Hallo moshe,
ich finde deine Aussagen chiquita gegenüber sehr bedenklich. Wenn ich folgendes lese:
dir fehlen alle Momente, um diene Aussage zu legitimieren.
Ansonsten denke ich, daß Chiquita nichts überliest oder überfüttert ist, aber weiter unter einer Art 'Kälte' leidet, die unter Anderem die Ursache für das Dilemma war, ggf. weiter ist.
Er ist auch nicht in der Lage eine gefühlsmässige Aussage darüber zustande zu bringen, welche ernormen Verluste es in meiner und anderen Ethnien zu dieser Zeit gegeben hat, einschließlich der eigenen.
klingt das für mich so:
1. Demjenigen, der das Gedicht nicht gut findet, fehlt die Legimität, weil er nicht den gleichen Erfahrungshintergrund hat wie du. Bei denjenigen, die es loben ist der Erfahrungshintergrund natürlich völlig egal.
2. Wer dieses Gedicht ablehnt leidet unter jener Kälte, die am Ende dazu führte, was dieses Gedicht thematisieren will - den Holocoust.
3. Wer dieses Gedicht ablehnt, ist nicht in der Lage sich gefühlsmäßig in eine ihn nicht betreffende Situation hineinzuversetzen.
Dann trifft das auf mich auch zu. Ich finde das Gedicht nicht gelungen. Denn es ignoriert einen von chiquita erwähnten Umstand. Dass es nämlich solche Art von Gedichte schon zu hunderten gibt, sei es von Betroffenen oder nicht Betroffenen. Da findet automatisch ein Abgleich statt. Und es ist durchaus legitim, wenn der Leser überlegt, ob ihm durch ein weiteres Gedicht zu dem Thema nun eine neue Sichweise eröffnet wird, oder ob es für ihn nur ein weiterer Versuch ist, Dinge in Worte zu kleiden, die beinahe unmöglich in Worte zu fassen sind. Solche Versuche sind natürlich legitim. Aber genauso legitim ist es, diese Versuche als gescheitert anzusehen.
Es schreit also die Nacht, so sagt mir der Titel. Im Gedicht wird mir aber erklärt, dass es nicht die Nacht ist, die schreit. Zwei Mal sogar. Sowieso ist der Einstieg: Und wenn die Nacht schreit, mir zu pathetisch. Da wird eine große Fahne geschwenkt, damit auch jeder merkt, jetzt kommt etwas ganz, ganz Gewichtiges. Mich schreckt ein solcher Pathos erstmal ab.
Dann heißt es in der zweiten Strophe:
Das Blut aus den Schüssen,
die Nebel aus den Gaskammern,
die Adern,
in die Gift gespritzt wurde,
sind unser.
Das Blut und auch die Adern mögen im Übertragenen ja unser sein. Der Nebel aber bestimmt nicht. Aus dem Zusammenhang meint man zu erkennen, dass es sich bei dem nebel eben um jenenes Gas handelt, dass die Menschen in Gaskammern ersticken ließ. Hier entsteht also ein schiefes Bild.
Dann heißt es in der dritten Strophe:
meinen Vater
und seine Gerechtigkeit,
um deinen Vater
und seine Gerechtigkeit.
Ich frage mich zunächst, wer ist die Person, die dort auf einmal angesprochen wird. Die letzte Strophe lässt mich vermuten, es werden die Täter, bzw. deren Nachkommen mit angesprochen. Wenn ich davon ausgehe, stört mich das Wort Gerechtigkeit. Gut, bei den Tätern die Frage nach der Gerechtigkeit aufzuwerfen, ist mehr als gerechtfertigt - obwohl es keine Frage ist. Aber bei den Opfern? Ihnen aus ihrere Opferrolle heraus automatisch Gerechtigkeit attestieren zu wollen, gefällt mir nicht, bzw. ist mir zu oberflächlich.
Die letzte Strophe ist für mich die interessanteste. Die umgeworfenen Denkmäler bei denen man sich zum Kuss trifft. Beides kann postitiv wie negativ sein. Ein umgeworfenens Denkmal kann in Richtung Neuanfang zeigen, aber auch dahin, dass man aufhört dem zu gedenken, was gedenkswert bleiben sollte. Und auch der Kuss hat spätestens seit dem Judas auch in rein literarischem Sinne zwei Bedeutungen.
Diese Möglichkeit der Doppeldeutung gefällt mir. Allerdings sehe ich letzte Strophe sprachlich und inhaltlich ein wenig losgelöst von den vorherigen. Es geht vom Privaten plötzlich ins Allgemeine
Wobei mir das Heute am Anfang etwas zu unklar ist.
Ein schweres Thema für ein Gedicht. Da haben die paar Zeilen ganz schön zu tragen. Und meines Erachtens knicken ihnen dabei die Beine ein wenig zu oft ein, um mich als Leser wirklich zu überzeugen.
LG
Sam