Yorick

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Louisa

Beitragvon Louisa » 04.11.2012, 10:57

Ich bewundere Sie ja! Ich bewundere Sie ja!
Dass Sie mit sowas, mit so etwas -
Ich könnte das mit so etwas nicht!


Man kann nicht sagen es gäbe kein Problem mit Yorick,
aber man kann auch nicht sagen Yorick sei ein Problem.

Aus allen Ecken rinnen Sprüche und Blicke
in seine Abwasserkanal - Seele hinein -

Wenn es regnet und in Berlin regnet es oft (!)
trägt Yorick ein Hemd, drei Pullover, eine Jacke
und das Regencape, er sieht nasses Pflaster,
er sieht Schuhe und Zigarettenstummel

und manchmal, manchmal,
wenn er es schafft, den Kopf zu heben,
dann sieht er sogar den grauen Himmel.

Ich bin immer dahinter, ab und zu
hebe ich seinen Kopf an,
ich weiß nicht wieso.

Wieso fahren sie denn mit dem normalen Bus?
Gibt es da nicht extra Busse?
Früher gab es extra Busse.


Seit Monaten rede ich viel mit Yorick.
Man kann nicht sagen, dass er nicht sprechen kann,
aber man kann auch nicht sagen, dass er spricht.

Jeden Morgen frage ich: Dieser Tee heißt "Ööh"
und dieser Tee heißt "Iih" - welchen sollen wir kochen?
Und er lächelt ...

(Lächeln ist schon eine tolle Fähigkeit.)

Manchmal sagt er "Ööh", manchmal sagt er "Iih"
und manchmal sagt er nichts.

Er liebt es, wenn ich den Teebeutel-Faden
an seinen Finger knote, die Hand
hoch und runter bewege und das Wasser
sich rot oder grün oder gelb verfärbt.

Wenn ich ihn nachmittags auf eine Iso-Matte lege,
erinnert er mich an einen zappelnden Fisch,
der sich bewegt und sich nicht bewegen kann.
Ich wende ihn und erzähle, erzähle, erzähle ...

Danach kommen andere Frauen, Männer, Kinder -
jeder hat eine neue Idee, um es besser zu machen,
denn es kann ja nicht so bleiben wie es ist,
es kann ja, um Gottes Willen, nicht so bleiben wie es ist.

Das wäre fatal, das wäre eine Qual für Yorick,
denken die Männer und Frauen und Kinder ...

Was hat er denn, der Kleine?

Ich habe immer Angst ihn beim Füttern
umzubringen. Aber er kann gut husten.

(Husten ist schon eine tolle Fähigkeit.)

Ich umwickle uns beide mit Stofftüchern
vor jeder Mahlzeit und wundere mich
über Menschen, die täglich
von ihrem süßen Boxer abgeschleckt werden.

Guck mal, wie der Yorick sabbert!
Der Arme! Die arme Mutter! Der arme Vater!
Die armen Geschwister! Die armen Nachbarn!
Die armen sabbernden Hunde, die armen!

Er ist ein sehr kluges Kind.

Er kann doch nichts.

Sam

Beitragvon Sam » 06.11.2012, 17:22

Flora,

du wirfst dem Gedicht einerseits vor, dass LYI stelle sich besser da, als seine Umwelt, am Ende aber möchtest du genau das erreichen, nämlich eine nach allen Seiten hin ausgeglichene Sichtweise auf diese doch ganz besondere Situation (die, gelänge es jemanden sie einzunehmen ihn automatisch "besser" machen würde als die meisten anderen). Warum denn keine Pausschalurteile seitens der Erzählerin? Muss sie eine Heilige sein, nur weil sie sich um ein behindertes Kind kümmert? Darf sie, was Selbst- und Außenwahrnehmung angeht nicht widersprüchlich sein? Muss ein Gedicht über einen behinderten Menschen automastisch ein politsch korrektes Statement enthalten?

Nein! Und weil das Gedicht genau all das nicht liefert, ist es gut.

Gruß

Sam


EDIT: Sorry, wenn ich noch einen nachsetze Flora. Ich habe den Eindruck du kritisierst an dem Gedicht, dass es nicht so geschrieben ist, wie man deiner Ansicht nach über ein solches Thema und aus der Sicht einer derart betroffenen Person zu schreiben hat.

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nera
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Beitragvon nera » 06.11.2012, 18:28

ich finde diesen text auch klasse!
ich kann ihn sehr gut nachempfinden, weil ich durch meine arbeit ähnliches erlebe, in der behindertenwerkstatt, in der förderschule, wo wir als pflegedienst die schwerstbehinderten mitbetreuen.
lg

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 06.11.2012, 20:18

Hallo Sam,

ich fang mal beim Nachsatz an. .-)
EDIT: Sorry, wenn ich noch einen nachsetze Flora. Ich habe den Eindruck du kritisierst an dem Gedicht, dass es nicht so geschrieben ist, wie man deiner Ansicht nach über ein solches Thema und aus der Sicht einer derart betroffenen Person zu schreiben hat.
Ich frage mich, ob Louisa die Wirkung, die das Gedicht bei mir in diesen einzelnen Punkten erzielt, beabsichtigt hatte. Wenn ich ihre Antwort auf meinen Kommentar richtig verstanden habe, ist das nicht so.
Sam hat geschrieben:Gefällt mir ausnehmend gut. Vor allem die Man-kann-Sätze. Weil sie die Weite des Zwischenraums aufzeigen. Und ich glaube, genau darum geht es in diesem Gedicht: den Raum auszuleuchten, der sich zwischen Betroffenen und Beobachtenden auftut.
Die Man-kann-Sätze gefallen mir auch. :) Welcher Raum tut sich denn aus deiner Sicht auf und wer wäre hier Betroffener und wer Beobachter? Wie siehst du das gezeigte LIch? Wie siehst du diejenigen, die hier in einen Topf geworfen werden?
Louisa hat geschrieben:Mich würde interessieren, ob die anderen LEser diese Zeilen auch als "Eigenlob" wahrgenommen haben oder ob die anderen es auch so gelesen haben, wie ich es wollte????
Das würde mich auch interessieren.
du wirfst dem Gedicht einerseits vor, dass LYI stelle sich besser da, als seine Umwelt, am Ende aber möchtest du genau das erreichen, nämlich eine nach allen Seiten hin ausgeglichene Sichtweise auf diese doch ganz besondere Situation (die, gelänge es jemanden sie einzunehmen ihn automatisch "besser" machen würde als die meisten anderen).
Ich werfe dem Gedicht überhaupt nichts vor, sondern stelle fest und gebe Rückmeldung dazu, wie es bei mir ankommt. Andere sehen es anders. Und wenn das für Louisa so passt für ihr Gedicht, wenn sie ihre Intention getroffen sieht, ist doch alles in Ordnung?
Grundsätzlich ist es für mich allerdings auch ein Unterschied, ob sich jemand "besser" darstellt, und dafür auch eine Herabsetzung anderer einsetzt, oder ob jemand "besser" ist ... wobei das "besser" in meinem Kommentar aus der Aussage im Text übernommen war.
Warum denn keine Pausschalurteile seitens der Erzählerin?
Was bringen die Pauschalurteile aus deiner Sicht für den Text? Aus meiner Sicht schwächen sie ihn, gerade auch weil sich LIch ausnimmt. Dadurch wird der Fokus für mich auf die Ungerechtigkeit der Pauschalisierung, die fehlende Differenzierung und das LIch selbst gelenkt und weg von den eigentlichen Kritikpunkten und Beobachtungen.
Muss sie eine Heilige sein, nur weil sie sich um ein behindertes Kind kümmert?
Nein, muss sie nicht. Habe ich das irgendwo geschrieben? Würde sie zu einer Heiligen werden, wenn sie die Gedanken, die Louisa in ihrer Antwort aufgezeigt hat, im Text so aufgreift, dass sie bei mir ankommen?
Muss ein Gedicht über einen behinderten Menschen automastisch ein politsch korrektes Statement enthalten?
Nein. Gibt das Gedicht keines ab? Oder gibt es aus deiner Sicht ein politisch unkorrektes ab? Und würde sich das durch Änderungen an den von mir genannten Stellen verändern?
Nein! Und weil das Gedicht genau all das nicht liefert, ist es gut.
Dieser Art der Rückschlüsse stehe ich meist skeptisch gegenüber. Aber ich finde es interessant, dass du das schreibst, vor allem die Frage inwieweit sich dein Nachsatz darin spiegelt. Also die Rückfrage: Lobst du das Gedicht, weil es so geschrieben ist, wie man deiner Ansicht nach über ein solches Thema und aus der Sicht des LIch schreiben sollte?

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

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nera
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Beitragvon nera » 07.11.2012, 00:13

ich hab jetzt noch einmal und noch einmal gelesen und ich lese kein eigenlob aus dem text. ich lese hier von verschiedenen perspektiven. da gibt es das LI das ganz aktiv mit yorick umgeht und auch seine eigenen handlungsweisen reflektiert (warum hebe ich überhaupt den kopf hoch? bringt ihm das etwas? wieso schütze ich uns (yorick und mich)vor dem sabbern? andere lassen sich gerne ansabbern -von ihren hunden und wieso wird das eine ekliger empfunden, als das andere?) das LI redet mit ihm, spielt mit ihm, dreht ihn hin und her und hat eine beziehung, auch wenn es immer hinter ihm ist, wenn sie ausflüge machen....das "hinter ihm" bezieht sich für mich ausschließlich auf diese ausflüge, die beschrieben werden, auf die straßen, auf die yorick immerzu sieht, im bus. danach ändert sich die szenerie. und es wird nicht mehr von einem hinten gesprochen, sondern von einem gegenüber, von kommunikation, und dann kommt eine szene, in der yorick eigentlich augeliefert ist (er ist ja immer ausgeliefert) und das LI auch, an diese situation. für mich versucht in diesem moment das LI seiner eigenen hilfslosigkeit entgegen zu"erzählen".

in den nächsten zwei strophen wird von einer anderen perspektive erzählt, freilich in der interpretation des LI. es gibt immer kommentare von "außenstehenden", menschen die keine beziehung haben, die nur beobachten, reingucken sozusagen und für die ist es wahrscheinlich eher eine qual und fatal sich mit yoricks auseinander zu setzen, als für jeden yorick selbst. und deshalb darf es nicht so bleiben.
warum sollte sich das LI hier gleichmachen mit diesen passiven zuschauern? es hat ganz andere sorgen, nämlich dieses ganz elementare problem: hoffentlich erstickt er mir nicht....also nicht die verbesserung der lage, sondern das überleben des schutzbefohlenen.

wie schon gesagt, mich berührt der text. er kommt ohne weinerlichkeit daher. er zeigt sehr schön die seltsame betroffenheit außenstehender, die hilflosigkeit , angst und abgrenzung und auch die situation des LI.

und ja, flora, solche sprüche gibt es. ich habe gerade heute mal wieder so einen gehört.

bei dieser diskussion stelle ich mir die frage:
müssen wir in jedem text möglichst objektiv sein? alle protagonisten objektiv von allen seiten beleuchten? wieso werden durch subjektive sichtweisen in diesem text der blick auf das LI fokusiert? mal abgesehen davon, dass der fokus auf dieser beziehung des Li zu Yorick und auch zu den zuschauern liegt und liegen muss.

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 07.11.2012, 08:01

Hallo nera,

ich denke wir liegen da gar nicht so weit auseinander, nur lesen wir offensichtlich sehr unterschiedlich.
in den nächsten zwei strophen wird von einer anderen perspektive erzählt, freilich in der interpretation des LI. es gibt immer kommentare von "außenstehenden", menschen die keine beziehung haben, die nur beobachten, reingucken sozusagen und für die ist es wahrscheinlich eher eine qual und fatal sich mit yoricks auseinander zu setzen, als für jeden yorick selbst. und deshalb darf es nicht so bleiben.
warum sollte sich das LI hier gleichmachen mit diesen passiven zuschauern? es hat ganz andere sorgen, nämlich dieses ganz elementare problem: hoffentlich erstickt er mir nicht....also nicht die verbesserung der lage, sondern das überleben des schutzbefohlenen.
Wie kommst du von:
Ich wende ihn und erzähle, erzähle, erzähle ...

Danach kommen andere Frauen, Männer, Kinder -
jeder hat eine neue Idee, um es besser zu machen,
denn es kann ja nicht so bleiben wie es ist,
es kann ja, um Gottes Willen, nicht so bleiben wie es ist.

Das wäre fatal, das wäre eine Qual für Yorick,
denken die Männer und Frauen und Kinder ...
auf passive Zuschauer und "außenstehenden", menschen die keine beziehung haben, die nur beobachten, reingucken sozusagen ??? Für mich geht es in diesen Zeilen um andere Betreuer, Therapeuten, Pfleger, Mutter, Vater und Geschwister ...
Und ich kann mir nicht vorstellen, dass du damit sagen möchtest, dass es in der Behindertenbetreuung nur um die elementare körperliche Grundversorgung gehen sollte, oder dass der Wunsch nach einer Verbesserung der Lage immer aus falschen Motiven heraus besteht. Zudem sehe ich es auch so, dass es LIch um eine Verbesserung für Yorick geht, eben auf seine Weise und das finde ich auch sehr schön gezeigt.
und ja, flora, solche sprüche gibt es. ich habe gerade heute mal wieder so einen gehört.
Meine Zweifel bezogen sich ja nur auf den "Eingangsspruch". Jemand hat also zu dir/jemand gesagt:
Ich bewundere Sie ja! Ich bewundere Sie ja!
Dass Sie mit sowas, mit so etwas -
Ich könnte das mit so etwas nicht!
Also in einer Gesprächs/Begegnungssituation ein Kind/Erwachsenen als Ding bezeichnet?

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

Sam

Beitragvon Sam » 07.11.2012, 17:56

Hallo Flora,

Flora hat geschrieben:Die Man-kann-Sätze gefallen mir auch. :) Welcher Raum tut sich denn aus deiner Sicht auf und wer wäre hier Betroffener und wer Beobachter? Wie siehst du das gezeigte LIch? Wie siehst du diejenigen, die hier in einen Topf geworfen werden?


Ich sehe das Ich in dem Bemühen sich gegenüber der beobachtenden Umwelt in Stellung zu bringen. Deswegen der Verzicht auf Sentimentalitäten aber auch ein Vermischen von dem was tatsächlich von anderen gesagt wird (das Kursive) und wie es von ihm wahrgenommen wird. Das Ich ist in einer Verteidigungshaltung, wobei es sich auch gegen sich selbst verteidigen muss, da es sich seiner eigenen Rolle in diesem "Spiel" so sicher nicht ist. Sie macht sich mit Yorick nicht bedingslos gemein, sondern wünscht sich von ihrer Umwelt, sie möge die eigene Unsicherheit teilen.

Dazu passt auch was du hier geschrieben hast:

Flora hat geschrieben:Was bringen die Pauschalurteile aus deiner Sicht für den Text? Aus meiner Sicht schwächen sie ihn, gerade auch weil sich LIch ausnimmt. Dadurch wird der Fokus für mich auf die Ungerechtigkeit der Pauschalisierung, die fehlende Differenzierung und das LIch selbst gelenkt und weg von den eigentlichen Kritikpunkten und Beobachtungen.


Beim nochmaligen Lesen sehe ich eigentlich keine Pauschalurteile, sondern das Ich in ihrer eigenen Unsicherheit in den (natürlich selektiven) Kommentaren Außenstehender reflektiert. Aber selbst wenn es Pauschalurteile wären, dann wären diese nur ein Hinweis darauf, wie das Lich so denkt. Ablenkend wäre es nur, wenn ich hinter dem Text ein von mir hineingelesenes Statement erkennen wollte, das durch eine derartige Diskreditierung des Ich geschwächt würde.

Ich lese hier eine ausgeprägte Ambivalenz, die sehr gut dargestellt ist. Dazu erscheint sie mir auch glaubhaft, obwohl dies für mich sekundär ist, weil ich mich nie in einer vergleichbaren Situation befunden habe.

Flora hat geschrieben:Lobst du das Gedicht, weil es so geschrieben ist, wie man deiner Ansicht nach über ein solches Thema und aus der Sicht des LIch schreiben sollte?


Nein. Ich habe keine festen Ansichten darüber, wie man über welches Thema schreiben sollte. Das entscheidet sich immer erst beim Lesen. Was ich allerdings glaube ist, dass es bei der literarischen Behandlungen von komplizierten und kontroversen Themen extrem schwierig ist, allen Seiten gerecht zu werden und dies auch nicht das Ziel eines solchen Textes sein sollte. Natürlich hat eine Literartur, die sich am "wie es sein sollte" orientiert ihre Berechtigung und ihre Befürworter. Mir ist aber ein "So ist es" wesentlich lieber, auch wenn es mit einer gewissen Voreingenommeheit behaftet ist und mit Fehlurteilen daherkommt. Denn wenn es wirklich Literatur ist, dann wird es auf die ein oder andere (mitunter sehr subtile und kaum zu entdeckende) Art dem Leser klarmachen, dass am Ende immer er derjenige ist, der das letzte Wort hat.


Gruß

Sam

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 07.11.2012, 20:41

Hallo Sam,

Natürlich hat eine Literartur, die sich am "wie es sein sollte" orientiert ihre Berechtigung und ihre Befürworter. Mir ist aber ein "So ist es" wesentlich lieber, auch wenn es mit einer gewissen Voreingenommeheit behaftet ist und mit Fehlurteilen daherkommt.
Mich würde interessieren, ob sich das durch meine Änderungen aus deiner Sicht verändert oder verschiebt? Denn meine Rückmeldung bezog sich ja auf ganz konkrete Stellen im Text. Ich habe ein wenig den Eindruck, dass das unterging?
Denn wenn es wirklich Literatur ist, dann wird es auf die ein oder andere (mitunter sehr subtile und kaum zu entdeckende) Art dem Leser klarmachen, dass am Ende immer er derjenige ist, der das letzte Wort hat.
Darüber muss ich erst mal nachdenken. :)

Liebe Grüße
Flora
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Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 08.11.2012, 11:21

ich habe all die vielen Kommentare zu diesem Gedicht nicht gelesen. Aber ich finde es großartig. Sowohl was Form, als auch was den Inhalt angeht.
Es hält uns "Normalen" den Spiegel vor, die nur diese eine Meßlatte der Normalität, des Funktionierens kennen, und zeigt uns unsere Behinderung, nicht über den Tellerrand schauen zu können. Und das ohne zu moralisieren, sondern auf eine erzählende, einfühlsame, beinahe heitere Art und Weise.
Ja, das gefällt mir außerordentlich gut.
Xanthi

Yorick

Beitragvon Yorick » 08.11.2012, 13:03

Ich finde den Namen auch völlig in Ordnung :-)

Gerne gelesen.

ööhh,
Yorick.

Nifl
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Beitragvon Nifl » 08.11.2012, 20:42

Hallo Louisa,

die Geister, die ich rief. Es wurde ja eigentlich schon alles benannt und ich melde mich, weil du nach Textdemokratie gerufen hast. Ich sehe die Schwächen auch, die Flora aufzeigt. Dieses "etwas" weg vom Subjekt hin zum Objekt der ersten Zeilen, kann meine Vorstellungswelt auch nur einem Extrem zuordnen. Aber "Ich könnte so was nicht", könnte auch von mir stammen. Insofern gehöre ich zu denen, die du kritisierst. Ergo erhöht sich LI implizit zum Gutmenschen aus meiner Perspektive. Und, ich würde auch auf Distanz bleiben, weil ich einfach nicht weiß, wie man mit behinderten Menschen umgehen kann. Würde ich dennoch völlig unbefangen (wie 10% deiner Einschätzung nach) auf sie zugehen, empfände ich das als unehrlich und distanzlos und wäre wohl wie ein Mensch, der vor lauter Goodwill einen Blindenhund streichelte, weil er nicht weiß, dass man Blindenhunde mit Geschirr nicht streicheln darf..
Als sabbernder Hundehalter ä Halter eines sabbernden Hundes, fühle ich mich bei diesem ironischen Vergleich übrigens auch ungerecht behandelt. Es ist doch klar, dass das Hundehaar in der Suppe überhaupt nichts macht, aber das Haar eines unbekannten Koches den reinsten Ekel hervorruft? Verstehst du? Und deshalb zeigt auch diese Stelle für mich eine radikale Haltung im Text. Ich weiß von einem Fall eines Schwerbehinderten Kindes in einem Kindergarten, das sich immer den Spaß gemacht hat, ihre Glasaugen im Sandkasten "zu verstecken" ... dann haben alle Kinder, Eltern und Erzieherinnen den Sandkasten durchgesiebt, als suchten sie Diamanten. Niemand hat sich geekelt vor den Glasaugen. Jetzt stelle dir vor, du hättest so jemanden vor dir im Rollstuhl und er/sie würde in fremder Umgebung ein Glasauge herausnehmen und in den Mund stecken. Wie wären die Reaktionen? (besonders von Kindern, denn die sind ja meistens noch unverblümt ehrlich).

Man kann nicht sagen es gäbe kein Problem mit Yorick,
aber man kann auch nicht sagen Yorick sei ein Problem.

Gefällt mir, dass es auch Probleme gibt und nicht der Heiligenschein aufgesetzt wird.

Wenn es regnet und in Berlin regnet es oft (!)
trägt Yorick ein Hemd, drei Pullover, eine Jacke
und das Regencape, er sieht nasses Pflaster,
er sieht Schuhe und Zigarettenstummel

Auch hier, wunderbar, die Perspektive desjenigen, um den es mE. gehen sollte.

Wieso fahren sie denn mit dem normalen Bus?
Gibt es da nicht extra Busse?
Früher gab es extra Busse.

Da wieder der moralinblasse Zeigefinger, der Holzhammer, der Nuk Polarisator. Es könnte doch auch jemand sein, der Mitleid empfindet, wie LY sich im "öffentlichen Verkehr" abplagt? Ist das böse?

Seit Monaten rede ich viel mit Yorick.

Ich wende ihn und erzähle, erzähle, erzähle ...

Es klingt sehr engagiert, zielgerichtet und bemüht. Wie passt das dazu:

es kann ja, um Gottes Willen, nicht so bleiben wie es ist.


Aber, mir gefällt der Text, auch wenn LI mE. weniger mit dem weißen Schirmchen wedeln könnte, dass der Leser mehr Yorick im Vordergrund sieht.

Grüße
Nifl
"Das bin ich. Ich bin Polygonum Polymorphum" (Wolfgang Oehme)

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Zefira
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Beitragvon Zefira » 08.11.2012, 22:22

Obwohl ich auch eine von denjenigen bin, die das Gedicht anspricht (ich könnte so was auch nicht), sehe ich mich nicht durch das Gedicht als verurteilt und an den Pranger gestellt an. Ich finde, es geht in dem Gedicht überhaupt nicht um falsch oder richtig, sondern um unterschiedliche Perspektiven.
Ein Beweis dafür ist jetzt gerade wieder Nifls Hundehaarvergleich: ich würde mich vor einem Hundehaar in der Suppe nicht weniger ekeln als vor einem Haar des Kochs (oder vielleicht auch vor beidem eher nicht, denn ich gehöre nicht zu den Leuten, die sich schnell ekeln, außer vor Schnecken).

Ich bewundere Sie ja! Ich bewundere Sie ja!
Dass Sie mit sowas, mit so etwas -
Ich könnte das mit so etwas nicht!


Ich habe das "so etwas" nie so verstanden, dass damit Yorick gemeint sein soll. Ich verstehe es ähnlich, wie wenn man mich zu etwas auffordert, was ich nicht kann, und ich würde antworten "Ich kann mit so etwas nicht umgehen." Gemeint wäre die Situation, die Aufgabe; nicht der Mensch.

Grüße von Zefira
Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.

(Ikkyu Sojun)

carl
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Beitragvon carl » 10.11.2012, 12:18

Liebe Louisa,

Ich habe es nicht so empfunden, dass das Lyr-Ich sich brüstet.
Auch an Hamlet und den Schädel Yoricks habe ich nicht zuerst gedacht. Kann sein, dass es beim ersten Lesen irritiert, aber im Nachhinein finde ich die Assoziation sogar gut (dazu später mehr).
Ich habe die kursiven Stellen nicht als wörtliche Zitate verstanden, sondern als Zusammenfassung dessen, was die Lyrikerin zwischen dem alltäglich Gesagten herausgehört hat: Hilflosigkeit, Abscheu, Verunsicherung und der Versuch zu kompensieren. Ohne Wertung.
Wenn es Zitate sind, um so besser.
Ich habe aber auch keine Wut über die 90% gespürt, die sich nicht einlassen wollen oder können. Eher eine fragile, aber gelungene Balance der teilnehmenden Beobachtung von sowohl fremden als auch eigenen Reaktionen auf Yorick. Dabei auch Ratlosigkeit beim Lyr-Ich in Hinblick auf das, was „gut“ für Yorick ist.
Aber eben auch ein sich einlassen. Und daraus eine Neubewertung des „elementaren“ Lebens.

Vielleicht trage ich das jetzt heran, aber es geht für mich in diesem Gedicht gar nicht in erster Linie um den Umgang mit Behinderten.
Die Werbung zeigt uns, wie wir uns selbst gerne sehen: als attraktive, sympathische Menschen, die glücklich sind, weil das Leben genau auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist.
Das ist aber eine Lüge.
Wir leben nicht nur ein selbstbestimmtes Leben. Über uns wird verfügt und wir sind immer Objekte (von daher wundert es mich schon, dass du dir nicht vorstellen kannst, Louisa, wie es ist, ständig nach deinem Äußeren beurteilt zu werden, z.B. als Sexobjekt :mrgreen: ). Wir werden beschult, verwaltet, reduziert, z.B. auf eine „Leber“ im Krankenhaus oder auf eine Fassade bei Facebook, oder als alte Menschen bevormundet, alles zu unserem Besten versteht sich.
Das macht nicht die böse Gesellschaft, sondern wir machen das selbst mit uns, mit unseren Partnern, die nach unseren Vorstellungen zu funktionieren haben, mit Kollegen, Kindern, mit Tieren, z.B. als Massenware zur Nahrung, mit der Natur. Alles hat sich zu unserer Verfügung zu halten. Es wird zur Ware.
Das ist das Problem des Subjekts: es kann nur eines geben, wie beim Highlander. Der Rest der Welt ist Res extensa, also Objekt, welches zur Zufriedenheit des Subjektes einzurichten ist.
Dieser unbewussten und völlig selbstverständlichen Einstellung ist die Existenz eines Yoricks ein Schlag ins Gesicht. Aber es fällt uns schwer, das einzugestehen. Es würde bedeuten, dass wir selber Yorick sind. Aber dagegen wehrt sich alles in uns.
Franz von Assisi z.B. beschreibt in seinem Testament den Wendepunkt in seinem Leben als den Moment, wo er den Aussätzigen umarmt hat. Das hat mit Sozialromantik absolut nichts zu tun. Eher mit der Erkenntnis, dass er, obwohl reich, schön und beliebt sich trotzdem existenziell nicht unterscheidet von dem Aussätzigen. Schwer nachzuvollziehen...
Es muss natürlich nicht der Aussätzige oder Yorick sein.
Das Leben selber als Subjekt aufgefasst gibt uns etliche Gelegenheiten.
Wer z.B. einmal auf eine Diagnose gewartet hat wie auf ein Todesurteil, der weiß, wie schön ein grauer Himmel ist. Oder ein Lächeln. Oder was es für eine tolle Fähigkeit ist, den Kopf heben zu können. Vor allem fragt der sich, warum er bisher so achtlos daran vorbeigegangen ist als er es immer haben konnte, und er den Wert erst jetzt erkennt, wo es zu spät ist...

LG, C

Louisa

Beitragvon Louisa » 11.11.2012, 13:30

Hallo liebe Kommentatoren!

Ich brauche etwas mehr Ruhe und Zeit, um richtig auf eure interessanten und vielschichtigen Kommenatre einzugehen. Vielleicht schaffe ich das erst in den Weihnachtsferien...

So viel will ich nur mal zum Anreiz der Diskussion beitragen:

Ich wundere mich ein bisschen, dass ein Text in dem das Wort "behindert" kein einziges Mal auftaucht, trotzdem in der Lage ist das Thema des "politisch korrekten" und der Behinderung anzufeuern...

Geht es in erster Linie nicht um die Erfahrungen mit Menschen?

Wieso muss man über bestimmte Erfahrungen mit Menschen politisch korrekt diskutieren? Bei einem Betrunkenen würde man sogar darüber lachen :smile: ...

Und: Ich habe den Text verkleinert! :smile: ... ich besitze einen sehr kleinen Laptop und auf dem sah alles sehr, sehr klein aus - für mich war die große Schrift gerade so gut lesbar. Aber ich wurde freundlicher Weise darauf aufmerksam gemacht, dass es auch größere PC-Bildschirme gibt :smile:

Ich werde noch gebührend auf eure Kommentare antworten... Nur heute feier ich einen Geburtstag :smile:

Schönen Sonntag euch allen,
l

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nera
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Beitragvon nera » 12.11.2012, 17:34

liebe flora
so...ein bischen mehr zeit und deshalb möchte ich auf floras frage antworten. ich denke da gar nicht unbedingt an eine maßgeschneiderte betreuungsumgebung, sondern zb. an integrativen schulen, wo menschen mit handicap mit gesunden, seien es jetzt mitschülern oder miteltern zusammen sind. wenn du ins schwimmbad gehst, usw....

deine andere frage muss ich auch mit ja beantworten, wobei ich das eigentlich selten als schlimm empfinde. nicht jeder mensch muss damit umgehen können. aber letzte woche war ich tatsächlich etwas angesäuert, weil mich eine praktikantin, die mit mir fuhr, jeden tag ein paar mal fragte, wie ich das aushielte, den geruch zb., ob mir nicht schlecht würde und ähnlich und zur krönung dann sagte, dass dieser eine junge mann, der mit einem offenen rücken zur welt kam und mit einem wasserkopf und der deshalb querschnitt gelähmt ist und etwas intelektuell einfach ist, doch besser gleich nach der geburt gestorben wäre.
das macht einem dann wütend und ich finde, das darf man auch mal zum ausdruck bringen.

insofern verstehe ich luisas text sehr gut und auch ihren einwand, dass man ja auch zu einem banker selten sagt: das könnte ich aber nicht, mit sowas.....mit diesem seltsamen klang zwischen bewunderung und abscheu in der stimme, obwohl es da manchmal besser passen würde: "ich könnte das nicht (so ganz ohne schlechtes gewissen leute/ staaten in den ruin.....) " das ist jetzt natürlich meine ganz persönliche meinung;)
lg


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