Erleichterung - ein Abgesang

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Mnemosyne
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Beitragvon Mnemosyne » 30.09.2011, 14:58

Ich kann nicht sagen wann die Menschheit
begann, sich offen und erklärt
über die Schwerkraft zu empören
(und nicht, wie einst, verstohlen
in Träumen vom Schweben
hohen Türmen
in Gleitschirmen und Segelfliegern
und in Buttons mit der Aufschrift
„gravity is a heartless bitch“).

Man hatte schon das Alter überwunden
(und den Tod)
und strebte nun
zuletzt die Schwere, dieses Joch der Physis
abzuwerfen.

Der Mensch, da er Geist sei,
solle des höchsten sich für würdig halten.
Es sei des Menschen wesentliche Pflicht
so dachte, sprach, so deklamierte man
und sein verbrieftes Recht
die Freiheit, wo er könne, zu begehren
und darum jene Schranke einzureißen,
die ihn, den Aufrechten, Erhobenen,
in die Niederungen des Planaren banne,
(sich so weit es irgend ging über den Wurm zu stellen)
sich, sozusagen, endlich aus dem Staub zu machen.

Die Geister, die man rief
waren um eine Antwort nicht verlegen:
Der Bau einer Maschine
zur dauerhaften Aufhebung der Schwerkraft für die Menschen
sei ein durchaus aussichtsreiches Unterfangen;
man müsse nur
die thermodynamische Phasenfrequenz der Antiquarks
vermöge supersymmetrischer Quantenstrings...

Wo man sie hörte, da berauschten solche Worte.
Man sprach sie, statt Gebeten, in den Kirchen nach.
Man spielte sie von allen Dächern wie Musik
und in den Gassen tanzte man dazu
denn es verstand auch, wer von Antiquarks nichts wusste:
dass die Freiheit nahte.

Als unerläßlich allerdings erwies sich ein Stück Blei
ein kleiner Würfel
den man, um die Wirkung der Maschine zu verstärken
zwei Handbreit unter der Schulter
in die linke Brust zu implantieren hatte.

Nun, dazu musste man sich doch erst überwinden
doch man tat es schließlich
zeigte man durch diesen Eingriff doch
wie sehr einem das große Ziel am Herzen lag.

Die Maschinen, die man schließlich
in den Glutsand der Sahara
auf die Gipfel des Himalaya
und den Grund des Mariannengrabens setzte
glichen halben Sonnen;
im Umfang massen sie
knappe sechshundert Meter
(grob geschätzt).

Die Wochen vor der Inbetriebnahme
der transparenten Kuppeln
die anfangs ein diffuses rotes Licht verbreiteten
gehörte den Träumern.
Man sah, statt aufeinander, in den Himmel
und dachte, sah man nächtens Sterne
nur dies eine: „Bald.“

Die Eingeweihten dämpften den Elan.
Die Energie, die nötig sei
um die gewünschte Wirkung zu erzielen
sei ungeheuer und auf einen Schlag nicht zu gewinnen;
die Wirkung stelle sich daher nur langsam ein
man werde warten müssen
drei oder vier Monate
vielleicht auch fünf.

Es wurde einem leicht in jenen ersten Tagen.
Man drängte in die Wiesen, Wälder, Berge
mit weitem, raschen Schritt
durchmaß man Strecken, die man früher
nicht im Traum erwogen hätte.

Am siebten Tag erhoben sich die Lahmen
die Schwachen, Kranken und Beladenen
von ihren Stühlen, Liegen, Betten
wer welche hatte, warf die Krücken fort
zu abertausenden verließen sie die Häuser
und strömten als Triumphzug durch das Land.

Am elften wagte hier und da
einer die Straße mit nur einem Satz zu überqueren
und sehr bald auch den Sprung von Dach zu Dach.
Wie wenig kümmerten bald Wege, Straßen, Brücken!
Wohin man wollte, glitt man geraden Wegs.
Von einer Gasse, einer Stadt zur nächsten
kam selbst der Schwerste nun durch einen Flügelschlag.

Und mit der Zeit wurde der Boden fremd
man traf ihn nur noch selten, ausnahmsweise
(zum Gehen fehlte ohnehin der Halt:
Ein Stolpern, Straucheln, Fuchteln, wo man es versuchte
da floh man bald in längst vertraute Höhen
und senkte fortan seinen Blick nur ungern und mit Schaudern.)

Erlösung brachte erst der dreißigste
die Kraft der Kuppeln stieg mit einem Male auf gleich ein Vielfaches
und so begann der Menschheit Himmelfahrt.
Sie stiegen wie Ballons in großen Schwärmen auf
in Mehrzahl jauchzend, spottend auch
wenn irgendwo ein Ewiggestriger gesehen wurde
der sich an einen Baum, eine Laterne klammerte
während die Füße längst nach oben drängten.

Am Abend dann durchstießen sie die Wolken
und tauchten übermütig wieder ein
und auf
und schielten, während sie noch
an den Mauern weißer Schlösser Purzelbäume schlugen
nach den Sternen.

Man hörte viel Gesang in jener Zeit
auf deren Dauer niemand mehr,
selbst nicht, wer eingeweiht war, achtete.
Im Sonnen- Mondes- Sternenlicht
glänzte so das entgrenzte Zauberreich
das neu geschaffene, darin die Menschen jetzt, wie Schmetterlinge, tanzten.

Wie lang auch immer, schließlich spürte man
wie man unmerklich von den Wolken abgehoben wurde,
gedachte noch einmal der Kuppeln (und mit ihnen auch der Welt, die sie umgab)
und wusste, dass das Schielen bald ein Ende hatte.
Der große Abschied stand nun kurz bevor
es lächelten wohl viele
manche nicht.

Gewisse sehnten sich gar wieder nach der Erde
zu der kein Weg mehr führte.
Und welcher Jammer, als sie hörten, merkten
Dass ihnen selbst der Sturz nicht länger offen stand.
Verzweifelt rissen sie sich da
das Blei aus ihrer Brust
und starben ohne dass auch nur ein einziger
je wieder Boden sah.

Schließlich geschah es, als
das Wolkenreich im Licht der Morgensonne glutrot brannte:
Mit einem letzten Ruck befreite sich die aufgestaute Kraft
die alte Kette barst.
Sie fielen tief hinein ins Firmament
der Weite zu, und damit unvermeidlich
auseinander.

Nur manche wollten niemals voneinander lassen
(man hörte viele Schwüre von der Ewigkeit)
und hielten sich, bei allem, was sie fassen konnten.
Ich sah noch einen Ring von zwanzig, irgendwo
dort hielten sie einander an den Händen
doch schließlich lockerte die Kälte ihren Griff
auch diese Bindung fand man bald beschwerlich
und streifte so mit sanftem Stoß
den Andern, diese letzte Fessel, ab.

Nun sind die Menschen frei.
Weithin im grenzenlosen Raum verstreut
ist jeder selbst sich Welt, so gut er kann.
Ganz reibungslos:
Das Vakuum kennt keinen Widerstand.
Ohne Schranke oder Folge
kann sich ein jeder endlich regen, wie er mag.
Nichts
hindert ihn.


+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

[Edit: Diverse Rechtschreib- und sonstige Tippfehler korrigiert.
Die 17. Strophe lautete ursprünglich:
"Man hörte viel Gesang in jener Zeit
auf deren Dauer niemand mehr,
selbst nicht die Eingeweihten, achteten."
auf Ferdis Hinweis hin korrigiert.]
Zuletzt geändert von Mnemosyne am 04.10.2011, 00:04, insgesamt 8-mal geändert.

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ferdi
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Beitragvon ferdi » 30.09.2011, 15:11

Hallo Merlin,

das liest sich fein, die für ein Gedicht doch beachtliche Länge fällt gar nicht auf. Ein wenig Feinschliff solltest du noch leisten - "auseindner", "auf deren Dauer niemand mehr selbst nicht die Eingeweihten, achteten", "Schwesten", so was halt.

Ferdigruß!
Schäumend enthüpfte die Woge den schöngeglätteten Tannen. (Homer/Voß)

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Mnemosyne
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Beitragvon Mnemosyne » 30.09.2011, 15:15

Ups, Ferdi,
das war schnell! So schnell, dass ich noch selbst mit einer kritischen Durchsicht beschäftigt war, als du schon kommentiert hattest. "auseindner und "Schwesten" sind mir aufgefallen, das fehlende Komma nicht, jetzt sollte alles wieder stimmen.
Danke für die Hinweise und deinen Kommentar!
Liebe Grüße
Merlin

Mucki
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Beitragvon Mucki » 30.09.2011, 15:24

Hi Merlin,

mich hat dein Abgesang so richtig in den Bann gezogen. Ich finde es klasse geschrieben, teils philosophisch, teils prophetisch (wie es sich für einen Abgesang gehört) und auch voller Phantasie und dann wieder auch "Erdung".
Und das Ganze liest sich wirklich flüssig. Ich sehe da einen Mann stehen, der dies voller Inbrunst vorträgt.
Mnemosyne hat geschrieben:man müsse nur
die thermodynamische Phasenfrequenz der Antiquarks
vermöge supersymmetrischer Quantenstrings...

Fehlt hier nicht etwas? Oder ist es absichtlich so geschrieben?

Saludos
Gabriella

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ferdi
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Beitragvon ferdi » 30.09.2011, 15:24

Hallo nochmal,

ich dachte eigentlich weniger an das fehlende Komma, als mehr an den etwas wackeligen Satzbau: niemand (Einzahl) ... achteten (Mehrzahl). Komma könnten aber zur Not auch noch ein paar rein ("starben, ohne dass" z.B.). Die am Zeilenende hast du absichtlich weggelassen?

einzureissen -> einzureißen

Ferdigruß!
Schäumend enthüpfte die Woge den schöngeglätteten Tannen. (Homer/Voß)

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Mnemosyne
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Beitragvon Mnemosyne » 01.10.2011, 16:46

Hallo Gabriella,
über die Flüssigkeit freue ich mich - umso mehr, als das im wesentlichen mein erster Versuch mit dieser Ausdrucksform ist.
An der betreffenden Stelle habe ich bewußt abgebrochen - sie steht eben sinnbildlich für eine rein technische, auf Machbarkeit und Einzelheit der Durchführung ausgerichtete Perspektive auf die Frage, die aus einer entsprechenden Haltung hervorgeht und in einem entsprechenden Jargon ihren Ausdruck findet. Da es mir auch nicht darum ging, auch nur eine Sekunde auf eine realistische Idee zur Antischwerkraft zu verwenden (was ich sonst wohl hätte tun müssen), habe ich es bei dieser Richtungsanzeige belassen.

Hallo Ferdi,
danke für den Hinweis, jetzt sehe ich das Problem. Mich stört es zwar beim Lesen nicht besonders - es ist mir bisher nicht einmal aufgefallen - aber da du mich nun gezwungen hast, die "Wackeligkeit" auch zu spüren, denke ich mal über eine Lösung nach. :-)
Die Kommas am Zeilenende habe ich in der Tat absichtlich weggelassen, die Zäsur scheint mir auch so stark genug.
Der Fehler ist korrigiert.

Euch beiden liebe Grüße
Merlin

Sam

Beitragvon Sam » 03.10.2011, 10:01

Hallo Merlin,

das gefällt mir sehr gut. Zugegeben, ich habe es eigentlich wie Prosa gelesen. Aber ohne Probleme, was zeigt, dass dir die Umbrüche gut gelungen sind.

Natürlich ahnt man das Ende recht schnell. Auf der anderen Seite kann man gar kein anderes Ende erwarten, da es ja bisher immer so war, dass, wenn der Mensch so tiefgreifend in die Natur (nicht nur der Erde sondern auch seiner eigenen) eingreift, der Schuß nach hinten losging. Nur machst du es sehr geschickt, indem du das Ende positiv schilderst, obwohl man genau weiß, dem ist nicht so. Denn die große Freiheit ist nichts anders, als der Tod im kalten All (und einige, so beschreibst du, haben es wohl auch im letzten Moment - in ihrem letzten Moment erkannt.)

Eine Frage stellt sich mir allerdings: Am Anfang heißt es, der Mensch habe das Alter und den Tod überwunden. Der Wunsch nun auch noch die Schwerkraft zu überwinden rührte daher, dass er ganz Geist sei. Wäre es aber nicht eher so, dass der Mensch nach Überwinden von Alter und Tod viel weniger Geist ist, als heute, wo körperlicher Verfall und Tod ständig zur Flucht in die Transzendenz drängen. Eine Gesellschaft ohne Alter und Tod hätte diesen Traum vom Fliegen, den Körper also sinnbildlich abzulegen, vielleicht gar nicht mehr, da sie sich doch nun endlich mit ihm versöhnt hat.

Aber das sind nur Gedanken am Rande und erhöhen eher noch den Lesegenuss, statt ihm abträglich zu sein.

Gruß

Sam

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Mnemosyne
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Beitragvon Mnemosyne » 04.10.2011, 10:57

Hallo Sam,
freut mich, dass es dir gefällt! Ob es nun Lyrik oder Prosa ist, bzw. ob diese Begriffe überhaupt scharf genug sind, das klar zu entscheiden, lasse ich lieber dahin gestellt. Jedenfalls haben die Umbrüche schon ihren Sinn, und es wäre nicht dasselbe, das ganze im Blocksatz zu lesen.
(Ransmayr erreicht auf diese Weise eindrucksvolle Effekte in seinem Roman/Versepos "Der fliegende Berg":
http://www.zeit.de/2006/37/L-Ransmayr )
Zu deiner Frage: Ich vermute zwar auch, dass ein wirklich unsterbliches Wesen eine Verfassung hätte, die mit unserer nicht mehr viel zu tun hat (und habe latent den Plan, das mal in irgend etwas umzusetzen). Hier dachte ich aber eher an das Streben nach "Freiheit" im Sinn einer Abschaffung bzw. Überschreitung von Grenzen, ohne zu beachten, dass Grenzen, außer einzuschränken, eben auch konstituieren. Die Oberfläche einer Kugel ist die Grenze der Kugel, aber sie schränkt sie nicht ein - sie ermöglicht ihr überhaupt erst, da zu sein.
Ob dieses Streben, wenn es teilweise erfolgreich war (z.B. durch Überwindung des Todes) zum Erliegen käme oder sich nicht eher, wie hier beschrieben, ins Wahnsinnige fortsetzen würde/wird, ist natürlich eine gute Frage, zu der der Text gern Anlass geben darf. :-)
Stelle ich es mir sehr konkret vor, neige ich aber eher zu der Ansicht, eine unsterbliche Menschheit wäre zumindest mehrheitlich mit ihren verbleibenden Grenzen keineswegs versöhnt, sondern würde - und sei es nur aus Langeweile - recht schnell die "Bodenhaftung" verlieren...
Liebe Grüße
Merlin


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