bernsteintee -- whuuhuuuu

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 04.09.2010, 21:09



bernsteintee -- whuuhuuuu


streicht es ums haus

zieht das lächeln mir auf

wie der sonnenstaub am morgen

fliegt meine tasse aus dem fenster

von deiner donnernden hand

trifft ein tropfen mein auge

ich sehe ihr nach

lausche

andächtig

wie sie landet

im weichgespülten beet

heil

das wütet dich

--
GESCHÜTTELT GEHÖRST DU
BIS DEINE ARTIGKEIT ABFÄLLT
DEIN SANFTSINN, DIES DÄMLICHE
HEIMELN -- WER HAT ES DIR
HINGESCHMIRGELT
UNTER DEINEM GÄNSCHENBLICK
LAUERT AUCH NUR EIN GEIER
IN DEINEM GESICHT
FEHLT DER SCHREI
SCHAU!
ICH SCHREIBE EIN STÜCK
AUS DEINEM FLEISCH
DEM ACH SO ZARTEN
UND ES IST ZÄH
*HEISCHENDES GELÄCHTER*
HÄNGT MIR ZWISCHEN DEN ZÄHNEN
ERZÄHL MIR NICHTS
AUCH DU HAST EINE MUTTER
UND EIN UM SICH SCHLAGENDES HERZ
IN IHREM HÖLZERNEN RAHMEN
AUF WEISSEM STOFF
ALS WÄREN DEINE FEDERN NICHT BLUTIG
EINGESTICKT -- ENTKOMMST MIR NICHT
MIT DER SCHÖNHEIT EINES BACHES
EIN ATOMPILZ IST ÄSTHETISCHER
ALS EIN WIESENTÄUBLING
UND DIE EHRLICHERE METAPHER
GIB ES ZU
ICH LECK DICH
MIT MEINER HYÄNENZUNGE
FREI
--

bist du fertig

dann schwärme ich

durch die fenster der laterne

schwimmt das teelicht in die nacht

zwinkert porzellan wie ein erdstern

selbst um deine verkniffenen züge

weht es milder

als du es liest


Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 05.09.2010, 16:55

Hallo, Flora,

das sind ja mal ganz andere Töne, die du da anschlägst!

Es ist gruselig und sehr einprägsam geschrieben. Ich sehe eine sehr sanfte Frau vor mir, die durch ihre Sanftheit die Brutalität eines Mannes unterläuft bzw. erträgt. Sie flieht mit den Blicken aus dem Fenster in einen märchenhaften Wald. Die Sanftheit bringt ihn zur Rage, sie ist ihm unerträglich und kommt ihm falsch vor.

Was ich nicht mag, ist die Stelle:

"ich leck dich
mit meiner Hyänenzunge
frei"

Hyänen sind Aasfresser. Der Mann müsste sie erst totschlagen ... Aber davon abgesehen, klingt das "ich leck dich" zu sehr nach dem üblichen "leck mich" und damit unerträglich vulgär. Vielleicht würde "ich lecke dich" schon etwas besser klingen.

Bin gespannt, was andere zu diesem Text schreiben.

Viele Grüße
fenestra

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ferdi
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Beitragvon ferdi » 05.09.2010, 17:22

Hallo Flora!

Ob ich Fenestras Gleichung Ich + Du = Frau und Mann so fest verankert sehe, weiß ich nicht... Und ob ich die Großschreibung des Mittelteils so überzeugend finde? Hm :-) Aber wenn schon, dann bitte WEISSEM statt WEIßEM - das liest sich einfach ekelig und schließlich gibts kein großes "ß" ;-)

Insgesamt kann ich mit dem Text auf jeden Fall etwas anfangen :-)

Ferdigruß!
Schäumend enthüpfte die Woge den schöngeglätteten Tannen. (Homer/Voß)

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 05.09.2010, 17:36

Hallo Flora,

dieser Ton steht dir gut und klingt fuer mich in seiner ungehaltenen Art sehr glaubhaft. Hyänen sind Leichenfledderer und das kann man als Symbol für unterschiedlichste Grundhaltungen begreifen. Ich glaube, ein wenig zu verstehen, welche Situation oder Beziehung gemeint ist. Wegfliegen ist immer das Beste für echte Vogelfreiheit.

Sehr schön, hat bei mir einen Stern im Brett.
Renée

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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 05.09.2010, 18:04

"EIN ATOMPILZ IST ÄSTHETISCHER"

Hallo, kleine erbsenzählerische Anmerkung: "ästhetisch" ist meiner Ansicht nach kein Synonym für "schön". Ästhetik ist eine Lehre, die Lehre von der Schönheit. Ästhetisch kann nur dasjenige sein, was die Schönheit zu erforschen, zu beschreiben, zu bedenken versucht. (Ähnlich missverständlich und zunehmend wird der Begriff "ethisch" eingesetzt für "moralisch"; Ethik ist die Lehre von der Moral, sie ist nicht die Moral selbst.) P.

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 07.09.2010, 09:18

Hallo Pjotr,

danke für den Erbsenzählerhinweis, ich würde sagen der Gebrauch des Wortes "ästhetisch" weist für mich auf eine distanzierte, erlernte, verkopfte Schönheitsdefinition hin, deren Urteil durch die Lehre der Ästhetik für begründbar und erklärbar gehalten wird. Die Bezeichnung "ästhetisch" weckt den Anschein objektiv und daher auch allgemeingültig zu sein. "Schön" hingegen ist für mich ein wissend und bekennend subjektives, emotionales, weiches Wort, oft eingeleitet durch einen kleinen Freudenausruf: "oh!". .-)
Das wäre jetzt der Versuch einer kleinen Privatdefinition. Ich weiß nicht, ob sie das Erbslein für dich rettet?


Hallo Renée,

dieser Ton steht dir gut und klingt fuer mich in seiner ungehaltenen Art sehr glaubhaft.
Das ist für mich wirklich spannend und ich freue mich, dass du dich hier meldest, weil auch einige deiner Kommentargedanken und Bilder (auch unsere kleine Diskussion unter "die versäumte..."), aber auch die Tendenz und Bewegung, die ich im Moment im Forum unter manchen Texten wahrnehme, hier eingeflossen sind. Ich denke auch, dass die ungehaltene Art in sich glaubhaft ist, wie es aber eben auch die Sanften (Stimmen) gibt und unzählige Zwischentöne. Für mich ist die Glaubhaftigkeit oder gar Ehrlichkeit (was als Hinweis immer wieder in Kommentaren auftaucht, aber doch immer vom Text weg auf den Autor weist?) nicht festzumachen am Grad der Sanftheit oder Härte eines Textes. Mich ärgert oder wundert dieser Rückschluss und Hinweis immer wieder. Der Ton des Mittelteiles steht dem Text gut, weil er (für mich) in der Gegenüberstellung, der Konfrontation etwas aufzeigt. Mir persönlich steht und liegt er weniger, aber das ist ja auch nicht wichtig. .-)
Es freut mich aber natürlich, dass der Text für dich eine eigene Geschichte, Situation, Beziehung zeigen kann.


Hallo Ferdi,

Ob ich Fenestras Gleichung Ich + Du = Frau und Mann so fest verankert sehe, weiß ich nicht...
Würde ich auch nicht so sehen.
Und ob ich die Großschreibung des Mittelteils so überzeugend finde? Hm Aber wenn schon, dann bitte WEISSEM statt WEIßEM - das liest sich einfach ekelig und schließlich gibts kein großes "ß"
*lach* Danke. Das hat Word so eingesetzt und ich habe es übersehen, wird sofort geändert. Die Großschreibung hat für mich hier schon eine Funktion.
Insgesamt kann ich mit dem Text auf jeden Fall etwas anfangen
Schön. :-)


Hallo Fenestra,

Es ist gruselig und sehr einprägsam geschrieben. Ich sehe eine sehr sanfte Frau vor mir, die durch ihre Sanftheit die Brutalität eines Mannes unterläuft bzw. erträgt. Sie flieht mit den Blicken aus dem Fenster in einen märchenhaften Wald.
Diese Leseweise hat mich überrascht, aber ich kann sie nun auch nachvollziehen, nachlesen. Warum schließt du so sicher auf einen Mann?
Die Sanftheit bringt ihn zur Rage, sie ist ihm unerträglich und kommt ihm falsch vor.
Ja, das lese ich auch so.

Was ich nicht mag, ist die Stelle:

"ich leck dich
mit meiner Hyänenzunge
frei"

Hyänen sind Aasfresser. Der Mann müsste sie erst totschlagen ... Aber davon abgesehen, klingt das "ich leck dich" zu sehr nach dem üblichen "leck mich" und damit unerträglich vulgär. Vielleicht würde "ich lecke dich" schon etwas besser klingen.
Ich glaube genau dieser Beiklang des "unerträglich vulgären" oder vielleicht auch aufdringlich übergriffigen, grenzüberscheitenden stimmt hier für mich. Da steht ja nicht, dass LIch aufgefressen wird, sondern eben freigeleckt, vielleicht auch mit der Assoziation einer Geburt. (Das Ich des Mittelteiles spricht seinem Gegenüber den Geier zu, der ebenfalls Aasfresser ist, vielleicht ein Hinweis, wie der Text noch aufgefasst werden könnte.) Die Hyäne habe ich sicher gewählt, weil sie auch noch andere "Eigenheiten" hat, die für mich hier sehr schön als Hintergrundassoziation gepasst haben. Aber ich möchte da auch nicht zu viel erklären und damit andere Leseweisen wegnehmen. Wenn es für dich so einprägsam und stimmig war, freut mich das.

Liebe Grüße euch und danke für die Rückmeldungen
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 07.09.2010, 11:05

Flora hat geschrieben:Hallo Pjotr,

danke für den Erbsenzählerhinweis, ich würde sagen der Gebrauch des Wortes "ästhetisch" weist für mich auf eine distanzierte, erlernte, verkopfte Schönheitsdefinition hin, deren Urteil durch die Lehre der Ästhetik für begründbar und erklärbar gehalten wird. Die Bezeichnung "ästhetisch" weckt den Anschein objektiv und daher auch allgemeingültig zu sein. "Schön" hingegen ist für mich ein wissend und bekennend subjektives, emotionales, weiches Wort, oft eingeleitet durch einen kleinen Freudenausruf: "oh!". .-)
Das wäre jetzt der Versuch einer kleinen Privatdefinition. Ich weiß nicht, ob sie das Erbslein für dich rettet?
Hallo Flora, jetzt reden wir darüber doch mehr, nun ist das Erbslein eine Erbse :-) I dachte eher an ein literarisch-grammatisches Problem. Ich verstehe Deine Erklärung, aber meine Frage ist eher, kann ein Atompilz jene "ästhetische" Tätigkeit übernehmen? Ist der Atompilz eine denkende Kreatur?


Cheers,

Pjotr


P.S.: Das "ästhetische", also das Bedenken des Schönen, tut ja nicht eine bestimmte Menschengruppe, die ihr Ergebnis dann amtlich allgemeingültig verkündet, sondern jedwedes Wesen kann ästhetisch denken und tun. Hier ist entweder die Autorin oder der Atompilz dieses Wesen.

P.P.S.: Um von dem missverständlichen Ästhetik-Begriff ganz wegzukommen, wie wär's mit Begriffen wie PRACHTVOLL, beispielsweise? Das wäre etwas kälter als "schön", und überdachend dazu :-)
Zuletzt geändert von Pjotr am 07.09.2010, 11:27, insgesamt 2-mal geändert.

Quoth
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Beitragvon Quoth » 07.09.2010, 11:08

Hallo, Flora,
ich habe mir geschworen, Texte mit einem lyrischen Du nicht mehr zu kommentieren, weil ich dieses Einreden auf einen oder eine, der oder die zur Stummheit verdammt ist, zunehmend degoutant finde.
Aber hier bei Dir kommt das Du zu Wort! stellte ich zu meiner Freude fest. Du hast einen Dialog, ja, ein Minidrama geschrieben, sogar eine in * eingefasste Regieanweisung ist dabei! Fast könnte ich mir den Text besser unter "Dramatisches" einsortiert vorstellen (nur: Wer liest da schon?).
Fenestras Deutung scheint mir plausibel, eine andere (z.B. hiobhaft religiöse) scheint mir ferner liegend. Der Bernsteintee ist die zarte Frau, das Whuuhuuu der hyänenhafte Mann! Dass die Rollenverteilung ein wenig konventionell ist (La belle et la bete), stört mich nicht, da sie mit Saft und Kraft vorgetragen wird. Besonders der Mittelteil gefällt mir, der hat was Expressives um nicht zu sagen Expressionistisches, so bemängelt die Mann/Gott/Hyäne, dass dem Gesicht der Angesprochenen der "Schrei" fehle - für den der Expressionismus berühmt wurde.
Ja, das ist eine Bereicherung hier, die mich erfreut!
Gruß
Quoth
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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 08.09.2010, 12:06

Hallo Pjotr,

Ist der Atompilz eine denkende Kreatur?
Du verwirrst mich. :o) Ich fürchte ich komme deiner Definition nicht ganz hinterher. Dass das Gedicht jedoch an diesem Punkt eine Irritation aufwirft, oder zumindest nach einer eigenen subjektiven Definition dieser Begrifflichkeiten und ihrem Gebrauch fragt, sie hinterfragt, gefällt mir, das hatte ich gehofft. Allerdings würde ich schon sagen, dass der Ästhet Etwas (ein (Kunst-)Objekt), als ästhetisch bezeichnet? Aber vielleicht meldet sich hier ja noch ein Ästhet zu Wort, der das besser objektiv definieren und erläutern kann. Ich denke oft wird das Wort einfach benutzt, um (einen bestimmten) Eindruck zu machen, so vielleicht auch hier im Gedicht. .-)
"Prachtvoll" würde für mich gar nicht passen, weil es diesen "Kunstaspekt" und die Idee der Ästhetik des Bösen/Hässlichen nicht mit hineinsprechen würde.

Hallo Quoth,

ich habe mir geschworen, Texte mit einem lyrischen Du nicht mehr zu kommentieren, weil ich dieses Einreden auf einen oder eine, der oder die zur Stummheit verdammt ist, zunehmend degoutant finde.
Das ist mir zu pauschal urteilend, es gibt sicher Texte, bei denen mir das auch so geht, aber eben auch ganz andere, je nachdem, wie mit oder über das LDu "gesprochen" wird, oder? Ich mag es aber auch sehr gerne, wenn beide zu Wort kommen und versuche das teils direkt, teils auch indirekt immer mal wieder in meinen Texten umzusetzen.

Danke für deine Leseweise! Vor allem deine Gedanken zum Schrei freuen mich.
Das "whuuhuuuu" hat für mich zwei Seiten, die auch auf eine unterschiedliche Wahrnehmung deuten, es kann das Geheul der Hyäne sein, oder aber der Wind (das Wehen) der ums Haus streicht.
Interessant für mich, dass der Mittelteil auch von dir so eindeutig einem Mann zugeordnet wird.
Und das hier freut mich natürlich auch. :-)
Ja, das ist eine Bereicherung hier, die mich erfreut!


Liebe Grüße euch
Flora
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Beitragvon Pjotr » 08.09.2010, 13:26

Hallo Flora,

Du verwendest den Begriff "ästhetisch" halt umgangssprachlich, das heißt, synonym für "schön". Da die Sprache dieses Gedichts für mich aber keine umgangssprachliche ist, sondern eher wohldurchdacht und fein nuanciert, erscheint mir jenes Synonym wie ein Stil-Fehler.

Und bei meiner Erbsenzählerei rollt mir gerade eine zweite Erbse entgegen: Das Dilemma bei Steigerungen; sie sollen das Adjektiv nicht wiederholen, zugleich dasselbe Adjektiv sein. Zum Beispiel:

Die Suppe ist würzig, mit Pfeffer wäre sie würziger. -- Im Schreibehandwerk gilt die Regel: Synonyme statt Wiederholungen. Also:

Die Suppe ist würzig, mit Pfeffer wäre sie schärfer. -- Problem: Schärfer ist nicht das gleiche wie würziger.

Die Suppe ist würzig, mit Pfeffer wäre sie scharf. -- Problem: Scharf ist nicht das gleiche wie würziger.

---

Der Wiesentäubling ist schön, der Atompilz ist schöner. -- Problem: Wortwiederholung.

Der Wiesentäubling ist schön, der Atompilz ist ästhetischer. -- Problem: Ästhetischer ist nicht die Steigerung von schön (prachtvoller wäre ebenfalls keine Steigerung)

Der Wiesentäubling ist schön, der Atompilz gefällt mir besser. -- Lösung durch Ausweichen auf eine andere Bezugs-Ebene.


Edit: Statt Wiesentäubling hatte ich zuerst Bach geschrieben. Mit Wiesentäubling aber besteht eigentlich kein Dilemma. Ich habe mich vertan :-) Höchstens besteht noch ein Restbezug auf "schön" durch die vorherige Zeile mit "Bach".


Cheers

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Beitragvon Pjotr » 08.09.2010, 13:47

Flora hat geschrieben:Allerdings würde ich schon sagen, dass der Ästhet Etwas (ein (Kunst-)Objekt), als ästhetisch bezeichnet?

Ja, Kunst ist ein Produkt des Geistes, der das Schöne oder das Wahrzunehmende bedenkt, ausarbeitet, erforscht, also kann dieses Produkt ästhetisch sein.

Ästhetik ist eine Lehre, eine Theorie, eine Tätigkeit.

Den Atompilz per se halte ich für ästhetisch nur dann, wenn dessen Produzenten durch ihn das Schöne oder das Wahrzunehmende bedenken, ausarbeiten, erforschen. Bedenken sie also die Schönheit des Massenmords? Bedenken sie die Geometrie und Farben der Pilzwolke? ... ?

Edit: Moment mal, ist mit "Atompilz" überhaupt ein Atombombenpilz gemeint? Oder ein gigantischer organischer Pilz? Oder ein Pilz so klein wie ein Atom? :-)


Cheers

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Beitragvon Ylvi » 08.09.2010, 15:32

Hallo Pjotr,

ich denke, ich nähere mich einem Verständnis deines Standpunktes. Wobei ein Kunstobjekt/Produkt ja nun normalerweise auch nicht mehr denkt, als ein Atompilz. :o)
Du verwendest den Begriff "ästhetisch" halt umgangssprachlich, das heißt, synonym für "schön". Da die Sprache dieses Gedichts für mich aber keine umgangssprachliche ist, sondern eher wohldurchdacht und fein nuanciert, erscheint mir jenes Synonym wie ein Stil-Fehler.
Ich lege dem sprechenden Ich des Mittelteils dieses Wort bewusst in den Mund. Es darf dich ruhig stören.
Ich denke du vermischst hier Autorenebene und die des sprechenden Ichs? Ich als Autorin verwende das Wort in diesem Gedicht nicht als Synonym, um beispielsweise eine Wiederholung zu vermeiden, sondern setze es tatsächlich halbwegsdurchdacht ein. .-)

Danke, dass du dich so damit auseinandersetzt! Das freut mich.

Liebe Grüße
Flora
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Beitragvon Pjotr » 08.09.2010, 16:58

Hast recht, Flora, eigentlich passt es ganz gut zu diesem lyrischen Mittelteil-Ich, das da laut in Großbuchstaben herumrüpelt :-)

Quoth
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Beitragvon Quoth » 08.09.2010, 18:13

Hallo, Flora, Du schreibst:
Ich lege dem sprechenden Ich des Mittelteils dieses Wort bewusst in den Mund.

Wunderbar! Das ist die Freiheit beim dramatischen Schaffen. Viel deutlicher noch als bei der Trennung vom lyrischen Ich wird eine Grenze zwischen Autor und Rollen gezogen. Alles ist Charakteristik, nichts wirkliche Meinung.

Hallo, Pjotr,
ich finde diesen Rüpel ganz entzückend - auch mit seinem Missbrauch des Wortes ästhetisch - das umgangssprachlich eben so benutzt wird. Neulich hörte ich eine Dame an der Bushaltestelle über die Lümmel, die da alles vollrotzen, sagen: "Das ist doch einfach unästhetisch!" Sicherlich hat sie nicht sagen wollen, das Sputum sei eine "denkende Kreatur".

Mit Gruß
Quoth
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