Ochsenhunger

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Elsa
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Beitragvon Elsa » 15.08.2009, 18:51

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Ochsenhunger

Gestern war kein guter Tag.
Ich spüre es in meiner wunden Kehle.
An der nagenden Ratte in mir.

Nur ein Brocken Brot.
Langsam das Erdige herausgelutscht.
Die Ähren im Sommerwind. Gold.

Das Tier im Bauch lacht nur.
Nagt und nagt und nagt.
Lockt. Nur noch heute. Nachgeben.


by ELsa
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Mucki
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Beitragvon Mucki » 15.08.2009, 20:03

Liebe Elsie,

das gefällt mir ausgesprochen gut. Dieser immense Hunger des LIs nach Wahrheit, Ehrlichkeit, Leben und Zu-sich-selbst-stehen, also Befreiung. Sehr schön finde ich auch die 2. Strophe, in der du durch "Die Ähren im Sommerwind. Gold." dieses Gefühl der Leichtigkeit und den Wert von Freiheit beschreibst.
So lese ich dein Gedicht.

Saludos
Mucki

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leonie
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Beitragvon leonie » 16.08.2009, 10:27

Liebe Elsa,

Dein Text spricht mich an, aber stellt mich auch vor ein Rätsel. Zunächst vor allem der Titel.

Dann aber auch inhaltlich. Ich habe zunächst an einen Magersüchtige gedacht, deren gedanken nur noch ums Essen kreisen. Das nagende Tier, das keine Ruhe lässt, ja, sogar lacht über seine Macht und die Ohnmacht des lyrIch.
Aber dann ist da diese wunderschöne zweite Strophe. Und die scheint mir nicht zu einer Magersüchtigen und ihrere Beziehung zur Nahrung zu passen.

Ich kann den Text wegen seiner Ambivalenz aber auch nicht so lesen wie Mucki...Du siehst, ich rätsele noch und hoffe auf Hinweise.

Liebe Grüße

leonie

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Elsa
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Beitragvon Elsa » 16.08.2009, 10:48

Liebe Mucki, danke! Diese Mittelstrophe ist der Versuch des LIs, Dinge zurechtzurücken, was ihm leider nicht möglich ist. Gold steht hier nicht nur für das Ährengold, sondern eben auch für den Konsumzwang, Kaufrausch, was oft mit dem hier verdichteten Krankheitsbild zu tun hat.

Liebe leonie, Zum Titel, es ist die deutsche Übersetzung von Bulimie: Bulimie stammt von griechisch βουλιμία, boulimía, wörtlich „der Ochsenhunger“, aus βους, „der Ochse“ und λιμός, „der Hunger“ (Quelle: Wikipedia)


Aufklärende liebe Grüße,
ELsa
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leonie
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Beitragvon leonie » 16.08.2009, 11:15

Liebe Elsa,

ah! Danke! Ich habe zwar mal griechisch gelernt, aber der Ochse ist mir da nicht untergekommen....
So macht es Sinn.

Wobei ich nicht weiß, wie das Verhältnis von Bulimie-Patienten zur Nahrung ist, kann ein Stück Brot da so positiv gesehen und "ausgelutscht" werden?

Liebe Grüße

leonie

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Elsa
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Beitragvon Elsa » 16.08.2009, 13:33

Liebe leonie,

Das Lutschen sollte zeigen, wie LI sich Mühe gibt, Nahrung zu achten und ganz langsam zu sich zu nehmen. Denn Essen wird ja nur verschlungen, dann erbrochen.

Lieben Gruß
ELsa
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Max

Beitragvon Max » 16.08.2009, 13:34

Liebe Elsa,

der Text gibt mir das Gefühl: Ja, so könnte es sein ... Ich stelle mir allerdings auch vor, dass der Gedanke an Essen irgendwann ausschließlich wird, noch stärker als Du es beschreibst ... da ich aber wirklich nichts weiß, sind da snur Ahnungen.
Sprachlich finde ich den Text auf jeden Fall gelungen.

Liebe Grüße
Max

Mucki
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Beitragvon Mucki » 16.08.2009, 13:50

Liebe Elsie,

an dieser Stelle
Das Tier im Bauch lacht nur.

würde ich "Das Tier im Kopf lacht nur." schreiben, denn die "Ratte" befindet sich ja nicht im Bauch, sondern im Kopf des LIs.

Saludos
Mucki

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Elsa
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Beitragvon Elsa » 16.08.2009, 13:54

Lieber Max,

Danke schön! Nun, sicher nimmt das Essen den größten Raum bei der Erkrankung ein, der Hintergrund ist aber eine tiefe unerfüllte Sehnsucht nach Liebe und dergleichen.

Liebe Mucki,

Das könnte vielleicht passen, Kopf statt Bauch. Ich muss noch nachdenken. Danke dir!

Liebe Grüße
ELsa
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fenestra
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Beitragvon fenestra » 17.08.2009, 21:15

Liebe Elsa,

ich bin hin und hergerissen. Sprachlich finde ich den Text sehr gelungen. Die nagende Ratte ist auch ein tolles Bild für die Krankheit. Insgesamt ist mir der Text (besonders die dritte Strophe) aber zu harmlos, zu "schön". Die innere Zerrissenheit, die Verlorenheit, die Verzweiflung, der Hass auf sich selbst, all das kommt mir nicht drastisch heraus. Diese Ratte ist kein Haustier. Sie verschlingt das Frauchen nach und nach.

Liebe Grüße
fenestra

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Beitragvon Elsa » 17.08.2009, 22:42

Liebe fenestra,

Die 3. Str. ist ein Offenbarungseid. Die Aufgabe. Da gibt es keine Verzweiflung mehr aus meiner Sicht. Und für mich ist es drastisch genug, ehrlich gesagt. Aber das muss eben nicht für andere zutreffen.

Vielen Dank für deinen Kommentar und
liebe Grüße
ELsa
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fenestra
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Beitragvon fenestra » 18.08.2009, 22:43

Aufgeben und Nachgeben ist nicht dasselbe. Allerdings: Wenn man immer wieder nachgibt, könnte es zum Aufgeben werden.

Ich kann mir vorstellen, dass die Resignation in einer gesprochenen Version deutlicher herauskäme.

Liebe Grüße
fenestra

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Elsa
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Beitragvon Elsa » 18.08.2009, 23:43

Liebe fenestra,

Das war jetzt meine Autorenansicht, dass aus nachgeben ein Aufgeben entstehen könnte.

Ich werde es auch zu lesen versuchen, ja.

Liebe Grüße zur Nacht,
Elsa
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