meer - zeit

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Niko

Beitragvon Niko » 18.10.2013, 23:49



meer - zeit

der wind zersetzt
das netz der ausgeweideten worte
auf meinen lippen
die brandung bricht sich
in meinen gedanken
bis der horizont mit den träumen tanzt

wo ich herkomme
weiß ich
wo ich hingehe
weiß ich nicht

das macht mut


.

Mucki
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Beitragvon Mucki » 19.10.2013, 00:42

Hi Niko,

das spricht sehr zu mir. Wunderschön! Nur drei Dinge würde ich ändern, dann wäre es für mich sehr rund, da es eine wunderbare Stimmung in sich trägt:

meer - zeit

der wind zersetzt
das netz der worte
auf meinen lippen
die brandung bricht sich
in meinen gedanken
bis der horizont
mit den träumen tanzt

wo ich herkomme
weiß ich
wo ich hingehe
weiß ich nicht



Ich habe "ausgeweidet" gestrichen, da es m.E. mit "zersetzt" quasi doppelt enthalten ist, hinter "horizont" einen Zeilenumbruch eingefügt und die letzte Zeile gestrichen. Lass es offen. Das hat eine tolle Wirkung, finde ich.

Liebe Grüße
Gabi

Klimperer

Beitragvon Klimperer » 19.10.2013, 09:41

Ich weiß nicht ...

Die Worte sind ja doch irgendwie erschöpft, abgegriffen, "ausgeweidet" eben.

Es ist keine Redundanz, das zu erwähnen. Ihnen die (nur gedanklich?) Macht des brandenden Meeres entgegenzusetzen.

Und wenn man die letzte Zeile weglässt bleibt das Gedicht nicht offen, es verbreitet einen Hauch von Pessimismus, und das ist offensichtlich nicht, was der Dichter im Sinn hat.

Auch den Titel finde ich sehr gelungen in seiner (positiven) Zweideutigkeit.

"bis der Horizont mit den Träumen tanzt" ...

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 19.10.2013, 11:12

Klimperer hat absolut Recht! Bloß nicht die letzte Zeile streichen. Alles an diesem Gedicht ist ja sehr vorhersagbar, es ist ja eigentlich "nur" eine Übersetzung der Meeresbilder auf das Leben. Bis auf diesen letzten Satz.

Mucki
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Beitragvon Mucki » 19.10.2013, 12:23

Ich finde nicht, dass alles vorhersehbar ist in den Zeilen. Da ist so eine Ruhe drin. Und wenn man die letzte Zeile weglässt, verstärkt sich für mich diese Ruhe, diese Gelassenheit sogar. Es ist ein Loslassen, so friedlich, im positiven, nicht im pessimistischen Sinne für mich.

Niko

Beitragvon Niko » 19.10.2013, 13:06

danke für eure so schnellen rückmeldungen!

das ausgeweidet ist mir schon sehr wichtig. es macht auch den sinn anders mit, bzw. ohne. und xanthi und klimperer muss ich auch recht geben, was die letzte zeile angeht. der letzte satz fällt quasi aus dem gedicht. optisch und auch inhaltlich.
die beiden verschiedenartigen texte sind in einem guss geschrieben und ich habe bewusst den titel so gewählt, dass es als meer-text + zeit-text gelesen werden kann. die assoziation zu "mehr zeit" war da auch federführend.

liebe grüße: niko

Niko

Beitragvon Niko » 19.10.2013, 13:08

lese deine zeilen jetzt erst, gabriella.

du hast einerseits recht. aber auf der anderen seite kann die stelle "wo ich hingehe / weiß ich nicht" auch als ziellos negativ besetzt sein. die positive verstärkung durch die letzte zeile war mir schon wichtig!

nochmalgrüße: niko

Mucki
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Beitragvon Mucki » 19.10.2013, 13:31

Es kommt wohl ganz darauf an, wie man die zweite Strophe für sich aufnimmt oder vllt. kommt es auch auf die Stimmung an, in der man sich gerade befindet. Kann gut sein. Jedenfalls ist dieses "bis der horizont mit den träumen tanzt" so positiv besetzt, dass die Zeilen für mich gar nicht pessimistisch sein können. ,-)
Aber lass mal, es muss ja für dich stimmig sein, Niko. Und wenn Carlos und Xanthi da auch Bedenken haben wg. Streichung der letzten Zeile, dann lass es so.

Liebe Grüße
Gabi

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 19.10.2013, 17:37

Ich finde Gabriellas Vorschlag sehr schön, vermute aber, ihr Ergebnis geht an Nikos sprachlicher Intention vorbei. Niko, Deine Gedichte sehe ich oft als schroffe Felsen, die mir vielfach unzugänglich bleiben - das habe ich genau hier mal deutlich gemerkt, oder besser: Die Diskussion hier zeigt mir das, befähigt mich, das endlich mal auszusprechen.
Dass ein Netz der ausgeweideten Worte (zusätzlich noch) zersetzt wird, ist für mich zu "heftig".
Und das Mutmachen am Ende "vereinnahmt" mich, darauf könnte ich genauso wie Gabriella verzichten. Da geht es mir so, wie vielen von Euch bei "man": Die Aussage hat den Charakter eines Statements für alle. Ich fühle mich aber gar nicht zu Hause in diesem Boot.

wolpertinger

Beitragvon wolpertinger » 20.10.2013, 18:39

Das Gedicht gefällt mir ohne zweite Strophe und ohne den letzten Vers.
Allerdings würde ich das Gedicht dann (auch wegen der -ausgeweideten- Worte, auf die du bestehst, wie ich gelesen habe), anders setzen:
der wind zersetzt
das netz
der ausgeweideten
worte
auf meinen lippen
die brandung
bricht sich
in meinen gedanken bis
der horizont mit den träumen tanzt

Grüße Wolf


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