warum sich texte mir versagen

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Niko

Beitragvon Niko » 10.11.2010, 20:07




warum sich texte mir versagen


ein wort ein gedanke
die wiedergeburt des täglichen sterbens
wird zum murmeltier, das immer grüßt
und das, obwohl ich es immer schaffte
wunden zum glühen zu bringen
und im regen stand wie noah

auf einer arche

sitze ich nun
schaukle mich über die fluten hinweg
und habe nichts als den erdrückenden horizont

könnte ich ein wort sehen wie ein kind
oder es lassen
bliebe das labyrinth eine sackgasse
so wüsste ich
was ich vergessen habe

ich

wird aber kleingeschrieben
wie alles was vorsicht zeigt

warum sich texte mir versagen
weiß jedes wort in gedanken

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Eule
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Beitragvon Eule » 15.11.2010, 11:09

Hallo Niko, ein Text der viel spannender ist als der Titel verspricht. Ein bisschen stört mich der Gliederungsverweis der Kurzzeilen: "auf einer Arche - ich", die den hermetischen Zirkel (wort-gedanke-inwendig-arche-ich) überbetonen und damit sehr pädagogisch oder selbstironisch wirken. Trotzdem anregend. Viele Grüße !
Ein Klang zum Sprachspiel.

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 13.12.2010, 11:20

Hallo Niko,

jedes Mal, wenn ich hier vorbeikomme, fallen mir wieder diese Zeilen auf, die sich für mich dann zu einem ganz selbständigen Gedicht zusammensprechen. Vor allem die letzten drei Zeilen finde ich ganz wunderbar.

obwohl es mir immer gelang
wunden zum glühen zu bringen
stand ich eines tages im regen

auf einer arche
sitze ich nun
schaukle mich
über die fluten hinweg
und habe nichts als den erdrückenden horizont

könnte ich ein wort sehen wie ein kind
so wüsste ich
was ich vergessen habe


Ich weiß, das bringt dir für das Gedicht selbst nun wenig, weil es sicher viel mehr aufzeigen möchte und auch einen anderen Gedankenkern zu haben scheint, aber vielleicht freut es dich trotzdem als Rückmeldung.

obwohl ich es immer schaffte
"schaffte" sticht für mich heraus, mir klänge hier "obwohl es mir immer gelang" besser zu den anderen Zeilen.

und im regen stand wie noah
An diesem "und" rätsele ich ein wenig im Zusammenhang mit der weiteren Entwicklung im Gedicht.

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

Max

Beitragvon Max » 15.12.2010, 22:22

Lieber Niko,

ich mag den Text wegen seiner Ansätze, die Flora in meinen Augen sehr gut weitergesponnen hat.

Wenn ich den Text für sich nehme, so wird er allerdings problematisch.
Während ich zB

die wiedergeburt des täglichen sterbens


als paradoxe Idee sehr mag, finde ich das anschließende Murmeltier ein weni arg profan und dann verselbtständigt sich der Text in meinen Augen, da müsste für mich keine "Wunden" kommen, schon gar keine, die glühen und der Regen und Noah, das sind alles Attribute, die das gedicht zerfallen lassen.
Dafür gelingen Dir aber für mich ein paar bemerkenswerte zeilen:

könnte ich ein wort sehen wie ein kind

ist für mich die beste.

Liebe Grüße
max

Niko

Beitragvon Niko » 16.12.2010, 11:11

so, jetzt aber:

liebe arne

der gliederungsverweis war nicht wirklich als solcher angedacht. die pädagogisch wirken wollenden finger hab ich schon vor ihrem wachstum abgehackt. sollten da ein paar stümmelschen nachgewachsen sein? selbstironisch. ja....von mir aus. wäre nicht die übelste eigenschaft. aber ich denke - auch das nicht. viel mehr ein anflug von melancholie. und ein stück verzweiflung. weil der titel in meinem leben gerade programm ist. so im großen und ganzen. es freut mich dennoch und gerade darum, dass dich die zeilen anregend erreichen!

liebe flora,

schaffte, gelang.......ich glaube, das sind nuancen, die auch etwas mit der eigenen sprachnutzung zu tun haben. für mich klingt schaffen aktiver als gelingen. ansonsten gebe ich dir in weiten teilen recht. der text hat zuviel und will zuviel. ich stelle hier mal eine fassung ein, die ein bisschen den rotstift ansetzt:

warum sich texte mir versagen

ein wort ein gedanke
die wiedergeburt des täglichen sterbens
obwohl ich es immer schaffte
wunden zum glühen zu bringen


auf treibholz
schaukle ich über die fluten hinweg
und habe nichts als den erdrückenden horizont

könnte ich ein wort sehen wie ein kind
oder es lassen
so wüsste ich
was ich vergessen habe

ich wird aber
kleingeschrieben
wie alles was vorsicht zeigt


so fände ich es zunächst mal rund(er). was meinst du?

hey max.....die änderungen müssten dir ja jetzt auch sehr entgegenkommend sein?

liebe grüße, mit dank für´s kommentieren: niko

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Ylvi
Beiträge: 9473
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Beitragvon Ylvi » 16.12.2010, 14:25

Hallo Niko,

ich habe immer noch ein bisschen Schwierigkeiten mit den beiden "theoretischen" Zeilen zu Beginn, aber noch mehr mit der letzten Strophe, die ich einfach nicht aus dem Gedicht heraus verorten kann, vielleicht steh ich da auf der Leitung. :12:

Was ich an deiner neuen Version sehr schade finde, dass die Arche verschwunden ist, weil sie ja schon auch mit dem "Schaffen" verbunden ist und auch noch andere Konnotationen in sich trägt, die mir in Bezug auf das Schreiben sehr gefallen haben, die Fragen aufwerfen, etwas in die Weite tragen... Das Treibholz vermittelt mir eine ganz andere Vorstellung.
Auch der Regen als Vorbote, bildlicher und innerer Übergang fehlt mir und das "schaukle mich" fand ich an dieser Stelle auch eindrücklicher und stimmiger, als das "schaukle ich".

Die Streichung von Murmeltier, Labyrinth und den letzten beiden Zeilen und die neue Setzung kommt mir entgegen. Und deine Erklärung zum "Schaffen" leuchtet mir ein, auch wenn ich das Wort trotzdem nicht mag. ;-)

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)


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