Liebe Ramona,
der Titel spricht mich an, er ist originell, ästhetisch und passt wunderbar zum Thema des Gedichts, ohne zuviel vorwegzunehmen - hat mich auch angelockt.
Das Thema des Textes spricht ebenfalls an - das Bild, dass eine Wunde mehr schmerzt, wenn man den Splitter entfernt, lässt sich gut auf innere Wunden übertragen, auch darauf, dass nur allzu oft der Stachel deshalb lieber stecken gelassen wird und was dies alles für zwei Menschen bedeutet die sich "begegnen".
Die Umsetzung im Text dann aber wirkt etwas zwitterhaft auf mich. Zum einen scheint mir der Text orginell, passagenweise sogar experimentell sein zu wollen (Wortspiele und Wortumbrüche, auch das Einbauen von Sprichwörtern bzw. festehenden Phrasen/geflügelten Worten). Auf der anderen Seite erklärt der Text seine Aussage sehr genau am Gedanken, scheint gerade der Deutlichkeit verhaftet. Die ganze Strophe 2 ist dafür ein Beispiel, finde ich. Sie ist mehr Gedanke als Bild. Dadurch wirkt der Text auf mich etws verstockt.
Hätte ich dich nicht aus der Kurzlyrik als im positiven Sinne taff und interessant kennen gelernt, wäre mein "Fazit": Da hat jemand versucht, etwas auszudrücken, es aber (in Passagen) nicht geschafft, der Text ist mir nicht entschieden genug, was er will und wie er das will, was er will. Da ich das nun nicht denken kann, frage ich mich, was du beabsichtigst hast mit dieser Form.
Zum Beispiel:
um so schmiegsamer
hofft sich
manches
Die Passage ist zugegebenermaßen sprachlich verquast. Verquast muss nicht schlecht sein (ist sogar oft gut), aber es muss einen Grund geben, warum etwas verquast ist, es muss irgendetwas transportiert werden, was sonst nicht transportiert werden kann - das fehlt mir bei der zitierten Passage. Warum sagst du das in dieser ungewohnten Form? Was leistet sie, was eine konformere Form nicht geleistet hätte? Sie wirkt unterdrückt.
Ab Strophe 3 wird es dann wieder assozaitiver, was vielleicht schwieriger zu deuten ist, mir aber bei diesem Text besser gefällt.
Insgesamt habe ich mich gern länger bei diesem Text aufgehalten und fand den Splitter&Wundengedanken sehr gut, sprachlich fängt mich der Text aber nicht so ein.
Liebe Grüße,
Lisa