Kopf bis Fuß

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Chamonixius
Beiträge: 55
Registriert: 02.02.2024
Geschlecht:

Beitragvon Chamonixius » 06.12.2025, 14:42

Kopf bis Fuß

Kniekehlenlimbo im Maelstromrondeau
die Bühne hebt ab und die Band
zerdeppert die Geigen und Glöckchen
samt erstbester Sterne Spektralklasse G

Bangbang im
Kopfschleudergang
Verlockungsvermummung
die Goethevoice klirrt

du schlängelst plutonisch
es mergelt sich leicht im Geschiebe
mein Panzerherz bildet sich ab

bei Charlie Parker ich schwirre
jetzt gilts o Baby
schon schreibst du mich um


--------

Originalversion, auf die sich Marens nachfolgender Kommentar bezieht :)

Kopf bis Fuß

Jetzt Kniekehlenlimbo
die Bühne hebt ab und die Band
zerdeppert die Geigen
und Glöckchen und Sterne

Bangbang im
Kopfschleudergang
verlockungsbegabt
die Goethevoice klirrt

Perikardmaterial
ich komm dir
elektrisch

O Baby ich schwirre
schon schreibst du
mich um
Zuletzt geändert von Chamonixius am 27.12.2025, 00:09, insgesamt 1-mal geändert.

seefeldmaren
Beiträge: 4
Registriert: 05.12.2025

Beitragvon seefeldmaren » 08.12.2025, 10:12

Hallo Chamonixius,

"Glöckchen und Sterne" wirkt auf mich im Vergleich zu der Schärfe der anderen Komposita fast schon zu beliebig bzw. zu dekorativ. Das war die schlechte Nachricht, die gute ist, dass ich das letzte Terzette und die Umkehrung der Autorenschaft "schon schreibst du mich um" toll finde, weil es das Gedicht (Sonett) enträtselt.
Cool finde ich die Goethevoice, die klirrt. Gegen die Reizung der Stimmbänder, könnte man im Hals- und Stimmbereich den Faust gurgeln.

: )

Maren

Chamonixius
Beiträge: 55
Registriert: 02.02.2024
Geschlecht:

Beitragvon Chamonixius » 08.12.2025, 22:37

Hey Maren!
Vielen Dank für den inmehrfacher Hinsicht erkenntnisstiftenden Kommentar! Diese Zeilen waren eine völlig planlose, geistige (???) Sturzgeburt und das sturzige merkt man ihnen, fürchte ich, auch an.
:oberschlau: <= Schimpfe mit mir selbst
Bei alldem ist mir nicht mal die "Sonettform" aufgefallen, bevor Du mich drauf aufmerksam gemacht hast.
Jetzt versuche ich mal nach und nach noch etwas an diesem Gebilder herum zu basteln. :brett:
Bin selbst gespannt, ob es verschlimmbessernd oder ausbaufähigkeitsbedienend wirksam sein wird.
:?:
LG!
C.

----

Besser, schlechter, egal?

V. 2.0

Kopf bis Fuß

Jetzt Kniekehlenlimbo
die Bühne hebt ab und die Band
zerdeppert die Geigen und
Sonne Mond und Sterne

Bangbang im
Kopfschleudergang
verlockungsbegabt
die Goethevoice klirrt

Du schlängelst
ich geb gleich
den Findling

O Baby ich schwirre
schon schreibst du
mich um

seefeldmaren
Beiträge: 4
Registriert: 05.12.2025

Beitragvon seefeldmaren » 08.12.2025, 23:53

Chamonixius hat geschrieben:
Kopf bis Fuß

Jetzt Kniekehlenlimbo
die Bühne hebt ab und die Band
zerdeppert die Geigen
und Glöckchen und Sterne

Bangbang im
Kopfschleudergang
verlockungsbegabt
die Goethevoice klirrt

Perikardmaterial
ich komm dir
elektrisch

O Baby ich schwirre
schon schreibst du
mich um
----

Besser, schlechter, egal?

V. 2.0

Kopf bis Fuß

Jetzt Kniekehlenlimbo
die Bühne hebt ab und die Band
zerdeppert die Geigen und
Sonne Mond und Sterne

Bangbang im
Kopfschleudergang
verlockungsbegabt
die Goethevoice klirrt

Du schlängelst
ich geb gleich
den Findling

O Baby ich schwirre
schon schreibst du
mich um


:tata: :engele:
Version 1:Kompositum "verlockungsbegabt" wirkt etwas forciert und beschreibt von außen, wo das Gedicht sonst eher performativ verfährt. Glöckchen und Sterne wirkt zart und naiv; eher eine naive Zartheit, die mit dem folgenden „Bangbang im / Kopfschleudergang" produktiv kollidiert. Quasi Weihnachtsbaumschmuck trifft auf Whiplash = absichtsvolle Dissonanz. Finde ich cool und interessant.

Version 2: Laternenlied, Schlager; eine Kindheitserinnerung, die zertrümmert wird. Kohärenz im Register: Sonne, Mond und Sterne genießen Verwandschaft. Steht etwas auf der Kippe ins Banale abzurutschen - hier zündelt der Autor. Das ist dreister und zugleich sentimentaler als das unspezifischere „Glöckchen und Sterne" der ersten Fassung, also demnach risikoreicher.
Interessant könnte hier ein Bruch im Register sein, der diese Verwandtschaft beendet. Sonne Mond und Möchtesterne. Hihi. Nur spontane Eingebung, bitte nicht beachten! Das ist kein Vorschlag, soll nur verdeutlichen, was ich meine:

zerdeppert die Geigen und
Sonne Mond und Basen

Bangbang im
Kopfschleudergang
Ester-Gruppe auf Lippen
die Goethevoice klirrt

------

Perikardmaterial fehlt mir. Find ich wirklich gut. Der Findling hingegen hat so einen bestimmten geologischen Beigeschmack. Ein Findling ist sperrig. Ein Findling ist weniger gefällig (version 2 generell). Der Wortklang "Findling" hingegen kommt andererseits auch unerwartet, es wirkt roh, schöne Assonanz, mit sich selbst in Kontrolle stehend. Ich weiß nicht, warum ich das so empfinde.

Das Perikard würde ich behalten, byebye also "Findling" und Sonne Mond und Sterne überdenken. Diese Zeile braucht (mein persönlicher geschmack!) noch etwas mehr von "kickstartmyheart", um noch mehr literarische Interessanz zu gewinnen. Aber ist nur mein persönlicher Eindruck. I hope it is helpful!

Maren

Chamonixius
Beiträge: 55
Registriert: 02.02.2024
Geschlecht:

Beitragvon Chamonixius » 11.12.2025, 12:20

Hey!!!
Vielen Dank für die Anmerkungen! Ich bin noch in Begrübelung und merke, dass es vermutlich noch einiger Weiterbegrübelungen bedarf, bis (hoffentlich) mein Dichtknoten in einem Ich-habs-Moment platzt.
Das Perikardmaterial erweist sich für mich als äußerst sperrige Wendung, die sich jetzt irgendwie voll im Gedicht verkantet hat, sie passt nicht richtig rein und ich krieg sie grad auch nicht rausmontiert - es klemmt!
Aber das wird schon noch (Aufmunternder Zuruf vom linken Temporallappen).
LG!
C.

Benutzeravatar
nera
Beiträge: 2221
Registriert: 19.01.2010

Beitragvon nera » 19.12.2025, 02:31

Wo ist hier das Sonett? Habe ich etwas übersehen?

Chamonixius
Beiträge: 55
Registriert: 02.02.2024
Geschlecht:

Beitragvon Chamonixius » 23.12.2025, 23:20

Hey Nera!

Lieben Dank fürs Nachhaken! :blümchen:
Es ist natürlich nur im augenzwinkernd-erweiterten Sinn ein "Sonett" (und ich würde keinem schulbankdrückenden Wesen geraten haben wollen, diese Zeilen im Deutschunterricht als Sonettbeispiel anzuführen - da raufte sich vermutlich die geplagte Paukperson die schuldienstgraue Mähne (soweit vorhanden). :oberschlau:

Worauf Maren hinauswollte ist, dass diese Zeilen halt auffällig "2 x Quartett - 2 x Terzett"-mäßig rüberkommen (was von mir nicht per planvollem Vorgehen "erreicht" wurde). Die formalen Regeln eines "richtigen" (oder wie Ulla Hahn sagen würde: "anständigen") Sonetts sind hier selbstverfreilich nicht abgebildet worden.

Ganz unabhängig von Deiner sehr berechtigten formalen Nachfrage, ist mir Dein Kommentar aber auch ein willkommener Anstoß, diese für mich etwas hakelige Perikardstrophe nochmal durchzufegen. :) Vielleicht werd ich das dann hier und andernorts zum Besten geben - also nicht wundern, wenn Du es doppelt liest...
:DD:

LG!
C.

Benutzeravatar
OscarTheFish
Beiträge: 297
Registriert: 08.11.2015
Geschlecht:

Beitragvon OscarTheFish » 07.01.2026, 12:30

nera hat geschrieben:Wo ist hier das Sonett? Habe ich etwas übersehen?

Der Verdacht des Sonetts steht im Raum. Allerdings erfüllt es nicht alle strengen Ansprüche an die Form. Gerade die Reformzeilen ordnen sich zunehmend so an. Letztendlich bleibt es vage, aber der Anfangsverdacht ist nicht aus dem Weg zu räumen. Daher finde ich diesen verklausulierten Hinweis darauf enttarnend.
Ein paar ausgewählte Werke zur Stillung weiterer Neugier:
AKUTES ABDOMEN, OBWOHL WIR BLIND SIND, SCHMUSEREI, MUCH ADO ABOUT FUJI.
Gedichte von: Der beste Dichter der Welt und XRayFusion.


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 Gäste