Vor den Gardinen

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Niko

Beitragvon Niko » 26.07.2010, 17:11




Vor den Gardinen


Die Lichter liegen am Boden
Hinter den Treppen
Ein Ratschlag ungebetener Steine
In der Auslage eine Schaufensterpuppe
Sie geschieht mir
Beim Öffnen eingenähter Erinnerungen
Kettenrasseln
Das Kino hat geschlossen
Glocken klagen dringlich
In das Netz der geöffneten Fenster
Ich bin verschollen in den Abendrissen
Im Gassenstau verloren

scarlett

Beitragvon scarlett » 26.07.2010, 17:23

Niko, das ist erste Sahne!!!

Vielleicht etwas entzerren? Absätze machen?

Aber das wärs dann schon an "Mäkelei"!

Respekt!!!

scarlett

Max

Beitragvon Max » 27.07.2010, 14:54

Lieber Niko,

das gefällt mir. Insbesondere, weil die Sprache sich nicht in den Vordergrund drängt.
Monikas Wunsch nach Absätzen kann ich gut nachvollziehen, auch vielleicht nicht alle Zeilenanfänge groß zu schreiben. Aber das sind natürlich nur Details.

Liebe Grüße
Max

Niko

Beitragvon Niko » 27.07.2010, 21:10

danke, max und monika!
freut mich sehr, eure kommentare. und tatsächlich sah die ursprungsversion so aus:



Vor den Gardinen

Die Lichter liegen am Boden
Hinter den Treppen
Ein Ratschlag ungebetener Steine
In der Auslage eine Schaufensterpuppe
Sie geschieht mir
Beim Öffnen eingenähter Erinnerungen
Kettenrasseln

Das Kino hat geschlossen

Glocken klagen dringlich
In das Netz der geöffneten Fenster
Ich bin verschollen in den Abendrissen
Im Gassenstau verloren



aber von der einzelzeile war ich nicht überzeugt genug. und ich befürchtete verlust von dichte, wenn ich es auseinanderzöge......

liebe grüße einstweilen: Niko

Max

Beitragvon Max » 27.07.2010, 21:14

Hi Niko,

vielleicht dann

Das Kino
geschlossen

hm?

Liebe Grüße
Max

wüstenfuchs

Beitragvon wüstenfuchs » 28.07.2010, 13:15

Chapeau!

Nix zu mäkeln.

Über die Einzelzeile in der Mitte denke ich noch nach. Schlecht finde ich sie nicht.

Viele Grüße
Fux

Benutzeravatar
fenestra
Beiträge: 1369
Registriert: 21.06.2009
Geschlecht:

Beitragvon fenestra » 31.07.2010, 19:31

Lieber Niko,

ich bin nicht ganz so überzeugt von diesem Text. Ich will mich mal daran entlang hangeln und meinem teilweisen Unbehagen auf den Grund zu gehen versuchen:

Die Lichter liegen am Boden
Hinter den Treppen
Ein Ratschlag ungebetener Steine


Das ist gut! Ich sehe das Licht in Kellerschächten glimmen. Die Kellergewölbe (Steine!) raten dazu, sich zu verstecken, vielleicht, warum auch immer. Stimmiges Bild zunächst. Wobei es in meiner Lesart mehr ein ungebetener Ratschlag der Steine wäre, als ein Ratschlag ungebetener Steine.

In der Auslage eine Schaufensterpuppe
Sie geschieht mir
Beim Öffnen eingenähter Erinnerungen
Kettenrasseln


Wieso sieht man jetzt die Schaufensterpuppe? Das Licht hat sich doch an den Boden zurückgezogen? Schaufenster stelle ich mir grell erleuchtet vor in Augenhöhe. Der nächste Satz ("Sie geschieht mir...") kommt mir sprachlich zu extravagant daher. Bedeutungsschwanger, ohne dass ich im Geringsten ahnen kann, worin hier irgendeine Bedeutung liegen soll. Aber du schreibst ja auch gleich: Kettenrasseln. ;) Also nix dahinter.

Das Kino hat geschlossen


Das kommt mir nicht so vor, angesichts der vorherigen und dann auch nachstehenden lyrisch-dramatischen Bilder. Auch hier wieder das Bedeutungsschwangere:
Glocken klagen dringlich
So etwas könnte ich mir noch am ehesten als Ironisierung allzu lyrischer Lyrik vorstellen, was zum Kettenrasseln passen würde ... aber dazu fehlt hier eine bewusst ironische Brechung am Schluss.

... das Netz der geöffneten Fenster


Diese Wendung finde ich richtig gut, ich sehe ein stimmiges Bild!

Ich bin verschollen in den Abendrissen
Im Gassenstau verloren


Abendrisse - Gassenstau. Zwei Worte, die google nicht weiß! Nach der automatischen Kritik der Riesenmaschine (s. ferdis Faden Pluspunkte - Minuspunkte) gäbe es für ein Wort, dass google nicht findet, einen Pluspunkt, für zu viele solcher Worte aber einen Minuspunkt. Zwei Neologismen in zwei aufeinanderfolgenden Versen sind mir hier zu viel, sie bremsen sich in der Wirkung gegenseitig aus.

Soweit mein ungebetener Radschlag ... ;)

Viele Grüße
fenestra


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: Bing [Bot] und 9 Gäste