siebnundreissig im schatten
asphalt schmilzt lava rinnt die straßen hinunter zieht
meine schuhe fort die haut wirft blasen mit einer kelle
werden menschen aus der masse gehoben und schrei-
end über mir ausgegossen auf dem boden schlängeln
sich fettige därme in einer roten soße deine hand führt
mich hindurch bis an den fluss helden werden in gewag-
ten posen vorbeigezogen machen aufhebens um ihre
bugwellen bis jemand sie mit einem kescher einfängt
und auf die sandsteinpfeiler der brücke stellt wo sie
lautlos verwittern
die ganze nacht möchte ich hier bleiben die karte des
flusses vor dir ausbreiten dir sandbänke zeigen steil-
ufer stromschnellen rinnsale und mündungen lange
habe ich an dieser karte gezeichnet aber du sagst ich
habe das wort boot zu früh ausgesprochen einen tag
ein jahr zu früh und nun bringst du mich in sicherheit
vor einbruch der nacht alles andere würde man dir
später vorwerfen nach einem tag einem jahr
so werde ich durch den tunneleinschnitt in das zimmer
gebracht keine tür drei fenster durch die eine brüllende
meute mit glühendroten augenpaaren hereinstürzt wenn
sie geschlossen werden verfestigt sich das harz um mich
herum eine fliege im bernstein denke ich das wort boot
der harzblock wird zum boot treibt den fluss hinab den
rhein treibt um sandbänke an steilufern stromschnellen
rinnsalen und mündungen vorbei bis an die loreley
ich habe einen friseurtermin
siebnundreissig im schatten
Liebe Fenestra,
ich lese das jetzt zum dritten Mal, verstehe noch bei weitem nicht viel, lasse mich aber immer wieder hineinziehen in einen text zwischen Lyrik und Prosa, zwischen Verflüssigung und Verfestigung, der zugleich mit seinem ironischen Schlusswort etwas vom Ende eines Flirts hat, wozu auch der negative Tenor des Bildchens am Ende bestens passt.
Leicht angeschmolzener Gruß
Quoth
ich lese das jetzt zum dritten Mal, verstehe noch bei weitem nicht viel, lasse mich aber immer wieder hineinziehen in einen text zwischen Lyrik und Prosa, zwischen Verflüssigung und Verfestigung, der zugleich mit seinem ironischen Schlusswort etwas vom Ende eines Flirts hat, wozu auch der negative Tenor des Bildchens am Ende bestens passt.
Leicht angeschmolzener Gruß
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.
Lieber Quoth,
danke für dein "Sich-hineinziehen-lassen"! Das Verflüssigen und Verfestigen ist tatsächlich ein durchgehendes Motiv geworden, eher unabsichtlich, wohl einfach unter dem Eindruck der Hitze.
Man muss sicher nicht alle Elemente des Textes im Einzelnen aufdröseln, um Leitmotive zu erkennen, z.B. die männliche und weibliche Eitelkeit (Held, Loreley).
Vielleicht kommen ja noch ein paar weitere Lesereindrücke. Ich hoffe ja nicht, dass der Text sich so stark sperrt ...
Viele Grüße
fenestra
danke für dein "Sich-hineinziehen-lassen"! Das Verflüssigen und Verfestigen ist tatsächlich ein durchgehendes Motiv geworden, eher unabsichtlich, wohl einfach unter dem Eindruck der Hitze.
Man muss sicher nicht alle Elemente des Textes im Einzelnen aufdröseln, um Leitmotive zu erkennen, z.B. die männliche und weibliche Eitelkeit (Held, Loreley).
Vielleicht kommen ja noch ein paar weitere Lesereindrücke. Ich hoffe ja nicht, dass der Text sich so stark sperrt ...
Viele Grüße
fenestra
Hallo fenestra,
die ganze nacht möchte ich hier bleiben die karte des
flusses vor dir ausbreiten dir sandbänke zeigen steil-
ufer stromschnellen rinnsale und mündungen lange
habe ich an dieser karte gezeichnet aber du sagst ich
habe das wort boot zu früh ausgesprochen einen tag
ein jahr zu früh und nun bringst du mich in sicherheit
vor einbruch der nacht alles andere würde man dir
später vorwerfen nach einem tag einem jahr
Die anderen beiden Strophen sind mir jedoch einfach zu dramatisch übertrieben, so dass ich mühe habe zwischen dem Geschrei über fettigen Därmen, Blut oder Currywurstsoße und glühendroten Augen noch etwas für mich zu hören, oder mich gar hineinziehen zu lassen.
Die letzte isolierte Pointenzeile? irritiert mich dann völlig, liegt vermutlich an meinem Dauerproblem mit der Ironie. .-) LIch möchte keine Loreley sein und lässt alte Zöpfe abschneiden?
Liebe Grüße
Flora
Die Schwierigkeit für mich ist, dass ich die zweite Strophe ganz wunderbar finde, sie könnte für mich alleine stehen und würde mich sofort mitnehmen.Vielleicht kommen ja noch ein paar weitere Lesereindrücke. Ich hoffe ja nicht, dass der Text sich so stark sperrt ...
die ganze nacht möchte ich hier bleiben die karte des
flusses vor dir ausbreiten dir sandbänke zeigen steil-
ufer stromschnellen rinnsale und mündungen lange
habe ich an dieser karte gezeichnet aber du sagst ich
habe das wort boot zu früh ausgesprochen einen tag
ein jahr zu früh und nun bringst du mich in sicherheit
vor einbruch der nacht alles andere würde man dir
später vorwerfen nach einem tag einem jahr
Die anderen beiden Strophen sind mir jedoch einfach zu dramatisch übertrieben, so dass ich mühe habe zwischen dem Geschrei über fettigen Därmen, Blut oder Currywurstsoße und glühendroten Augen noch etwas für mich zu hören, oder mich gar hineinziehen zu lassen.
Die letzte isolierte Pointenzeile? irritiert mich dann völlig, liegt vermutlich an meinem Dauerproblem mit der Ironie. .-) LIch möchte keine Loreley sein und lässt alte Zöpfe abschneiden?
Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)
-
Trixie
hallo fenestra,
ich hab mich komplett hineinziehen lassen, dachte erst, dass er aufgrund der ... hm, ja, der gestaltung zu sperrig ist, zu viel da steht, das mag ich oft nicht so gerne, denke, dass es zu viel infos auf einmal sind, aber das passt so gut und ich hab es richtig... genossen, den text zu lesen, auch wenn ich nicht wirklich viel verstanden habe, aber diese fetzen, eindrücke, ausdrücke, das wirrwarr, innerlich, die wahrnehmung, übertrieben, klar, die, ich würde beinah sagen "selbstmitleidige" interpretation der eigenen situation, vor allem in der 1. und 3. strophe die außenwahrnehmung, also wie das umfeld ist, dann in der 2. strophe die eigene gefühlswelt, die interaktion mit einem Du, die stärker hervortritt - das ist einfach genial, die verarbeitung einer situation und am ende dann die völlige knallharte und so banale ! realität, die plötzlich so viel wichtiger erscheint als das, was alles um einen herum passiert und vorgeht.
das ist ein wenig wie die szene in einem horrorfilm, wo im hintergrund so sich steigernde schräge geigenmusik bis zum zerbersten des trommelfells erklingt und alles ist düster und die hauptfigur hält sich die ohren zu und sieht überall grimassen und alles ist voll übel und dann ganz plötzlich klingelt das telefon und alles ist wieder normal - so lese ich den text und ich hab zwar irgendwie keine ahnung, worum es wirklich geht, aber ich find's toll!!
=)
das mein eindruck soweit...
liebe grüße
trixie
ich hab mich komplett hineinziehen lassen, dachte erst, dass er aufgrund der ... hm, ja, der gestaltung zu sperrig ist, zu viel da steht, das mag ich oft nicht so gerne, denke, dass es zu viel infos auf einmal sind, aber das passt so gut und ich hab es richtig... genossen, den text zu lesen, auch wenn ich nicht wirklich viel verstanden habe, aber diese fetzen, eindrücke, ausdrücke, das wirrwarr, innerlich, die wahrnehmung, übertrieben, klar, die, ich würde beinah sagen "selbstmitleidige" interpretation der eigenen situation, vor allem in der 1. und 3. strophe die außenwahrnehmung, also wie das umfeld ist, dann in der 2. strophe die eigene gefühlswelt, die interaktion mit einem Du, die stärker hervortritt - das ist einfach genial, die verarbeitung einer situation und am ende dann die völlige knallharte und so banale ! realität, die plötzlich so viel wichtiger erscheint als das, was alles um einen herum passiert und vorgeht.
das ist ein wenig wie die szene in einem horrorfilm, wo im hintergrund so sich steigernde schräge geigenmusik bis zum zerbersten des trommelfells erklingt und alles ist düster und die hauptfigur hält sich die ohren zu und sieht überall grimassen und alles ist voll übel und dann ganz plötzlich klingelt das telefon und alles ist wieder normal - so lese ich den text und ich hab zwar irgendwie keine ahnung, worum es wirklich geht, aber ich find's toll!!
=)
das mein eindruck soweit...
liebe grüße
trixie
Hallo, ihr beiden, herzlichen Dank für eure ausführlichen Eindrücke!
Liebe Flora, ich kann dich gut verstehen, die zweite Strophe ist sozusagen in zarten Pastelltönen geschrieben, sie erzählt vom Träumen, von Vertrauen, vom Wunsch nach Hingabe. Aber es ist nicht immer Zeit fürs Träumen und Wünschen und für die zarten Töne. Ganz bewusst habe ich deshalb diese Zeilen zwischen die grellen, lauten, überzeichneten Strophen 1 und 3 gestellt.
Liebe Trixie, du schreibst zwar, dass du nicht wirklich viel verstanden hast, aber im Prinzip beschreibst du dann genau, worum es mir geht:
Die erste und dritte Strophe haben einige Symmetrie: Erst wird eine Sicht auf die Außenwelt beschrieben. Es gibt die Hitze und in der ersten Strophe eine Kirmesszene sinnbildlich stehend für das in der Welt Herumgeworfenwerden der Menschen. In der dritten Strophe wird das alptraumhafte Erleben in einem geschlossenen Raum geschildert. Die "brüllende meute mit glühendroten augenpaaren" ist wohl etwas dick aufgetragen, allerdings finde ich immer noch, dass es ein ausgezeichnetes Bild ist für den in manchen Sommernächten geradezu brutalen Lärm, den am offenen Fenster einer Stadtwohnung vorbeifahrende Autos (und überfliegende Airplanes) bei Menschen mit leichtem Schlaf verursachen können. Ich dachte, dass die roten Augenpaare diese Assoziation vielleicht herstellen können. Das kitschig-horrorfilmartig dick Aufgetragene wird später durch die Schlusszeile enttarnt und neutralisiert, diesen beabsichtigten Effekt hat Trixie total treffend beschrieben:
Der Schlusssatz hat außer der in den Alltag zurückrufenden Funktion noch einen Rückbezug zum Loreley-Thema. Der Leser möge sich entscheiden, wie das zu verstehen ist: Entweder wie Flora sagt,
oder aber (denn oft geht dem Friseurbesuch der Wunsch nach mehr Attraktivität voraus) das lyrische Ich hat nichts dazu gelernt, beginnt von vorn, macht sich hübsch und gerät erneut in das Wirrwarr wechselseitiger Eitelkeiten.
Die Hitze hat jetzt zum Glück etwas nachgelassen - jedenfalls hier im Norden. Ich wünsche auch euch kühle, ruhige Nächte!
Liebe Grüße
fenestra
Liebe Flora, ich kann dich gut verstehen, die zweite Strophe ist sozusagen in zarten Pastelltönen geschrieben, sie erzählt vom Träumen, von Vertrauen, vom Wunsch nach Hingabe. Aber es ist nicht immer Zeit fürs Träumen und Wünschen und für die zarten Töne. Ganz bewusst habe ich deshalb diese Zeilen zwischen die grellen, lauten, überzeichneten Strophen 1 und 3 gestellt.
Liebe Trixie, du schreibst zwar, dass du nicht wirklich viel verstanden hast, aber im Prinzip beschreibst du dann genau, worum es mir geht:
die verarbeitung einer situation und am ende dann die völlig knallharte und so banale ! realität
Die erste und dritte Strophe haben einige Symmetrie: Erst wird eine Sicht auf die Außenwelt beschrieben. Es gibt die Hitze und in der ersten Strophe eine Kirmesszene sinnbildlich stehend für das in der Welt Herumgeworfenwerden der Menschen. In der dritten Strophe wird das alptraumhafte Erleben in einem geschlossenen Raum geschildert. Die "brüllende meute mit glühendroten augenpaaren" ist wohl etwas dick aufgetragen, allerdings finde ich immer noch, dass es ein ausgezeichnetes Bild ist für den in manchen Sommernächten geradezu brutalen Lärm, den am offenen Fenster einer Stadtwohnung vorbeifahrende Autos (und überfliegende Airplanes) bei Menschen mit leichtem Schlaf verursachen können. Ich dachte, dass die roten Augenpaare diese Assoziation vielleicht herstellen können. Das kitschig-horrorfilmartig dick Aufgetragene wird später durch die Schlusszeile enttarnt und neutralisiert, diesen beabsichtigten Effekt hat Trixie total treffend beschrieben:
wie die szene in einem horrorfilm, wo im hintergrund so sich steigernde schräge geigenmusik bis zum zerbersten des trommelfells erklingt und alles ist düster und die hauptfigur hält sich die ohren zu und sieht überall grimassen und alles ist voll übel und dann ganz plötzlich klingelt das telefon und alles ist wieder normal
Der Schlusssatz hat außer der in den Alltag zurückrufenden Funktion noch einen Rückbezug zum Loreley-Thema. Der Leser möge sich entscheiden, wie das zu verstehen ist: Entweder wie Flora sagt,
LIch möchte keine Loreley sein und lässt alte Zöpfe abschneiden
oder aber (denn oft geht dem Friseurbesuch der Wunsch nach mehr Attraktivität voraus) das lyrische Ich hat nichts dazu gelernt, beginnt von vorn, macht sich hübsch und gerät erneut in das Wirrwarr wechselseitiger Eitelkeiten.
Die Hitze hat jetzt zum Glück etwas nachgelassen - jedenfalls hier im Norden. Ich wünsche auch euch kühle, ruhige Nächte!
Liebe Grüße
fenestra
Liebe fenestra,
gut, dass es immer noch heiß ist, dass meine späte Lektüre dieses Textes nicht über das Verfallsdatum hinaus ist .-)
Ich finde diesen Text wieder im guten Sinne kunstfertig! Mir ging es nach dem ersten Lesen zwar in etwa so wie den anderen, es gefiel mir, versetzte mich in "irgendwas", aber ordnen konnte ich es auch nicht - aber auch mir gefiel das und ich biss mich fest und mithilfe deiner Andeutungen kam ich auch ein Stück weiter.
Flora hat ja Recht, dass die Mittelstrophe für sich genommen einen feinen Text gäbe (das ginge auch auf), aber ich mag doch gerade, dass da noch mehr ist, dass da Schwierigkeit, Szenario, Übergriff, Gewalt ist.
Zum Glück kennst du meine Kommentare noch nicht lange genug, dass es dir nicht auffällt, dass ich nicht müde werde, es zu erwähnen, aber ich musste in Bezug auf die Positionierung der "hoffnugnsvollen/trügerischen" Mittelstrophe auch hier an die Motive der Romantiker denken, die ja die (Hitze der) Mittagsstunde gleichsetzten mit der Mystik und Gefahr, aber eben auch Romantik und Auslebungsmoment der Liebe in der Nacht - übertrieben geschildert brennt die Sonne dem einen oder anderem Jüngling da gern mal den Verstand aus dem Schädel und erst mit der Abkühlung kehrt die Vernunftwahrnehmung zurück und enttarnt die Fata Morganas als gefährliches Produkt der Einbildungskraft. Und irgendwo zwischen den beiden Kräften, diesen polarisierten Wahrnehmngsarten auf das selbe Geschehen, liegt dann das, was "wirklich" ist...das Schlupfloch vor der Enttarnung ist vielleicht ein Tümpel, der wahrsagt und tötet.
Die erste Strophe wirkt dabei auf mich nicht wie ein Horrorfilm, aber schon wie ein Film oder sagen wir: Ich hätte wieder sofort Lust das filmisch darzustellen - diese Suppe, diese Brühe von Stadt, einer wird mit der Kelle, alle werden von dieser Kelle ...
Und ich glaube dein Anliegen dieses in Strophe drei zu "wiederholen" im geschlossenem Raum und damit auf interessante Weise ins Private, kleinere zu ziehen, gelingt dir durch viele sprachliche Mittel sehr gut, bei mir hat das unbewusst sehr stark gewirkt zusammen. Ich hätte das nicht so af den Punkt bringen können, ohne deine Erläuterungen, aber als ich sie las, dachte ich: Ja, genau, das ist es!
Dazwischen macht sich die Mittelstrophe ausnehmend gut...kompositorisch befindet sie sich damit ja in genau in derselben Einferchung wie das Ich, sie ist das (trügerische) Herz, aber sie bleibt es eben auch (gibt nichts anderes zu schlagen als...). Und damit besteht doch trotz (nötigem, gelungenem) ironischen Frisörterminschluss eine Bestimmung fort, die nicht abzulegen ist.
Das war eine Reise wert!
liebe Grüße,
Lisa
gut, dass es immer noch heiß ist, dass meine späte Lektüre dieses Textes nicht über das Verfallsdatum hinaus ist .-)
Ich finde diesen Text wieder im guten Sinne kunstfertig! Mir ging es nach dem ersten Lesen zwar in etwa so wie den anderen, es gefiel mir, versetzte mich in "irgendwas", aber ordnen konnte ich es auch nicht - aber auch mir gefiel das und ich biss mich fest und mithilfe deiner Andeutungen kam ich auch ein Stück weiter.
Flora hat ja Recht, dass die Mittelstrophe für sich genommen einen feinen Text gäbe (das ginge auch auf), aber ich mag doch gerade, dass da noch mehr ist, dass da Schwierigkeit, Szenario, Übergriff, Gewalt ist.
Zum Glück kennst du meine Kommentare noch nicht lange genug, dass es dir nicht auffällt, dass ich nicht müde werde, es zu erwähnen, aber ich musste in Bezug auf die Positionierung der "hoffnugnsvollen/trügerischen" Mittelstrophe auch hier an die Motive der Romantiker denken, die ja die (Hitze der) Mittagsstunde gleichsetzten mit der Mystik und Gefahr, aber eben auch Romantik und Auslebungsmoment der Liebe in der Nacht - übertrieben geschildert brennt die Sonne dem einen oder anderem Jüngling da gern mal den Verstand aus dem Schädel und erst mit der Abkühlung kehrt die Vernunftwahrnehmung zurück und enttarnt die Fata Morganas als gefährliches Produkt der Einbildungskraft. Und irgendwo zwischen den beiden Kräften, diesen polarisierten Wahrnehmngsarten auf das selbe Geschehen, liegt dann das, was "wirklich" ist...das Schlupfloch vor der Enttarnung ist vielleicht ein Tümpel, der wahrsagt und tötet.
Die erste Strophe wirkt dabei auf mich nicht wie ein Horrorfilm, aber schon wie ein Film oder sagen wir: Ich hätte wieder sofort Lust das filmisch darzustellen - diese Suppe, diese Brühe von Stadt, einer wird mit der Kelle, alle werden von dieser Kelle ...
Und ich glaube dein Anliegen dieses in Strophe drei zu "wiederholen" im geschlossenem Raum und damit auf interessante Weise ins Private, kleinere zu ziehen, gelingt dir durch viele sprachliche Mittel sehr gut, bei mir hat das unbewusst sehr stark gewirkt zusammen. Ich hätte das nicht so af den Punkt bringen können, ohne deine Erläuterungen, aber als ich sie las, dachte ich: Ja, genau, das ist es!
Dazwischen macht sich die Mittelstrophe ausnehmend gut...kompositorisch befindet sie sich damit ja in genau in derselben Einferchung wie das Ich, sie ist das (trügerische) Herz, aber sie bleibt es eben auch (gibt nichts anderes zu schlagen als...). Und damit besteht doch trotz (nötigem, gelungenem) ironischen Frisörterminschluss eine Bestimmung fort, die nicht abzulegen ist.
Das war eine Reise wert!
liebe Grüße,
Lisa
Vermag man eine Geschichte zu erzählen, die noch nicht geschehen ist?
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.
Zum Glück kennst du meine Kommentare noch nicht lange genug..., aber ich musste in Bezug auf die Positionierung der "hoffnugnsvollen/trügerischen" Mittelstrophe auch hier an die Motive der Romantiker denken, die ja die (Hitze der) Mittagsstunde gleichsetzten mit der Mystik und Gefahr, ...
Liebe Lisa,
und außerdem beschäftige ich mich noch nicht lange genug mit Literatur, um immer diesen gesamten Hintergrund zu haben. Daher bin ich für solche Querverweise sehr dankbar!
Es freut mich, dass du der Textkomposition so viel abgewinnen konntest! Übrigens war diese Wiederholung in der dritten Strophe nicht mein bewusstes Anliegen, sondern hat sich aus einem Auf- und Ab der Motive heraus so ergeben, die starke Symmetrie fiel mir selbst erst hinterher auf.
So ein Video-Projekt zu einigen Texten würde mir auch viel Spaß machen! Allerdings kostet das nicht nur Zeit, sondern auch viel technisches Know-How, so dass wir wohl die Filme weiterhin erstmal nur im Kopf ablaufen lassen müssen. Und das ist ja auch eines der Wirkungen von Lyrik!
Liebe Grüße
fenestra
-
elisarmin
Ohne Punkt und Komma
Ohne Groß - und Kleinschreibung
und dennoch so gut zu lesen.
Liebe fenestra,
mir geht es wie dir. Ich kann dir auch nicht mit viel Hintergrundwissen kommen. Dazu weiß ich viel zu wenig. Ich kann immer nur von meinen Gefühlen sprechen. Von dem was mich bewegt, erreicht hat oder vielleicht sogar abstößt. Doch dein Gedicht hat mich so beeindruckt, dass ich ein paar Worte dazu schreiben muß.
Der erste Absatz hat mich neugierig gemacht, mich hinein gezogen.
Der zweite Absatz hat mich ganz und gar für sich gewonnen. Dahingeschmolzen bin ich. Auch mir ging beim lesen durch den Kopf - warum hast du ihn nicht alleine stehen lassen.
Der dritte Absatz hat mich erschreckt. Er kam mir härter vor. So verzweifelt.
Die Ironie am Ende ist für mich der Hacken an dem man hängen bleibt. Für mich ein perfekter Abschluß. Er läßt einen aus diesem Traum, der alles durchlebt, erwachen und in die Realität zurück finden.
Wirklich sehr gut.
Liebe Grüße
elisarmin
Ohne Groß - und Kleinschreibung
und dennoch so gut zu lesen.
Liebe fenestra,
mir geht es wie dir. Ich kann dir auch nicht mit viel Hintergrundwissen kommen. Dazu weiß ich viel zu wenig. Ich kann immer nur von meinen Gefühlen sprechen. Von dem was mich bewegt, erreicht hat oder vielleicht sogar abstößt. Doch dein Gedicht hat mich so beeindruckt, dass ich ein paar Worte dazu schreiben muß.
Der erste Absatz hat mich neugierig gemacht, mich hinein gezogen.
Der zweite Absatz hat mich ganz und gar für sich gewonnen. Dahingeschmolzen bin ich. Auch mir ging beim lesen durch den Kopf - warum hast du ihn nicht alleine stehen lassen.
Der dritte Absatz hat mich erschreckt. Er kam mir härter vor. So verzweifelt.
Die Ironie am Ende ist für mich der Hacken an dem man hängen bleibt. Für mich ein perfekter Abschluß. Er läßt einen aus diesem Traum, der alles durchlebt, erwachen und in die Realität zurück finden.
Wirklich sehr gut.
Liebe Grüße
elisarmin
Liebe Elisarmin,
herzlichen Dank, dass du mir deine Reaktionen auf den Text schilderst. Ich freue mich, dass der Text dich so mitzieht - und auch, dass du bereit bist, am Schluss auszusteigen aus solchem manchmal recht trügerischen Auf-und-Ab der Gefühle. So wars gedacht!
Viele Grüße
fenestra
herzlichen Dank, dass du mir deine Reaktionen auf den Text schilderst. Ich freue mich, dass der Text dich so mitzieht - und auch, dass du bereit bist, am Schluss auszusteigen aus solchem manchmal recht trügerischen Auf-und-Ab der Gefühle. So wars gedacht!
Viele Grüße
fenestra
liebe fenestra
das nahezu Fieberfantasien hervorruft, starke Bilder, die mich beeidrucken,
am Beginn (lavaschmelzen) hitzige Bewegung, die sich steigert (fast zu Dante)
um dann am Ende der Strophe zu versteinern (wie auch lava das tut) in den Statuen.
das Wünschen, die Sehnsucht des LIs.
Klasse aufgelöst, hier mischen sich Feuer und Wasser und irgendwie
wird die Sehnsucht erfüllt.
Brutal. Wie eine Ohrfeige nach allem!
Habe ich sehr gern gelesen und in diese Welt geblickt.
Liebe Grüße
ELsa
Ganz prächtig ist das Höllenfeuer in der Stadt,siebnundreissig im schatten
asphalt schmilzt lava rinnt die straßen hinunter zieht
meine schuh fort die haut wirft blasen mit einer kelle
werden menschen aus der masse gehoben und schrei-
end über mir ausgegossen auf dem boden schlängeln
sich fettige därme in einer roten soße deine hand führt
mich hindurch bis an den fluss helden werden in gewag-
ten posen vorbeigezogen machen aufhebens um ihre
bugwellen bis jemand sie mit einem kescher einfängt
und auf die sandsteinpfeiler der brücke stellt wo sie
lautlos verwittern
das nahezu Fieberfantasien hervorruft, starke Bilder, die mich beeidrucken,
am Beginn (lavaschmelzen) hitzige Bewegung, die sich steigert (fast zu Dante)
um dann am Ende der Strophe zu versteinern (wie auch lava das tut) in den Statuen.
zauberhaft zärtlich,die ganze nacht möchte ich hier bleiben die karte des
flusses vor dir ausbreiten dir sandbänke zeigen steil-
ufer stromschnellen rinnsale und mündungen lange
habe ich an dieser karte gezeichnet aber du sagst ich
habe das wort boot zu früh ausgesprochen einen tag
ein jahr zu früh und nun bringst du mich in sicherheit
vor einbruch der nacht alles andere würde man dir
später vorwerfen nach einem tag einem jahr
das Wünschen, die Sehnsucht des LIs.
so werde ich durch den tunneleinschnitt in das zimmer
gebracht keine tür drei fenster durch die eine brüllende
meute mit glühendroten augenpaaren hereinstürzt wenn
sie geschlossen werden verfestigt sich das harz um mich
herum eine fliege im bernstein denke ich das wort boot
der harzblock wird zum boot treibt den fluss hinab den
rhein treibt um sandbänke an steilufern stromschnellen
rinnsalen und mündungen vorbei bis an die loreley
Klasse aufgelöst, hier mischen sich Feuer und Wasser und irgendwie
wird die Sehnsucht erfüllt.
ich habe einen friseurtermin
Brutal. Wie eine Ohrfeige nach allem!
Habe ich sehr gern gelesen und in diese Welt geblickt.
Liebe Grüße
ELsa
Schreiben ist atmen
Liebe Elsa,
wie schön, dass dir diese "Fieberfantasien" (wäre auch ein guter Titel) gefallen! Beim Erkalten der Lava ergeben sich in der Tat manchmal Figuren, genau wie beim ausfließendem Harz.
Über deinen Kommentar habe ich mich sehr gefreut.
Viele Grüße
fenestra
wie schön, dass dir diese "Fieberfantasien" (wäre auch ein guter Titel) gefallen! Beim Erkalten der Lava ergeben sich in der Tat manchmal Figuren, genau wie beim ausfließendem Harz.
Über deinen Kommentar habe ich mich sehr gefreut.
Viele Grüße
fenestra
-
Litfink
Fenestra, beim zweiten und dritten Lesen hat mir dein fulminanter Sprachfluss-Text immer besser gefallen, besonders, als ich mir eine Fassung herstellte, bei der zwei Einschübe fortgelassen wurden.
Es sind
a) auf dem boden schlängeln sich fettige därme in einer roten soße
und
b) eine brüllende meute mit glühendroten augenpaaren hereinstürzt
Ich weiss, dass ich unhöflich bin, wenn ich so in deinen Text eingegriffen habe. Das Sprachgebild büsst aber, wie ich meine, nicht ein, sondern die Wirkung gewinnt.
Da ist, schon im Titel, die unglaubliche Hitze, das Ich erlebt alles traumhaft, Bewegung ist da, jedes eigene Beharren schmilzt, ein Sog zieht alles fort. Da sind kühne Bilder. Asphalt schmilzt. Lava rinnt, zieht dir die Schuhe fort, die Haut wirft Blasen, Menschen werden über dich ausgegossen, dann ist da ein du, eine Hand, die dich an den Fluss führt. Dann kommt die erste Formulierung, die mich aufhorchen liess, Fenestra. Helden werden in gewagten Posen vorbeigezogen. Sie machen Aufhebens "um ihre Bugwellen", diese Passage ist genial, Fenestra. Das Ende der Helden ist ein Sandsteinpfeiler der Brücke, wo sie lautlos verwittern.
Nun folgt ein neuer Abschnitt. Das lyrische Ich möchte die ganze Nacht "hier" bleiben, die Karte des Flusses vor dem "du" ausbreiten. Jetzt folgt die zweite Passage, die herausragt: "dir Sandbänke zeigen Steilufer Stromschnellen Rinnsale Mündungen". Etwas verrätselt kommt mir dann vor, dass das Wort Boot zu früh ausgesprochen worden ist. Aber es schadet dem Ganzen des Stromfluss-Textes nicht. Auch das zweimal "zu früh" nicht, es wird "aufgefangen" im Satz "alles andere würde man dir später vorwerfen nach einem tag einem jahr".
Der dritte Abschnitt hat wieder eine Glanz-Passage, nämlich "werde ich durch den tunneleinschnitt in das zimmer gebracht" und als Steigerung und Höhepunkt "verfestigt sich das harz um mich herum eine fliege im bernstein denke ich". Selbst darauf setzt du dann, rhythmisch besonders "gewellt-fließend" und reizstark die Zeile, die uns bis zur Loreley führt. Der Friseurtermin ist dann kess-krass der Einbruch der Tages-Realität.
Am stärksten wirkt bei mir der Bernstein nach und was er umschliesst.
Fenestra, diese Ausdrucksform im mäandernden Sprachfluss mit freien und kühnen Assoziationen scheint dir zu liegen. Gespannt warte ich darauf, dass du weitere reizstarke Texte schreibst. Du bist auf dem Weg, so sieht es für mich aus, zu einer Ausdruckskunst, die neue farbstarke Welten vor uns ausbreitet.
Es sind
a) auf dem boden schlängeln sich fettige därme in einer roten soße
und
b) eine brüllende meute mit glühendroten augenpaaren hereinstürzt
Ich weiss, dass ich unhöflich bin, wenn ich so in deinen Text eingegriffen habe. Das Sprachgebild büsst aber, wie ich meine, nicht ein, sondern die Wirkung gewinnt.
Da ist, schon im Titel, die unglaubliche Hitze, das Ich erlebt alles traumhaft, Bewegung ist da, jedes eigene Beharren schmilzt, ein Sog zieht alles fort. Da sind kühne Bilder. Asphalt schmilzt. Lava rinnt, zieht dir die Schuhe fort, die Haut wirft Blasen, Menschen werden über dich ausgegossen, dann ist da ein du, eine Hand, die dich an den Fluss führt. Dann kommt die erste Formulierung, die mich aufhorchen liess, Fenestra. Helden werden in gewagten Posen vorbeigezogen. Sie machen Aufhebens "um ihre Bugwellen", diese Passage ist genial, Fenestra. Das Ende der Helden ist ein Sandsteinpfeiler der Brücke, wo sie lautlos verwittern.
Nun folgt ein neuer Abschnitt. Das lyrische Ich möchte die ganze Nacht "hier" bleiben, die Karte des Flusses vor dem "du" ausbreiten. Jetzt folgt die zweite Passage, die herausragt: "dir Sandbänke zeigen Steilufer Stromschnellen Rinnsale Mündungen". Etwas verrätselt kommt mir dann vor, dass das Wort Boot zu früh ausgesprochen worden ist. Aber es schadet dem Ganzen des Stromfluss-Textes nicht. Auch das zweimal "zu früh" nicht, es wird "aufgefangen" im Satz "alles andere würde man dir später vorwerfen nach einem tag einem jahr".
Der dritte Abschnitt hat wieder eine Glanz-Passage, nämlich "werde ich durch den tunneleinschnitt in das zimmer gebracht" und als Steigerung und Höhepunkt "verfestigt sich das harz um mich herum eine fliege im bernstein denke ich". Selbst darauf setzt du dann, rhythmisch besonders "gewellt-fließend" und reizstark die Zeile, die uns bis zur Loreley führt. Der Friseurtermin ist dann kess-krass der Einbruch der Tages-Realität.
Am stärksten wirkt bei mir der Bernstein nach und was er umschliesst.
Fenestra, diese Ausdrucksform im mäandernden Sprachfluss mit freien und kühnen Assoziationen scheint dir zu liegen. Gespannt warte ich darauf, dass du weitere reizstarke Texte schreibst. Du bist auf dem Weg, so sieht es für mich aus, zu einer Ausdruckskunst, die neue farbstarke Welten vor uns ausbreitet.
Lieber Literatur-Fink,
was für eine Überraschung, dass du diesen sommerheißen Text in den abgeklärten Herbst heraufgeholt hast! Für deine ausführliche Würdigung danke ich sehr.
Die beiden Passagen, die du ausgeblendet hast, gehören inhaltlich schon in das Bild, die realen Ausgangsmotive habe ich in meinen vorausgehenden Kommentaren erläutert. Aber wenn du den Text mit diesen Ausblendungen lieber liest, warum nicht? Es ist nicht unhöflich, sondern das Recht des Lesers, denke ich.
Das "verrätselte" Boot soll sinnbildlich für "Bett" stehen, denn in der mittleren Strophe geht es um die Hingabe des Körpers (versinnbildlicht durch die "Karte des Flusses"), es geht um Verführung - die letztlich mißlingt.
Ich freue mich, dass du mich ermutigst, diesen Sprachstil, den "mäandernden Sprachfluss", wie du so schön sagst, weiter zu verfolgen. Ich werde diese Anregung gern aufnehmen.
Viele Grüße
fenestra
was für eine Überraschung, dass du diesen sommerheißen Text in den abgeklärten Herbst heraufgeholt hast! Für deine ausführliche Würdigung danke ich sehr.
Die beiden Passagen, die du ausgeblendet hast, gehören inhaltlich schon in das Bild, die realen Ausgangsmotive habe ich in meinen vorausgehenden Kommentaren erläutert. Aber wenn du den Text mit diesen Ausblendungen lieber liest, warum nicht? Es ist nicht unhöflich, sondern das Recht des Lesers, denke ich.
Das "verrätselte" Boot soll sinnbildlich für "Bett" stehen, denn in der mittleren Strophe geht es um die Hingabe des Körpers (versinnbildlicht durch die "Karte des Flusses"), es geht um Verführung - die letztlich mißlingt.
Ich freue mich, dass du mich ermutigst, diesen Sprachstil, den "mäandernden Sprachfluss", wie du so schön sagst, weiter zu verfolgen. Ich werde diese Anregung gern aufnehmen.
Viele Grüße
fenestra
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