zeitfetzen (sammlung fragmentarischer rückblicke)

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Niko

Beitragvon Niko » 04.08.2010, 19:01

zeitfetzen




I

als ich jung war sammelte ich
schmetterlinge zwischen schlachthof und kirche
immer dem fluss entlang
der damals rinnsal war


II

befindlichkeiten erlaube ich mir
nicht mehr und nicht
weniger ist bekanntlich mehr


III

hab das schweigen
hinter´s reden versteckt
dazwischen ich
selbstredend unerhört


IV

am abendhimmel cirrus-wolken
langgezogen wie nutzlose gespräche
ich habe nichts vergessen
weder auge noch zahn


V

heute wirrnis
die turmuhr schlug 13 mal
als wir aufstiegen
und du sagtest
es sei so still um uns


VI

am schwarzen brett ein dachs
horizonte voll klebriger himmelsspuren
ich werde verrückt
bittet der papst
nicht um vergebung

ich glaube nicht
mehr glaube ich nicht


VII

liebe - ein kletterwort
du wir ich - schlecht ausgerüstet
aber was zählt
ist der glaube
die luft wird dünner
mit jedem kuss


VIII

elfenbeintürme macht man
aus elefantenstoßzähnen
die dickhäuter hätten sich
das auch nie träumen lassen


IX

käme nur einer
der mir brot gäbe
oder wenigstens sein herz
ich würde ihn im zweifel
zum teufel jagen


X

zwischen kindergarten und friedhof
viele motive
ein handvoll untergänge
wundertüten und fastfood
kurzes und langweiliges
verschiedene arten des sterbens
unter´m strich aber
zwischen den sonnenaufgängen
lichtjahre

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Zakkinen
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Beitragvon Zakkinen » 04.08.2010, 20:49

Danke, Niko,

ist doch eine schöne Sammlung. Ich mag sie, auch wenn ich immer noch in einigen zumindest Resignation mitschwingen lese. Aber vielleicht bin das auch nur ich , wie ich mich spiegle.

Grüße
Henkki

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 05.08.2010, 11:28

das ist doch ein schönes kompliment, wenn sich ein leser spiegeln kann in einem gedicht. ich mag die zeitfetzen auch, bis auf die stellen, wo sie sich für mich irgendwie altväterlich lesen, also diese spiele mit klischees (ich nehme an, dass es das sein soll) kommen bei mir nicht spielerisch an und das verdirbt, den überwiegend positiven gesamteindruck, was ich meine ist z.b. in II "befindlichkeiten erlaube ich mir /nicht mehr und nicht/ weniger ist bekanntlich mehr und das was ich sehr mag, soll ich dafür auch mal ein beispiel sagen? z.b. in VII : "liebe - ein kletterwort"... ach eigentlich die ganze strophe...
und in der bitterkeit kann ja auch durchaus schönheit liegen, ich seh da gar keinen widerspruch...

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Lisa
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Beitragvon Lisa » 05.08.2010, 14:15

Lieber Niko,

ich mag solche Reihen sehr und auch diese hier, der Effekt ist immer so schön, wie die einzelnen kurzen Gedanken, Zustände sich nach und nach zu einer Stimmung erheben und so etwas erzielen, wo ein einzelner Text oft zu gewollt/angestrengt wirkt. Auch wirken solche Skizzen auf mich oft sinnlicher, lebendiger, tragen mehr Geschmack in sich.
Auch mich sind zwischenndrin einzelne Passagen oder Worte enthalten, die ich vielleicht noch nicht ganz rund finde (ich habe weniger den Eindruck des Altväterlichen als ein wenig des Kitsches,wobei ich glaube, dass beiden Wahrnehmungen der gleiche Gestus zugrundeliegt, der sich aufgrund einer Anzahl von Phrasen dann für Xanthippe und mich ergibt), allerdings muss ich sagen, dass ich keine einzige Stelle nennen kann, die ich komplett "fehl" finde.

Dagegen gefallen wir besonders die "cirrus-wolken, langgezogen wie nutzlose gespräche" und das "kletterwort" und auch die Formulierung des Endes.

ich denke, das ganze könnte noch länger sein..So mit der Zeit :-)

liebe Grüße,
Lisa
Vermag man eine Geschichte zu erzählen, die noch nicht geschehen ist?
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.

Niko

Beitragvon Niko » 05.08.2010, 17:12

danke euch allen!
so mit der zeit länger.....hm...........sind ja rückblicke, lisa. und davon gibt es 52 jahre, die mehr oder minder prallvoll sind!
mir persönlich gefällt ja die katholische strofe am besten. ich mag den dachs am schwarzen brett. naja....man wird ja wohl an seinem eigenen krams wohl auch mal was schön finden dürfen! :rolleyes:

dass der "text" seine schwächen hat, weiß ich. mir gefällt gerade die von xanthippe zitierte zeile auch nicht sonderlich. ist weder altväterlich oder kitschhauchiges. ich denke, es ist einfach zu überlegt. vielleicht mit einer spur routine. immer gefährlich!!!

irgendwann wird die zweite folge der zeitfetzen erscheinen. soviel ist sicher.

liebe grüße: Niko

wüstenfuchs

Beitragvon wüstenfuchs » 06.08.2010, 12:11

Bin sehr angetan von diesen Skizzen, die etwas Vorläufiges haben und eine schöne Sammlung sind.

Besonders gelungen finde auch ich IV, aber der ganze Anfang ist sehr vielversprechend.

Die beiden letzten fallen in meinen Augen leicht ab, die Bilder sind weniger ungewöhnlich, vor allem die letzte will mir nicht munden, ist mir ein wenig zu pauschal oder vielleicht auch routiniert.

Viele Grüße
Fux


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