hallo Flora!
ich betrachte jetzt dieses gedicht im licht der hypothesen, die wir im ode-faden verhandeln:
- der prozess der entstehung ist im gedicht codiert
- wenn das gedicht den leser anspricht, dann, weil er diesen prozess wieder erkennt/ selber in ihm steckt/ oder das gedicht ihn sogar klären hilft
- das gedicht ist ergebnis eines inneren dialoges des autors
und damit ist es von vorne herein für einen leser geschrieben:
den autor selbst, der sich etwas (er-) klärt, indem er es zur sprache bringt.
- das gedicht ist selbst subjekt und objekt des prozesses, den es nachvollzieht/ ausdrückt (= prädikat):
mit dem auftreten des lyr. ichs, das als sprecher die szene entwirft, löst sich das gedicht vom autor und der konkreten entstehungssituation (eine 1:1 beziehung zwischen autor und lyr. ich kann deshalb nicht unterstellt werden).
normaler weise sind diese 4 punkte nicht so deutlich erkennbar, wie in diesem gedicht. ist mir schon fast peinlich es auszusprechen:
1. die situation: ein paar im garten im spätsommer (himbeeren).
das lyr. ich (im kontext des gedichtes hätte ich auf eine frau getippt: er baumelt faul im garten und sie macht die brote
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) beschäftigt die frage nach der zukunft:
wird sich die liebe, die beziehung, das leben als so süß erweisen, wie die verlockende oberfläche es zeigt?
wenn man nur sicher wäre, dass die schale süße birgt bevor man hineinbeißt.
dahinter steht angst vor enttäuschung/ verletztung/ verbitterung.
und damit ein zögern, sich auf den prozess einzulassen!
denn die perspektive ist weit gefasst, bis zu einem gemeinsamen alter.
denn
wenn wir schrumpeln, dann nicht allein.
wenn die frucht, die süße verheißt, metapher für die beziehung ist, dann ist die jahreszeit auch eine:
der frühling des verliebtseins und die heißen phase ist vorbei.
das paar ist schon sehr vertraut miteinander, sodass die frage nach zukunft & beständigkeit nicht zufällig kommt.
im blick auf punkt 4 ist es gar nicht so wichtig, ob die situation deshalb wahr ist, weil sie ganz und gar erfunden wurde, oder ob sie einnen realen kern hat.
ich tippe allerdings auf letzteres.
zu punkt 2 kann ich nur persönlich antworten:
es ist das erste und einzige gedicht, dass ich von dir, Flora, bisher gelesen habe. anlass dazu war eine diskussion in einem andern faden, wo es (für mich im hinterkopf) um die frage nach dem impliziten du oder dem riskierten ich ging und ich wollte deine position dort an einem gedicht von dir verifizieren.
und siehe da, ich wurde fündig
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und ja: meine frau und ich sind zwar schon etwas schrumpeliger als das lyr. ich & du in diesem gedicht, aber auch wieder einmal an dieser punkt...
zu punkt 3 ist nun wirklich nix zu sagen. das gedicht ist ein dialog.
das lyr. du vertritt die position, ganz den augenblick zu leben und ruft bilder aus der kindheit wach: sich sorglos baumeln lassen, vielleicht sogar kopfüber, dass die sonne unter die kleider kann, den ganzen sommerferientag lang, der nicht enden will.
und was später kommt, kommt später.
die botschaft ist (von mir etwas salopp formuliert): wenn du nicht zugreifst und herzhaft hineinbeißt, wirst du es nicht herausfinden, ob die schale süße birgt.
aber mehr noch, das lyr. du hat lebens-zuversicht: in guten wie in schlechten tagen.
diese zuversicht und das ja-wort gibt den ausschlag, selbst das schrumpeln im keller toll zu finden, wenn es nur gemeinsam geschieht!
bei diesem prozess kristallisieren sich "ich" und "du" stärker heraus: das du kommt über das carpe diem hinaus und das ich bekommt lust sich ganz und gar einzulassen.
und der leser vollzieht diesen prozess bereitwillig nach.
selbst wenn seine erfahrungen (auch) andere sind.
die dinge sind nämlich nicht an sich so oder so, sondern sie werden auch so, wie man sie sieht.
lg, c