Elegien an die Liebe

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Last

Beitragvon Last » 03.06.2010, 12:00

Wie tief ist das Wasser?

Füreinander geschaffen.
Wir lügen nebeneinander im Schatten der Liebe,
die über uns ihre Äste spannt.
Ein Frühjahrs-Netz mit ungleichen Maschen,
das ein paar Knospen fängt
und den Blick auf den Himmel zerstückelt –
unordentlich aber rational.



Vom Klettern auf Bäume

Auseinander gelebt.
Wir liegen nebeneinander im Becken der Pflicht,
uns kann kein Wässerchen trüben.
Obenauf duftet der weiße Schaum,
durch dessen Löcher die Blicke schlüpfen –
tiefer,
bis auf unsere Haut.

Quoth
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Beitragvon Quoth » 03.06.2010, 22:04

Hallo, Last,
hast du nicht vielleicht die Überschriften vertauscht?
"Wie tief ist das Wasser" behandelt Äste und Knospen,
"Vom Klettern auf Bäume" behandelt ein Becken, in dem zwei liegen, die kein Wässerchen trüben kann, und Schaum ist darauf.
Oder hast Du das absichtlich überkreuz gestellt?
Gruß
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

Last

Beitragvon Last » 05.06.2010, 03:03

Hallo Quoth,

Quoth hat geschrieben:hast du nicht vielleicht die Überschriften vertauscht?


Nein, das hat so herum schon seine Richtigkeit. Ich war früher im Salon aktiv, bin inzwischen aber nur noch stiller Leser und werde das wohl noch längere Zeit bleiben. "Wie tief ist das Wasser?" habe ich vor einem Jahr hier veröffentlicht. Da kürzlich das in dem Thread "eingeforderte" Schwestergedicht dazu entstand, dachte ich, dass die Vervollständigung hier vielleicht gerne gelesen würde.


LG
Last

Max

Beitragvon Max » 05.06.2010, 11:06

Hallo Last,

wie schön Dich mal wieder hier zu sehen!

Mein erster Eindruck: Zwei Texte, die einen perfekten Pas de deux miteinander tanzen. ich ebeeindruckt, dass ich all das, was Du beschreibst, wiedererkenne als Schon-Gelebtes und doch nie bso hätte beschreiben können. Es ist ja immer wieder übberaschend, dass etwas, das wir so groß denken, in den Mühen der Ebene versandet.

Liebe Grüße
Max

Niko

Beitragvon Niko » 07.06.2010, 22:16

hi last!
sehr schön, dich wieder zu lesen. und ich frage mich, warum du dich so rar machst? ich finde deine texte immer eine gute nuss zu knacken!
so auch dieser hier. die verwirrung der überschriften - augenscheinlich. und das spüren des verwoben seins beider texte. ich hätte es schön gefunden, alle zugehörigen texte hier auf einem haufen zu lesen. das fände ich eine runde sache!

gruß: Niko

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Lisa
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Beitragvon Lisa » 08.06.2010, 21:06

Lieber Last,

so ganz halten kann dich der Salon irgendwie nie, dabei finde ich deine Texte so etwas Besonderes, dieses Eigenwillige, intellektuelle und zugleich trotzige erzeugt eine Schrägheit, in der das Sanfte zu finden ist: wie in einer gutartigen Lücke sozusagen.

Die beiden Texte hier zusammen finde ich sehr gelungen: allem voran, weil sie nicht sich nicht einfach aufeinander beziehen, sondern in Form von Gefällen: denn beide enthalten ja das Schwierige (das Verstricken, Untergehen, die Löcher) und das Leichte (ein paar Knopsen, den Blick auf den Himmel, nebenbeinander liegen), aber eben jeweils das Eine als Basis und das andere "nur" als drohendes oder sehnsucht erzeugendes Sympton (so will ich es mal nennen). Und durch die beiden Texte wird deutlich, dass diese Überkreuzung notwendig ist, um das, was das Wir immer wieder anfällt, befällt (aus innen, beiden heraus), darstellen zu können: denn je nachdem, was geschieht, welcher Moment ist [...]. Dabei ist die (körperlich verankerte aber auch anders gemeinte) Position der Liebenden in beiden Texten gleich angelegt, der Raum, das Element aber verschieden (sozusagen wird hier eine andere Gundlegung geschaffen: eigentlich ist alles gleich und doch eben um/durch ein Haar alles damit anders und genau so ist auch meine Empfindung: dass genau das den Unterschied macht).

Optisch würde ich bei diesen beiden Texten überlegen, sie nebeneinander und nicht untereinander zu setzen, weil die Abfolge ja noch "klassisch ist und das minimal die Gleichwertigkeit infrage stellt.

Ich würde es richtig schön finden, wenn ich wieder öfter von dir lesen könnte hier ...

liebe Grüße,
Lisa
Vermag man eine Geschichte zu erzählen, die noch nicht geschehen ist?
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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 08.06.2010, 22:06

Hallo Last,

ich freu mich auch sehr, dich hier mal wieder zu lesen! Das Gedicht hat mich ja damals schon fasziniert und das schöne ist, es schafft das noch immer. Das neue, das du ihm zur Seite stellst kann das auch wirklich weiter, oder mittragen. Und wieder gelingt dir dieses Schwanken und trotzdem eine Sicherheit, Ruhe der Sprache in all der Unsicherheit und Offenheit der Deutung, der Blicke. Eine Verkehrung, Verschränkung, Wendungen, innere und bildliche Bezüge durch die sich ein Zwischen auftut, sowohl in den einzelnen Gedichten, also auch noch einmal auf einer weiter gefassten Ebene im Zusammenklang der Gedichte, das gar nicht gefasst werden könnte, das es aber gibt, das erzählen kann. Ganz wunderbar. Du siehst mich wieder begeistert!

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

Last

Beitragvon Last » 31.07.2010, 13:59

Niko hat geschrieben:ich hätte es schön gefunden, alle zugehörigen texte hier auf einem haufen zu lesen. das fände ich eine runde sache!


Es gibt nur noch eine weitere "Elegie an die Liebe":

Hygiene

Wir lieben nebeneinander.
Jedem hängt ein eigener Spiegel im Bad
und ein eigenes Becken.
Dort pflegen wir unsere Haut
bevor wir uns
gegenseitig beflecken.



Was es neben "Hygiene" noch gibt, sind zwei Schubladentexte, die vor einigen Monaten entstanden sind. Sie gefallen mir aber nicht und werden in der Schublade, oder eher gesagt auf der Schattenseite der Festplatte, bleiben. Das sind auch keine weiteren Elegien, sondern alternative Versuche, die mir nicht gefallen.
Außerdem gibt es noch zwei Gedichte, in die auch eine ähnliche Thematik einfließt wie hier, die aber nicht den "Elegien" angehören, sondern eigenständige Gedichte sind und auch als solche verstanden werden wollen.


Allerdings habe ich "Hygiene" aus zwei Gründen bewusst nicht angehängt.

Zuerst spricht dagegen der Dualismus, den die ersten beiden Texte bilden. So ist der Titel "Vom Klettern auf Bäume" kopiert von Bert Brechts gleichnamigen Gedicht, das in der "Hauspostille" direkt neben "Vom Schwimmen in Seen und Flüssen" steht. Aus diesen beiden Geschwistergedichten entlehne ich auch etwas, was man vielleicht die 'Metaphysik der Richtungen' nennen könnte. Für mich ist es ein lustiges Spiel, die Gedichte von Brecht noch einmal um 180° zu drehen, wo Brecht doch schon die Bigotterie und einiges mehr auf den Kopf stellt. Das ist für mich Schwindel: sich zweimal herum drehen und dann woanders stehen als am Ausgangspunkt.

Zweitens ist mir "Hygiene" auch einen Tick zu drastisch, weil die schöne Seite der Liebe sehr ins Latente rückt, und ich habe das Gefühl, dass alles, was es noch sagt, bereits in den ersten beiden Gedichten steckt. Jedenfalls geht Lisas Kommentar ja sehr in diese Richtung, wenn sie von einem "Symptom" spricht und davon, dass es das Wir "befällt". Vielleicht ist "Hygiene" dann gar nicht mehr notwendig. Es würde mich sogar heimlich freuen, wenn es nicht notwendig wär.

Wem es gefällt, der kann ja auch jetzt im Nachhinein "Hygiene" an die ersten beiden Elegien anknüpfen.

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 31.07.2010, 14:13

ja, vielleicht hätte "hygiene" die runde sache eher eckig gemacht. ich kann das nachvollziehen, was du da schreibst, last. vor allem, was du vom schwindel schreibst, gefällt mir sehr und das spricht gegen den "Hygiene" Text, der eher statisch ist, was ihn in keiner weise bewerten soll.

wüstenfuchs

Beitragvon wüstenfuchs » 31.07.2010, 16:51

Hallo Last,

die beiden Texte sind gekonnt ineinander verschränkt, verflochten und doch getrennt. Die beiden Texte zeigen die Entwicklung einer Beziehung, die nie linear ist, sondern immer in Strömungen verläuft. Sie erinnern mich an das Taozeichen, wo in jedem großen Zeichen ein kleines der anderen Farbe ist.
"Hygiene" empfinde ich statischer, aber nicht schlechter.
Eine klare Sache, aber statischer. Als Fazit nicht geeignet, eher als unabhängig, oder man setzt noch einen statischeren Text ein vielleicht am Anfang, dann das Duett und dann Hygiene,....


Viele Grüße

Fux

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Lisa
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Beitragvon Lisa » 07.08.2010, 20:28

Lieber Last,

der Titel des dritten Textes ist schon ziemlich attraktiv und wirkstark und mir gefällt der Text auch für sich (wenn ich ihn aber auch eine Spur zu "eindimensional" komponiert finde, er läuft mit weniger Widerstand auf eine Haltung/Aussage zu, meine ich damit), aber ich finde deine Entscheidung, nur die beiden Texte oben zusammenzunehmen, richtig und zwar genau aus den Gründen, die du anführst.

Gelesen habe ich ihn trotzdem gern. Ehrlich gesagt könnte ich mir eine ganze Reihe unter dem Titel Hygiene vorstellen zum Thema Liebe (könnte man fast ein Gruppenprojekt draus machen, käme man zeitlich dazu).

liebe Grüße,
Lisa
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