Dinge, die ich erinnere

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Louisa

Beitragvon Louisa » 07.07.2010, 00:44

(In anderen Sprachen hört sich der Titel viel cooler an :smile: - trotzdem:)

Ich erinnere, das heißt, ich habe eine Hand voll Brotkrümeln.
Ich weiß nicht mehr woher das Brot und
ich weiß nicht mehr, ob ich das essen soll
oder einem Armen geben muss, der darüber lacht.
So wenig, so kläglich ist es – ich weiß nicht,
ob ich darüber lachen soll.

Du hast deinen Badeanzug mit rosa Seerosen
hochgezogen und deine Brüste in seine Schalen gelegt.
„Ab ins Körbchen!“ hast du gesagt.

Du hast die Mandarinen aus der Dose
in den Quark geschüttet und im Liegen
gegessen während der Fernseher sprach.

Du hast mit mir auf dem Rummelplatz
vor Baggerautomaten gestanden, ich habe geheult
bis mir jemand aus Mitleid sein Plüschtier gab.

Du hast deine Brüste bewegt,
du hast die Mandarinen gegessen,
du hast mit mir gewartet
bis ich glücklich war.

Du hast deinen blauen Badeanzug mit rosa Seerosen;
du hast ihn in den Quark gelegt; ich habe ihn mit dem Bagger
herausgezogen, du hast mit mir gegessen; als der Fernseher sprach

Ich habe eine Hand voll Brotkrümeln.
Ich weiß nicht, ob ich darüber –

Quoth
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Beitragvon Quoth » 07.07.2010, 07:38

Liebe Louisa,
eine schöne Beschwörung von Kindheitserinnerungen - wohl an die Mutter.
Merkwürdig ihre surreale Durchmischung in der vorletzten Strophe.
In der vorletzten Zeile sprichst Du von "Brotsamen" für Brotkrümel.
Ist Dir das ehrwürdige luthersche und grimmsche "Brosamen" nicht vertraut?
Hast Du es absichtlich vermieden?
Gruß
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

Klara
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Beitragvon Klara » 07.07.2010, 09:11

das bringt mich zum weinen - so schön und so traurig ist das.

ich sehe die bilder, ich fühle das kind, ich vermisse die mutter oder die zeit, in der kind kind war, kurz: ich bin - dabei. was kann man mehr von einem erinnerungstext erwarten, als dass er weh tut?

du hast mit mir gewartet
bis ich glücklich war.


wow...

fünf sterne dafür.

k

Klara
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Beitragvon Klara » 07.07.2010, 09:13

p.s.
plädiere für beibehaltung der broTsamen - die sind näher dran an einem kind, und das BROT ist so wichtig, in diesem fall, finde ich, wichtiger als der weiche klang ohne T

Klara
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Beitragvon Klara » 07.07.2010, 09:16

p.p.s
perec kennst du?

Je me souviens -

http://ateldec.chez.com/00002000/a.html

Nicole

Beitragvon Nicole » 07.07.2010, 09:47

Hallo Louisa,

das ist eine Wucht.
Es beschwört genau die Kleinigkeiten herauf, die so oft zu Erinnerungen werden. Und die dann immer wieder im Alltag, hochkommen...
Ich erinnere mich an das Bild der Hände meines Vaters am Lenkrad. Ich schaute da oft als Kind drauf, wenn wir in den Urlaub fuhren und ich, die Schultern zwischen die beiden Vordersitze eingeklemmt, nach vorne schaute. (Damals gab es ja noch keine Anschnallpflicht auf der Rückbank... )Manchmal, heute beim Autofahren, sehe ich meine eigenen Hände am Lenkrad (ich fasse es oft genau so an, wie mein Daddy) und erinnere mich...

Gefällt mir unglaublich gut.

Nicole

Louisa

Beitragvon Louisa » 07.07.2010, 10:59

Hallo Quoth, Klara und Nicole!

Ich glaube ich habe gar keinen Geschmack, was meine eigenen Texte angeht :smile: - Ich bin eben aufgewacht und dachte immer nur: "Das ist doch totaler Mist, das musst du wieder löschen! Löschen, löschen, löschen!" :smile:

Aber anscheinend ist es doch nicht so mistig... lalala :pfeifen:

Also, ich habe auch länger über die Brotsamen gegrübelt, aber am Ende fand ich den Klang und die Variation dann schöner - ich kann euch aber nicht genau erklären weshalb - ausnahmsweise :smile:

Klara, das von Perec kannte ich nicht, aber es gefällt mir gut! Besonders die geteilte Banane -

Ja, es ist wirklich faszinierend wie viele EInzelheiten (so wie das Lenkrad von Nicole) einem einfallen, wenn man im Vergangenen fischt, aber trotzdem erscheinen mir diese vielen Einzelheiten sehr vage und ja, gerade surreal, Quoth! Woher weiß ich denn jetzt noch wie genau sich dieses oder jenes zugetragen hat? Vielleicht sehe ich die Dinge jetzt auch nur noch so wie ich sie gerne sehen würde - vielleicht vermische ich auch Gefühls- und Wirklichkeitsebenen so miteinander, dass sie am Ende in einem einzigen Wirrwarr aufgehen, dass gar keine Geschichte mehr ist.... Ich finde das ganze Thema der verblassten Bilder aus einer anderen Zeit sehr, sehr spannend.... und ich weiß manchmal wirklich nicht, was man eigentlich mit diesen Bildern anfangen soll außer sie zu hegen wie Ikonen auf einem Altar.

Ich habe mich sehr bestärkt und gefreut über eure Kommentare!

Alles Liebe!
l

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ferdi
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Beitragvon ferdi » 07.07.2010, 12:41

Hallo Louisa!

Ich halte den Text auch für sehr gut.

Was meinst du genau mit "Variation" bei Brotsamen?! Soll das ein Wortspiel sein? Das von Quoth angesprechene Brosamen meint erstmal nur Zerbröseltes, Krümel, soweit ich weiß, und hat mit Brot wenig zu tun, mit Samen gar nichts; Wenn du aber Brot-Samen schreibst, lese ich das als "Samen aus Brot" oder "Samen, aus denen Brot wird" Hast du das so gedacht? "Krümel" wäre da dann nicht mehr drin... Hm, ich weiß nicht, ob das eine schlaue Idee war ;-)

Ferdigruß!
Schäumend enthüpfte die Woge den schöngeglätteten Tannen. (Homer/Voß)

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 07.07.2010, 16:26

Liebe Louisa,

das sind feine Bilder, gar nicht verblasst, sondern farbig (Seerosen, Mandarinen) und frisch! Die Badeanzüge mit den Körbchen, die Mandarinen aus der Dose ... beides kommt mir von meiner Ma auch bekannt vor. ;)

Die erste Strophe ist mir ein bisschen zu lang, das könnte man verdichten. 3-4 Zeilen würden als Eröffnung reichen, finde ich.

Ich erinnere, das heißt, ich habe eine Hand voll Brotkrümeln.


Für mein Sprachgefühl hieße es "eine Hand voll Brotkrümel".

Viele Grüße
fenestra

Max

Beitragvon Max » 08.07.2010, 00:20

Liebe Louisa,

ganz feiner Text, genau das richtige Gedicht für mich - genau der richtige Ton.

Mit den Brotkrümeln hat Fenestra glaube ich recht.

Liebe grüße
Max

african queen

Beitragvon african queen » 08.07.2010, 13:23

Liebe Louisa,
genau, wie du das beschreibst, sehe ich auch, da verschwimmt mit der Zeit die
Realität, einiges verschiebt sich ineinander, und doch, glaube ich, sind diese
Kleinigkeiten ein Teil von uns. Mit der Erinnerung kommt häufig ins Bewußtsein,
warum sehe ich die Dinge so und nicht anders, es hilft zu wissen, wer ich bin.usw..
wagemutig servierst du wie immer mit besonderen Worten uns " Kleinigkeiten ".
So surreal, finde ich grandios.
lg
african queen

Quoth
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Beitragvon Quoth » 09.07.2010, 16:43

Hallo, Louisa,
ich habe einen Vorschlag zu den "Brotsamen".
Wie wäre es damit, sie in Anführungsstriche zu setzen?
Dann wären sie die kindliche Übersetzung eines für Kinder zunächst unverständlichen oder für falsch gehaltenen Begriffs "Brosamen".
Die "Brosamen" kommen z.B. in "Hänsel und Gretel" vor, d.h. das Kind kann ihnen gut und gern schon begegnet sein und kann sie sich auf die Auskunft, es handle sich um Krümel, als "Brotsamen" erklärt und übersetzt haben.
Gruß
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

Quoth
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Beitragvon Quoth » 09.07.2010, 22:54

Muss mich korrigieren: In "Hänsel und Gretel" habe ich nur "Brotbröcklein" gefunden. Und den folgenden Satz (aus Hölderlins "Hyperion") wird ein Kind kaum schon kennen:

"Ich weiß so gut, wie du, ich könnte mir ein Dasein noch erkünsteln, könnte, weil des Lebens Mahl verzehrt ist, mit den Brosamen noch spielen, aber das ist meine Sache nicht; auch nicht die deine."
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

Klara
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Beitragvon Klara » 10.07.2010, 11:42

Sagt mal, ist nicht der Titel ein Anglizismus - oder ist das jetzt auch deutschdudentauglich, Dinge zu erinnern?

Früher, als ich jung war, daran erinnere ich mich, galt es grammatisch durchaus, sich AN etwas zu erinnern :)

remember that?

;)


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