virtual reality

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Klimperer

Beitragvon Klimperer » 12.05.2013, 15:07

ich sehe die marathon läufer
unreife bananen
zerdrückte weggeworfene
plastikbecher
applaudierende leute
alles aber
kommt mir unwirklich vor
seitdem das fernsehen
es nicht mehr überträgt
das hier ist nur ein ereignis
kein event
die virtual reality fehlt

Mucki
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Beitragvon Mucki » 13.05.2013, 13:06

Hola Carlos,

ein Paradoxon beschreibst du hier. Und es scheint mir - leider - schon sehr real. Das ist fast genauso, wie bei einem Naturereignis, z.B. einem Regenbogen, den man mit der Kamera festhält (heute mit einem Smartphone) und sich später dann auf dem Bildschirm anschaut und dieses Bild oder den Film an seine Freunde verschickt. Und vor lauter Filmen/Fotografieren vergisst man, diesen wunderschönen Regenbogen einfach nur zu betrachten und sich daran zu erfreuen. Verrückte Welt ...

Saludos
Gabriella

Klimperer

Beitragvon Klimperer » 14.05.2013, 09:26

Hola Gabriella,

es freut mich, dass du es so siehst. Leider glaube ich, dass die "reality", die wirklich erlebte Wirklichkeit, tatsächlich, auch in unserem Bewusstsein, durch die "virtual reality" verdrängt wird.

"Die Geister, die ich rief" ???

Ein schwieriges Thema.

Espero que estés bien.

Tú eres la piedra angular de este foro.

Carlos

Mucki
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Beitragvon Mucki » 14.05.2013, 12:37

Hola Carlos,
Klimperer hat geschrieben:Leider glaube ich, dass die "reality", die wirklich erlebte Wirklichkeit, tatsächlich, auch in unserem Bewusstsein, durch die "virtual reality" verdrängt wird.

sehe ich ähnlich. Da findet eine Art "Vereinsamung" in unserer Gesellschaft statt. Und, wie sich das entwickelt, mit all dem High Tech, mit dem wir uns umgeben, wird sich das immer stärker auswirken. Es besteht ja auch dieses Suchtpotential, das ziemlich gefährlich werden kann. Man isoliert sich mehr und mehr und nimmt es gar nicht mehr wahr. Ja, ein schwieriges Thema.
Klimperer hat geschrieben:Tú eres la piedra angular de este foro.

Gracias, es muy amable de tu parte que los sientes de esa manera. :d040:

Saludos
Gabriella

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Zefira
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Beitragvon Zefira » 14.05.2013, 12:55

Ich empfehle zu diesem Thema immer den Roman "Perlmanns Schweigen". Neben vielen anderen interessanten Themen wird darin auch dem Problem "Wahrnehmung der Gegenwart" viel Raum gewidmet. Perlmann, der mit einer Fotografin verheiratet war, ist es gewohnt, "dass die Dinge keine Gegenwart für ihn hatten" (so beginnt nach meiner Erinnerung das Buch). Schon das Vorhaben, einen Moment "aufnehmen" zu wollen in dem Augenblick, in dem er geschieht, bedeutet eine Distanzierung von der Gegenwart, In Wahrheit werden Eindrücke nur gespeichert und verarbeitet, bis man irgendwann etwa sagt: "Ja, das war wunderbar" oder "in diesem Augenblick war ich vollkommen glücklich". Diese Empfindung ist aber immer ein Produkt der Verarbeitung, nie des Augenblicks selbst. (Sorry, das geht schon etwas ins OT, hat mit virtueller Realität vielleicht nicht viel zu tun - aber das klassische Beispiel für diese Art Realitätsempfinden ist wohl das Erinnerungsfoto.)

Grüße von Zefira
Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.

(Ikkyu Sojun)

Klimperer

Beitragvon Klimperer » 16.05.2013, 07:34

Hallo Zefira,

was bedeutet OT?

Mit großem Interesse lese ich deine Gedanken, es animiert mich dazu, auch selbst zu denken. Zumindest, mir Gedanken zu machen. Ich muss immer wieder an José Ortega y Gasset denken, dem ich das Denken verdanke. Sein größtes Anliegen war, zu verstehen.

"Perlmanns Schweigen", das werde ich mir merken.

Früher sagte man, Eingeborene hätten Angst davor, fotografiert zu werden, sie würden glauben, das würde ihre Seele berauben ... Mit uns ist es fast umgekehrt, wir leben fast nur in Fotos.


Etwas, das mich dabei stört, ist dieser universelle Zwang, dabei lächeln zu müssen.

Ich glaube, es war nicht immer so. Das merke ich, wenn ich mir schwarz-weiß Fotos, auch Gruppenfotos anschaue.

In der Praxis ist es doch unmöglich, dass alle Menschen, die auf einem Foto erscheinen, gleichzeitig fröhlich sind, außer bei einer Party, zur vorgerückten Stunde, vielleicht.

Hier haben wir mit einer soziallen Konvention zu tun, die stärker ist als der persönliche Wille des Einzelnen.

"Guck doch nicht so ernst!" "Lach doch mal!"

Ich weis, ich schweife vom Thema ab.

Zurück zur Virtual Realiy: mir fällt ein Beispiel ein, der Brief nämlich, der quasi aufgehört hat zu existieren, der nur noch in dieser simulierten Realität weiter lebt.

Und, wenn wir ehrlich sind, im Grunde doch als etwas Gutes empfinden, und die Nostalgie über dessen Verlust anachronistisch ist.

Wenn man maschinell, auf alten Schreibmaschinen geschrieben hat, musste man mühsam, immer wieder Fehler ausradieren, wieder schreiben. Heute geht es Ruckzug.

Die Technik, der Fortschritt hat uns im Griff, ob wir lachen wollen oder nicht.

Ja, liebe Zefira.

Ich nehme an, du bist noch im Urlaub, aber das hier ist ja keine Arbeit. Im Gegenteil.

.
Bis bald,

K

Mucki
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Beitragvon Mucki » 16.05.2013, 11:49

Hola Carlos,
Klimperer hat geschrieben:was bedeutet OT?

= off topic = vom Thema abschweifen
Klimperer hat geschrieben:Früher sagte man, Eingeborene hätten Angst davor, fotografiert zu werden, sie würden glauben, das würde ihre Seele berauben ... Mit uns ist es fast umgekehrt, wir leben fast nur in Fotos.

Ja, da ist was dran.
Klimperer hat geschrieben:Etwas, das mich dabei stört, ist dieser universelle Zwang, dabei lächeln zu müssen.

Geht mir ganz genauso! Ich hasse das sogar regelrecht.
Ich liebe Fotos, bei denen ein Mensch nicht auf Kommando eine Pose macht, sondern aufgenommen wird, wenn er es nicht bemerkt. Nachdenklich schaut. Und in Schwarz-Weiß. Das sind für mich die besten Bilder und vor allem die wirklich Authentischen.

Es gibt noch Menschen, die Briefe mit der Hand schreiben, wenn auch wenige. Es gibt noch Menschen, die mit einem Überweisungsbeleg zu ihrer Bank gehen und kein Online-Banking machen. Wobei ich zu denjenigen gehöre, die niemals zur Bank gehen, um etwas zu überweisen (für mich ist das "Steinzeit" *lach*). Wir haben viel High Tec, doch vieles davon ist für mich inzwischen unentbehrlich geworden und ich schätze es sehr.
Wenn du heute ein Auto kaufst (habe mir gerade ein Neues gekauft), findest du kaum eines mehr, dass nicht voller High Tec ist. Scheiben selber hochkurbeln? Hä? Also bitte! Elektrische Fensterheber! Auto mit dem Schlüssel öffnen? Hä? Auto wird selbstverständlich mit Funkfernbedienung geöffnet und geschlossen. Automatische Wegfahrsperre ist natürlich inklusive (1. Regel lautet heute: IMMER mit dem Schlüssel in der Hand das Auto verlassen, sonst sperrst du dich aus). Heute sprichst du mit deinem Auto, Kommandos gibst du am Lenkrad ein, Speach-Modus, du steuerst damit deine, selbstverständlich integrierte, Freisprechanlage, deine Musik, die du im Stick oder in der Playlist deines Smartphones hast. Du sagst deinem Auto, welche Musik es spielen soll, ob die Musik stoppen soll oder ob es einen Titel wiederholen soll. Landkarten gucken. Hä? Wozu hat man ein Navigationsgerät. Na ja, und so weiter und so weiter. *lach* Das ist die neue Welt. Kaum einer fragt heute mehr nach dem Weg.
Und es wird nicht mehr lange dauern, bis ALLES sprachgesteuert ist, sei es das Licht in deinem Haus, die Auffüllung deines Kühlschranks (gibt es ja alles schon), etc. etc.

Immer, wenn ich eine bestimmte Szene in dem Film "Apollo 13" sehe, muss ich lauthals lachen:
Tom Hanks sagt dort sinngemäß: "Und stellen Sie sich eine Zukunft vor, in der ein Computer so klein ist, dass er in einen Raum passt!"
Tja, heute passt ein Computer in die kleine innere Jackentasche. *lach*
Das ist heute. Was wird wohl morgen sein? Der "gläserne Mensch" ist ja jetzt schon da. Du gibst bei Google-Maps eine Stadt ein und wirst gefragt, ob die Route zu deiner Stadt errechnet werden soll. Deine Stadt steht schon drin, dank GPS-Ortung.

Ich weiß nicht, ob das alles beängstigend ist oder einfach nur genial. Vermutlich schwingt beides mit. Es kommt wohl darauf an, wie man damit umgeht bzw. ob man es umgehen will.

High-Tec-Grüße
Gabriella, die wohl bald auch nicht mehr hier mit der Hand eintippt, sondern den Text einfach reinspricht. ;-)


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