ich habe mir worte gezähmt

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
claire.delalune

Beitragvon claire.delalune » 28.07.2010, 18:28

bei licht besehen ein trugschluss
sie sprechen noch immer von kummer
von freude und sonne von wehmut

sie waren nicht am meer und
schlagen doch wellen bis an den rand
der gedanken meiden gebirge
und halten rast am kar

aus dem öden schöpfen sie nahrung
und hinterlassen trümmer
wie durch wunder hindurch gehen
sie nahe und schaffen abstand
zerreißen mauern und bauen sie
hinterrücks wieder auf

was ich nicht weiß:
wo sie wohnen wenn ich sie suche
was sie so ungreifbar macht

manchmal wenn ich schlafe
fesseln sie mich
dann bin ich ganz zahm
im erwachen

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noel
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Beitragvon noel » 28.07.2010, 18:38

ich liebe gut gesetzte zeilen
_brüche, aber
mit deinen komme ich
nicht klar
wenn ich den text ohne zeilen lese,
meine ich ihn zu fühlen.
NOEL = Eine Dosis knapp unterhalb der Toxizität, ohne erkennbare Nebenwirkung (NOEL - no observable effect level).

Wir sind alle Meister/innen der Selektion und der konstruktiven Hoffnung, die man allgemein die WAHRHEIT nennt ©noel

claire.delalune

Beitragvon claire.delalune » 28.07.2010, 21:15

hallo noel,
danke für deinen kommentar! ich schreibe sehr intuitiv, aus dem bauch raus und setzte genau so hier auch die zeilenumbrüche. beim schreiben fühlten sie sich für mich richtig an, ich hatte einige zunächst anders, habe sie dann so gesetzt, wie sie hier stehen. es mag sein, dass es geschicktere gäbe - ich bin auch noch nicht sicher, dass es so bleibt. der text ist recht frisch.
generell mag ich es inzwischen, wenn die zeilen nicht unbedingt mit dem bedeutungsende enden, sondern sich ein gedanke noch in die nächste zeile hinein zieht oder gar über mehrere zeilen hinweg sich je nach setzung des umbruchs verschiedene lesarten ergeben. das vielleicht für dich als erläuterung.

den text fühlen, das finde ich gut. :) ganz ohne umbrüche - hm. ich fand ihn schon ohne leerzeilen problematisch, zu gehetzt.

bin mal gespannt, vielleicht gibts ja mit der zeit noch mehr rückmeldungen.

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 30.07.2010, 23:00

Hallo claire,

schön mal wieder etwas von dir zu lesen!
Für mich verschenkt dieses Gedicht die Möglichkeit etwas im Leser aufzurühren, weil es sich vollständig erklärt, benennt und das Geheimnis, von dem es eigentlich erzählen könnte, und diese spannende Verkehrung, für mich somit zerredet.
Etwas davon findet man noch in der vierten Strophe, was mich dann auch aufhorchen ließ.

was ich nicht weiß:
wo sie wohnen wenn ich sie suche

Ich würde hier, was aber dann wohl nicht mehr deines ist, stark verdichten und alles Erklärende streichen und die Bilder so stärken, eine Reibung zulassen und ihnen Raum geben. Auch der Frage, wie durch eine Fesselung ein Gezähmtsein entsteht und was dieses Zahmsein (für LIch) bedeutet, und was es sich selbst von der Zähmung versprochen hat. Vielleicht ist trotzdem etwas für dich dabei, oder zeigt sich zumindest besser, was ich zu erklären versuche. .-)

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Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

claire.delalune

Beitragvon claire.delalune » 01.08.2010, 20:59

hallo flora -
deine verdichtung ist toll geworden, bin grad ganz begeistert davon. danke für die mühe und gedanken, die du investiert hast!

jetzt schreibe ich mal nach ewigkeiten wieder ein etwas ausschweifenderes gedicht und schon scheint es zu lang, zu ausführlich zu sein. *schmunzelt*

die gegensätze zu beginn würde ich gerne beibehalten, denn genau diese wechselhaftigkeit zeichnet meine gedichte aus. und dass das so ist, zeichnet das scheitern der zähmungsversuche aus. gleichmut ist selten, es sind die starken schwankungen, die mich zum schreiben bewegen. ...

was mir gefällt ist deine veränderung das meer betreffend. sie sind nicht mehr - das ist besser als nicht am meer gewesen zu sein, ich glaub, das mag ich übernehmen. danke!

ob ich auf die mauern verzichten mag weiß ich noch nicht, da bin ich noch unschlüssig. und auch die andere ambivalenz (nahe gehen/abstand schaffen) war mir im schreiben recht wichtig. hm.

auf jeden fall werde ich mir deine gedanken weiter durch den kopf gehen lassen!

ach ja: die formale aufteilung der ersten strophe ist echt klasse in deiner version. :)

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 02.08.2010, 20:54

Hallo claire,

das freut mich, dass etwas Anregendes für dich dabei war und danke fürs Aufzeigen, an welchen Stellen dir Wichtiges verlorenging!

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)


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