Schwarzdorn

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Quoth
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Beitragvon Quoth » 10.12.2011, 14:08

Ich rede gern von Früchten, gern von sauren,
die mich, denn keiner mag sie, heftig dauren.
So erntete ich jetzt, ob wohl, ob wehe
die dunkelblau bereifte, düstre Schlehe.
Unmöglich scheint es mir, sie durchzuschmecken,
an ihrem Fruchtfleisch schüchtern nur zu lecken
und nicht sogleich, man mag sich noch so mühn,
die Miene angewidert zu verziehn.
Sie ist von einer aggressiven Säure,
die auf der Zunge sich ins Ungeheure
so überzeugend steigert, dass der Mund
von rauer Trockenheit bis in den Schlund
hinab geplagt wird, der sich Durst gesellt
auf eine Süße nicht von dieser Welt.
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 13.12.2011, 14:12

Hallo Quoth,

schön, dich hier wieder zu lesen!
Bei diesem Gedicht verziehen sich die Gesichtsmuskeln beim Lesen mit, die Worte wirken also offensichtlich. :)

Was mich stört, ist das "dauren", das ich nur als "dauern" kenne und hier nur dem Reim geschuldet scheint, was gleich zu Beginn den Fokus sehr auf den Reim und dann auch das "mühn-verziehn" lenkt, das sonst wahrscheinlich gar nicht groß aufgefallen wäre, oder als kleiner angenehmer Bruch. Oder gibt es "dauren"? Oder hast du das bewusst so gesetzt?
Wenn nicht, wäre das vielleicht eine Alternative?
Ich rede gern von Früchten, die dich schauern
und mich, denn keiner mag sie, heftig dauern.


Am Ende bin ich über das "der sich Durst gesellt" gestolpert, weil ich erst suchen musste, worauf es sich bezieht. Ginge da nicht auch: hinab geplagt wird, und sich Durst einstellt

Der Durst auf eine Süße nicht von dieser Welt ist ein schöner Abschluss.

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

Quoth
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Beitragvon Quoth » 14.12.2011, 10:59

Hallo, Flora,
an "dauern" stört mich, dass es zwar auch das Verb "dauern" von "bedauern", zugleich aber das Verb dauern im Sinne sich hinziehender Zeit enthält. Von dem Barockdichter Paul Fleming gibt es einen schönen, von Johannes Brahms noch schöner vertonten Text: "Lass dich nur nichts dauren mit Trauren, sei stille, wie Gott es fügt." Das wird in modernen Bearbeitungen dann auch umgeformt in "Lass dich nur nichts dauern mit Trauern ..." Aber Du hast natürlich recht, es ist ein Altertümchen, und wenn es mir darum ginge, diesen Text z.B. im hiesigen Lokalblatt oder Heimatjahrbuch zu publizieren, würde ich es ändern - aber in dieser Gesellschaft, zu der auch ein die Jahrhunderte so kompetent abdeckender Autor wie Ferdi gehört, meine ich, es Euch zumuten zu dürfen!
Die letzten drei Zeilen hießen ursprünglich

mit rauer Trockenheit bis in den Schlund
sich überraschend füllt, was Durst entfacht
auf eine Süße, die nicht erdgemacht.

Ich wachte dann morgens auf mit dem Entschluss, "nicht erdgemacht" durch "nicht von dieser Welt" zu ersetzen.

Der Abstand zwischen Bezugswort und Relativpronomen ist jetzt groß, stimmt. Zu groß? Hm. Darf man dem Leser denn gar nichts mehr zumuten?

Mit herzlichem Dank für Befassung
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 14.12.2011, 21:19

Hallo Quoth,

Darf man dem Leser denn gar nichts mehr zumuten?
Doch, wenn die "Zumutung" für mich Sinn macht und zwar aus dem Text heraus, wenn ich den Eindruck habe, dass sie bewusst eingesetzt wurde und sie für und nicht gegen den Text und das Lesen arbeitet. Das sehe ich hier aber nicht.

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

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ferdi
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Beitragvon ferdi » 22.12.2011, 13:19

Hallo Quoth,

hallo Flora, ich habe mich jetzt nicht schlau gemacht, aber es würde mich nicht wundern, wenn die ganze Zeit seit der Diphthongisierung (duren -> dauren) die beiden Formen dauren und dauern nebeneinander her bestanden hätten ... Bis Anfang des 19. Jahrhunderts ging es auf jeden Fall. Sooo altertümlich ist das also gar nicht. Ich habe es gerade erst wieder bei Wieland gelesen:

Soll aber dieses Tags Verdienst vollkommen sein,
So lasset euch die edle Müh nicht dauren,
Die Königstöchter zu befrein,
Die noch im Zauberschloss des üppigen Zentauren,
Als Opfer seiner Lust, um ihre Freiheit trauren:
...


Idris und Zenide II,34. truren -> trauren -> trauern ist dieselbe Geschichte?! Mich stört es jedenfalls nicht. Den Schluss dagegen würde ich mit Flora noch mal neu schreiben. Es wirkt doch ungelenk, der Leser weiß aber nicht, warum und wozu und empfindet es als Schwäche, was sehr schade ist, weil so der starke Schlussvers geschwächt wird.

Ferdigruß!
Schäumend enthüpfte die Woge den schöngeglätteten Tannen. (Homer/Voß)

Quoth
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Beitragvon Quoth » 23.12.2011, 07:56

Hallo, Ferdi, vielen Dank für Deine Anmerkungen zu -auren und -auern - ich könnte ja auch von den "sauern" Früchten schreiben ... Um den Schluss kümmer ich mich, wenn ich zurück bin.

Gruß
Quoth
Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.

carl
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Beitragvon carl » 24.12.2011, 10:24

Ich koste gern von Früchten, auch von sauren,
die keiner mag und die mich deshalb dauren.
So ernte ich nun beim Spazierengehen
die dunkelblau bereiften, düstren Schlehen.
Unmöglich scheint's, sie gänzlich durchzuschmecken,
selbst an dem Fruchtfleisch zaghaft nur zu lecken
und nicht sogleich, man mag sich noch so mühn,
die Miene angewidert zu verziehn.
Sie ist von einer aggressiven Säure,
die auf der Zunge sich ins Ungeheure
so überzeugend steigert, dass im Mund,
von rauer Trockenheit bis in den Schlund
hinab geplagt, sich jener Durst einstellt
nach einer Süße nicht von dieser Welt!

Quoth
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Beitragvon Quoth » 30.12.2011, 11:42

Hallo Carl,
vielen Dank für Deine Vorschläge! Ja, dies "ob wohl, ob wehe" - es drängte sich mir nicht nur des Reimes wegen herein, sondern weil wirklich ein Gefühl des Risikos dabei ist gerade bei dieser Frucht - und Wildfrüchte erntet man nicht im Vorbeispazieren, sondern macht sich dafür mit Eimer, Gürtel und Dornschutzhandschuh eigens auf den Weg ... Das "einstellt" wäre ein guter Ersatz für das "gesellt", wenn die Betonung nicht auf der ersten Silbe läge ... Aus diesem Grund übernehme ich vorerst nicht!

Gruß
Quoth
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