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Abend ist, und du allein

Verfasst: 14.09.2013, 14:22
von Rita
Abend ist, und du allein

Der Abend neigt sich in die letzten Stunden.
Kein Vogelruf, der diese Stille stört,
wohl nie hast du ihr Schweigen so gehört.
Als habe sich der Tag nun selbst gefunden.

Die Seele mag jetzt endlich auch gesunden.
Wie oft hat sie sich gegen dich empört
und wild die schönsten Träume dir zerstört,
du zählst nicht mehr die ungestillten Wunden.

Du weißt es selbst, die Jahre drücken dich.
Was war, vergiss es, es ist längst gestorben.
Denn was du bist, das hast du dir erworben.

Die Ruhe macht: Du findest jetzt dein Ich.
Doch Sterne wissen mehr, als dir wohl lieb.
Ein Wort schwebt ungesagt im Raum: Vergib.

Verfasst: 14.09.2013, 17:23
von Niko
hallo rita,

mir gefällt das gut. aaaaaaaber ;-)

ich finde immer, bei einem reimgedicht sind drei dinge unerlässlich: es muss sich flüssig ungestelzt reimen. das ist hier (fast) perfekt. zum zweiten muss der inhalt stimmig sein, er muss sozusagen "zu leser sprechen" - das tut es (fast) perfekt. und drittens muss (nach meinem empfinden) reim und inhalt sich gegenseitig ergänzen. das heißt, dass die grundstimmung des textes durch das versmaß unterstützt wenn nicht sogar verstärkt werden sollte. weder reim noch inhalt genügen jeweils für sich, um qualität zu schaffen (sprich: einen gehaltvollen text) sondern sie müssen darüber hinaus auch noch eine einheit bilden.
das finde ich hier an manchen stellen sehr gut gelungen, bei ein paar stellen habe ich meine zweifel. ich geh mal chronologisch durch:

Abend ist, und du allein

mir würde (auch schon stimmungsmäßig) mehr gefallen: "Abend ist's und du allein" das komma ist nebensächlich und ich glaube auch überflüssig.

Der Abend neigt sich in die letzten Stunden.
Kein Vogelruf, der diese Stille stört,
wohl nie hast du ihr Schweigen so gehört.
Als habe sich der Tag nun selbst gefunden.


man mag darüber streiten, wo ein komma und wo ein punkt zu setzen ist. ich kenne es von meinem reimen. ich schreibe den text. und danach setze ich zeichen...ich hätte nach "stunden" ein komma gesetzt. denn die folgende zeile ist für mich eher im aufzählenden charakter zu lesen. oder? nach stört hatt ich den punkt gesetzt. und nach gehört wieder ein komma *g.......also genau entgegengesetzt. kannste mal sehen......
ein bisschen lyrisch unpassend finde ich das "nun" der letzten zeile. das riecht nach füllsel. wobei man ohne sicher nie ganz auskommt. geb ich ja zu. aber ginge es vielleicht auch so: als habe ich der tag von selbst...zb.

Die Seele mag jetzt endlich auch gesunden.
Wie oft hat sie sich gegen dich empört
und wild die schönsten Träume dir zerstört,
du zählst nicht mehr die ungestillten Wunden.


"und dir die schönsten träume wild zerstört" - klänge das nicht "echter" auch hier hätte ich die zeichensetzung gern - für mich - anders gehabt:

Die Seele mag jetzt endlich auch gesunden.
Wie oft hat sie sich gegen dich empört
und dir die schönsten Träume wild zerstört!
Du zählst nicht mehr die ungestillten Wunden.


ich finde, auch die zeichensetzung gibt dem stück unter umständen eine andere richtung. rein sprachfluss-mäßig.

Du weißt es selbst, die Jahre drücken dich.
Was war, vergiss es, es ist längst gestorben.
Denn was du bist, das hast du dir erworben.

diese strophe macht mir die meisten kopfschmerzen. mal abgesehen davon, dass ich nach der zweiten zeile ein komma angenehmer fände. hinter "du weißt es selbst" würde mir ein doppelpunkt gefallen. zeile 2 und 3..hm......was soll mir beispielsweise zeile 3 sagen? wie soll der leser sie werten? sie steht da, ohne eine vernünftige aussage zu geben. außer, dass man ist, was man leistet. und das willst du unter umständen niocht einmal damit sagen. die zeile ist mir zu unschlüssig. da würde ich mir mehr klarheit wünschen. in zeile zwei stört mich sehr das für die metrik und den restlichen text zu flappsige "vergiss es". hätte der ganze text einen flappsigen ductus, wäre es unauffällig und ok. aber der text ist eigentlich ernsterer natur und da fällt das "vergiss es " - mir - unangenehm auf. die beiden zeilen 2 und 3 wirken zudem ob der angeführten kritikpunkte etwas reimgeschuldet.

Die Ruhe macht: Du findest jetzt dein Ich.
Doch Sterne wissen mehr, als dir wohl lieb.
Ein Wort schwebt ungesagt im Raum: Vergib.

hier fände ich passend: Die Ruhe macht's, du findest jetzt dein "ich". zweimal ein doppelpunkt in einer dreizeiligen strophe ist ein bisschen viel. oder? das füllsel "wohl" der zweiten zeile könntest du umschiffen, in dem du "Doch Sterne wissen mehr als es dir lieb." - warum eigentlich "Doch"? würde nicht auch "Die" reichen?
die schlusszeile gefällt mir sehr, sehr gut! ein würdiger abschluss!

sieht nach viel meckerei aus, ist es auch :pfeifen: aber doch nur über die unbedeutenden kleinigkeiten, über die es vielleicht lohnt, mal nachzdenken und die eventuell einen guten text noch besser werden lassen. meiner meinung nach. :cool:

beste grüße: niko
(Gesendet von meinem iBrain)

Verfasst: 14.09.2013, 21:29
von Rita
Hallo Niko,

schön, dass du in das Sonett reingesehen hast. Ja, klar, man kann die Zeichen auch setzen, wie du dir das vorstellst. Aber ich überlege mir die Zeichensetzung sehr genau, und wie Punkt und Komma jetzt gesetzt sind, drücken sie das aus, was ich ausdrücken will. Man kann es nicht jedem Menschen recht machen, und das will man ja auch gar nicht, ich zumindest nicht, ich habe immer eine bestimmte Vorstellung von einem Typ Leser, sozusagen meiner Muse, und die hat zustimmend genickt.

Ein bisschen rührend, dass du mir erklärst, wie ein Reimgedicht auszusehen hat. Dankeschön. Ich denke aber, jeder Autor hat seine eigene Herangehensweise, und Sonett ist nicht gleich Sonett, und doch ist es ein Sonett. Das "ist's" im Titel finde ich nicht so berauschend. Das "es" nimmt Aussagekraft, finde ich jedenfalls. Das Komma gehört aber dahin, denn es folgt ein durch die Ellipse verkürzter Hauptsatz.

Wenn du in Quartett 1 Zeile 3 und 4 mit Komma verbindest, ergibt das für mich wenig Sinn. Denn die 4. Zeile ist ein völlig selbstständiger Gedanke und würde mit Komma beinahe nebensächlich. Es ist aber eine Konsequenz, die das Ich aus dem Vorgehenden gezogen hat, praktisch ein Summa summarum. Dich stört wahrscheinlich, dass es ein Halbsatz ist. Aber Halbsätze gewinnen gerade als Halbsätze an Aussagekraft.

Ich sehe das "nun" nicht als Füllsel an. Denn es bezieht sich ja auf die nunmehrige Stille. "Von selbst" würde einen ganz anderen Sinn ergeben, den ich aber nicht beabsichtigt habe, wäre auch nicht ganz logisch, denn was heißt "von selbst"? Müsste man ihm ansonsten nachhelfen? Ich denke, dass nicht.

In Quartett 2 stört mich das Ausrufezeichen, es schreit mir zu sehr. Ich sehe den Satz eher nachdenklich betrachtend, wie ja der ganze Text durchgängig betrachtend angelegt ist.

Die Zeile 3 im Terzett 1 ergibt sehr wohl einen Sinn: Du hast Fehler gemacht, vergiss sie, sieh, was du /(jetzt) bist, du hast es dir erworben - ungefähr das ist der Gedankengang. Du musst also beide Verszeilen als einen Gedankengang lesen, auch wenn ich einen Punkt gesetzt habe. "Vergiss es" ist bei dieser Stilebene und in diesem Kontext meiner Ansicht nach nicht "flapsig" zu lesen (ungefähr im Sinne: Du spinnst ja, vergiss es!) Das geschähe auf einer niederen Stilebene.

Zu dem "Die Ruhe macht's" trifft zu, was ich schon zum Titel bemerkt habe. Das "es" simplifiziert die Aussage und kommt hier beinahe als Witz an.

"Doch Sterne wissen mehr, als es dir lieb" wäre möglich. Obwohl, das "wohl" hat natürlich eine Berechtigung, unausgesprochen sagt es ja, es ist nicht sicher, es ist zu vermuten, du machst dir etwas vor. Aber es sieht nach Füllsel aus, da hast du recht. Mit dem einleitenden "doch die Sterne ..." nehme ich direkt Bezug zur vorhergehenden Verszeile, und so ergibt das "wohl" meiner Ansicht nach Sinn. Durch den Doppelpunkt hinter "Die Ruhe macht" kommt ja ein ganz entscheidender Satz: "Du findest jetzt dein Ich", er ist quasi das Ergebnis alles Bisherigen. Mit dem Doppelpunkt betone ich ihn. Mich stören zwei Doppelpunkte in drei Verszeilen nicht. Zusammen mit "Vergib" bildet "Du findest jetzt dein Ich" eine innere Einheit, und der Leser wird schon durch die Interpunktion darauf hingewiesen.

Denk nun nicht, dass ich den Text "verteidigen" will, ich will dir nur meine Intentionen erläutern. Ich bin dir sehr dankbar, dass du mir deine Sicht erläutert hast. Vielleicht berücksichtige ich einiges später, bei der Überarbeitung. Sowieso, ich schreibe nicht gerne Sonette, wenn es nämlich mit These und Antithese nicht klappt, ist der ganze Text verhunzt, und da habe ich immer so ein bisschen Schwierigkeiten. Aber von Zeit zu Zeit reizt mich das Thema, es zu einem Sonett zu formen, trotzdem. Aber ich habe noch nicht viele Sonette geschrieben, irgendwie ist mir das Sonett zu schulmäßig. Außerdem, Hinz und Kunz schreiben Sonette.

Hab herzlichen Dank, Niko, für die Beschäftigung mit dem Text.

Lieben Gruß, Rita

Verfasst: 15.09.2013, 01:30
von Niko
wieder ich, rita,

wenn mein kommentar nur dazu diente, deine art zu schreiben mit der hinterfragung zu bestärken, dann war er ja nicht umsonst.
Ein bisschen rührend, dass du mir erklärst, wie ein Reimgedicht auszusehen hat.
weißt du, liebe rita, was ich da so zwischen den worten lese, gefällt mir nicht sehr. davon abgesehen habe ich dir nicht die welt des reimgedichtes erklärt, sondern versucht aus meiner sicht zu schreiben, was ICH FÜR MICH für unerlässlich wichtig halte für ein gut geratenes reimgedicht. - das ist ein klitzekleiner unterschied, gell?

so ganz verstehe ich nicht, wenn du schreibst:
Vielleicht berücksichtige ich einiges später, bei der Überarbeitung.
. du hast doch jeden meiner "kritikpunkte" abgewehrt?

beste grüße - hinz & kunz
(Gesendet von meinem iBrain)

Verfasst: 15.09.2013, 10:28
von Rita
Ach, Niko, ich weiß doch, dass du dem Reimen mehr oder weniger nicht fernstehst. Schön, dass du mal erläutert hast, wie du das siehst. Aber, entschuldige, bei mir kam es ein bisschen schulmeisterlich an.
Nicht, dass ich gegen Grundwahrheiten abgeneigt wäre, sie müssen auch sein, aber ich denke, bei diesem Text waren sie nicht unbedingt nötig. Bei mir kam das so an, als ob es dem Text gerade an diesen deinen Aspekten fehlen würde, vielleicht eine Formulierungsfrage. Meine Ironie hat gezündet, und das ist ja schon mal ein Ausblick. Kein Grund zur Verstimmung. Lies nicht zwischen den Worten, sondern lies, was dasteht, das lässt Missverständnisse erst gar nicht aufkommen. Ich freue mich nämlich immer, wenn ich merke, bei meinem Partner ist eine gewisse Kenntnis vorhanden und ich palavere nicht in die Luft.

Was die Überarbeitung angeht, so lasse ich den Text eine gewisse Zeit einfach liegen. Später lese ich ihn als Fremdtext, und da man darauf geeicht ist, immer bei anderen Fehlern zu finden, nur nicht bei sich selbst, werde ich mich an deine Textbemerkungen erinnern und sie einarbeiten oder nicht - kommt ganz drauf an, wie ich dann entscheide. Ich habe deine Kritikpunkte überhaupt nicht abgewehrt, ich habe sie mir gemerkt, doch meine gegenwärtige Ansicht dagegengestellt. Aber nach einem halben Jahr habe ich vielleicht eine andere Ansicht, und dann kommst du zum Zuge oder auch nicht.

Mach dich nicht klein, wir beiden Pastorentöchter halten uns doch nicht für Hinz und Kunz - oder?
Selbstverständlich, Petrarca in Person sind wir nicht, aber wir wissen wenigstens schon ein Krümelchen
vom guten Sonett, das ist ein Anfang, und der Mensch lernt ja immer dazu.

Lieben Gruß, Rita