Geteert und gefiedert
Er, der hier einst der Fischer Schrecken war,
erschreckt nun keinen mehr, mit Öl lackiert,
mit Fett durchseucht ins letzte Federhaar,
's ist jetzt schon klar, dass er noch heut krepiert.
Er schreckt nun keinen mehr, mit Öl lackiert,
schwimmt wie ein Bronzestück im Bronzemeer,
's ist jetzt schon klar, dass er noch heut’ krepiert,
das Mineral macht ihm die Flügel schwer.
Er schwimmt bronziert in einem Bronzemeer,
träumt still von Zeiten luftigen Höhenflugs,
das Mineral macht ihm die Flügel schwer,
das Ende naht des schönen Selbstbetrugs.
Er träumt von Zeiten luftigen Höhenflugs,
als frommes Symbolon und Wappentier,
das Ende naht des schönen Selbstbetrugs,
es hat sich ausgefischt im Teerrevier.
Das fromme Symbolon und Wappentier
ist fettdurchseucht bis ins Gefiederhaar,
es hat sich ausgefischt im Teerrevier
für ihn, der einst der Fische Schrecken war.
"das Leben" nach fenestras Kritik durch "die Flügel" ersetzt.
Geteert und gefiedert
-
Last
Im Gegensatz zu manchen meiner Vorredner empfinde ich die Pantum-Form überhaupt nicht als kontraproduktiv, sondern als passend gewählt und souverän umgesetzt.
Hier geht es nicht darum, dass sich der Leser in den sterbenden Pelikan hineinversetzen oder dessen Leiden nachvollziehen soll. Stattdessen wird der Leser zu einem moralischen Urteil gedrängt. Das Unheil, das dem Vogel widerfahren ist, zeigt sich uns nämlich wie eine Strafe, deren Beobachter wir sind.
Das wirkt auf mich wie eine verdrehte Theodizee-Frage: Hier ist es der Mensch, der eine unfassbare Katastrophe über seine Umwelt bringt. Womit sie das verdient hat, bleibt offen.
Das ethische Problem steckt schon im Titel. Geteert wird der Vogel durch die Öl-Katastrophe, gefiedert ist er von Natur aus. Daraus ergibt sich eine Ähnlichkeit zur Strafe und zur Unschuld des Verurteilten gleichermaßen.
Überwinden können wir diesen Konflikt nur, indem wir dessen Voraussetzungen überdenken. Lesen wir beispielsweise das Federvieh metaphorisch und setzen den Konzernchef von BP an seine Stelle, wäre der fehlende gerechte Ausgleich hergestellt. Eine weitere Möglichkeit tut sich auf, wenn wir hier einen Märtyrertod sehen wollen. Das zu unrecht verurteilte Tier könnte dann als Symbol für die gebrechliche Einrichtung der Welt überleben.
Eine ähnliche Entwicklung des moralischen Konflikts modelliert meiner Meinung nach das Pantum, indem es ihn, „der hier einst der Fischer Schrecken war“, schrittweise in „das fromme Symbolon und Wappentier“ umwandelt. Eine reale Situation, die nicht akzeptiert werden kann, wird zu einer fiktiven umgedichtet, die wenigstens die Möglichkeit offen lässt, eine erdachte Ordnung wieder herstellen zu können.
Das Tragische daran ist jedoch der Umstand, dass die einzelnen Möglichkeiten zur Umdeutung der Situation an der bloßen Anwesenheit der anderen eben so sehr scheitern wie am Wesen der Umdeutung selbst.
Lassen wir den Konzernchef in die Rolle des Raubvogels schlüpfen, liest sich der Vers um das „fromme Symbolon“ ironisch als aufgedeckte Lüge eines falschen Spiels. Für das Märtyrer-Szenario müssen wir die gleiche Textstelle hingegen wortwörtlich verstehen. Ein und derselbe Satz, ja sogar ein und dasselbe Wort, beinhaltet dann zwei widersprüchliche Bedeutungen. Dass wir die Situation sowohl so als auch so werten könnten, sorgt dafür, dass wir sie überhaupt nicht mehr bewerten können.
Ich lese deshalb das „Symbolon“ auch eher als Selbstbezug der Dichtung auf ihre Möglichkeiten. Mit der Leitfrage: Was kann ich mit dieser Situation machen, wohin darf ich sie führen?
Hier geht es nicht darum, dass sich der Leser in den sterbenden Pelikan hineinversetzen oder dessen Leiden nachvollziehen soll. Stattdessen wird der Leser zu einem moralischen Urteil gedrängt. Das Unheil, das dem Vogel widerfahren ist, zeigt sich uns nämlich wie eine Strafe, deren Beobachter wir sind.
Das wirkt auf mich wie eine verdrehte Theodizee-Frage: Hier ist es der Mensch, der eine unfassbare Katastrophe über seine Umwelt bringt. Womit sie das verdient hat, bleibt offen.
Das ethische Problem steckt schon im Titel. Geteert wird der Vogel durch die Öl-Katastrophe, gefiedert ist er von Natur aus. Daraus ergibt sich eine Ähnlichkeit zur Strafe und zur Unschuld des Verurteilten gleichermaßen.
Überwinden können wir diesen Konflikt nur, indem wir dessen Voraussetzungen überdenken. Lesen wir beispielsweise das Federvieh metaphorisch und setzen den Konzernchef von BP an seine Stelle, wäre der fehlende gerechte Ausgleich hergestellt. Eine weitere Möglichkeit tut sich auf, wenn wir hier einen Märtyrertod sehen wollen. Das zu unrecht verurteilte Tier könnte dann als Symbol für die gebrechliche Einrichtung der Welt überleben.
Eine ähnliche Entwicklung des moralischen Konflikts modelliert meiner Meinung nach das Pantum, indem es ihn, „der hier einst der Fischer Schrecken war“, schrittweise in „das fromme Symbolon und Wappentier“ umwandelt. Eine reale Situation, die nicht akzeptiert werden kann, wird zu einer fiktiven umgedichtet, die wenigstens die Möglichkeit offen lässt, eine erdachte Ordnung wieder herstellen zu können.
Das Tragische daran ist jedoch der Umstand, dass die einzelnen Möglichkeiten zur Umdeutung der Situation an der bloßen Anwesenheit der anderen eben so sehr scheitern wie am Wesen der Umdeutung selbst.
Lassen wir den Konzernchef in die Rolle des Raubvogels schlüpfen, liest sich der Vers um das „fromme Symbolon“ ironisch als aufgedeckte Lüge eines falschen Spiels. Für das Märtyrer-Szenario müssen wir die gleiche Textstelle hingegen wortwörtlich verstehen. Ein und derselbe Satz, ja sogar ein und dasselbe Wort, beinhaltet dann zwei widersprüchliche Bedeutungen. Dass wir die Situation sowohl so als auch so werten könnten, sorgt dafür, dass wir sie überhaupt nicht mehr bewerten können.
Ich lese deshalb das „Symbolon“ auch eher als Selbstbezug der Dichtung auf ihre Möglichkeiten. Mit der Leitfrage: Was kann ich mit dieser Situation machen, wohin darf ich sie führen?
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Renée Lomris
Lieber Quoth,
Die Form deines Gedichts hat mich sofort bestochen (wir hatten einen Pantum-Faden, der mich zwar eingeschüchtert, doch sehr interessiert hatte) und Albatros war auch sofort präsent. (Es gibt übrigens auch einen englischen Dichter, dessen Name mir partout nicht einfallen will, der ebenfalls ein grandioses Gedicht über den Albatros verfasst hat, ich schreib dir später noch eine PN, u.a. dazu).
Der Inhalt lässt mich (...) relativ kalt, weil ich zu denen gehöre, die das Einmischen der Menschheit in die großen Dinge des Universums von Jahr zu Jahr verstärkt ablehnen. Es würde mich nicht wundern, wenn eine großartig angelegte Rettungsaktion der Braunpelikane in der Ausrottung einer bislang unbekannten, zum ökologischen Gleichgewicht dortiger Gewässer unerlässlichen Austernart mündete.
Das Bild des sterbenden Vogels, des frommen symbolons erreicht mich dann wieder "cher oiseau, mon frère". Doch er wäre dann ein Sterbender, wie wir Sterbende sind, ein bronzierter wie wir es sind, von Metall verstärkt und vergiftet ... Mir ist das Gegenüber von Natur und Mensch suspekt, denn erstens ist auch der Mensch Natur, und zweitens erleidet er durch den Menschen dasselbe Schicksal.
Zum Schluss zwei Punkte, die mir unlogisch erscheinen und nur des Pantums wegen eingeführt:
1. "träumt still von Zeiten luftgen Höhenflugs"
das scheint mir zu dem Bild des metallisierten Vogels nicht zu passen. träumt sicherlich nicht still ! allenfalls träumt ... vielleicht: träumt noch, träumt halb, träumt schwach, träumt blass, ....... "Blei träumt von Zeiten ..."
2. "Das Ende naht des schönen Selbstbetrugs"
Wer betrügt sich selbst? Der Pelikan? Das will mir nicht einleuchten. Wenn er sich für ein Wappentier und Bronzestandbild hält, so erscheint das nicht als seine Vorstellung. Ist es Betrug? Es ist eher eine flüchtige Illusion (nein, das ist nicht das selbe wie Selbstbetrug ??? ) Ein Vexierbild, eine Fata Morgana,
Mir fällt nichts anderes ein, leider ...
Was die neuen Formen der Lyrik angeht, geht es mir wie dir, fühle mich verloren. Nur Liebesgedichte schaffen es immer wieder, wenn die Aussage sehr klar und authentisch ist, mich zu berühren.
Ansonsten bin ich Lisas Ansicht: eine Bereicherung der Kategorien, der Thematik(en) scheint mir wünschenswert. Deshalb, trotz meiner kritischen Bemerkungen: bleibe bei den Inhalten die dich interessieren ...
Hat mich sehr interessiert
G
Renée
Die Form deines Gedichts hat mich sofort bestochen (wir hatten einen Pantum-Faden, der mich zwar eingeschüchtert, doch sehr interessiert hatte) und Albatros war auch sofort präsent. (Es gibt übrigens auch einen englischen Dichter, dessen Name mir partout nicht einfallen will, der ebenfalls ein grandioses Gedicht über den Albatros verfasst hat, ich schreib dir später noch eine PN, u.a. dazu).
Der Inhalt lässt mich (...) relativ kalt, weil ich zu denen gehöre, die das Einmischen der Menschheit in die großen Dinge des Universums von Jahr zu Jahr verstärkt ablehnen. Es würde mich nicht wundern, wenn eine großartig angelegte Rettungsaktion der Braunpelikane in der Ausrottung einer bislang unbekannten, zum ökologischen Gleichgewicht dortiger Gewässer unerlässlichen Austernart mündete.
Das Bild des sterbenden Vogels, des frommen symbolons erreicht mich dann wieder "cher oiseau, mon frère". Doch er wäre dann ein Sterbender, wie wir Sterbende sind, ein bronzierter wie wir es sind, von Metall verstärkt und vergiftet ... Mir ist das Gegenüber von Natur und Mensch suspekt, denn erstens ist auch der Mensch Natur, und zweitens erleidet er durch den Menschen dasselbe Schicksal.
Zum Schluss zwei Punkte, die mir unlogisch erscheinen und nur des Pantums wegen eingeführt:
Er schwimmt bronziert in einem Bronzemeer,
träumt still von Zeiten luftigen Höhenflugs,
das Mineral macht ihm die Flügel schwer,
das Ende naht des schönen Selbstbetrugs.
Er träumt von Zeiten luftigen Höhenflugs,
als frommes Symbolon und Wappentier,
1. "träumt still von Zeiten luftgen Höhenflugs"
das scheint mir zu dem Bild des metallisierten Vogels nicht zu passen. träumt sicherlich nicht still ! allenfalls träumt ... vielleicht: träumt noch, träumt halb, träumt schwach, träumt blass, ....... "Blei träumt von Zeiten ..."
2. "Das Ende naht des schönen Selbstbetrugs"
Wer betrügt sich selbst? Der Pelikan? Das will mir nicht einleuchten. Wenn er sich für ein Wappentier und Bronzestandbild hält, so erscheint das nicht als seine Vorstellung. Ist es Betrug? Es ist eher eine flüchtige Illusion (nein, das ist nicht das selbe wie Selbstbetrug ??? ) Ein Vexierbild, eine Fata Morgana,
Mir fällt nichts anderes ein, leider ...
Was die neuen Formen der Lyrik angeht, geht es mir wie dir, fühle mich verloren. Nur Liebesgedichte schaffen es immer wieder, wenn die Aussage sehr klar und authentisch ist, mich zu berühren.
Ansonsten bin ich Lisas Ansicht: eine Bereicherung der Kategorien, der Thematik(en) scheint mir wünschenswert. Deshalb, trotz meiner kritischen Bemerkungen: bleibe bei den Inhalten die dich interessieren ...
Hat mich sehr interessiert
G
Renée
-
Last
Hallo Renée,
was deine beiden Kritikpunkte angeht, muss ich widersprechen.
Zu 1.:
"still" liest sich für mich hier ganz reibungslos. Der Vogel hat den Kampf aufgegeben, hat resigniert, denkt lethargisch zurück an die besseren Zeiten. Es steht also für ein in sich Kehren.
Außerdem fügt sich dieses "still" in eine meiner Lesarten sehr gut ein, weshalb es mir fehlen würde. Der Vogel, der einer Bronzefigur angeglichen und als nächstes zum Symbol gemacht wird, ist an dieser Verwandlung nicht beteiligt, er äußert sich nicht dazu, bleibt also still. Nur in der Kunst kann das mit ihm geschehen.
Was mich zu Punkt 2 führt. Wie träumt der Pelikan von den Zeiten luftigen Höhenflugs? Als Symbolon und Wappentier. Der fiktive Vogel kann diesen Traum haben, nicht der echte. Der "Selbstbetrug" bezieht sich für mich nicht allein auf das Tier, sondern auch auf Leser und Autor. Der Selbstbetrug ist das Gedicht, dessen Ende naht. Wenn es vorüber ist, kann auch die Situation nicht mehr bewältigt werden.
Zu Quoths anderem Gedicht, in dem die Ölpest auch vorkommt, schrieb Thomas als Kritik: "Die Nachrichten kennen wir alle. Und dass das niemand gut findet, was andernorts passiert, und dass wir hier relativ verschont sind, ist jetzt so neu auch nicht." Das ist der Selbstbetrug: Kennen wir das Geschehen, weil wir es in den Nachrichten gesehen haben? Finden wir das wirklich nicht gut oder ist unsere Betroffenheit ein Selbstbetrug, der unser Weltbild aufrecht erhalten soll? Wenn unsere Betroffenheit so ernst gemeint ist, warum können wir sie dann nicht ausdrücken? Und wenn wir sie ausdrücken würden, wie würden wir dann zu den von uns selbst getroffenen Aussagen stehen, könnten wir sie glauben?
Vielleicht lese ich diese ganze Außenperspektive hier nur in das Gedicht rein. Aber irgendwie geht sie verdammt gut auf. Jedesmal, wenn ich hier über einzelne Textstellen nachdenke, eröffnet sich ein neues Detail. Deshalb bin ich sehr dagegen, hier etwas zu verändern.
was deine beiden Kritikpunkte angeht, muss ich widersprechen.
Zu 1.:
"still" liest sich für mich hier ganz reibungslos. Der Vogel hat den Kampf aufgegeben, hat resigniert, denkt lethargisch zurück an die besseren Zeiten. Es steht also für ein in sich Kehren.
Außerdem fügt sich dieses "still" in eine meiner Lesarten sehr gut ein, weshalb es mir fehlen würde. Der Vogel, der einer Bronzefigur angeglichen und als nächstes zum Symbol gemacht wird, ist an dieser Verwandlung nicht beteiligt, er äußert sich nicht dazu, bleibt also still. Nur in der Kunst kann das mit ihm geschehen.
Was mich zu Punkt 2 führt. Wie träumt der Pelikan von den Zeiten luftigen Höhenflugs? Als Symbolon und Wappentier. Der fiktive Vogel kann diesen Traum haben, nicht der echte. Der "Selbstbetrug" bezieht sich für mich nicht allein auf das Tier, sondern auch auf Leser und Autor. Der Selbstbetrug ist das Gedicht, dessen Ende naht. Wenn es vorüber ist, kann auch die Situation nicht mehr bewältigt werden.
Zu Quoths anderem Gedicht, in dem die Ölpest auch vorkommt, schrieb Thomas als Kritik: "Die Nachrichten kennen wir alle. Und dass das niemand gut findet, was andernorts passiert, und dass wir hier relativ verschont sind, ist jetzt so neu auch nicht." Das ist der Selbstbetrug: Kennen wir das Geschehen, weil wir es in den Nachrichten gesehen haben? Finden wir das wirklich nicht gut oder ist unsere Betroffenheit ein Selbstbetrug, der unser Weltbild aufrecht erhalten soll? Wenn unsere Betroffenheit so ernst gemeint ist, warum können wir sie dann nicht ausdrücken? Und wenn wir sie ausdrücken würden, wie würden wir dann zu den von uns selbst getroffenen Aussagen stehen, könnten wir sie glauben?
Vielleicht lese ich diese ganze Außenperspektive hier nur in das Gedicht rein. Aber irgendwie geht sie verdammt gut auf. Jedesmal, wenn ich hier über einzelne Textstellen nachdenke, eröffnet sich ein neues Detail. Deshalb bin ich sehr dagegen, hier etwas zu verändern.
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