Ein bisschen Tod

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Louisa

Beitragvon Louisa » 07.06.2012, 23:53

Ein bisschen Tod schwingt immer mit,
aber das gehört zum wahren Glück.


Neulich waren wir im Kadewe -
wir sprühten uns die Hälse ein
mit Chanel -

Ich weiß nicht mehr genau den Rosenduft,
es ist zu lange her
die Laborrosen blühen blau über die Gruft
meiner Erinnerung hab ich es abgerungen,
dass sie zugibt:

Ein bisschen Tod schwingt immer mit,
mein Flugzeug könnte fallen,
er hat ein graues Haar!
Überall wachsen Geschwüre
aus der Bahn ...

und ins Düster strahlt das Licht
wie immer ein Gedicht:

Ein bisschen Tod schwingt immer mit,
in deiner JPG-Datei nistet der Zerfall
und meine Haare tragen Spliss,

trotzdem lieb und lieb und lieb ich Dich,
ganz gegen jeden Klon und gegen jede Pharmazie,
trag ich dich im Herzen
unten in den Knien.

Niko

Beitragvon Niko » 08.06.2012, 15:56

mir geht es mit deinem text wie in deinem zitat, louisa: "...und dann habe ich im Herzen drei Gefühle, mit denen man sich nie langweilt: Trauer, Liebe und Dankbarkeit."

deine gedichte sind wie eine junge unschuldig aussehende frau, wie die louisa, das neue topmodel, so fühle ich dein gedicht. leicht, schwer, unbedarft, gedankenschwanger, aber immer voller grazie.

ich mag es, wie du die bilder setzt, und ich mag deine fantasie, die du greifbar werden lässt. soetwas wie die schlusszeilen ..."trag ich dich im herzen / unten in den knien." das, wie auch noch ein zwei andere stellen, finde ich unverschämt gut!

mal ganz ehrlich: es ist wie bei der model-louisa: viel unbedarftheit (scheinendes) geht einem manchmal auf den wecker. das geht mir manchmal mit deinen texten auch so. aber immer und immer wieder kriegst du mich. und nicht selten mit solchen texten.

hutziehende (nicht ganz unneidische) grüße: niko

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 09.06.2012, 13:34

Hallo, Louisa,

ich habe mich gefreut, mal wieder ein Gedicht von dir zu lesen. Da ist wieder Pop drin, das kann man slammen oder singen. Allerdings haperts für mich an der einen oder anderen Stelle noch und einiges ist auch inhaltlich für mich nicht ganz stimmig. Graue Haare, Geschwüre, Spliss, dann noch Klone, das ist ein bisschen to much, es fehlt ein roter Faden, wenigstens durch Binnenreime oder irgendwelche Strukturmittel. Ist das eine Parodie auf solche todesdüster schmachtenden Songs?

Viele Grüße
fenestra

P.S.: Könntest du die Schrift etwas größer stellen? Ich kann es wirklich kaum lesen auf meinem Laptop.

Louisa

Beitragvon Louisa » 10.06.2012, 09:05

Hallo Niko!

Dein Kommentar ist natürlich sehr schmeichelhaft! Ich freue mich sehr, wenn es dir gefallen hat! Aber Model will ich niemals werden :smile: !

Danke Dir!

Hallo Fenestra!

Also ich glaube ich hasse diese "Slam-Kultur" - das ist für mich das Fast Food unter der Lyrik. Ich war auf zwei "Slams" - das hat mir gereicht. Da gehe ich lieber auf ein ordentliches Hip-Hop-Konzert ;-) ... Aber das nur nebenbei...

Singen schon eher :smile: !

Inhaltlich gehe ich mit deiner Kritik gar nicht mit, da ich den roten Faden sofort erkennen kann. Was die rhythmischen Holperer angeht und den Wunsch nach mehr Binnenreimen (manche sind ja schon enthalten!) - kann ich dich schon besser verstehen. Aber an welchen Stellen fehlt dir das denn genau? Wenn du mir das sagen könntest, würde mich das sehr freuen!

Ich weiß nicht welche "todesdüsteren Songs" du meinst, aber es ist keine Parodie auf irgendetwas. Wenn überhaupt, dann ist es ein modernes Vanitas-Gedicht mit neuen Vanitas-Symbolen. Eine Anlehnung an solche Freunde:

http://www.zgedichte.de/gedicht_2549.html

Die Schrift habe ich gerne vergrößert :smile: !

Danke dir für deine Rückmeldung! Ich hoffe es folgt noch mehr :) !

Liebe Grüße, schönen Sonntag euch!
l

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 11.06.2012, 17:46

Hallo, Louisa,

ja, ein modernes Vanitas-Gedicht - das trifft es! Die Vergänglichkeit ist ja ein ewiges Menschheitsthema. Ich habe das als roten Faden schon erkannt, nur fand ich die assoziierten Begriffe doch ein bisschen wild und unkommentiert eingestreut. Und dadurch wirkte es auf mich eher als Parodie.

Noch ein Wort zur Slampoetry, für die ich eine Lanze brechen möchte. Natürlich gibt es viele schlechte Poetry-Slams - das ist wohl immer so, wenn etwas zum Massenphänomen wird. Es gibt ja auch viele schlechte Songs, viele schlechte Sonette usw.. Ich habe mal in Berlin das Finale eines internationalen Slamwettbewerbs gehört und es waren tolle Texte dabei, super performt, melodisch, rhythmisch, sprachlich ausgefeilt. Für mich ist der Slam die Rückkehr von Rythmus und Sprachwitz in die Lyrik, die lange Zeit doch überwiegend bedeutungsschwer und ernst und wenig formbewusst daher kam. Texte von Stan Lafleur oder Bas Böttcher oder auch von Klaus Urban (Anagramme!) beweisen, dass Slampoetry anspruchsvoll und unterhaltsam gleichzeitig sein kann.

Wenn ich jetzt nochmal schaue, wo ich gern mehr/anderen Rhythmus und mehr Reim in deinem Text hätte, ist das natürlich meine Lesart. Es kommt immer drauf an, wie du es betonst, wie du es vorträgst oder singst. Wie wärs denn mit einer Audioversion für die Hörbar? Hier trotzdem ein paar Anmerkungen:


Ein bisschen Tod schwingt immer mit,
metrisch glatter: gehört das nicht zum wahren glück?

Neulich waren wir im Kadewe - (im Folgenden warte ich auf einen Reim auf Kadewe, weil das so schön betont wird)
wir sprühten uns die Hälse ein
mit Chanel -

Ich weiß nicht mehr genau den Rosenduft,
es ist zu lange her
die Laborrosen blühen blau über die Gruft (die Laborrosen sind Klasse!)
meiner Erinnerung hab ich es abgerungen,
dass sie zugibt:

Ein bisschen Tod schwingt immer mit,
mein Flugzeug könnte fallen,
er hat ein graues Haar! (irgendwie zu kurz und abgehackt, dieser Satz. Wie wärs mit: Was nützt es, wenn ich dir das graue Haar auszupfe)
Überall wachsen Geschwüre
aus der Bahn ...

und ins Düster strahlt das Licht
wie immer ein Gedicht:

Ein bisschen Tod schwingt immer mit,
in deiner JPG-Datei nistet der Zerfall (Geht rhythmisch für mich gar nicht, JPG-Datei hat drei betonte Silben, das blockiert den Sprachfluss. In deinen Bilddateien?)
und meine Haare tragen Spliss,

trotzdem lieb und lieb und lieb ich Dich,
ganz gegen jeden Klon und gegen jede Pharmazie,
trag ich dich im Herzen
unten in den Knien.

Viele Grüße
fenestra

Louisa

Beitragvon Louisa » 12.06.2012, 16:20

Liebe Fenestra,

deine Lanze für den Slam kann ich gut nachvollziehen. Deine Argumente dafür überzeugen glaube ich genauso wie meine konservativen dagegen... Ich denke es ist einfach auch Geschmackssache. Was den Singsang und die Rhythmik angeht, so muss es für mich nicht automatisch den Stempel "Slam" tragen. Ich sah vor einigen Jahren eine afrikanische Dichterin auf der Bühne, die ihren Text wahnsinnig rhythmisch und melodisch vortrug. Es war aber kein Slam - zumindest nicht als solcher tituliert. Ich sehe beim Slam eben gerade diese Gefahr der Banalisierung. Bei vielen dieser Veranstaltungen tritt für mich der Rhythmus und der "zwanghafte" Reim zu sehr in den Vordergrund und das poetische Bild- und Sprachmaterial, der Inhalt leidet dann bei vielen sehr stark.

Dennoch finde ich es ganz richtig und wichtig, dass mehr Melodie und Musikalität in die Lyrik-Szene enzieht, bei allen Vortragenden... Es muss dann für mich aber kein Etikett besitzen. Ich denke das, was den Slam ausmacht, kann auch in der Lyrik gefunden und aufgegriffen werden. Das, was die Lyrik ausmacht, ist aber nicht unbedingt ein Muss für den Slam. Das ist mein Problem bei der Sache.

Hier kann man sich das Gedicht, von dem ich gesprochen habe auch anhören (oben ist der Player):

http://lyrikline.org/index.php?id=162&L ... 391745100d


Nun zu meinem Text:

Vielen, vielen Dank für deine präzisierten Angaben!!!

Ich kann gut verstehen, was dir an den Stellen fehlt!

Wie wäre es denn mit:

"Ein bisschen Tod schwingt immer mit,
das gehört zum wahren Glück."

?

Zum Kadewe denke ich mir noch einen Reim aus! Das hat mir selbst in den Fingern gejuckt! :smile: ! Sehr gut, dass du es ansprichst!

Bei "Er hat ein graues Haar" dachte ich, dass es sich gut in Zusammenhang mit der Zeile "(...) aus der Bahn" anhört beim Lesen...? Weiß auch nicht so genau :eek:

Ebenso klang für mein Hören "Datei" und "Zerfall" ganz melodisch... aber vielleicht lese ich auch komisch?

Da weiß ich nun auch nicht so genau.. aber mit dem Kadewe und dem Titel-Satz gehe ich voll mit (mit deiner Kritik).

Ja, ich schaue mal, ob meine Gitarre gestimmt ist und dann versuche ich es mal zu singen :smile: ! Das ist eine lustige Idee :smile: ! Habe ich schon lange nicht mehr im Salon gemacht!

Vielen Dank für deine Mühe!!! :blumen:

Liebe Grüße,

l


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