fenestra hat geschrieben:Ein älterer Text, zur Diskussion über Flussgedichte und die Schmerzen der Gewässer in Ritas "Wilde Oder II)
Lamento fluviale
Ein schwarzer Rahmendurchlass setzt den Schmerz ins Bild
mein Leben fließt in eingedeichten Venen
auf allen Bermen hämmern die Migränen
den Takt zum Lied, das aus dem Drosselbauwerk quillt.
Mein Eifer schwingt genau berechnet hin und her
er kennt die Freiheit nur von Kurvenlinealen
die Seelenmahd verursacht immer wieder Qualen
doch eine Vorflut führt das täglich Salz zum Meer.
Den steilen Zeitplan untergräbt ein Bisam
und wirft fünf Junge, frisst sich bei mir durch
vergebens hoff ich auf Libellen oder einen Lurch
doch sei es drum, der Bisam lebt und ist genügsam.
Kein Weidenbaum, der mir noch freundlich zugeneigt
und mich in Wurzelarmen wiegt im kühlen Schatten
In praller Sonne brüt ich über Sorgenwatten
bis mir die Galle stinkend übers Ufer steigt.
Hallo Fenestra,
ein Reimgedicht, zum Thema Fluss als "Gegengedicht" zu meiner Lira? Allerdings handelt es sich um gänzlich unterschiedliche Sichten auf das Thema Fluss - meine Oder geriet in einem Sturm außer sich, während dein Gedicht eher Allgemeines über den Fluss an sich behandelt. Insofern halte ich beide Gedichte nicht wirklich für vergleichbar, falls das von dir beabsichtigt gewesen sein sollte.
Aber zum Text: Mich stört der Fremdwort-Titel. In einem solchen Fall ist es immer angebracht, eine erklärende Fußnote anzubringen, sonst schränkt man den Leserkreis von vornherein zu sehr ein.
Strophe 1:
Rahmendurchlass? Ein technischer Begriff? Wer kennt ihn? Ich nicht. Also stolpere ich schon in der ersten Zeile. Außerdem wirkt das auf mich zumindest etwas "aufgemotzt". In Zeile 2 bist du plötzlich bei deinem Leben, du ziehst einen Vergleich zu einem Deich. Gut, kann man machen, aber das muss deutlicher kommen, nicht so abrupt, so funktioniert es meines Erachtens nach nicht ganz. Dann wieder ein "aufgemotztes" Wort: Bermen. Offensichtlich irgendein inneres Organ des Menschen. In der vierten Zeile ergibt sich für mich ein Bild: Dass Hämmern im Takt mit "den" Migränen (Plural, warum, aus Reimgründen?).
Strophe 2:
Hier beschäftigt sich das Ich mit sich selbst. Es gibt eine Assoziation zum gemähten Deich durch "Seelenmahd". "Vorflut" als technischer Begriff.
Strophe 3:
Hier geht es um eine Bisamratte. In welcher Beziehung sie zu dem ganzen bisherigen technischen Aufbau steht, erschließt sich mir nicht ganz. Dass ein Bisam genügsam ist, hältst du das für eine mitteilenswerte Information? Erwähnenswert wäre sie doch nur, wenn die Genügsamkeit in Beziehung zur Technik gesetzt sein würde. Aber darauf komme ich noch.
Strophe 4:
Hier wird das Technische beklagt, die Sehnsucht nach einem Weidenbaum beherrscht die Szene. Ein wenig komisch, denn wenn ich an einem technischen Wasserbauwerk mich aufhalte, erwarte ich, ehrlich gesagt, nicht allzuviel Natur - vielleicht nur dann, wenn ich nie ein solches Wasserbauwerk gesehen habe. Der Begriff "Sorgenwatten" ist zwar ungewöhnlich - aber in welcher Beziehung stehen Sorgen eigentlich zur Watte? Ein nicht ganz zutreffendes Bild für angeschäumten Flussmüll, Geifer wäre hier meines Erachtens zutreffender. Irritierend etwas das "mir" in der letzten Zeile, das dieses Bild zerstört insofern, als ich den Sinn nicht erkennen kann, denn schließlich hat ein menschliches Ich ja kein Ufer. Das Bild stimmt für mich als Bild nicht.
Wenn ich nach einer Prämisse suche, fällt es mir nicht ganz leicht, sie zu finden. Auf alle Fälle irgendwas mit Naturfeindlichkeit, der naiven Enttäuschung darüber, inmitten der Technik zum Beispiel keinen Weidenbaum oder einen Lurch vorzufinden. Die Bisamratte könnte, hättest du es geschrieben, ein Symbol dafür sein, dass sich das Leben unter ungünstigsten Bedingungen gegen menschliches "Zerstören" immer behauptet. Dazu hättest du aber die Bisamratte als Beweis für diese These behandeln müssen. Das wäre für mich eine Prämisse, die Sinn hat. So aber empfinde ich den Text als eine etwas starre Aufzählung, die noch nicht zu einem Schluss gelangt ist, auch wenn in der Schlusszeile die Galle über die Ufer steigt.
Mit meinem Text ist dieser überhaupt nicht vergleichbar oder etwa gleichzusetzen, es geht um völlig verschiedene Themen, auch wenn es sich in beiden Fällen um einen Fluss handelt. Wobei ich ja auch ein Normalstrophengedicht im fünfhebigen Jambus zum selben Thema geschrieben habe, das ich ja nur in eine Lira umgeschrieben habe. Dein Gedicht ist im sechshebigen Jambus geschrieben, vier Strophen à vier Verse, im Zeilenstil. Was ich in technischer Hinsicht vermisse, sind ein paar Stilfiguren, zum Beispiel ein Enjambement, eine Akkumulation, ein Asyndeton, eine Amplifikation o. ä., um den Text etwas zu beleben.
Danke, Fenestra, dass du den Text eingestellt hast. Nett, aber wie gesagt, nicht vergleichbar. Wobei ich immer der Ansicht bin, jeder sollte so schreiben, wie es aus seinem Innersten spricht.
Lieben Gruß, Rita