Die Katze

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
wüstenfuchs

Beitragvon wüstenfuchs » 28.12.2010, 13:15

Ruf nicht meinen Namen!
Ich bin leise, ich schleiche.
Soll denn jeder gleich wissen, dass ich da bin?

Mucki
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Beitragvon Mucki » 28.12.2010, 13:44

Hi Ben, du Katzenpapa,

Katzen lassen sich doch m.E. gar nicht rufen (jedenfalls die meisten), sind so eigenwillige Tiere. Und dieses Eigenwillige käme m.E. hier viel besser heraus, wenn du schriebest:

Ruf nicht meinen Namen!
Ich rufe dich!


Das fände ich knackiger auf den Punkt gebracht. Was meinst du?

Saludos
Mucki

Last

Beitragvon Last » 28.12.2010, 15:00

Liebe Mucki,

das lese ich etwas anders als du. "Die Katze", wie sie hier zu sprechen scheint, verstehe ich eher als Charakterisierung einer literarischen Gattung, ähnlich den "Maulwürfen" von Günter Eich.

Für mich wird hier an den Leser appelliert, sich nicht vorschnell ein Urteil darüber zu bilden, wie ein Text funktioniert und ob er funktioniert, weil es Texte gibt, die ihre Wirkung erst langsam entfalten, den Leser beschleichen, um auf diese Weise näher zu kommen, als der Leser es ansonsten zulassen würde. Gleichzeitig verweigern diese Texte jedem Leser den Zugang, der meint, die Katze auf einen Namen festlegen zu können. Die Stärke dieser Texte liegt in dem, was nicht gesagt werden kann.

LG
Last

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 28.12.2010, 15:21

ich mag diese leseart von last sehr, obwohl ich den text zunächst auch eher wie mucki gelesen habe und ich glaube, dass liegt an dem
wüstenfuchs hat geschrieben:Soll denn jeder gleich wissen, dass ich da bin?

also an diesem "dass ich da bin?", wenn da stände "was ich bin", "wer ich bin" würde sich mir eine derartige leseart viel eher erschliessen, allerdings liegt das ja u. U. gar nicht in der absicht des verfassers.

Mucki
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Beitragvon Mucki » 28.12.2010, 15:23

Hallo Last,

es kann natürlich durchaus sein, dass ich hier "vorbelastet" bin, da ich Ben als liebevollen Katzenpapa hier im Form kenne. Und deshalb nehme ich die Katze hier wörtlich und nicht als Charakterisierung einer literarischen Gattung.
Nun, wir werden sicher erfahren, wie Ben es gemeint hat. ,-)

Saludos
Mucki

Niko

Beitragvon Niko » 28.12.2010, 16:48

mir gefällt die lesart von last sehr. und ich muss gestehen, dass der text von fuchs mir anfänglich doch etwas zu lapidar erschien. mit der von last angestoßenen intention gelesen, ist der text aber rund, schlüssig und mit einer kräftigen aussage.
sicherlich ist es nun interessant, was wüstenfuchs dazu selbst meint in seiner eigenschaft als verfasser. aber im grunde ist es irrelevant. wenn mir der text eine solche lesart gibt, dann brauche ich nicht die bestätigung durch den verfasser.

ziemlich ausgefuchst, fuchs. ob beabsichtigt oder nicht :-)

liebe grüße: niko

wüstenfuchs

Beitragvon wüstenfuchs » 28.12.2010, 20:53

Gabriella hat geschrieben:Hi Ben, du Katzenpapa,

Katzen lassen sich doch m.E. gar nicht rufen (jedenfalls die meisten), sind so eigenwillige Tiere. Und dieses Eigenwillige käme m.E. hier viel besser heraus, wenn du schriebest:

Ruf nicht meinen Namen!
Ich rufe dich!


Das fände ich knackiger auf den Punkt gebracht. Was meinst du?

Saludos
Mucki


Hallo Gabriella,
das war gar nicht meine Intention. Dieses kurze Gedicht ist als Dialog zu sehen, in dem die Katze nicht versteht, warum der Gesprächspartner so töricht ist und versucht sich zu erklären. Ich bin der Ansicht, dass jedes Ding einen Namen hat. Ich bin überzeugt davon, dass jeder Funken von Bewusstsein zwangsläufig benennt und damit unterscheidet. Auch ruft die Katze nicht den Dialogpartner, das ist eher so ein: Ja, du hast mich erkannt, na toll. Idiot. Hör mal zu. Das mag man zwar als lapidar bezeichnen, aber ich sehe eine Katze die sich an den Kopf fasst. Der konkrete Name spielt allerdings wirklich keine Rolle.

Kunst ist für mich der Ausdruck. Sei es ein lapidarer oder nicht, das spielt hier keine Rolle und ich wollte intentionell auch keine bestimmte Tiefgründigkeit.

Tiefgründigkeit kann man sicher hinter vielen Banalitäten entdecken und diese entspringt dann meist aus einem selbst. Hier wollte ich die Momentaufnahme einer Situation zwischen Katze und Mensch ausdrücken. Nicht mehr und nicht weniger. Der Ausdruck der Katze, simpel in Worte gebannt. Das Bild eines Charakterzuges dieser Gattung.

Ich freue mich, dass der Text euch gefällt und eventuell anregend war, aber dieser Text ist für mich selbst eher banal, aber darin liegt auch ein Teil der Stärke. Ich hatte ihn heute Nacht in den Ohren, als ich um 4 Uhr morgens mal kurz aufwachte. Last und Niko mögen das bitte entschuldigen.

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 28.12.2010, 21:13

Hallo Wüste,

ich habe das Rufen nicht als "herbeirufen" gelesen, sondern als "ausrufen" und finde die Idee sehr schön. Ich höre sie förmlich aufseufzen ob der lauten Tölpeligkeit ihres Menschen.

Klanglich fehlt mir ein bisschen das "rufe" zum "leise" und "schleiche". Und das Ausrufezeichen passt nicht so richtig zum "leisen"?

Den letzten Satz bräuchte ich vielleicht gar nicht unbedingt, da bin ich mir unsicher, weil ich ihn ja nunmal schon gelesen habe. Sprachlich erscheint er mir jedoch zu gerade und fest, ich höre da eher den Menschen als die Katze? Vielleicht wäre es so weicher, "kätzischer" .-) und auch offener für mehrere Leseweisen:

soll denn jeder um mein dasein wissen?

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

wüstenfuchs

Beitragvon wüstenfuchs » 28.12.2010, 22:02

Flora hat geschrieben:Hallo Wüste,

ich habe das Rufen nicht als "herbeirufen" gelesen, sondern als "ausrufen" und finde die Idee sehr schön. Ich höre sie förmlich aufseufzen ob der lauten Tölpeligkeit ihres Menschen.

Genau das wollte ich einfangen!

Flora hat geschrieben:Klanglich fehlt mir ein bisschen das "rufe" zum "leise" und "schleiche". Und das Ausrufezeichen passt nicht so richtig zum "leisen"?

Stimmt, darüber habe ich mir auch schon Gedanken gemacht. Ob es sich besser machen würde? Hier im bayrischen Raum ist diese Verkürzung halt gang und gebe, der Text wurde umgangssprachlich verfasst. Ich möchte den Text allerdings erstmal so stehen lassen.

Flora hat geschrieben:Den letzten Satz bräuchte ich vielleicht gar nicht unbedingt, da bin ich mir unsicher, weil ich ihn ja nunmal schon gelesen habe.

Der ist für mich als Abschluss enorm wichtig, damit das Verhalten des gesichtslosen Dialogpartners als töricht wargenommen werden kann. Diese Frage kann ich definitiv nicht streichen - sie muss bleiben, sonst wird der Text seiner Intention nicht gerecht.

Flora hat geschrieben:Sprachlich erscheint er mir jedoch zu gerade und fest, ich höre da eher den Menschen als die Katze? Vielleicht wäre es so weicher, "kätzischer" .-) und auch offener für mehrere Leseweisen:

soll denn jeder um mein dasein wissen?

Liebe Grüße
Flora

Danke für deine Anregungen. Vielleicht schreibe ich noch mehrere Varianten. Dein Abschluss ist jedenfalls wesentlich poetischer. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob ich das so haben möchte, da ich das Bild nicht poetisch verklären will, ich möchte eine Szene aus dem Leben. Aber vielen Dank für den Input!


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