geländer

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Jelena

Beitragvon Jelena » 29.10.2011, 18:23

geländer I


es ist überaus gefährlich
nur ein einziges leben lang zu leben

haltlos wandert mein blick
über farben, die sich verändern

reicht eine jacke?

der boden hellbraun
mischten sich blätter neu
käme ein windstoß

oder schnee?





geländer II


nur ein einzig leben lang zu leben
haltlos wandern und in meinem blick
farben die im lebenslauf sich ändern
nur ein einzig leben lang zu leben

haltlos wandern und in meinem blick
eine jacke? unter mir die blätter
auf dem boden die ein windstoß mischte
haltlos wandern und in meinem blick

farben die im lebenslauf sich ändern
überaus gefährlich nur zu leben
wär der schnee ein blatt und weiß der wind
farben die im lebenslauf sich ändern?

Gerda

Beitragvon Gerda » 30.10.2011, 09:35

Jelena,

beide "geländer" finde ich gelungen.
Der Titel lenkt ein wenig, aber gerade nur so viel, dass ich mir mein Lebensgeländer malen/denken kann.
Die gebundende Form kenne ich von I. Bachmanns Gedicht: "Die große Fracht", weißt du, wie diese Form heißt?
(Angelehnt ist sie wohl an die Villanelle?)
Interessant, wie eindringlich die wenigen Worte aus I in II werden und wiegen.

Liebe Grüße
Gerda

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 30.10.2011, 11:24

Liebe Jelena,

ich finde die Idee bestechend, so wie ich es lese, ist da zunächst Geländer I und bei Geländer II mischt du die Worte, die vorhandenen Worte neu, so als würde man anders Halt suchen.
wozu auch die Thematik und die Bilder passen.
Bin beeindruckt.
Xanthi

Jelena

Beitragvon Jelena » 31.10.2011, 05:06

Hallo Gerda und Xanthi!

Danke fürs Lob. Tatsächlich hatte ich gerade besagtes Gedicht von Bachmann (nachdem ich von einer "Apfellesung" kam, die mich gelangweilt hatte, so dass ich einfach nach Apfelgedichten gestöbert habe, die mir gefallen könnten, dabei kam mir diese Fracht über den Weg...) gelesen und war wie schon immer, wenn ich es las, sehr beeindruckt von der Dichte. Bei mir geht Schreiben ja oft impulsiv ab, also hatte mich die Lust ergriffen, das Schema auszuprobieren an meinem neuen Gedicht. Ich mag die Knobeleien, auch wenn ich übersetze, macht mir das Spaß. Das Ergebnis hatte mich dann selbst überrascht. Auch für mich war es ein intensiver Eindruck, wie ich ihn nicht so oft erlebe. Schön, dass ich das teilen kann.

Liebe Grrüße, Jelena.

Gerda

Beitragvon Gerda » 31.10.2011, 09:28

Die große Fracht

Der Link zum Hören des Gedichtes auf Lyrikline

LGG

Gerda

Beitragvon Gerda » 31.10.2011, 09:40

Die große Fracht

Der Link zum Gedicht auf Lyrikline

Siehe auch ... ich höre gerade

Jelena

Beitragvon Jelena » 31.10.2011, 19:22

Hallo Gerda! Lenkt jetzt zwar etwas ab, aber das ist eine "harte" Lesung. Ich war etwas erschrocken. Hat mir gar nicht gefallen. Sie liest doch selbst, oder? Erster Eindruck im Facebookjargon: Gefällt mir nicht. Aber interessant, Jelena.

Gerda

Beitragvon Gerda » 31.10.2011, 20:06

Jelena hat geschrieben:Hallo Gerda! Lenkt jetzt zwar etwas ab, aber das ist eine "harte" Lesung. Ich war etwas erschrocken. Hat mir gar nicht gefallen. Sie liest doch selbst, oder?

Ja, es liest Ingeborg Bachmann.
Jelena hat geschrieben:Erster Eindruck im Facebookjargon: Gefällt mir nicht. Aber interessant, Jelena.

Geht mir ebenso. Ich höre ihre Stimme nicht wirklich gern. Aber die Worte sind stark.
LGG

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Eule
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Beitragvon Eule » 01.11.2011, 01:29

Hallo, der Klang diverser Hörkonserven hängt doch von vielen Umständen ab, als Vergleich diese Lesung(en) bei youtube:

http://www.youtube.com/watch?v=gREkjLhgbGw oder z.B.

http://www.youtube.com/watch?v=fLwkgnO0Cjw .
Ein Klang zum Sprachspiel.

Gerda

Beitragvon Gerda » 01.11.2011, 10:50

Es bleibt der leicht blecherne Klang ihrer Stimme. Die musikalische Untermalung beim zweiten Link finde ich schrecklich, ich muss die Lautstärke so sehr erhöhen, dass ich diese Aufnahme als misslungen erachte. Siehe
viewtopic.php?f=30&t=4565&p=175368#p175368
Um nicht her noch mehr off topic zu schreiben ;-)

carl
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Beitragvon carl » 03.11.2011, 13:01

Hallo ihr!

erstmal vielen Dank für die Links! Mir bedeutet die Fracht ja einiges...

Hallo Jelena,

ich finde deine Geländer auch sehr gelungen!
Vielleicht könntest du bei Version I überlegen, ob du "lang" streichen willst:
es ist überaus gefährlich
nur ein einziges leben zu leben

Für mein Empfinden würde dadurch das simultane der verschiedenen Leben betont.
Es sei denn, du wolltest die Dauer betonen, die in der Redewendung "ein Leben lang" liegt.
Das gibt ein schönes poetisches Paradox, aber ich sehe nicht, wohin es führt (muss es ja auch nicht ;-))

der boden hellbraun
gemischt aus blättern
käme ein windstoß

Jetzt besteht der Boden aus Blättern und sie liegen nicht nur drauf. Was das für Konsequenzen hat, wenn ein Windstoß kommt...

Die rote Jacke finde ich Klasse und die Frage, ob sie reicht!

Das sind jetzt keine "Verbessungsvorschläge" sonder nur mögliche Alternativen.

LG, Carl

Jelena

Beitragvon Jelena » 04.11.2011, 08:41

Hallo,

ja, danke auch für die Links. Aber ich weiß noch nicht, wie ich es schaffen sollte, alles zu hören, zu lesen, zu schreiben und zu machen, was ich gerne davon will. Ich setze die Sendung über Bachmann auf die gemerkte To-do-Liste, Vergessen entscheidet.

Hallo carl,

ja, so hat jeder seine Assoziationen. Schon interssant, dass die Jacke für dich rot wäre. Und: Mir ging es um die begrenzte Dauer des Lebens, wodurch die Sterblichkeit, die Unwiederholbarkeit und das Abschiednehmen innerhalb eines Lebens eingeschlossen wären. Würde ich deinen Vorschlag übernehmen, wäre es klar, dass man nur einmal lebt. Die Frage ist für mich aber nicht beantwortbar, da ich nur diese eine Zeitdauer wahrnehmen kann.
Mit den Blättern hatte ich die Bildersammlung in einem Leben assoziiert. Die Fixpunkte in Erinnerungen, die bleiben, die man manchmal aber gerne noch im Nachhinein anders mischen würde. Ich denke auch, dass es möglich ist, sich immer wieder neu zu sehen und zu bewerten, zu erfinden, obwohl es ja eigentlich gar nicht so ist. Die Fantasie oder der Mut zur Veränderung als Windstoß? Vielleicht. Um das Bodenverlieren ging es mir weniger.

LG, Jelena.


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