Zu seinem 93sten Geburtstag
schenkten wir Onkel Karl
eine etruskische Vase,
eine Abbildung davon
auf einer Postkarte.
"Es fehlen nur die Blumen!"
schrieben wir dazu.
Zum ersten Mal
hat er sich nicht bedankt.
ONKEL KARL
Pjotr hat geschrieben:wenn Du den Begriff "Onkel" liest, verbindest Du das intuitiv nicht erst einmal mit einem Menschen anstatt einem Papageien?
in der tat, pjotr, eine solche "eingebung" (intuition - wie du es nennst; ich würde eher "annahme" sagen) - habe ich bei einem text, der eine solche vielzahl von brüchen und standard-abweichungen aufweist, zwar zu beginn - sie löst sich jedoch am ende der ersten stophe auf, ohne danach neu etabliert zu werden.
ich lege es mal dar:
titel:
ONKEL KARL - in großbuchstaben.
statement1:
"zu seinem 93ten geburtstag schenkten wir onkel karl eine etruskische vase"
unter 'etruskische vase' verstehe ich ein antikes aufbewahrungsgefäß, das man vielleicht aus dem museum kennt. sicherlich kein üblicher privatbesitz, oder gar geburtstagsgeschenk. neugier auf die auflösung.
statement2:
"eine abbildung davon auf einer postkarte"
hier ist sie schon - von vielen denkbaren auflösungen eine der 'plumperen', aber auch fundamentaleren art: es handelt sich demnach gar nicht um das behauptete objekt - guter witz .-)
mit diese beiden statements hat sich der text bis zu dieser stelle wie folgt eingeführt/exponiert:
- aussage zwei verneint aussage eins. zur behauptung von aussage eins wird eine gegenbehauptung aufgestellt.
zugleich wird postuliert, diese aussagen wären kompatibel. damit wird in den raum gestellt, dass in der welt dieses textes behauptungen/erweckter anschein jederzeit relativiert werden können; darüber hinaus impliziert die gegenbehauptung weitere 'eigentümlichkeiten' (s.u.) - damit wird zusätzlich untermauert, dass den textaussagen nicht zu trauen ist; das in den raum gestellte also durch redundanz etabliert.
es wird eine 'verrückte' welt vorgestellt -
1- in dieser welt gibt es ein "wir" und einen "onkel karl" - soweit so gut
2 - in dieser welt sind eine sache und deren abbildung gleichgesetzt, bzw. wird dies zumindest behauptet - sehr speziell
3- in dieser text-welt werden 'postkarten mit abbildung' (leichte irritation - vermutlich ansichtskarten?) - zum geburtstag "verschenkt" - sehr eigenartig, denn so sagt man das gewöhnlich nicht: einem menschen "schenkt" man üblicherweise keine "postkarte" - man "schickt" sie, oder man "überreicht" sie, o.dgl. - mal unter der voraussetzung, dass eine ansichtskarte gemeint ist.
als eigenständiges "geschenk" wird eine karte (postkarte, ansichtskarte, grußkarte, glückwunschkarte...) normalerweise nicht verstanden.
es liegt hier (in der welt des textes) somit ein stark abweichender sprachgebrauch vor; die ganze im text vorgestellte welt scheint mir als leser sehr eigenartig, sehr 'anders'.
daher gehe ich an dieser stelle (sobald ich bis hierher gelesen habe) auch nicht mehr davon aus, dass "onkel karl" ein 'normaler onkel', also ein mensch sein muss. der weitere text wird es möglicherweise zeigen/auflösen, denke ich.
in der vermutung, dass es bei diesem text jedenfalls um verschiebungen der realität geht, lese ich weiter, und aussage drei bestätigt mich in meiner annahme:
statement 3:
"es fehlen nur die blumen", schrieben wir dazu.
der text geht nun einen schritt weiter, mit der nächsten absurd anmuteten aussage.
an dieser stelle gefällt er mir - weil er sich treu bleibt, indem die nächste aussage wiederum ein gesteigertes element der absurdität einführt.
nachdem (i) die erste aussage bereits irritation in hinblick auf etwas ungewöhnliches erzeugt hat ('etruskische vase' als geburtstagsgeschenk), und (ii) die folgende aussage diese irritation noch getoppt hat, indem sie zwar eine auflösung der ersten irritation anbietet (objekt ist gar nicht etruskische vase, sondern postkarte), dabei jedoch noch fundamentaler irritiert, indem sie implizit behauptet "objekt=abbild", und gleich noch einen schritt weitergeht, indem eine neue unüblichkeit "wir schenkten ihm zum geburtstag eine postkarte" wie selbstverständilch behauptet wird, treibt (iii) "'es fehlen nur die blumen', schrieben wir dazu" die absurdität in knapper, alltagssprachlich anmutender art auf die spitze -
für mich höhepunkt und kulminative krönung des textes.
es "fehlen blumen" in einer "etruskischen vase", die mit blumen herzlich wenig zu tun hat - genial wird mit der hier unpassenden assoziation "vase" > "blumen" gespielt. darüber hinaus stellt sich die frage nach dem grund dieser schriftlichen mitteilung; wer weiß, vielleicht ist der onkel taub und hat eine blütenallergie; wer weiß, vielleicht lief die karte per post; u.s.w.u.s.f. - alles mögliche ist möglich/interpretierbar, aber nichts davon wird konkret angedeutet/nahe gelegt.
daher lese ich diese strophe als dadaistische kulmination; ein strauß an ins nichts führender möglichhkeiten wird an dieser stelle evoziert, ohne sich noch mit auflösungen abzugeben - und finde den text an dieser stelle vollständig.
er ist mit dieser kulmination aber noch nicht zu ende, es folgt
statement4:
"zum ersten mal hat er sich nicht bedankt".
dies lässt mich ratlos - erstmals steigert der text nicht, sondern bietet ein nach meiner lesart entbehrliches, wenig sagendes anhängsel.
der verdacht kommt auf, dass der ganze text überhaupt nicht so fein komponiert war, wie ich auf dem pfad der überinterpretation aus ihm herauszulesen glaubte - die ganze subtil gesteigerte skurillität könnte dem autor auch mehr oder weniger unfreiwillig passiert sein. die von mir wahrgenommene differenziertheit des textes wäre somit gar nicht gewollt, sondern gestaltungsschwäche; einige der brüche unbeabsichtigte ungehobeltheiten, in ihrer konsequenz nicht zu ende gedacht.
epilog: ich frage den autor zwei mal über die kommentarfunktion, ob er die letzte strophe denn nicht entbehrlich fände; er geht auf diese frage 2x nicht ein - weiteres indiz dafür, dass er gar nicht versteht, was in seinem text zu lesen ist .-)
- verdammt, wieder mal umsonst genau gelesen, denke ich mir .-)
Zuletzt geändert von aram am 29.07.2013, 15:35, insgesamt 1-mal geändert.
Klimperer hat geschrieben:Lieber Aram,
vielleicht hast du Recht ...
Wie fändest du als Titel: "Das falsche Geschenk?"
Die Tatsache, dass Onkel Karl nicht antwortete, bestätigte mich in meiner Befürchtung, diese Vase, die wie eine Urne aussah, ihn irritiert hatte. Das spürte ich in dem Moment, in dem ich die Postkarte in den Briefkasten warf.
Ich muss darüber denken.
Ich danke dir
lieber klimperer,
ich hoffe, meine weiter oben an pjotr gerichtete antwort ist auch für dein verstehen, wie ich den text gelesen hatte, einigermaßen brauchbar.
liebe grüße; mit einem augenzwinkern! ,-)
aram, Dein Kommentar ist gemeinsam mit dem Text ein hinreißendes Gesamtkunstwerk - ich lese da die phantasievolle, inspirierte Interpretationsfreude eines wachen, intellektuellen Geistes, und der Autor antwortet in der letzten Strophe mit möglicher Gestaltungsschwäche und unbeabsichtigter Ungehobeltheit. "Zum erstenmal hat er sich nicht bedankt".
Als Dialog zwischen einem Gedicht und einem Kommentator ist das Ganze nunmehr vollkommen "rund".
... findet Zefira
Als Dialog zwischen einem Gedicht und einem Kommentator ist das Ganze nunmehr vollkommen "rund".
... findet Zefira

Zuletzt geändert von Zefira am 29.07.2013, 23:57, insgesamt 1-mal geändert.
Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
(Ikkyu Sojun)
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Der Zefira meine Zustimmung :-)
Danke, Aram, für die sehr klare Erklärung. Ich vermute, Deine Leseweise jetzt verstanden zu haben.
Ich würde ähnlich lesen, wäre der Text absurder. Für mich sind die Reibungen "Postkarte schenken/schicken", oder "antike Vase/Blumen" etc. so weit unterhalb der Groteskschwelle, sprich alltäglich, dass an keiner Stelle des Textes außeralltägliche Erwartungen sich mir auftun.
Was aber nicht typisch für mich ist! Bei einem Deiner Texte bekam ich einmal Visionen eines Wieners, der bei einem Glaserl Weyn kahlköpfig, koan-gedankenverschraubt, aus einem nepalesischen Kloster schaut. Zum Beispiel. Jener Text stand auch in Alltagssprache da, er war eigentlich nicht grotesk. Vielleicht liegt es am Ton? Der Ton in Klimperers obigen Text ist vielleicht ... anders? Andererseits gibt es einige Texte von ihm, der sehr wohl grotesk tönen.
Ahoi
P.
Danke, Aram, für die sehr klare Erklärung. Ich vermute, Deine Leseweise jetzt verstanden zu haben.
Ich würde ähnlich lesen, wäre der Text absurder. Für mich sind die Reibungen "Postkarte schenken/schicken", oder "antike Vase/Blumen" etc. so weit unterhalb der Groteskschwelle, sprich alltäglich, dass an keiner Stelle des Textes außeralltägliche Erwartungen sich mir auftun.
Was aber nicht typisch für mich ist! Bei einem Deiner Texte bekam ich einmal Visionen eines Wieners, der bei einem Glaserl Weyn kahlköpfig, koan-gedankenverschraubt, aus einem nepalesischen Kloster schaut. Zum Beispiel. Jener Text stand auch in Alltagssprache da, er war eigentlich nicht grotesk. Vielleicht liegt es am Ton? Der Ton in Klimperers obigen Text ist vielleicht ... anders? Andererseits gibt es einige Texte von ihm, der sehr wohl grotesk tönen.
Ahoi
P.
pjotr, ginge es nur um diese irritationen, könnte ich auch drüberlesen wie etwa über "93-ten", aber da gibt es ja noch diesen riesensprung von "etruskischer vase" zu "abbildung auf einer postkarte" - ist der für dich auch noch 'unterhalb der groteskschwelle'? - da steht ja:Pjotr hat geschrieben:Für mich sind die Reibungen "Postkarte schenken/schicken", oder "antike Vase/Blumen" etc. so weit unterhalb der Groteskschwelle, sprich alltäglich, dass an keiner Stelle des Textes außeralltägliche Erwartungen sich mir auftun.
Zu seinem 93-ten Geburtstag / schenkten wir Onkel Karl / eine etruskische Vase, / eine Abbildung davon /auf einer Postkarte.
und nicht etwa:
Zu seinem 93sten Geburtstag / schickten wir Onkel Karl / eine Kunstpostkarte / mit der Abbildung / einer etruskischen Vase
letzteres will der autor ja offenbar nicht, und ich vermute mit gutem grund, sonst schriebe er es so ähnlich hin.
er will doch diese irritation mit dem sprung von 'schenkten eine etruskische vase' zu 'nö, war bloß ne postkarte'.
und wenn das mehr sein soll als ein kleiner scherz - eher auf kosten des lesers, da ohne kontext-anbindung (mit der geschichte zu onkel karl in gar keiner verbindung stehend), muss ich doch als leser auch die worte rundum auf die goldwaage legen - gerade bei lyrik, mit nur wenigen, bedeutungsvoll über zeilenumbrüche herausgestellten worten.
wenn da ganz dem leser überlassen wird, ob er sich etwa alternativ den onkel als taubstumm vorstellten möchte, oder die karte als per post geschickt (sowie vielleicht dann noch den onkel vor erhalt oder antwort verstorben) - und es gäbe etliche weitere fragen, auch pjesma wirft oben eine auf - sollte dahinter doch zumindest eine absicht stecken?
ich denke z.b. auch, leser sollte vorher hinweis auf den hang des onkels zu trocken-skurillem humor haben, um dessen schweigen als schlusspointe fraglos als solche genießen zu können.
so ist der text für mich, wie er wohl tatsächlich gemeint ist, eben zu bezugsarm - leser müsste so wesentliches selber imaginieren - das könnte er aber auch nur bestenfalls, möglicherweise leichter mit schlichtem gemüt, wollte er die schlusspointe noch zeitnah genießen.
liebe zefi - fein beobachtet

"93-ten" ist sicherlich nur ein unabsichtlicher Schreibfehler.
Ich höre den Text als Prosa. Diese Zeilenumbrüche, die hier aus Prosa anscheinend Lyrik machen, kann ich, wenn mir jemand diesen Text vorliest, nicht sehen. In meinen Augen dienen die Zeilenumbrüche hier nur dem Timing, was ja wichtig ist für eine Witzerzählung. Für Timing-Anweisungen bietet allerdings auch die Prosa hervorragende Symbole: . , ; : - Hierfür muss ich also nicht auf Lyrik umsteigen, nur um ungewöhnliche Zeilenumbrüche zu legitimieren.
Der Text ist für mich schlichtweg ein Witz.
Das meine ich als Kompliment; Witz als gelungenes Kunstwerk (sehr schwierig zu erfinden), nicht im Sinn von "Unfug" wie in der bekannten Redewendung.
Ein Witz mit melancholischem Aroma. Das erhebt ihn auf ein Niveau höher als das des Fips Asmussen.
Cheers
P.
Ja.aram hat geschrieben:... aber da gibt es ja noch diesen riesensprung von "etruskischer vase" zu "abbildung auf einer postkarte" - ist der für dich auch noch 'unterhalb der groteskschwelle'?
Insgesamt lese ich darin die Absicht, einen Witz zu erzählen, mit Dreifachpointe, wobei die drittte eine offene ist. Die erste ist der "Riesensprung" von der Vase zur Postkarte, die zweite die ohne Blumen.aram hat geschrieben:wenn da ganz dem leser überlassen wird, ob er sich etwa alternativ den onkel als taubstumm vorstellten möchte, oder die karte als per post geschickt (sowie vielleicht dann noch den onkel vor erhalt oder antwort verstorben) - und es gäbe etliche weitere fragen, auch pjesma wirft oben eine auf - sollte dahinter doch zumindest eine absicht stecken?
Ich höre den Text als Prosa. Diese Zeilenumbrüche, die hier aus Prosa anscheinend Lyrik machen, kann ich, wenn mir jemand diesen Text vorliest, nicht sehen. In meinen Augen dienen die Zeilenumbrüche hier nur dem Timing, was ja wichtig ist für eine Witzerzählung. Für Timing-Anweisungen bietet allerdings auch die Prosa hervorragende Symbole: . , ; : - Hierfür muss ich also nicht auf Lyrik umsteigen, nur um ungewöhnliche Zeilenumbrüche zu legitimieren.
Der Text ist für mich schlichtweg ein Witz.
Das meine ich als Kompliment; Witz als gelungenes Kunstwerk (sehr schwierig zu erfinden), nicht im Sinn von "Unfug" wie in der bekannten Redewendung.
Ein Witz mit melancholischem Aroma. Das erhebt ihn auf ein Niveau höher als das des Fips Asmussen.
Cheers
P.
Ahoy Carlos,
mag sein, dass es an der großen, bunten Palette der Humorfarben liegt. Zur Erläuterung, meine mir inneliegenden Humorfarben sind: Britisch, jüdisch, deutsch, französisch, russisch, trocken, feucht, albern, intellektuell, schwarz. Sicherlich gibt es noch weitere in mir, die halt nur noch keinen Namen haben.
P.
mag sein, dass es an der großen, bunten Palette der Humorfarben liegt. Zur Erläuterung, meine mir inneliegenden Humorfarben sind: Britisch, jüdisch, deutsch, französisch, russisch, trocken, feucht, albern, intellektuell, schwarz. Sicherlich gibt es noch weitere in mir, die halt nur noch keinen Namen haben.
P.
Lieber Klimperer, ich bin zwar nicht Pjotr, fange aber gerade an, die spanische Sprache zu lieben ... man kann sie verstehen, ohne sie gelernt zu haben ;o)
Tolles Bonmot, danke!
Grüße von Zefira
Tolles Bonmot, danke!
Grüße von Zefira
Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
(Ikkyu Sojun)
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
(Ikkyu Sojun)
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