Er ist gegangen

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
galapapa

Beitragvon galapapa » 04.04.2013, 09:27

Er wollte gehen; Krankenzimmerluft,
erstickend schwül blieb sie im Halse stecken.
Ein honigzäher, bittersüßer Duft
begann ihn einzuhüllen, zu erschrecken.

Er wollte gehen, doch ihr Augenpaar,
es schien ihn mit Verzweiflung festzuhalten,
so angstbeladen, bloß und angreifbar,
als spürte sie sein Mitgefühl erkalten.

Ein müdes Lächeln war ihr letzter Trumpf
denn Einsamkeit gibt keine guten Karten.
Vergessen werden macht die Seele stumpf,
so unerträglich ist das leere Warten.

Er ist gegangen. Wie ein stiller Schrei
verlor die Schwermut sich in langen Fluren;
sie wog in seinen Schritten schwer wie Blei;
es war ein wenig Schuld in seinen Spuren.

Klimperer

Beitragvon Klimperer » 04.04.2013, 10:17

Beim Lesen dieses Gedichts muss ich an Rilke denken.

Fast jeder Dichter hat einmal versucht, so gut wie er zu schreiben.

Dieses Gedicht überzeugt mich, es ist nicht nur schöne Musik, auch gedanklich stimmt alles hier.

Musik ist die höchste Kunst. Musik mit Worten zu machen, das kann nicht jeder.

galapapa

Beitragvon galapapa » 04.04.2013, 11:45

Hallo Klimperer,
Dein tolles Lob beschämt mich; Hab herzlichen Dank dafür!
Ich habe von Rilke, wie überhaupt von lyrischer Literatur noch nicht viel gelesen, aber was ich gelesen habe, hat mich begeistert. Doch das ist eine andere Liga, einem Rilke kann ich das Wasser nicht reichen.
Sehr schön finde ich auch Deinen Vergleich mit Musik. Ich suche und empfinde in einem Gedicht auch immer die Musik, die Melodie in der Sprache und den Rhythmus in der Metrik.
Bildende, tönende und sprachliche Kunst haben meiner Meinung nach viel gemeinsam, zu allervorderst die Ästhetik.
Vielen Dank nochmal und herzliche Grüße!
galapapa

Benutzeravatar
fenestra
Beiträge: 1369
Registriert: 21.06.2009
Geschlecht:

Beitragvon fenestra » 07.04.2013, 23:06

Hallo, galapapa,

eine eindrucksvolle Szene hast du in diesem Gedicht beschrieben. Man spürt regelrecht den unsichtbaren Bann, den die Kranke dem Scheidenden auferlegt - allein, dieser Bann ist nicht stark genug, um einen Gesunden an das Krankenzimmer zu fesseln. Dass die Einsamkeit keine guten Karten gibt, diese Wendung finde ich besonders gut gelungen. Auch metrisch ist der Text makellos. Gern gelesen!

fenestra

galapapa

Beitragvon galapapa » 08.04.2013, 08:18

Liebe fenestra,
hab herzlichen Dank für Dein Lob!
"Keine guten Karten" assoziiert man mit "verlieren" und Verlierer sind sie allemal, die einsamen Alten und Kranken.
Liebe Grüße!
galapapa


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 16 Gäste