Yorick

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Louisa

Beitragvon Louisa » 04.11.2012, 10:57

Ich bewundere Sie ja! Ich bewundere Sie ja!
Dass Sie mit sowas, mit so etwas -
Ich könnte das mit so etwas nicht!


Man kann nicht sagen es gäbe kein Problem mit Yorick,
aber man kann auch nicht sagen Yorick sei ein Problem.

Aus allen Ecken rinnen Sprüche und Blicke
in seine Abwasserkanal - Seele hinein -

Wenn es regnet und in Berlin regnet es oft (!)
trägt Yorick ein Hemd, drei Pullover, eine Jacke
und das Regencape, er sieht nasses Pflaster,
er sieht Schuhe und Zigarettenstummel

und manchmal, manchmal,
wenn er es schafft, den Kopf zu heben,
dann sieht er sogar den grauen Himmel.

Ich bin immer dahinter, ab und zu
hebe ich seinen Kopf an,
ich weiß nicht wieso.

Wieso fahren sie denn mit dem normalen Bus?
Gibt es da nicht extra Busse?
Früher gab es extra Busse.


Seit Monaten rede ich viel mit Yorick.
Man kann nicht sagen, dass er nicht sprechen kann,
aber man kann auch nicht sagen, dass er spricht.

Jeden Morgen frage ich: Dieser Tee heißt "Ööh"
und dieser Tee heißt "Iih" - welchen sollen wir kochen?
Und er lächelt ...

(Lächeln ist schon eine tolle Fähigkeit.)

Manchmal sagt er "Ööh", manchmal sagt er "Iih"
und manchmal sagt er nichts.

Er liebt es, wenn ich den Teebeutel-Faden
an seinen Finger knote, die Hand
hoch und runter bewege und das Wasser
sich rot oder grün oder gelb verfärbt.

Wenn ich ihn nachmittags auf eine Iso-Matte lege,
erinnert er mich an einen zappelnden Fisch,
der sich bewegt und sich nicht bewegen kann.
Ich wende ihn und erzähle, erzähle, erzähle ...

Danach kommen andere Frauen, Männer, Kinder -
jeder hat eine neue Idee, um es besser zu machen,
denn es kann ja nicht so bleiben wie es ist,
es kann ja, um Gottes Willen, nicht so bleiben wie es ist.

Das wäre fatal, das wäre eine Qual für Yorick,
denken die Männer und Frauen und Kinder ...

Was hat er denn, der Kleine?

Ich habe immer Angst ihn beim Füttern
umzubringen. Aber er kann gut husten.

(Husten ist schon eine tolle Fähigkeit.)

Ich umwickle uns beide mit Stofftüchern
vor jeder Mahlzeit und wundere mich
über Menschen, die täglich
von ihrem süßen Boxer abgeschleckt werden.

Guck mal, wie der Yorick sabbert!
Der Arme! Die arme Mutter! Der arme Vater!
Die armen Geschwister! Die armen Nachbarn!
Die armen sabbernden Hunde, die armen!

Er ist ein sehr kluges Kind.

Er kann doch nichts.

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nera
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Beitragvon nera » 12.11.2012, 19:04

noch ein nachtrag flora,
auf deine frage, ob es mir nur um die elementare grundbetreuung gehen sollte. nein, natürlich nicht. (hat das jetzt überhaupt etwas mit dem text zu tun, grübel, und ist das so rüber gekommen) allerdings gibt es situationen, wo nichts anderes mehr möglich ist oder wo "die situation verbessern" bedeutet, einfach nur da zu sein, zu erzählen, zu streicheln oder zu singen.
lg


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