtig verstanden habe, müsste eine Änderung so ausschauen:
und nie verdarb schon in den Fässern
der ganze Wein vor Trauer schwert
Wäre das so dann besser?
Zum Thema Jahreswein hatte ja auch schon Max eine Anmerkung geschrieben, ich dachte, dass ich das daraufhin geändert hätte - mein Fehler, sorry, das ist mir durch die Lappen gegangen.
Herzlichen Dank für deine Rückmeldung,
scarlett
ich danke dir fürs nochmalige Rückmelden zu diesem Text.
Viel Kluges und Bedenkenswertes hast du m M nach dazu geschrieben, und es freut mich, dass die kleinen Änderungen dir das Ganze jetzt nohc schlüssiger erscheinen lassen.
Eh bien, faut toujours boire jusq´à la lie ... ca donne quand meme du courage et de la clareté pour tout ce qui nous va encore nous arriver ...
Ganz liebe Grüße,
Monika
Hallo Quoth,
vergärte hatte ich aus Rhythmusgründen gewählt, nun, da in S1 "Fässer" statt "Reben" steht, kommt noch die Vokalharmonie hinzu.
Natürlich soll vergären hier im Sinne von verderben stehen, deine Ausführungen zum vergorenen Wein machen mich jetzt allerdings wieder zweifelnd ...
Wenn ich die nun berücksichtige und dich obendrein richtig verstanden habe, müsste eine Änderung so ausschauen:
und nie verdarb schon in den Fässern
der ganze Wein vor Trauer schwert
Wäre das so dann besser?
Zum Thema Jahreswein hatte ja auch schon Max eine Anmerkung geschrieben, ich dachte, dass ich das daraufhin geändert hätte - mein Fehler, sorry, das ist mir durch die Lappen gegangen.
Herzlichen Dank für deine Rückmeldung,
scarlett
Ja, das würde ich für inhaltlich besser halten - die crux der Sprachmusik muss die Lyrikerin allein tragen! Denn gären ist beim Wein etwas Erwünschtes und Gutes, und auch durch die oft negativ färbende Vorsilbe ver- (verschreiben, verlaufen) wird beim Wein daraus nichts Schlechtes.
Gruß
Quoth
Gruß
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.
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