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Worte
Verfasst: 28.10.2007, 13:29
von Sebastian
Ursprünglich der edelste
reine, klare
Kehlenlaut,
schäumt auf
die Wortfabriken
unter traurigem Geächze
tragen Bänder die Produkte
in einer lauten Wiederkehr
den Schacht hinauf.
Später dann der wildeste,
grobe, fahrig
krächzend Kehlenton.
Schaumblasen müssen platzen
in den Industrieruinen
türmen sich die Wörter auf.
Zuletzt die Hülsen bleiben,
verstummen sich zur Melodie
des nie Gefragten
rosa Unschuld
zieht sich in sich selbst zurück.
Das Licht steht in den Hallen still
Die Bänder tragen keine Nähe
Madame, mein Glück in diesem Weltenlauf
ist, dass ich das Gesprochne hör
nicht sehe.
----------
Erste Version
Ursprünglich der edelste
reine, klare
Kehlenlaut,
schäumt auf
die Wortfabriken.
Fliessbänder ächzen
wandern einen Schacht hinauf.
Später dann der wildeste,
grobe, fahrig
krächzend Kehlenton.
Schaumblasen müssen platzen
in den Industrieruinen
türmen sich die Wörter auf.
Zuletzt die Hülsen bleiben,
verstummen sich zur Melodie
des nie Gefragten
rosa Unschuld
zieht sich in sich selbst zurück.
Sie wollten mir noch etwas sagen?
Welch Botschaft ich verstehe?
Madame, mein Glück in diesem Weltenlauf
ist, dass ich das Gesprochne hör
nicht sehe.
Verfasst: 28.10.2007, 14:05
von Gast
Lieber Sebastian,
gute Textidee, außergewöhnlich gefällt mir sehr.
Im Moment möchte ich - bevor ich weiter darüber nachdenke und moich äußere folgende Frage stellen:
Was ist hier gemeint, was wandert den Schacht hinauf?
Sebastian hat geschrieben:Fliessbänder ächzen
wandern einen Schacht hinauf
Die Fließbänder können es doch wohl nich sein - oder?
Was verstehe ich hier falsch? Mir verschließt sich der Bezug.
Der Schluss hats in sich ...
Liebe Grüße
Gerda
Verfasst: 28.10.2007, 14:58
von noel
mir gefälllt die idee auch
mit dem letzten absatz stimme ich aber inhaltlich nicht ganz über ein
man kann beim hören sehen
& durchs sehen--> hören
Verfasst: 28.10.2007, 14:59
von Maija
Madame, mein Glück in diesem Weltenlauf
ist, dass ich das Gesprochne hör
nicht sehe.
Monsieur , mein Glück in diesem Weltenlauf
ist, dass ich das Gesprochne hör
und sehe.[/quote]
Ein "Notschrei" an die Liebe, soll dieser Text sicherlich bedeuten, denke ich.
Gruß, Maija
Verfasst: 28.10.2007, 16:00
von Maija
Mensch noel, beide den gleichen Gedanken
.gif)
Ich leider nur eine Minute später. Das ich dies noch erleben darf und das als leidenschaftliche Nietzscheanerin!

Verfasst: 28.10.2007, 16:34
von noel
passt irgendwie
& doch nicht dennoch
LINK -->
das ist eine sorge
Verfasst: 28.10.2007, 20:06
von Ylvi
Hallo Sebastian,
auch hier habe ich wieder bildliche und klangliche Schwierigkeiten, die sich vielleicht an den für mich unklaren Formulierungen festmachen lassen.
Ursprünglich der edelste
reine, klare
Kehlenlaut,
schäumt auf
die Wortfabriken.
Ein Laut schäumt auf die Fabriken? Oder der Laut schäumt die Fabriken auf? Oder der Laut schäumt. In den Fabriken?
Später dann der wildeste,
grobe, fahrig
krächzend Kehlenton.
Schaumblasen müssen platzen
in den Industrieruinen
türmen sich die Wörter auf.
Was ist geschehen, warum sind die reinen Laute zu wilden Tönen geworden, weshalb liegt die Fabrik in Ruinen? Wenn Schaumblasen platzen, türmen sich Wörter auf? Wie soll ich mir diese Wörter, die aus Lauten oder Tönen bestehen, die schäumen und sich auftürmen können vorstellen?
Zuletzt die Hülsen bleiben,
verstummen sich zur Melodie
des nie Gefragten
rosa Unschuld
zieht sich in sich selbst zurück
Die Hülsen von was, der Worte, der Laute, der Töne, der Fabriken? Wo kommen diese Hülsen in dem Schaumbild her?
verstummen sich zur Melodie???
Zur letzen Strophe haben noel und maija sich ja schon geäußert. Das sehe ich auch so.
Entschuldige die vielen Fragen, ich finde die einzelnen Gedanken durchaus interessant, sehe nur zu viele Wiedersprüche, Richtungen, als dass sich mir ein Gesamtbild ermöglichen.
liebe Grüße smile
Verfasst: 28.10.2007, 20:19
von Sebastian
liebe smile,
wüsste nicht, wieso ich die vielen Fragen entschuldigen müsste, ist doch schön zu sehen, wenn sich jemand mit dem Text auseinandersetzt
Deine einzelnen Fragen möchte ich aber zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht beantworten (werde ich aber noch tun, versprochen). Nur soviel: für mich ist zu klare Poesie langweilig. Klingt jetzt wie eine simple Ausrede

vielmehr mag ich aber ein wenig Arbeit vom Leser verlangen. Vielleicht etwas arrogant oder versponnen, ich denke jedoch viele der Fragen müsste der Leser für sich selbst beantworten, auch um sich selbst neue Lesarten zu erschliessen. Möchte kein zu absolutistischer Führer durch meine Texte sein
.gif)
Wenn Schaumblasen platzen, türmen sich Wörter auf?
In diesen Zeilen geht es eher um Gleichzeitigkeit als um Kausalität.
Danke für deine ausführlichen Betrachtungen
liebe Grüße
Sebastian
Verfasst: 29.10.2007, 04:14
von noel
Verfasst: 30.10.2007, 16:18
von Perry
Hallo Sebastian,
ich lese aus deinem Text das erhebend Schöne, aber auch das zerstörisch Krächzende eines einzigen Lautes. Madame hat nach anfänglichen Avancen wohl "Nein" gesagt?
LG
Manfred
PS: Was das ganze Industriegetöse dabei für eine Rolle spielt, erschließt sich mir allerdings nicht.
Verfasst: 30.10.2007, 17:06
von Mucki
Hallo Sebastian,
ein schwieriges, abstraktes, doch sehr interessantes Gedicht hast du uns hier eingestellt. Wieder hast du diesen "gewissen" Tonus drin, den eleganten, distanzierten (am Schluss). Ich hab es jetzt schon sehr oft gelesen und versucht, zwischen den Zeilen zu lesen. Ich schreibe dir mal, wie ich es lese:
Ursprünglich der edelste
reine, klare
Kehlenlaut, --> dies ist die Ausgangslage. LI hörte eine Stimme, die es in Bann gezogen hat (wobei ich mich frage, ob ein Kehlenlaut rein und klar sein kann?)
schäumt auf
die Wortfabriken. --> Beim LI wollen sich Worte formen en masse, sie wollen sprudeln
Fliessbänder ächzen
wandern einen Schacht hinauf. --> Die Fliessbänder (muss Fließbänder heißen) lese ich als "Stimmbänder des LI" ächzen, Worte wandern die Kehle hoch (wobei hier der Bezug m.E. falsch ist. Nicht die Fließbänder wandern hinauf, sondern die Worte, die LI aussprechen möchte). Die Worte wandern hinauf, aber sie dringen noch nicht durch, sprich LI sagt noch nichts. ("des Nie Gefragten" weiter unten
Später dann der wildeste,
grobe, fahrig
krächzend Kehlenton. --> Enttäuschung des LI wird hier deutlich. Der vorherige Bann ist nicht mehr da, weil LI nun die "wahre" Stimme des LyrDu hört
Schaumblasen müssen platzen --> Die Worte bleiben dem LI im Halse stecken, weil es erkennt, dass es nur einer Illusion unterlag.
in den Industrieruinen
türmen sich die Wörter auf. --> Es bleiben nur noch Trümmer (Ruinen), all die nicht gesagten Worte des LI türmen sich auf.
Zuletzt die Hülsen bleiben, --> Hier noch mal die Enttäuschung des LI.
verstummen sich zur Melodie
des nie Gefragten
rosa Unschuld
zieht sich in sich selbst zurück. --> LI hört den ursprünglichen, so klaren Klang nicht mehr, alles verstummt, LI hat kein Wort herausgebracht und zieht sich zurück. (Hier empfinde ich die "rosa Unschuld" als redundant)
Sie wollten mir noch etwas sagen?
Welch Botschaft ich verstehe? --> Diese beiden Sätze würde ich rausnehmen. Ist m.E. nur "Dekoration"
Madame, mein Glück in diesem Weltenlauf --> "Weltenlauf" lese ich hier als "zwei Welten. LI stellt für sich fest, dass beide in verschiedenen Welten leben.
ist, dass ich das Gesprochne hör
nicht sehe. --> Lakonisches und auch ironisch, fast sarkastisches Fazit des LIs. Es ist quasi froh, dass es nur hört und LyrDu, von dem es enttäuscht ist, nicht auch noch sehen muss.
Soweit meine wilde Interpretation *g*
Mir fehlt hier etwas, so ich denn überhaupt richtig liege, nämlich das Pendant zum Fabrik- bzw. Industriebild. Hier würde ich ganz zu Anfang, als LI betört ist vom Klang der Stimme/Worte, ein passendes (ruhiges) Gegenbild einsetzen.
Saludos
Mucki
Verfasst: 30.10.2007, 17:56
von Mucki
Nachtrag:
Hallo Sebastian,
je mehr ich darüber nachdenke, glaube ich, dass du hier über eine stillgelegte Zeche
schreibst. Essen, Duisburg, etc.
Dass das LI sich an die einstige Betriebsamkeit erinnert und enttäuscht darüber ist, dass diese Zeche eben heute nicht mehr aktiv ist.
Dann passen auch die Worte:
Kehlenlaut, Fabrik, Fließbänder, Schacht, platzende Schaumblasen, Industrieruinen, die verstummte Melodie ganz genau.
Glühbirnen-Grüße
Mucki
Verfasst: 30.10.2007, 18:27
von Sebastian
Liebe Mucki und liebe andere Kommentatoren (:
leider hat mich das Fieber im Moment erwischt, so dass ich nicht wirklich klaren Kopfes antworten kann. Sobald sich der Nebel vor meinen Augen wieder etwas lichtet werde ich unverzüglich auf all die interessanten Kommentare eingehen.
liebe Grüße
Sebastian
Verfasst: 30.10.2007, 19:09
von Mucki
Oje, du Armer,
ich wünsch dir gute Besserung!
Saludos
Mucki