Geteert und gefiedert
Er, der hier einst der Fischer Schrecken war,
erschreckt nun keinen mehr, mit Öl lackiert,
mit Fett durchseucht ins letzte Federhaar,
's ist jetzt schon klar, dass er noch heut krepiert.
Er schreckt nun keinen mehr, mit Öl lackiert,
schwimmt wie ein Bronzestück im Bronzemeer,
's ist jetzt schon klar, dass er noch heut’ krepiert,
das Mineral macht ihm die Flügel schwer.
Er schwimmt bronziert in einem Bronzemeer,
träumt still von Zeiten luftigen Höhenflugs,
das Mineral macht ihm die Flügel schwer,
das Ende naht des schönen Selbstbetrugs.
Er träumt von Zeiten luftigen Höhenflugs,
als frommes Symbolon und Wappentier,
das Ende naht des schönen Selbstbetrugs,
es hat sich ausgefischt im Teerrevier.
Das fromme Symbolon und Wappentier
ist fettdurchseucht bis ins Gefiederhaar,
es hat sich ausgefischt im Teerrevier
für ihn, der einst der Fische Schrecken war.
"das Leben" nach fenestras Kritik durch "die Flügel" ersetzt.
Geteert und gefiedert
Lieber Quoth,
mit großem Interesse lese ich deinen Ansatz, das Grauen der Ölpest nun an einem einzelnen Tier zu beschreiben. Total treffend finde ich die Formulierung "bronziert in einem Bronzemeer". Genauso sieht es aus - in der "Zeit" war ein Foto von einem Vogel, der einer Bronzeskulptur gleicht - das Leiden darunter ist kaum vorstellbar.
Angesichts dieser Qualen finde ich diese Zeile eigentlich zu schwach/umgangssprachlich:
Dass eine solcherart geschundene Kreatur noch träumen kann von Zeiten luftigen Höhenfluges, können wir nur hoffen.
Die Pantumform soll sicher an Beaudelaire denken lassen. Ich finde diese Form insofern hier gut geeignet, weil die Wiederholungen etwas von Unausweichlichkeit haben. Die Bilder des Schreckens wiederholen, ja steigern sich seit Wochen in den Medien. Wir wollen es nicht sehen, aber es geschieht.
Dieser Vogel, der einst der Fischer und der Fische Schrecken war, ist dem Tode geweiht. Aber die Ölpest ist ebenfalls der Fischer und der Fische Schrecken. Wäre es nicht sinnvoll, den Text auf diesen Aspekt zulaufen zu lassen? Ein weit größerer Feind, als der fischende Vogel, hat alle eingeholt.
Viele Grüße
fenestra
mit großem Interesse lese ich deinen Ansatz, das Grauen der Ölpest nun an einem einzelnen Tier zu beschreiben. Total treffend finde ich die Formulierung "bronziert in einem Bronzemeer". Genauso sieht es aus - in der "Zeit" war ein Foto von einem Vogel, der einer Bronzeskulptur gleicht - das Leiden darunter ist kaum vorstellbar.
Angesichts dieser Qualen finde ich diese Zeile eigentlich zu schwach/umgangssprachlich:
das Mineral macht ihm das Leben schwer
Dass eine solcherart geschundene Kreatur noch träumen kann von Zeiten luftigen Höhenfluges, können wir nur hoffen.
Die Pantumform soll sicher an Beaudelaire denken lassen. Ich finde diese Form insofern hier gut geeignet, weil die Wiederholungen etwas von Unausweichlichkeit haben. Die Bilder des Schreckens wiederholen, ja steigern sich seit Wochen in den Medien. Wir wollen es nicht sehen, aber es geschieht.
Dieser Vogel, der einst der Fischer und der Fische Schrecken war, ist dem Tode geweiht. Aber die Ölpest ist ebenfalls der Fischer und der Fische Schrecken. Wäre es nicht sinnvoll, den Text auf diesen Aspekt zulaufen zu lassen? Ein weit größerer Feind, als der fischende Vogel, hat alle eingeholt.
Viele Grüße
fenestra
Hallo Quoth,
diese Pantum-Versform finde ich klasse. Es liest sich so wunderbar melodisch.
Eigentlich ist dieses Pantum viel zu ästhetisch für den grausamen Inhalt, für den du großartige Worte gefunden hast.
Aber gerade durch das ästhetische Äußere und das "grässliche" Innere wird beim Lesen eine große Eindringlichkeit evoziert, klar, auch durch die für das Pantum typischen Wiederholungen.
Das geht mich an, das macht was mit mir. Das regt mich auf.
Ein feines Gedicht!
Saludos
Gabriella
diese Pantum-Versform finde ich klasse. Es liest sich so wunderbar melodisch.
Eigentlich ist dieses Pantum viel zu ästhetisch für den grausamen Inhalt, für den du großartige Worte gefunden hast.
Aber gerade durch das ästhetische Äußere und das "grässliche" Innere wird beim Lesen eine große Eindringlichkeit evoziert, klar, auch durch die für das Pantum typischen Wiederholungen.
Das geht mich an, das macht was mit mir. Das regt mich auf.
Ein feines Gedicht!
Saludos
Gabriella
Liebe fenestra,
ich könnte "das Leben" durch "die Flügel" ersetzen.
Ursprünglich wollte ich mich auf Baudelaires "Albatros". Aber im Golf von Mexiko gibt es keine Albatrosse. Dort fallen reihenweise Pelikane dem Öl zum Opfer, ihren Namen spreche ich wie in "Gaukler" den der Eiderenten nicht aus. Stimmt, Baudelaire hat auch mit der Pantumform gearbeitet.
Du schreibst:
Durch das Pantum lege ich mir (durchaus willkommene!) Ketten an und muss in der letzten Zeile die erste wieder aufnehmen. Es kommt dadurch zu keinem gedanklichen Fortschritt, nicht zu der von Dir vorgeschlagenen Erweiterung der Perspektive, die mit dem "Teerrevier" m.E. aber angedeutet wird. Die Unausweichlichkeit und Stagnation wird dafür von der Form verstärkt.
Hallo, Gabriella,
vielen Dank für Dein Lob! Du schreibst:
Diesen Kontrast aufzubauen kann man in der Tat bei niemand gründlicher lernen als bei Baudelaire (vgl. z.B. sein Gedicht "La charogne"). Hier freilich geht es um Beschwörung nicht von Ekel, sondern von Mitleid. Würde mich freuen, wenn mir das wirklich gelungen wäre.
Mit Dank für Befassung
Quoth
ich könnte "das Leben" durch "die Flügel" ersetzen.
Ursprünglich wollte ich mich auf Baudelaires "Albatros". Aber im Golf von Mexiko gibt es keine Albatrosse. Dort fallen reihenweise Pelikane dem Öl zum Opfer, ihren Namen spreche ich wie in "Gaukler" den der Eiderenten nicht aus. Stimmt, Baudelaire hat auch mit der Pantumform gearbeitet.
Du schreibst:
Aber die Ölpest ist ebenfalls der Fischer und der Fische Schrecken. Wäre es nicht sinnvoll, den Text auf diesen Aspekt zulaufen zu lassen? Ein weit größerer Feind, als der fischende Vogel, hat alle eingeholt.
Durch das Pantum lege ich mir (durchaus willkommene!) Ketten an und muss in der letzten Zeile die erste wieder aufnehmen. Es kommt dadurch zu keinem gedanklichen Fortschritt, nicht zu der von Dir vorgeschlagenen Erweiterung der Perspektive, die mit dem "Teerrevier" m.E. aber angedeutet wird. Die Unausweichlichkeit und Stagnation wird dafür von der Form verstärkt.
Hallo, Gabriella,
vielen Dank für Dein Lob! Du schreibst:
Eigentlich ist dieses Pantum viel zu ästhetisch für den grausamen Inhalt
Diesen Kontrast aufzubauen kann man in der Tat bei niemand gründlicher lernen als bei Baudelaire (vgl. z.B. sein Gedicht "La charogne"). Hier freilich geht es um Beschwörung nicht von Ekel, sondern von Mitleid. Würde mich freuen, wenn mir das wirklich gelungen wäre.
Mit Dank für Befassung
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.
Hallo Quoth,
sich diesem Thema über ein Einzelschicksal anzunehmen gefällt mir, überhaupt, dass man sich daran versucht und solche Themen nicht auslässt.
Auch das Bronzestück im Bronzemeer mag ich in seiner Bildhaftigkeit. Ob man auf das "wie" nicht verzichten könnte?
Dieses Thema allerdings so umzusetzen, dass es mit den Bildern, die wir zu sehen bekommen und dem, was wir uns vorstellen, mithalten kann, oder für Leser, die diese Bilder nicht kennen, diese eben evozieren kann, dass es wirklich angreift, rührt, halte ich für schwierig. Für mich gelingt das hier leider nicht, es erreicht mich nicht, auch nicht auf einer emotionalen Ebene und das, obwohl mich das Thema selbst sicher nicht kalt lässt.
Ich habe versucht herauszufinden, woran das liegt, und ich denke, es ist wohl die von dir gewählte Form, in Verbindung mit der Sprache, was es mir insgesamt zu "ge/erdichtet", aufgesetzt erscheinen lässt. Das Echte fehlt mir, das "Gemachte" tritt zu sehr in den Vordergrund.
Auch die Vermenschlichung in der dritten Strophe, die Wiederholungen und das "krepiert" sind für mich eher kontraproduktiv. Auf mich wirkt der Kontrast zwischen Form und Inhalt, anders als auf Mucki, also nicht verstärkend.
Noch eine konkrete Frage zum Text:
Liebe Grüße
Flora
sich diesem Thema über ein Einzelschicksal anzunehmen gefällt mir, überhaupt, dass man sich daran versucht und solche Themen nicht auslässt.
Auch das Bronzestück im Bronzemeer mag ich in seiner Bildhaftigkeit. Ob man auf das "wie" nicht verzichten könnte?
Dieses Thema allerdings so umzusetzen, dass es mit den Bildern, die wir zu sehen bekommen und dem, was wir uns vorstellen, mithalten kann, oder für Leser, die diese Bilder nicht kennen, diese eben evozieren kann, dass es wirklich angreift, rührt, halte ich für schwierig. Für mich gelingt das hier leider nicht, es erreicht mich nicht, auch nicht auf einer emotionalen Ebene und das, obwohl mich das Thema selbst sicher nicht kalt lässt.
Ich habe versucht herauszufinden, woran das liegt, und ich denke, es ist wohl die von dir gewählte Form, in Verbindung mit der Sprache, was es mir insgesamt zu "ge/erdichtet", aufgesetzt erscheinen lässt. Das Echte fehlt mir, das "Gemachte" tritt zu sehr in den Vordergrund.
Auch die Vermenschlichung in der dritten Strophe, die Wiederholungen und das "krepiert" sind für mich eher kontraproduktiv. Auf mich wirkt der Kontrast zwischen Form und Inhalt, anders als auf Mucki, also nicht verstärkend.
Noch eine konkrete Frage zum Text:
Ist das ironisch gemeint?Er schreckt nun keinen mehr
Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)
Hallo Quoth,
ich bin so eine Mischleserin aus den Positionen von fenestra und Flora (die Bronzezeile gefällt mir natürlich auch .-) ): Für mich geht das in der formalen Art letztlich auch nicht auf, aber den Ansatz finde ich spannend, da ich wie fenestra die Unentrinnbarkeit des Einzelkampfes durch die Form spüren kann - und zudem transportiert die Form noch etwas anderes, weil sie an eine "frühere" Zeit anknüpft, in der der Vogel den Fischer tatsächlich noch Schrecken konnte, also ein ganz anderes Kräfteverhältnis herrschte, gerade in Bezug auf "Seemanns/Fischervorstellungen" evoziert das bestimmte Szenerien, mit anderen Schiffen, anderen Fischerwerkzeugen, anderen Menschen.
Trotz dieser Möglichkeiten, die sich foraml auftun, entferne ich aber doch letztlich eben durch das Formale vom Geschehen, aus den Gründen die Flora nennt:
Und für mich wird es dadurch auch so dicke moralisch - wodurch ich nochmals das Gefühl habe, der, der mir da was erzählen will (die Erzählinstanz), ist eigentlich eomitional viel weiter weg, als er behauptet (so mein Empfinden).
Ich könnte mir vorstellen, wenn die Form gebunden, wiederholend, eng wirkt, aber es sich um ein neues, aber nicht vorgegebenes Versmaß handelte, könnte das ganze für mich aufgehen. Ist natürlich keine leichte Aufgabe, und ich könnte es bestimmt nicht!
liebe Grüße,
Lisa
ich bin so eine Mischleserin aus den Positionen von fenestra und Flora (die Bronzezeile gefällt mir natürlich auch .-) ): Für mich geht das in der formalen Art letztlich auch nicht auf, aber den Ansatz finde ich spannend, da ich wie fenestra die Unentrinnbarkeit des Einzelkampfes durch die Form spüren kann - und zudem transportiert die Form noch etwas anderes, weil sie an eine "frühere" Zeit anknüpft, in der der Vogel den Fischer tatsächlich noch Schrecken konnte, also ein ganz anderes Kräfteverhältnis herrschte, gerade in Bezug auf "Seemanns/Fischervorstellungen" evoziert das bestimmte Szenerien, mit anderen Schiffen, anderen Fischerwerkzeugen, anderen Menschen.
Trotz dieser Möglichkeiten, die sich foraml auftun, entferne ich aber doch letztlich eben durch das Formale vom Geschehen, aus den Gründen die Flora nennt:
und ich denke, es ist wohl die von dir gewählte Form, in Verbindung mit der Sprache, was es mir insgesamt zu "ge/erdichtet", aufgesetzt erscheinen lässt. Das Echte fehlt mir, das "Gemachte" tritt zu sehr in den Vordergrund.
Und für mich wird es dadurch auch so dicke moralisch - wodurch ich nochmals das Gefühl habe, der, der mir da was erzählen will (die Erzählinstanz), ist eigentlich eomitional viel weiter weg, als er behauptet (so mein Empfinden).
Ich könnte mir vorstellen, wenn die Form gebunden, wiederholend, eng wirkt, aber es sich um ein neues, aber nicht vorgegebenes Versmaß handelte, könnte das ganze für mich aufgehen. Ist natürlich keine leichte Aufgabe, und ich könnte es bestimmt nicht!
liebe Grüße,
Lisa
Vermag man eine Geschichte zu erzählen, die noch nicht geschehen ist?
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.
Lieber Quoth,
nach den Kommentaren von Flora und Lisa hatte ich überlegt, ob man nicht aus deinen eindrücklichen Wort-Bausteinen ein ungereimtes Gedicht mit Wiederholungszeilen machen kann, um den Eindruck des "zu-sehr-gedichteten" etwas abzumildern. Aber es hat nicht funktionniert, es reimte sich von allein wieder:
gefiedert und geteert
er war der fische und der fischer schrecken
nun schreckt er keinen mehr mit öl lackiert
mit fett durchseucht bis in sein letztes federhaar
posiert er noch bevor er gleich krepiert
ein fotogenes bronzestück im bronzemeer
er träumt dabei von zeiten luft’gen höhenflugs
ein frommes symbolon und wappentier
nun für das ende unsres selbstbetrugs
es hat sich ausgefischt im teerrevier
wir sind am ende unsres selbstbetrugs
mit diesem symbolon dem wappentier
der zeiten luftigeren höhenflugs
das bronzestück im bronzemeer posiert
mit fett durchseucht bis in sein letztes federhaar
so oft mit öl lackiert bis keinen mehr schockiert
was einst der fischer und der fische schrecken war
nach den Kommentaren von Flora und Lisa hatte ich überlegt, ob man nicht aus deinen eindrücklichen Wort-Bausteinen ein ungereimtes Gedicht mit Wiederholungszeilen machen kann, um den Eindruck des "zu-sehr-gedichteten" etwas abzumildern. Aber es hat nicht funktionniert, es reimte sich von allein wieder:
gefiedert und geteert
er war der fische und der fischer schrecken
nun schreckt er keinen mehr mit öl lackiert
mit fett durchseucht bis in sein letztes federhaar
posiert er noch bevor er gleich krepiert
ein fotogenes bronzestück im bronzemeer
er träumt dabei von zeiten luft’gen höhenflugs
ein frommes symbolon und wappentier
nun für das ende unsres selbstbetrugs
es hat sich ausgefischt im teerrevier
wir sind am ende unsres selbstbetrugs
mit diesem symbolon dem wappentier
der zeiten luftigeren höhenflugs
das bronzestück im bronzemeer posiert
mit fett durchseucht bis in sein letztes federhaar
so oft mit öl lackiert bis keinen mehr schockiert
was einst der fischer und der fische schrecken war
Hallo Flora,
Du bist meine herbste Kritikerin, deshalb fange ich mit Dir an. Zuerst mal: Ich liebe Prosa, kann da wohl auch was, aber Lyrik ist mir ein Buch mit 7 Siegeln. Was hier gleichsam "mainstream" ist, diese freien Verse, hinterlässt mich weitgehend ratlos, wenn ich es lese, und macht mir Panik, wenn ich es schreiben soll - vergleichbar der Panik, die mich ergreift, wenn ich 10 Zahlen zwischen 1 und 1 Million benennen soll. Ich kann mich der Lyrik überhaupt nur nähern, indem ich mir eine Form suche, an der ich mich abarbeiten kann, eine Form, die zu meinem Sujet passt oder ihm eine besondere Seite abgewinnt. Aus der Auseinandersetzung mit dieser Form entsteht dann mein Text; freie Lyrik ohne vorgegebenen Rhythmus, ohne Metrum und Form (die ich dann nicht nur erfüllen, sondern gegen die ich auch verstoßen kann) erinnert mich an Bergsteigen ohne Berg. Das Fesselnde an meiner Art zu schreiben, ist, dass immer etwas dabei herauskommt, das ich so nicht habe voraussehen können, weil Metrum, Reimzwang usw. mich in ganz überraschende Richtungen drängen, vergleichbar einem Segler, der hinausfährt und nicht weiß, welches Ziel aus dem Gegeneinanderwirken von Segelkunst, Nautik und Wind schließlich "herauskommt". Diese Art zu arbeiten ist ganz anders (stelle ich mir vor) als das freie Dichten, in dem der Autor, die Autorin sich viel fester ans Sujet klammern, ihm treu bleiben, es umkreisen und sprachlich einkreisen kann. Daher wohl auch die Überzeugung, freies Dichten sei letztlich authentischer, weniger "gemacht", weniger künstlich, und umgekehrt bei frei Dichtenden das Gefühl, Metrisches und Gereimtes, kurz Gebundenes könne nicht so wahrhaftig, so authentisch sein. Aber es kann natürlich auch sein, dass ich der Sonett-, der Pantumform (oder anderen, es gibt da ja noch Einiges, und die Oulipoten denken sich immer neue Fesseln aus, an denen sie sich abarbeiten) einfach nicht die Meisterwerke abringen kann, die Dich überzeugen. Wahrscheinlich müsste ich dafür ständig lyrisch rackern, aber ich mache ja nur gelegentlich mal einen dilettierenden Ausflug in ein mir letztlich unheimliches literarisches Genre. Du schreibst, das "Gemachte" trete zu sehr in den Vordergrund. Auf Griechisch ist das Machen poiesis.
Für Dein hohes Lob, Gabriella meinen herzlichen Dank!
Lisa schrieb:
Könntest Du Deinen Vorschlag nicht konkretisieren, Lisa? Das wäre dann ein von Dir definierter Berg, an dem ich mich mal versuchsweise mit dem Thema abwracken könnte. Gleichsam sportlich!
Auch Dein Lob hat mich erfreut, fenestra, wohingegen ich auf den Pantumreiz mit seinen Wiederholungen nicht verzichten möchte. Er hat etwas von einer Kette, in der alles gefangen ist. Und dass Du den Selbstbetrug so deutlich auf uns Menschen ausweitest - ich fürchte, damit setzte ich mich noch mehr als ohnehin schon dem Vorwurf des Moralisierens aus!
Mit Dank für Befassung
Quoth
Du bist meine herbste Kritikerin, deshalb fange ich mit Dir an. Zuerst mal: Ich liebe Prosa, kann da wohl auch was, aber Lyrik ist mir ein Buch mit 7 Siegeln. Was hier gleichsam "mainstream" ist, diese freien Verse, hinterlässt mich weitgehend ratlos, wenn ich es lese, und macht mir Panik, wenn ich es schreiben soll - vergleichbar der Panik, die mich ergreift, wenn ich 10 Zahlen zwischen 1 und 1 Million benennen soll. Ich kann mich der Lyrik überhaupt nur nähern, indem ich mir eine Form suche, an der ich mich abarbeiten kann, eine Form, die zu meinem Sujet passt oder ihm eine besondere Seite abgewinnt. Aus der Auseinandersetzung mit dieser Form entsteht dann mein Text; freie Lyrik ohne vorgegebenen Rhythmus, ohne Metrum und Form (die ich dann nicht nur erfüllen, sondern gegen die ich auch verstoßen kann) erinnert mich an Bergsteigen ohne Berg. Das Fesselnde an meiner Art zu schreiben, ist, dass immer etwas dabei herauskommt, das ich so nicht habe voraussehen können, weil Metrum, Reimzwang usw. mich in ganz überraschende Richtungen drängen, vergleichbar einem Segler, der hinausfährt und nicht weiß, welches Ziel aus dem Gegeneinanderwirken von Segelkunst, Nautik und Wind schließlich "herauskommt". Diese Art zu arbeiten ist ganz anders (stelle ich mir vor) als das freie Dichten, in dem der Autor, die Autorin sich viel fester ans Sujet klammern, ihm treu bleiben, es umkreisen und sprachlich einkreisen kann. Daher wohl auch die Überzeugung, freies Dichten sei letztlich authentischer, weniger "gemacht", weniger künstlich, und umgekehrt bei frei Dichtenden das Gefühl, Metrisches und Gereimtes, kurz Gebundenes könne nicht so wahrhaftig, so authentisch sein. Aber es kann natürlich auch sein, dass ich der Sonett-, der Pantumform (oder anderen, es gibt da ja noch Einiges, und die Oulipoten denken sich immer neue Fesseln aus, an denen sie sich abarbeiten) einfach nicht die Meisterwerke abringen kann, die Dich überzeugen. Wahrscheinlich müsste ich dafür ständig lyrisch rackern, aber ich mache ja nur gelegentlich mal einen dilettierenden Ausflug in ein mir letztlich unheimliches literarisches Genre. Du schreibst, das "Gemachte" trete zu sehr in den Vordergrund. Auf Griechisch ist das Machen poiesis.
Für Dein hohes Lob, Gabriella meinen herzlichen Dank!
Lisa schrieb:
Ich könnte mir vorstellen, wenn die Form gebunden, wiederholend, eng wirkt, aber es sich um ein neues, aber nicht vorgegebenes Versmaß handelte, könnte das ganze für mich aufgehen.
Könntest Du Deinen Vorschlag nicht konkretisieren, Lisa? Das wäre dann ein von Dir definierter Berg, an dem ich mich mal versuchsweise mit dem Thema abwracken könnte. Gleichsam sportlich!
Auch Dein Lob hat mich erfreut, fenestra, wohingegen ich auf den Pantumreiz mit seinen Wiederholungen nicht verzichten möchte. Er hat etwas von einer Kette, in der alles gefangen ist. Und dass Du den Selbstbetrug so deutlich auf uns Menschen ausweitest - ich fürchte, damit setzte ich mich noch mehr als ohnehin schon dem Vorwurf des Moralisierens aus!
Mit Dank für Befassung
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.
Lieber Quoth,
ich fürchte, ich bin da wirklich überfordert - für sowas fehlt mir wirklich die Übung und Disziplin, auch wenn ich es gerne könnte. Ich habe also keine wirklichen Vorschläge zu machen. Fenestra, hast du vielleicht einen Einfall? Du bist so eine sichere Grenzgängerin zwischen Alt&Neu und Form&Experiment.
liebe Grüße,
Lisa
ich fürchte, ich bin da wirklich überfordert - für sowas fehlt mir wirklich die Übung und Disziplin, auch wenn ich es gerne könnte. Ich habe also keine wirklichen Vorschläge zu machen. Fenestra, hast du vielleicht einen Einfall? Du bist so eine sichere Grenzgängerin zwischen Alt&Neu und Form&Experiment.
liebe Grüße,
Lisa
Vermag man eine Geschichte zu erzählen, die noch nicht geschehen ist?
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.
Lieber Quoth,
Bumm. Ich liebe ja die Pantumform, auch wenn ich mich nur selten dran versuche, bei mir wird das immer leicht kitschig oder mahnend.
Das ist hier absolut nicht der Fall! Ganz tief bedrückend, dieses Katastrophe ohne den berechtigten Entsetzensschrei über diesen Zustand anhand des Vogels (Braunpelikan, heißt er, nicht wahr?) zu zeigen, wie es kaum schmerzlicher geht.
Stark!
Liebe Grüße
Elsa
Bumm. Ich liebe ja die Pantumform, auch wenn ich mich nur selten dran versuche, bei mir wird das immer leicht kitschig oder mahnend.
Das ist hier absolut nicht der Fall! Ganz tief bedrückend, dieses Katastrophe ohne den berechtigten Entsetzensschrei über diesen Zustand anhand des Vogels (Braunpelikan, heißt er, nicht wahr?) zu zeigen, wie es kaum schmerzlicher geht.
Stark!
Liebe Grüße
Elsa
Schreiben ist atmen
Hallo, Lisa, Du hast mir da ein sehr sphinxhaftes Rezept gegeben: "Wenn die Form gebunden, wiederholend, eng wirkt, aber es sich um ein neues, aber nicht vorgegebenes Versmaß handelte..." Wenn Du es nicht konkretisierst, fenestra nichts einfällt, werde ich wohl selber ranmüssen! Aber der arme Vogel ist inzwischen längst tot.
Hallo Elsa,
noch immer bin ich nicht ganz vertraut mit der Nomenklatur dieses Forums. Dass "genial" hier gut bedeutet und "spannend" interessant, habe ich inzwischen gelernt. Aber "Bumm"????? Der Text scheint dir gefallen zu haben, also bedeutet es wohl nicht, dass Du Schaden genommen hast, was ich bedauern würde.
Du scheinst dich nicht moralisierend angemacht zu fühlen, andere tuns ... Wahrscheinlich ist das keine Frage des Textes, sondern der Sujetwahl.
Bei den Pelikanen im Golf von Mexiko handelt es sich, wie Du sagst um Braun-, aber auch um Nashornpelikane.
Mit Dank für Befassung
Quoth
Hallo Elsa,
noch immer bin ich nicht ganz vertraut mit der Nomenklatur dieses Forums. Dass "genial" hier gut bedeutet und "spannend" interessant, habe ich inzwischen gelernt. Aber "Bumm"????? Der Text scheint dir gefallen zu haben, also bedeutet es wohl nicht, dass Du Schaden genommen hast, was ich bedauern würde.
Du scheinst dich nicht moralisierend angemacht zu fühlen, andere tuns ... Wahrscheinlich ist das keine Frage des Textes, sondern der Sujetwahl.
Bei den Pelikanen im Golf von Mexiko handelt es sich, wie Du sagst um Braun-, aber auch um Nashornpelikane.
Mit Dank für Befassung
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.
Lieber Quoth,
"Bumm" ist ein eher persönlicher Ausdruck aus Wien, der mit dem Forum selbst nichts zu tun hat. Da ich aber das in Deutschland übliche "Ich bin geplättet" nicht so recht schätze, sage ich "bumm", wenn mich was umhaut, weil es mir gefällt. Mach ich aber selten.
Ich finde dein Pantum keineswegs moralisierend, weder erwähnst du die Verursacher noch ihr Versagen, du erzählst die Not eines Vogels. Mag sein, dass es für andere das Sujet ist, dass Mahnwirkung erzeugt, ich kanns nicht so sehen.
Liebe Grüße
ELsa
"Bumm" ist ein eher persönlicher Ausdruck aus Wien, der mit dem Forum selbst nichts zu tun hat. Da ich aber das in Deutschland übliche "Ich bin geplättet" nicht so recht schätze, sage ich "bumm", wenn mich was umhaut, weil es mir gefällt. Mach ich aber selten.
Ich finde dein Pantum keineswegs moralisierend, weder erwähnst du die Verursacher noch ihr Versagen, du erzählst die Not eines Vogels. Mag sein, dass es für andere das Sujet ist, dass Mahnwirkung erzeugt, ich kanns nicht so sehen.
Liebe Grüße
ELsa
Schreiben ist atmen
Hallo Elsa,
jetzt weiß ich also, dass "Bumm" Dein hohes Lob bedeutet - vielen Dank!
Die Klarheit, mit der Du meinem Text das Moralisierende absprichst, gießt Öl auf die Wogen (ein Bild, das wohl für immer ausgedient hat). Ich fürchtete nämlich schon, dass ich, um dem Vorwurf des "dicke Moralischen" (Lisa) zu entgehen, über das Tschernobyl des Öl-Zeitalters hier besser kein Wort mehr verlieren, sondern mich nach Max' wohlmeinendem Rat "an einer Blume freuen oder über einen abgerissenen Knopf ärgern" sollte (in der Diskussion zu meinen das Moralische bewusst und barock forcierenden "Grünen Thränen").
Mit herzlichem Gruß
Quoth
jetzt weiß ich also, dass "Bumm" Dein hohes Lob bedeutet - vielen Dank!
Die Klarheit, mit der Du meinem Text das Moralisierende absprichst, gießt Öl auf die Wogen (ein Bild, das wohl für immer ausgedient hat). Ich fürchtete nämlich schon, dass ich, um dem Vorwurf des "dicke Moralischen" (Lisa) zu entgehen, über das Tschernobyl des Öl-Zeitalters hier besser kein Wort mehr verlieren, sondern mich nach Max' wohlmeinendem Rat "an einer Blume freuen oder über einen abgerissenen Knopf ärgern" sollte (in der Diskussion zu meinen das Moralische bewusst und barock forcierenden "Grünen Thränen").
Mit herzlichem Gruß
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.
Lieber Quoth,
es kann zwar vorkommen, dass ich auch bei zukünftigen Versuchen etwas zu beanstanden werden habe, aber ich wollte doch loswerden, dass ich es als sehr bereichernd finde, auch Texte im Forum zu lesen, die versuchen sich solchen politisch, ökölogischen, gesellschaftlichen Themen zu nähern - gerade, weil ich das gar nicht kann. Dass du mit deinen dazu beiträgst, finde ich wichtig.
liebe Grüße,
Lisa
es kann zwar vorkommen, dass ich auch bei zukünftigen Versuchen etwas zu beanstanden werden habe, aber ich wollte doch loswerden, dass ich es als sehr bereichernd finde, auch Texte im Forum zu lesen, die versuchen sich solchen politisch, ökölogischen, gesellschaftlichen Themen zu nähern - gerade, weil ich das gar nicht kann. Dass du mit deinen dazu beiträgst, finde ich wichtig.
liebe Grüße,
Lisa
Vermag man eine Geschichte zu erzählen, die noch nicht geschehen ist?
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.
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