ein kinderspiel
gott ist tot manchmal sitzt er
in der straßenbahn und
stiert sein spiegelbild an
seine zähne sind ziemlich weiß
vielleicht verwaltet er notstände
und kaut in wolkenkratzern
an nagelhäuten
mittags beschleunigt er
mit fußtritten die welt
manchmal macht er urlaub
im heiligen land oder afghanistan
und abends schaut er zum himmel
wie die wolken einen haken machen
hinter die tage
Erstfassung:
Gott begegnet mir jeden Morgen
im Spiegel auf der Straße
wo er die Welt mit fußtritten
beschleunigt als sei sie
ein kinderspiel
heissa schreien die einen
andere kotzen und lachen dabei
manche lernen fliegen
und abends machen wolken
einen haken hinter den Tag
ein kinderspiel
Du stellst in deinem letzten Kommentar wichtige Fragen, die aber meines Erachtens in dem Gedicht nur teilweise Ausdruck finden.
So sehe ich das auch. Das Gedicht (die neue Fassung) bringt für mich eine Wut darüber zum Ausdruck, dass Gott sich wie ein Flegel aufführt, anstatt sich um die Welt zu kümmern. Dahinter tut sich die Erkenntnis auf, dass es Gott eben gar nicht gibt. Punkt. Mehr kann ich aus diesem Gedicht nicht lesen, also keinen Appell an die Menschen o.ä..
Mir reicht es aber völlig, dass diese Wut einmal zum Ausdruck gebracht wird.
Liebe Grüße
fenestra
Lieber Sam, liebe fenestra,
ich hätte gedacht, durch die Zeile "gott ist tot" kann man es auch anders lesen. Ich muss nochmal überlegen, vielleicht lasse ich es auch einfach so und versuche, in einem anderen Text das Thema wieder aufzugreifen. Mal schaun. Auf jeden Fall danke für Eure Eindrücke!
Liebe Grüße
leoniue
ich hätte gedacht, durch die Zeile "gott ist tot" kann man es auch anders lesen. Ich muss nochmal überlegen, vielleicht lasse ich es auch einfach so und versuche, in einem anderen Text das Thema wieder aufzugreifen. Mal schaun. Auf jeden Fall danke für Eure Eindrücke!
Liebe Grüße
leoniue
Hallo Leo,
auch für mich zwei völlig unterschiedliche Texte. Ein wenig verunsichert mich das, da das auch schon bei deinem Gedicht "vom schreiben" so war, dass sich durch die Rückmeldung nicht nur das "wie" sondern für mich auch das "was" gesagt wurde, stark verändert hat, was die Aussage oder das Bild dann für mich irgendwie etwas beliebig erscheinen lässt, vielleicht dann auch zu sehr auf die Wirkung bedacht. Wenn ich deine Kommentare dann dazu lese, sehe ich schon, dass jeweils ein eigener Gedanke dahintersteht, ich würde da aber eher einen Schnitt machen und neu ansetzen in einem ganz anderen Text und diese dann nebeneinander stehen lassen.
Ich gehe jetzt mal von der zweiten Version aus und deiner Erklärung. Ich hätte die von dir genannten Aspekte so auch nicht herausgelesen. Gott zu vermenschlichen ist sowieso meist ein ziemlich schwieriger Ansatz, der für mich selten gelingt und argumentativ meist recht schnell an einem toten oder zumindest wackeligen Punkt endet. Zu leicht fällt es dann auch in die Rechtfertigung, dem Abschieben von Verantwortung.
Sicher ein weites und interessantes Feld, das das Gedicht versucht anzureißen.
Vielleicht könntest du das Menschliche, und somit auch den Gedanke der Eigenverantwortung, versuchen über den Sohn mit hineinzutragen. Die Frage, ob das der/ein Gott ist, wie man ihn selbst sieht, oder sich (v)erklärt, stellt sich glaube ich wirklich eher ein, wenn Gott nicht direkt benannt wird?
Nur mal als Anreiz: .-)
ein kinderspiel
der sohn ist tot
manchmal sitzt sein geist
morgens in der straßenbahn
stiert seine spiegelbilder an
seine zähne sind ziemlich weiß
vielleicht verwaltet er notstände
und kaut in wolkenkratzern
an nagelhäuten bis aufs blut
beschleunigt er mittags
mit fußtritten die welt
heissa schreien die einen
andere kotzen dabei oder sterben
manchmal macht er urlaub
im heiligen land oder afghanistan
betrachtet dann bilder vom anfang von heut
abends schaut er von oben herab
wie die wolken einen haken machen
hinter die tage
Liebe Grüße
Flora
auch für mich zwei völlig unterschiedliche Texte. Ein wenig verunsichert mich das, da das auch schon bei deinem Gedicht "vom schreiben" so war, dass sich durch die Rückmeldung nicht nur das "wie" sondern für mich auch das "was" gesagt wurde, stark verändert hat, was die Aussage oder das Bild dann für mich irgendwie etwas beliebig erscheinen lässt, vielleicht dann auch zu sehr auf die Wirkung bedacht. Wenn ich deine Kommentare dann dazu lese, sehe ich schon, dass jeweils ein eigener Gedanke dahintersteht, ich würde da aber eher einen Schnitt machen und neu ansetzen in einem ganz anderen Text und diese dann nebeneinander stehen lassen.
Ich gehe jetzt mal von der zweiten Version aus und deiner Erklärung. Ich hätte die von dir genannten Aspekte so auch nicht herausgelesen. Gott zu vermenschlichen ist sowieso meist ein ziemlich schwieriger Ansatz, der für mich selten gelingt und argumentativ meist recht schnell an einem toten oder zumindest wackeligen Punkt endet. Zu leicht fällt es dann auch in die Rechtfertigung, dem Abschieben von Verantwortung.
Sicher ein weites und interessantes Feld, das das Gedicht versucht anzureißen.
Vielleicht könntest du das Menschliche, und somit auch den Gedanke der Eigenverantwortung, versuchen über den Sohn mit hineinzutragen. Die Frage, ob das der/ein Gott ist, wie man ihn selbst sieht, oder sich (v)erklärt, stellt sich glaube ich wirklich eher ein, wenn Gott nicht direkt benannt wird?
Nur mal als Anreiz: .-)
ein kinderspiel
der sohn ist tot
manchmal sitzt sein geist
morgens in der straßenbahn
stiert seine spiegelbilder an
seine zähne sind ziemlich weiß
vielleicht verwaltet er notstände
und kaut in wolkenkratzern
an nagelhäuten bis aufs blut
beschleunigt er mittags
mit fußtritten die welt
heissa schreien die einen
andere kotzen dabei oder sterben
manchmal macht er urlaub
im heiligen land oder afghanistan
betrachtet dann bilder vom anfang von heut
abends schaut er von oben herab
wie die wolken einen haken machen
hinter die tage
Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)
Liebe Flora,
danke für die Auseinandersetzung mit dem Text.
Die Änderungen: Hm, bei "Vom Schreiben" war es so, als wäre da eine andere Seite hervorgekitztelt worden, die zu dem rauheren Text führte. Aber mir schien, dass der andere dadurch nicht falsch wird, mir sind eigentlich beide Facetten wichtig. Und gerade beim Schreiben gibt es doch eigentlich viele Wege. Mir schien das eher eine Bereicherung, dass ich nun zwei Versionen habe. Und da möchte ich auch an beiden festhalten. Es ist also eher so, dass ich entdecke: Da ist ja noch etwas, was ich vergessen hatte, wie spannend. "Auf Wirkung hin": ich schreibe ja die meisten Sachen hier nicht, um sie zu veröffentlichen. Gerade bei dem Text war es eher die Erweiterung des Selbstausdrucks...
Das ist hier anders. Für mich stimmt die zweite Version. Gerade in ihrer Unbestimmtheit.
Das Thema "Eigenverantwortung" über den Sohn reinzunehmen, geht für mich gar nicht. Da kommt mir sofort Jesus in den Sinn, der aber für mich ein Gottesbild vertreten hat, das dem hier gezeigten total entgegengesetzt ist.
Ich bin mir gerade nicht sicher, ob ich im Text deutlicher machen will, was ich mit dem "toten Gott" meine. Ich meine, es sind Hinweise da, die man lesen kann aber nicht muss. Zum Beispiel, dass er eben von unten und nicht von oben zu den Wolken schaut...
Ich muss erstmal bei dieser Version bleiben, scheint mir.
Liebe Grüße
leonie
danke für die Auseinandersetzung mit dem Text.
Die Änderungen: Hm, bei "Vom Schreiben" war es so, als wäre da eine andere Seite hervorgekitztelt worden, die zu dem rauheren Text führte. Aber mir schien, dass der andere dadurch nicht falsch wird, mir sind eigentlich beide Facetten wichtig. Und gerade beim Schreiben gibt es doch eigentlich viele Wege. Mir schien das eher eine Bereicherung, dass ich nun zwei Versionen habe. Und da möchte ich auch an beiden festhalten. Es ist also eher so, dass ich entdecke: Da ist ja noch etwas, was ich vergessen hatte, wie spannend. "Auf Wirkung hin": ich schreibe ja die meisten Sachen hier nicht, um sie zu veröffentlichen. Gerade bei dem Text war es eher die Erweiterung des Selbstausdrucks...
Das ist hier anders. Für mich stimmt die zweite Version. Gerade in ihrer Unbestimmtheit.
Das Thema "Eigenverantwortung" über den Sohn reinzunehmen, geht für mich gar nicht. Da kommt mir sofort Jesus in den Sinn, der aber für mich ein Gottesbild vertreten hat, das dem hier gezeigten total entgegengesetzt ist.
Ich bin mir gerade nicht sicher, ob ich im Text deutlicher machen will, was ich mit dem "toten Gott" meine. Ich meine, es sind Hinweise da, die man lesen kann aber nicht muss. Zum Beispiel, dass er eben von unten und nicht von oben zu den Wolken schaut...
Ich muss erstmal bei dieser Version bleiben, scheint mir.
Liebe Grüße
leonie
Hallo Leo,
nur noch ein paar Gedanken dazu, nicht beharrend gemeint.
Liebe Grüße
Flora
nur noch ein paar Gedanken dazu, nicht beharrend gemeint.
Ich habe eher den Eindruck, dass diese Version sehr bestimmt vom Leser aufgefasst wird, aber in eine Richtung, die du gar nicht intendiert hast?Für mich stimmt die zweite Version. Gerade in ihrer Unbestimmtheit.
Genau darin würde für mich wiederum die nötige Reibung stecken, der Reiz weiter denken zu müssen, auch den Ansatz des Gedichtes zu hinterfragen und dann schließlich eben das eigene Gottesbild und Menschenbild, wie du schreibst. Ich vermute mit Jesus verbinden die Meisten, auch Nichtgläubige, erst einmal ein positives, liebendes Gottesbild, was dazu führt, dass innerhalb des Gedichtes eine Spannung entsteht. Im Moment entsteht sie entweder gar nicht, was dann zu fenestras oder Sams Leseweise führt, oder eben nur durch das innere "gläubige" Gegenbild eines Lesers, der sich dann jedoch vielleicht auch einfach empört abwendet.Das Thema "Eigenverantwortung" über den Sohn reinzunehmen, geht für mich gar nicht. Da kommt mir sofort Jesus in den Sinn, der aber für mich ein Gottesbild vertreten hat, das dem hier gezeigten total entgegengesetzt ist.
Dass man es "rein" als menschliche Geschichte liest, (falls du das im Sinn hattest mit Unbestimmtheit?), halte ich durch den Einstieg und die Benennung Gottes für schwierig. Die Sicht von unten auf die Wolken sagen mir da nicht wirklich etwas, da Gott ja laut der evozierten Wahrheit des Gedichtes auch tot in der Straßenbahn sitzt und Urlaub macht, warum sollte er dann nicht von unten schauen können?Ich bin mir gerade nicht sicher, ob ich im Text deutlicher machen will, was ich mit dem "toten Gott" meine. Ich meine, es sind Hinweise da, die man lesen kann aber nicht muss. Zum Beispiel, dass er eben von unten und nicht von oben zu den Wolken schaut...
Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)
Liebe Flora,
ich überlege zu schreiben: "und stiert dich im (oder als) spiegelbild an". Dann müsste ich das mit den Zähnen vielleicht auch ändern.
Ich will ja eigentlich, dass es nicht zu eindeutig ist. Es soll Fragen aufwerfen und nicht sie beantworten. Es soll auch ruhig Zustimmung evozieren, aber so, dass man da einen Haken merkt...
Dass gar keine Spannung im Text ist, glaube ich nicht. Denn die Wut auf Gott entsteht doch aus der Annahme, dass er "gut" sein müsse, man das aber in der Welt nicht entdecken kann. Das ist ein großes Spannungsfeld, denke ich. Jesus würde man vermutlich solche Vorwürfe nicht machen wie man sie Gott macht...
Danke Dir, dass Du Dich so damit auseinandersetzt!
Liebe Grüße
leonie
ich überlege zu schreiben: "und stiert dich im (oder als) spiegelbild an". Dann müsste ich das mit den Zähnen vielleicht auch ändern.
Ich will ja eigentlich, dass es nicht zu eindeutig ist. Es soll Fragen aufwerfen und nicht sie beantworten. Es soll auch ruhig Zustimmung evozieren, aber so, dass man da einen Haken merkt...
Dass gar keine Spannung im Text ist, glaube ich nicht. Denn die Wut auf Gott entsteht doch aus der Annahme, dass er "gut" sein müsse, man das aber in der Welt nicht entdecken kann. Das ist ein großes Spannungsfeld, denke ich. Jesus würde man vermutlich solche Vorwürfe nicht machen wie man sie Gott macht...
Danke Dir, dass Du Dich so damit auseinandersetzt!
Liebe Grüße
leonie
Wer ist online?
Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 14 Gäste