ante diem

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Klimperer

Beitragvon Klimperer » 13.01.2013, 15:49

sie sitzt in einem bequemen
sessel am hellen fenster
sie könnte das leben sehen
aber sie ist blind

mühsam steht sie auf
greift zu ihrem rollator
wenn das telefon klingelt
sie ist fast taub

voller erwartung
starrt sie die tür an
wenn ich anklopfe

der tod wird leise kommen.

pjesma

Beitragvon pjesma » 13.01.2013, 15:58

kleine unklarheit die mich stützen lässt: ist telefonklang nicht schriller als türklopfen? vielleicht die erwartung irgendwie eher mit einem schatten im tür verbinden, einem geruch das den besucher ankündigt...damit die verweirrung gen hörvermögens entfällt?
lg

pjesma

Beitragvon pjesma » 13.01.2013, 16:03

auch dieses macht für mich kein sinn, sorry das ich so nörgle...aber wenn man es genau liest, ist es etwas undurchdacht:
sie könnte das leben sehen
aber sie ist blind

wie könnte sie das leben SEHEN wenn sie blind ist?
lg

Mucki
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Beitragvon Mucki » 13.01.2013, 16:07

Hola Carlos,

ein nachdenklich stimmender Text ist das. Die Schlusszeile hat es in sich.
Wobei diese für mich derart interpretierbar ist, dass das LI den Tod repräsentiert, sprich "sie" den Tod willkommen heißen wird, ihn sogar ersehnt, ich somit die beiden vorletzten Zeilen als Bild für "Der Tod klopft an die Tür" lese.

Saludos
Gabriella

Mucki
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Beitragvon Mucki » 13.01.2013, 16:10

Hallo pjesma,

ich glaube, dass es anders gemeint ist:
Sie könnte das Leben sehen, aber sie ist blind: Sie ist blind für das Leben. Sie will nicht leben.
Vielleicht liege ich auch daneben, aber so lese ich den Text.

Saludos
Gabriella
P.S. Deshalb spielt auch die Geräuschstärke von Telefon oder Türklopfen keine Rolle, da es als Metapher gedacht ist.

scarlett

Beitragvon scarlett » 13.01.2013, 16:19

jepp gabi, so lese ich das auch und finde gut, was ich da lese.

scarlett

Mucki
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Beitragvon Mucki » 13.01.2013, 17:02

Den Titel "ante diem" finde ich übrigens hervorragend gewählt als Antonym zu "Carpe diem".

Nifl
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Beitragvon Nifl » 13.01.2013, 17:12

Hallo.

Neben dem aufdringlich wirkendem Pathos dieses Textes erscheinen mir einige Zeilen auch etwas unausgegoren.


mühsam steht sie auf
greift zu ihrem rollator
wenn das telefon klingelt
sie ist fast taub

ist sie auch verwirrt, oder warum greift sie zum Rollator und nicht zum Telefon?

voller erwartung
starrt sie die tür an
wenn ich anklopfe

Woher will der Erzähler das denn wissen, wenn er vor der Tür steht?

Das würde ich noch mal überdenken. Die in dieser Vorlage gewagte Leseweise von Mucki kann ich nur unterstützen und würde darob das Ich der vorherigen Strophe ersetzen.

Gruß
Zuletzt geändert von Nifl am 13.01.2013, 17:30, insgesamt 1-mal geändert.
"Das bin ich. Ich bin Polygonum Polymorphum" (Wolfgang Oehme)

pjesma

Beitragvon pjesma » 13.01.2013, 17:26

hi gabi, das könnte man so lesen, hab schon daran gedacht...aber dafür fällt mir das wort leben irgendwie unvermittelt in bild, bzw. es geht wohl darum dass draußen, durch fenster sichtbar, ein lebendiges geschehen stattfindet...diese verbindung fehlt... es in deinem sinne zu lesen (so, als keine lust mehr zu leben), würde für mich sie könnte leben LEBEN als richtiger erscheinen lassen, weil für mich ist aus dem gedicht nicht mit sicherheit ersichtlich ob die blindheit und taubheit nur metapforisch sind, ich las sie eher als vorhanden und mittunter als gründe nicht mehr zu wollen... wie gesgt, für mich ist es ein bisschen schief, ich weiß zwar was gesagt werden wollte, aber die bilder passen mir nicht ganz und unmissverständlich...was in so kurzem gedicht sein müsste...
lg

Mucki
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Beitragvon Mucki » 13.01.2013, 17:29

Hallo Nifl,
Nifl hat geschrieben:ist sie auch verwirrt, oder warum greift sie zum Rollator und nicht zum Telefon?

ich denke mal, dass sie den Rollator braucht, um zum Telefon zu gelangen.
Nifl hat geschrieben:Woher will der Erzähler das denn wissen, wenn er vor der Tür steht?

Das würde ich noch mal überdenken. Die in dieser Vorlage gewagte Leseweise von Mucki, kann ich nur unterstützen und würde darob das Ich der vorherigen Strophe ersetzen.

Das "ich" finde ich in dieser Zeile wichtig. Der Clou wäre natürlich, wenn das "Ich" in der letzten Zeile stünde:

Ich werde leise kommen,

aber ich fürchte, dass man dann den Text nicht versteht. So lese ich, dass der Tod die Frau beobachtet, sie schon vorher besucht hat, jedoch wieder gegangen ist, vielleicht, weil er darauf wartet, dass sie doch noch Lebenswillen entwickelt. Der letzte Satz ist somit ein Versprechen an die Frau, dass sie leise, sprich ohne Schmerzen sterben wird.

All dies ist natürlich Spekulation und geht nur auf, wenn hier wirklich der personifizierte Tod gemeint ist.

Übrigens: Carlos weiß nicht, wer "Mucki" ist. Er kennt mich nur als Gabriella. ,-)

Nifl
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Beitragvon Nifl » 13.01.2013, 17:51

ich denke mal, dass sie den Rollator braucht, um zum Telefon zu gelangen.


Schon klar, aber es geht in diesem Forum auch um den Ausdruck, oder?

Das "ich" finde ich in dieser Zeile wichtig. Der Clou wäre natürlich, wenn das "Ich" in der letzten Zeile stünde:


ja, nicht nur als Clou, sondern unbedingt, wenn es denn so sein soll.
"Das bin ich. Ich bin Polygonum Polymorphum" (Wolfgang Oehme)

Mucki
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Beitragvon Mucki » 13.01.2013, 18:04

In diesem Text halte ich ein wenig szenische Bildhaftigkeit für wichtig, um zu begreifen, wie das Leben für die Frau aussieht, was für sie mühsam ist und die Tatsache, dass sie einen Rollator braucht.
Sonst würde der Tod insgesamt ins Leere sprechen.
Nifl hat geschrieben:ja, nicht nur als Clou, sondern unbedingt, wenn es denn so sein soll.

Jep.

Übrigens, du schreibst weiter oben von "aufdringlich wirkendem Pathos". Sehe ich nicht so. Wenn da wehleidige Worte wie "quält sich" oder "seufzend sitzend sie am fenster", etc. stünden, wäre es mir auch zu viel Pathos. Doch in der jetzigen Form finde ich das enthaltende Pathos auf das richtige Maß reduziert.

Klimperer

Beitragvon Klimperer » 13.01.2013, 19:30

Ich danke euch alle, ich fühle mich für so viel aufmerksamkeit geehrt, fast geschämt.

Gabriela hat für mich geantwortet, es ist genauso, wie ich es gemeint habe, das mit dem Rollator, zum Beispiel, denn das Telefon steht auf der anderen Seite des Zimmers.

Auch mit dem Sehen, sie würde gerne sehen, aber sie ist blind. Aber sie ist nicht ganz taub, deswegen nimmt sie auch ein starkes Klopfen an der Tür wahr. Am besten hört sie eigentlich, wenn man mit ihr am Telefon spricht.

Es ist schon eine Ungereimheit das mit dem mich anstarren bevor ich eintrete, aber sie starrt schon vorher die Tür so an, und sie weiß nicht genau, ob ich schon drin oder nicht, erst wenn ich mich sehr laut melde. Als Südamerikaner mache ich gerne Scherze, sage ihr manchmal: "Ich bin vom Finanzamt" oder "Ich bin der Doktor", was sie weniger lustig findet, aber sie erkennt mich sowieso gleich.

Wie dem auch sei, ihr, insbesondere Gabriella, habt mir eine große Freude bereitet. Vielen Dank

Carlos

Nifl
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Beitragvon Nifl » 13.01.2013, 19:40

In diesem Text halte ich ein wenig szenische Bildhaftigkeit für wichtig,


ja, ich auch, und?

um zu begreifen, wie das Leben für die Frau aussieht, was für sie mühsam ist und die Tatsache, dass sie einen Rollator braucht.


ist es mit Rollator denn nicht lebenswert?
Braucht der Text den für die moralische Integrität?


Pathetisch wirkt der Text auf mich, weil die Oma stereotyp dargestellt wird, ebenso die Strophe mit dem Netten, der vor der Tür das arme Geschöpf aufblühen lässt. Und der Tod mir nichts dir nichts als Erlöser gezeigt wird. Wenn es denn überhaupt so gemeint war, denn noch ist der Tod perspektivisch eine weitere Figur.
"Das bin ich. Ich bin Polygonum Polymorphum" (Wolfgang Oehme)


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