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Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 13.09.2011, 10:51

Mag sein wir erzählen uns nur vom Verschwinden.
Mag sein aus jeder unserer Gesten spricht Angst.
Langnasige Gegebenheiten ziehen vorbei.

Wenn nichts mehr zu sagen ist, soll eins schweigen.
Die immer gleichen Wendungen in sich kehren.
Einer hat den Schlüssel und sagt: ich habs.
Eine hat keine Geduld und gibt auf.

Die wahren Beweggründe derer, die dem Ende zusagen.
Die Träume werden harmloser, durchschaubarer.
Eines Tages erwachte Frau H. nicht mehr,
nachdem sie geträumt hatte, ihr Sohn habe sich in einen Käfer verwandelt.

Was für ein trauriges kleines Leben sie vor sich her schob.
Was bleibt uns übrig, als es aufzuschreiben?
Die Zeit der luftigen Einsichten ist vorbei.
Zuletzt geändert von Xanthippe am 18.09.2011, 11:48, insgesamt 2-mal geändert.

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 14.09.2011, 12:07

Hallo Xanthi,

wie schön, mal wieder etwas von dir zu lesen!
Ich bin hier sehr zwiespältig. Ich glaube es sind letztlich Kleinigkeiten, die mir einfach zu viel sind, die den Ton für mich stellenweise ins Jammern und Selbstmitleidige fallen lassen.
Ich hangel mich mal am Text entlang. :)
Die Zeit der luftigen Einsichten ist vorbei
Das wäre für mich ein wunderbarer Titel. Die Zeile gefällt mir sehr.
Mag sein wir erzählen uns nur vom Verschwinden.
Mag sein aus jeder unserer Gesten spricht die Angst davor.
Schöner Einstieg, nur das "davor" klappert klanglich für mich hinterher und scheint mir auch nicht nötig.
Langnasige Gegebenheiten einer vertanen Zeit.
"Langnasige Gegebenheiten" ist klasse, aber bei der "vertanen Zeit" steige ich innerlich schon aus.
Wenn nichts mehr zu sagen ist, soll eins schweigen.
Die immer gleichen Wendungen in sich kehren.
Einer hat den Schlüssel und sagt: ich habs.
Eine hat keine Geduld und gibt auf.
Die wahren Beweggründe derer, die dem Ende zusagen.
Die Träume werden harmloser, durchschaubarer.
Eines Tages erwachte Frau H. nicht mehr,
nachdem sie geträumt hatte, ihr Sohn habe sich in einen Käfer verwandelt.
Der Abschnitt gefällt mir sehr.
Die Spuren, die das Leben hinterlässt.
Das ist mir nach dem Käfer zu platt und oft gehört.
Was für traurige kleine Leben wir vor uns her schieben
Das "wir" irritiert mich hier, weil ich mich mithineingesprochen fühle und es klingt mir in dieser behaupteten Allgemeingültigkeit zu pathetisch. Ich könnte es besser lesen, wenn es auf Frau H. bezogen wäre. Also "Was für ein trauriges kleines Leben sie vor sich her schob." Das Bild gefällt mir nämlich sehr, als wäre es ein klappriger Einkaufswagen. Einer von denen, die scheinbar ein Eigenleben führen und immer in die falsche Richtung lenken.
Was bleibt uns übrig, als sie aufzuschreiben?
Schöne Schlussfrage für mich. Ein Auskehren dessen, was man hineingekehrt (bekommen) hat. Auch hier ist es für mich so, dass ich besser mitgehen könnte, wenn da mehr Distanz wäre. "Was blieb übrig, als es aufzuschreiben." Das könnte man dann nämlich sowohl auf Frau H., als auch auf den Erzähler, oder eben selbst auf sich beziehen und würde somit aus meiner Sicht diesem Gedanken und den Zeilen offener gegenüberstehen.

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

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Eule
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Beitragvon Eule » 14.09.2011, 13:09

Hallo Xanthippe, vielleicht könnte das "Mag sein" als Titel am besten zu diesen bilanzierenden Selbstreflektionen passen.
Bei der vierten Zeile verstehe ich nicht, wer oder was das "eins" ist, was/wer da schweigen soll. Ansonsten gefällt mir der Text in seiner bilderreichen Direktheit. Viele Grüße !
Ein Klang zum Sprachspiel.

Niko

Beitragvon Niko » 14.09.2011, 20:27

was bleibt uns - mit oder ohne "übrig" - das wäre ein titel nach meinem geschmack. so wie des der text insgesamt ohnehin schon ist.
gefällt mir sehr, xanthi!

liebe grüße: niko

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 15.09.2011, 08:18

Liebe Flora,

vielen Dank für deine Anmerkungen. Den meisten kann ich dankbar folgen und das Gedicht hat durch deine Vorschläge schon viel gewonnen, wie ich finde.
Was das "wir" am Schluss angeht, kann ich zwar deine Einwände nachvollziehen, hänge aber noch an der Idee, auf diese Weise einen Kreis zum Anfang zu schliessen. ich denke noch darüber nach.
Bis dahin vielen Dank für deine Hilfe.
Xanthi

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 15.09.2011, 08:20

Liebe Eule,
natürlich hätte ich für "eins" auch man schreiben können. Allein, ich wollte nicht. ;-)
Danke für Deinen Titelvorschlag und den Kommentar.
Xanthi

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 15.09.2011, 08:21

Lieber Niko,

was bleibt uns? Ja, ich kann mir das auch gut als Titel vorstellen. Und Danke sehr fürs Gefallen äußern. Ich habe recht lange kein Gedicht mehr geschrieben, daher war ich ziemlich unsicher, ob es funktioniert.
Danke für eure Resonanz und viele Grüße von
Xanthi

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 17.09.2011, 13:07

Hallo Xanthi,

durch die neue Gliederung empfinde ich den Bogen zum "Anfangswir" nun stärker und kann das "wir" der letzten Strophe nun auch "persönlich" als Ansprache an ein "Du" lesen, was die Irritation und Abwehr aufhebt. Für mich ist es so sehr stimmig und rund geworden.

Liebe Grüße
Flora
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Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 18.09.2011, 11:46

Danke, Flora, dass Du Dich nochmal meldest. Schön, dass Du den Bogen nachvollziehen kannst. Witzigerweise habe ich mittlerweile Deine Argumentation nachvollziehen können und das Gedicht noch ein Stück weit geändert. Da haben wir uns beide aufeinander zubewegt und dabei überkreuzt ;-)


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