die versäumte - bis in den stein

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 02.05.2010, 10:42


die versäumte - bis in den stein


[align=right]der winter hauste so lange im schnee
wie seit kindertagen nicht mehr
diese weiße weite
wie schauten wir ihr nach
bis du sagtest: ich kann sie nicht mehr sehen[/align]


nun erscheint sie im kleinen, im zitternden blatt
der kirschbaum - dahinter mildert sich der wald
und wenn wir dort wären, im schwingen der kronen (knospenahnung)
wie lauschten wir uns schwindlig am gesang


[align=right]wir sind verwöhnte der jahreszeiten
und lieben[/align]

ja, das wäre ein grund
querfeldein zu stehen
ein lasso zu werfen
die zeit zu zähmen (ihr in die dunklen augen zu sehen
das leben darin) im nüsternatem
mit ihr den saumpfad zu gehen

[align=right]so schmiege ich mich ins wandelnde weiß
und du erzählst mir kirschen - bis in den stein[/align]



Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

keinsilbig

Beitragvon keinsilbig » 02.05.2010, 13:39

dein text entspricht in allem meiner erwartungshaltung an lyrik, Flora.

insofern hat er bei mir voll "ins schwarze getroffen" und ich habe darin alles gefunden, was ich von guter lyrik verlange:
feinsinnig verwobene metaphern und wort-mehrdeutigkeiten, gleich simultanperspektiven in einem gut gemalten gemälde.
wendungen, die einen wie in einem tanz sprach-melodisch und rythmisch durch den text leiten, auch mal eine drehung einbauen oder einen wiegeschritt, anstatt einen in einem fluss durchzuschleifen.
wortgebilde, denen für mein empfinden eine "ästhetik" innewohnt.

am wichtigsten und für mich schönsten: es ist dir gelungen, einer vertrauten bilderwelt ein neues gesicht zu geben. eins, das man nachvollziehen kann, zuvor so aber noch nicht gesehen hat. obwohl es quasi schon da war.
wenn ein stück lyrik also "augenöffnend" wirkt, ist es für mich ein besonders gelungener genuss.

daher hier "besonders gern gelesen"!
lediglich über "nüsternatem" bin ich gestolpert. mir wollte sich auf anhieb nicht erschließen was für eine eigenschaft "nüsternat" sein könnte. als dann das substantiv dazu fehlte, hat s geklickt *gg
(hatte dasselbe phänomen einmal bei dem wort "taubenetzt", das viele auch nur als tauben-etzt gelesen haben und drum stolperten. ich habs dennoch stehenlassen übrigens... bin ja schließlich einer der schreiberlinge, die dem leser eben auch mal sowas zumuten *grins)


ich muss es nochmal sagen: das hier ist ein wunderschöner text. danke für den lesegenuss!


lieber gruß,

keinsilbig
Zuletzt geändert von keinsilbig am 02.05.2010, 21:53, insgesamt 1-mal geändert.

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Zefira
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Beitragvon Zefira » 02.05.2010, 20:02

Liebe Flora,
ich wollte Dir heute morgen schon schreiben, wie sehr mich dieses Gedicht anspricht. Es ist eines dieser glücklichen Gedichte, die sich sofort ohne große Denkarbeit erschließen, weil sie Bilder erzeugen, die jedem vertraut sind - und dennoch aus einem neuen Blickwinkel.
Gefällt mir sehr. Ich habe gestern auf der Suche nach einem zeitgenössischen Frühlingsgedicht zwei Sammlungen von H.C.Artmann durchsucht. Die lyrische Sprache in diesem Gedicht erinnert mich stark an Artmann. (Das ist das größte Kompliment, das ich machen kann - hoffentlich kommt es auch so an ,-))
Lieben Gruß von Zefira
Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.

(Ikkyu Sojun)

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 02.05.2010, 20:27

Hallo Keinsilbig,

:blume0028: dank dir. Ich bin immer ein bisschen sprachlos, wenn ein Text so ankommen kann und ich dann noch eine so schöne Rückmeldung dazu bekomme. Du kannst feinsinnig loben, das ist ein Genuss.
*lach* ich las tatsächlich auch erst tauben-etzt. Also wenn der nüstern-atem für zu viel Verwirrung sorgt, dann könnte ich ihm einen Lesehilfsstrich gönnen. :o) Aber schöner wäre es natürlich ohne.

Hui und Zefi, das freut mich natürlich besonders, dich hier unter einem Gedicht zu lesen! Dank dir.
Ich suche gleich mal, ob ich im Netz auch ein Frühlingsgedicht von Herrn Artman finde.

Liebe Grüße
Flora
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Zefira
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Beitragvon Zefira » 02.05.2010, 20:46

OT: Mich hat bei Facebook neulich eine Bekannte gefragt, ob ich nicht Traumentrümpler werden wolle. Ich las zuerst Traumen-trümpler und dachte schon, das sei so eine Art neumodisches Trampeltier ...

Rümpelgruß von Zefira
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Beitragvon Zefira » 02.05.2010, 21:37

Eben noch mal gelesen - ist "schwindling" eigentlich richtig so oder ein Vertipsler?

Fragenden Gruß von Zefira
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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 02.05.2010, 21:46

*uups* ähm so ein schwindling ist bestimmt was lustiges, aber es muss natürlich schwindlig heißen. Ich ändere es gleich, danke.

blinde Grüße .-)
Flora
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Mucki
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Beitragvon Mucki » 02.05.2010, 22:31

Hallo Flora,

ich bin hin und weg von deinen Zeilen. Ganz wunderbar, wie du mich als Leser hier verzauberst. :stern:
Das ist für mich wahre Poesie und, wie keinsilbig treffend schreibt: ästhetisch.
Verträumte Wellen gehen parallel mit Realitätsfokus einher. Es ist wie ein schwebender Sog,
der mich als Leser hineinzieht und mir sehr schöne Bilder schenkt.
Chapeau!

Saludos
Mucki

DonKju

Beitragvon DonKju » 03.05.2010, 17:19

Hallo Flora,

ganz kurz und knapp : zum wegträumen schön ...

MlG DonKju

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 03.05.2010, 17:48

Danke ihr Zwei, fürs Verträumen lassen und eure Rückmeldung. :-)

(Und DonKju, schön dich wieder zu lesen!)

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 03.05.2010, 18:14

Verträumte Wellen gehen parallel mit Realitätsfokus einher


Mich würde interessieren, liebe Gabriella, wo denn hier für dich der Realitätsfokus ist?

Liebe Flora, ich bin hin- und hergerissen. Selbst schwelge ich gerade in Frühlingsgefühlen und lausche mich tatsächlich schwindlig an Vogelstimmen. Die von dir beschriebene Stimmung kann ich sehr gut nachempfinden. Einiges an deinen Wendungen ist mir allerdings dann doch ein bisschen zuviel (sprich etwas zu kitschig), z.B. die Darstellung der Zeit mit dunklen Augen und Nüsteratem.

Dass viele auch heute noch von Lyrik vor allem ein Schwelgen in romantischen Stimmungen erwarten, liegt wahrscheinlich an der Sehnsucht, dem grauen Alltag einfach mal zu entfliehen. Wir sind eben nicht nur "Verwöhnte der Jahreszeiten". Oft setzen uns die Jahreszeiten auch ganz schön zu.

Viele Grüße
fenestra

Mucki
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Beitragvon Mucki » 03.05.2010, 19:14

Hallo fenestra,
fenestra hat geschrieben:Mich würde interessieren, liebe Gabriella, wo denn hier für dich der Realitätsfokus ist?

Hierin sehe ich ihn:
Flora hat geschrieben:der winter hauste so lange im schnee
wie seit kindertagen nicht mehr
diese weiße weite
wie schauten wir ihr nach
bis du sagtest: ich kann sie nicht mehr sehen

und hier:
Flora hat geschrieben:wir sind verwöhnte der jahreszeiten

Die linksseitigen Zeilen beziehen sich immer wieder darauf, auf verträumte Weise verändern sie den Fokus und relativieren dadurch die vermeintliche "Härte", die "Realität" der obigen, rechten Passage.

Saludos
Gabriella

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leonie
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Beitragvon leonie » 03.05.2010, 19:27

Liebe Flora,

mir geht es wie fenestra, ich bin hin-und hergerissen. Manches finde ich ganz wunderschön, z.B. das Bild am Ende der ersten Strophe in seiner Doppeldeutigkeit (wobei das doppelte "wie" mir nicht so gefällt). Ebenso die Idee, dass die weiße Weite in anderer Gestalt wiederkehrt. Auch die letzte Zeile finde ich toll.

Dazwischen ist vieles, bei dem es mir auch zuviel des Guten ist. Das hängt sehr an der sprachlichen Gestaltung: Die Genitive (schwingen der kronen, verwöhnte der jahreszeiten) und die Komposita (nüsternatem, saumpfad) bewirken, ebenso dieses mehrfach verstärkende "wie schauten wir...", "wie lauschten wir..."

Das Lasso versetzt mich in den wilden Westen, vor allem, weil dann ja auch ein Pferdebild folgt. Ich kann da nicht so richtig mitgehen und steige aus...

Liebe Grüße

leonie

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 03.05.2010, 20:54

Hallo fenestra,

Liebe Flora, ich bin hin- und hergerissen. Selbst schwelge ich gerade in Frühlingsgefühlen und lausche mich tatsächlich schwindlig an Vogelstimmen. Die von dir beschriebene Stimmung kann ich sehr gut nachempfinden. Einiges an deinen Wendungen ist mir allerdings dann doch ein bisschen zuviel (sprich etwas zu kitschig), z.B. die Darstellung der Zeit mit dunklen Augen und Nüsteratem.
Für mich persönlich ist es kein "reines" Schwelgen, also da wäre die Möglichkeit, der Konjunktiv, aber das Gedicht trägt meine ich auch das andere in sich, also zumindest war es von mir so angelegt.
(Ich dachte dabei auch an diese Zeile von Lisa, die ich spannend fand:
zum Konjunktiv heb ich den Kopf
Ich hoffe es ist o.k. Lisa, wenn ich dich hier zitiere?)

Der Nüsternatem hat für mich auch eine sensuelle Komponente und eine, die ich zumindest auch mit Mut, Gefahr, gegenseitiger Achtung, Spannung, Nähe und Vertrauen verbinde. Das wird für mich auch vom Saumpfad wieder aufgegriffen und weitergeführt. Vielleicht so: die Lasten sind da, aber sie werden nicht in den Vordergrund gehoben, sie werden getragen.

Dass viele auch heute noch von Lyrik vor allem ein Schwelgen in romantischen Stimmungen erwarten, liegt wahrscheinlich an der Sehnsucht, dem grauen Alltag einfach mal zu entfliehen.
Empfindest du das wirklich so? Ich habe im Gegenteil eher den Eindruck, dass viele Autoren und Leser von "modernder" Lyrik genau das nicht erwarten. Aber ich mag mich da auch gar nicht an irgendwelche Erwartungen anpassen, oder daraufhin schreiben.
Wir sind eben nicht nur "Verwöhnte der Jahreszeiten". Oft setzen uns die Jahreszeiten auch ganz schön zu.
Da wäre zum einen der Aspekt, wie das "wir" hier aufgefasst werden kann, und ob es eine Aussage über alle Zeiten, in die Zukunft hinein und über alle Schicksale hinweg sein muss, und zum anderen, bezieht sich das ja hier konkret auch auf die Strophen davor, auf die Abwechslung und die Erwartung, die Haltung.
Und ja, sie können uns auch zusetzen, nur war das hier eben nicht mein vordergründiges Thema, diese Seite herauszustellen, das wäre wohl ein anderes Gedicht geworden.
Aber LDu erzählt bis in den Stein hinein, vielleicht auch das ein Gedanke, der weg vom "reinen" Schwelgen führen könnte, wie vielleicht auch schon der Titel?

Hallo Leonie,

einiges habe ich fenestra schon geschrieben, vielleicht ist da auch ein Gedanke dabei, der auf dein Hin- und Hergerissensein eingeht? Es ist interessant für mich, wie das bei euch ankommt.
Saumpfad ist keine Komposita, also zumindest nicht im Sinne einer Erfindung von mir? Schau mal: http://www.fotocommunity.de/pc/pc/display/18728890
Das Lasso versetzt mich in den wilden Westen, vor allem, weil dann ja auch ein Pferdebild folgt.
Was hast du denn gegen den wilden Westen. .-) Das ist natürlich schade, dass du dadurch rausfliegst. Aber trägt die Strophe selbst für dich bis auf diese Assoziation tatsächlich dieses Cowboybild? Und ohne Pferdebild würde für mich auch das Lasso ins Leere gehen?

Danke für eure Rückmeldung!
Liebe Grüße
Flora
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