In Würde gehen

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Mucki
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Beitragvon Mucki » 25.02.2012, 14:37


In Würde gehen

Aufrecht sitzt sie auf ihren Knien
die Haarnadel in der Hand
die Beine in Seide gebunden
in Würde gehen

pjesma

Beitragvon pjesma » 25.02.2012, 16:27

liebe gabriella,
die verdoppelung vom gehen gefällt mir...durchs leben laufen mit einem bestimmten (vorgeschriebenem) schritt, aus dem leben gehen, (und dann leider aber auch mit einem "vorgeschriebenem" "unverzweifeltem" haltung). würde, wie man es fernöstlich versteht, hast du sehr gut und knapp in dem gedicht gefangen. sehr leise und bedrückend ist es in dem gedicht :-(...

lg, pjesma

Mucki
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Beitragvon Mucki » 25.02.2012, 17:34

Liebe pjesma,

die Doppelung von "In Würde gehen" in diesem kurzen Text bereitete mir Kopfzerbrechen. Deshalb freue ich mich umso mehr, dass meine Intention bei dir aufgeht.
Ja, knapp wollte ich es halten. Man könnte dieses Thema auch lang und dramatisch/laut aufziehen, doch fand ich hier die kurze und leise Variante angemessener.
Danke dir für dein Feedback!

Liebe Grüße
Gabi

Quoth
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Beitragvon Quoth » 26.02.2012, 12:44

Hallo Gabriella,

dieser Text ist für mich rätselhaft. Es sei denn, er bezieht sich auf den im alten China üblichen Brauch, Frauen die Füße durch Bandagieren zu verkrüppeln. Ja, unter diesen schrecklichen Bedingungen Würde zu bewahren, ist sicherlich schwer, für mich fast unvorstellbar. Will sich die Frau mit der Haarnadel umbringen? Vielleicht sollte das beschriebene Bild (wenn es eins gibt) gezeigt werden!

Gruß
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

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Mnemosyne
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Beitragvon Mnemosyne » 26.02.2012, 13:21

Hallo Gabriella,
ein eindringliches Bild. Wie Pjesma lese ich die Seidenbänder als Zeichen eines engen Geflechtes sozialer Konventionen, innerhalb dessen sich das Leben - und hier im gemäß der Riten vollzogenen Suizid auch der Tod - abspielt. Diese Ordnung nie zu verlassen, "Haltung" zu bewahren, scheint in einer fernöstlichen Vorstellung von Würde, soweit ich sie kenne, sehr wichtig zu sein. Für unseren Kulturkreis wäre das den Seidenbändern entsprechende Bild wohl ein Korsett.
Gleichzeitig zeigt die unaufdringlich anklingende Melancholie, dass deine Protagonistin nicht, wie es der Anschein will, in diesen Konventionen gänzlich aufgegangen ist. Hinter der Maske der Sitte blitzt ein Wesen auf, das in den rituellen Vollzügen unausgedrückt bleibt. Unklar bleibt mir, ob das die Innenperspektive der Protagonistin oder deine Äußenperspektive auf sie ist.
Liebe Grüße
Merlin

Mucki
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Beitragvon Mucki » 26.02.2012, 13:56

Hallo Quoth und Merlin,

es geht um das Ritual des jigai, ein Suizidritual, das sich anders als bei den Samurai vollzog.
Die Beine der Frau wurden in Seidenbändern gebunden, damit sie im Todeskampf keine entwürdigende Haltung einnimmt.
Meist verwandten die Frauen eine Haarnadel (selten auch einen kleinen Dolch), den sie jedoch nicht in den Bauch stachen, sondern in den Hals oder ins Herz.
Mnemosyne hat geschrieben:Unklar bleibt mir, ob das die Innenperspektive der Protagonistin oder deine Äußenperspektive auf sie ist.

Außenperspektive. Eine Innenperspektive annehmen zu können, wäre wohl anmaßend.

Liebe Grüße
Gabi

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Zefira
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Beitragvon Zefira » 26.02.2012, 19:20

Erstaunlich, wieviel Implikationen die verschiedenen Formen des Wortes gehen haben. Ich habe bei Deinem Gedicht gar nicht ans Sterben gedacht (obwohl die Formulierung "in Würde gehen" das natürlich nahelegt), sondern mich gefragt, wie jemand mit eingebundenen Beinen auf den Knien sitzend überhaupt gehen kann.

Mir kam der Gedanke an die "gebundenen Füße" der Chinesinnen früherer Zeiten, die einen besonders anmutigen Gang erzeugen sollten (in Wahrheit aber wahrscheinlich weitgehend jeden Gang verhinderten).

Grüße von Zefira
Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.

(Ikkyu Sojun)

Mucki
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Beitragvon Mucki » 26.02.2012, 19:47

Hi Zefi,

es ist unglaublich, wie grausam diese Prozedur der Lotosfüße in China war. Die haben den jungen Mädchen sämtliche Zehen gebrochen und absichtlich einen Klumpfuß erzeugt, und das alles nur aufgrund eines damaligen Schönheitsideals. *grusel*. Und den Bauersfrauen wurde dies nicht angetan, damit sie ordentlich auf dem Acker arbeiten konnten.

Wobei man sich natürlich auch hier fragen kann, wie grausam das Seppuko bei den Samurai und auch das jigai bei den Frauen der Samurai war.
Dennoch fasziniert mich das alte Japan, die Geschichte der Samurai immer wieder. Wie sie lebten, dieser unglaubliche Stolz, ihre Disziplin. Was sie als Schande verstanden, etc.
Ich war mal so fasziniert von Japan, dass ich sogar japanisch lernte und es auch sehr gut sprach. Leider habe ich praktisch alles wieder vergessen, es ist zu lange her. Man muss da täglich üben (vor allem die Schriftzeichen), um in der Übung zu bleiben.

Liebe Grüße
Gabi mit Schuhgröße 38 ,-)

scarlett

Beitragvon scarlett » 26.02.2012, 20:14

schrecklich gut, gabi.
im wahrsten sinne des wortes!

lg
monika

Mucki
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Beitragvon Mucki » 26.02.2012, 21:02

Danke dir, das freut mich, Monika!

Liebe Grüße
Gabi

Quoth
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Beitragvon Quoth » 27.02.2012, 12:53

Hallo Gabriella,
bei diesem Text, obwohl er deutlich Suizidales enthält, bekomme ich keine therapeutische Anwandlung. Nur weil Du ihn namentlich gepostet hast und weil ich Dich hier als recht stabil beobachte? Nein, er objektiviert, bezieht das Suizidale auf die in ihm beschriebene Frau, feiert gleichsam die makabre Grandiosität eines solchen Rituals. Man muss sehr lebendig sein, um das zu können!
Gruß
Quoth
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Mucki
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Beitragvon Mucki » 27.02.2012, 13:12

Hallo Quoth,

du wirst lachen. Diesen Text habe ich eingestellt, aufgrund deiner "therapeutischen Anwandlung" im Anonymusfaden. Er liegt schon länger bei mir herum, aber das war der Auslöser.
Danke für dein schönes Feedback!

Lebendige Grüße ,-)
Gabi

Quoth
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Beitragvon Quoth » 28.02.2012, 18:21

Darüber lache ich kein bisschen, Gabriella. Es wäre ja gelacht, wenn in einem Forum nicht auch die Themen in unterirdischem Bezug zu einander stünden! Jedenfalls einige. So ein unsichtbares Myzel macht ja gerade den Reiz eines Forums aus!

Gruß
Quoth
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Mucki
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Beitragvon Mucki » 28.02.2012, 18:36

Quoth hat geschrieben:So ein unsichtbares Myzel macht ja gerade den Reiz eines Forums aus!

Jep, finde ich auch!


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