Amanita hat geschrieben:P. S. Jetzt würde ich gern mal erfahren
1. wie andere Leser/innen das sehen
In einem in der Ich-Form geschriebenen Text ist -- für mein Empfinden -- das Ich und der Autor immer eins. Anders als Flora, kann ich das nie trennen -- egal ob der Text als autobiografisch oder fiktiv deklariert ist. Das ist wie in der Schauspielerei. Ich meine echte Schauspieler, nicht Darsteller. Die Gefühle eines echten Schauspielers sind im Moment des Schauspiels wahrhaftig. Wenn ein Schauspieler ohne Zwiebelhilfe weint, dann ist er in diesem Augenblick wahrhaftig traurig. Wenn er Wut in sich aufbaut, ist er wahrhaftig wütend. Wenn der Take im Kasten ist, dauert es noch eine Weile, bis diese Gefühle, diese wahren, wieder abklingen. Da muss ich nicht trennen zwischen Schauspieler und Mensch im Sinn von Technik versus Mensch, beziehungesweise im Sinn von Autor versus Text-Ich. Ich gehe noch weiter und behaupte, dass sogar bei den Texten von Sam, dem Meister der Neutralität und des Respekts vor sozialexotischen Menschen, im Moment ihrer Niederschreibung sich etwas höchst empathisches ereignet. Da sind das Ich und der Autor eins.
Sicherlich empfinde ich diese Einheit nur dann, wenn der Text authentisch wirkt. Ich meine aber, selbst wenn er konstruiert ist, vermeintlich kaltberechnet konstruiert, selbst dann ist er, wenn er authentisch wirkt, eben nicht wirklich bloß kaltberechnet, sondern genau in diesem Moment des Konstruierens ist dieser schreibende Konstrukteur empathisch mit dem geschriebenen Ich verschmolzen. Genau so, wie der echte Schauspieler empathisch, emotional mit der Rolle verschmolzen ist, im Augenblick des Ausdrucks.
Emotionen sind immer wahr. Selbst im Nachttraum. Viele Leute behaupten, Träume seien nicht real. Natürlich sind sie real! Ich habe es doch erlebt! Meine Gefühle waren echt!
Daher würde ich an dem Gedicht "Glaubensbekenntnis", was die Problematik der Autor-Ich-Trennung betrifft, nichts ändern.
Das Gedicht drückt eine Empörung aus, die auf mich echt wirkt. Ich lese das so: Die Klagende ist wahrhaftig(!) sauer auf diejenigen Kritiker, die bei der Frage um die Existenz Gottes mit wissenschaftlichen Argumenten daherkommen. Die Wissenschaftlichkeit an dieser Stelle ist ja Blödsinn, weil es geht ja um Glauben, nicht um Wissen. Für mich Agnostiker funktioniert dieses Gedicht genauso gut bei der Frage um die
Abstinenz Gottes. Die kann ebenso schlecht wissenschaftlich belegt werden. Somit ist das Gedicht für mich eine runde Sache. Ich sehe keinen Zynismus, keine Hilflosigkeit, keine Pädagogik im abwertenden Sinn. Passt alles.
Ahoi
P.
Edit: Nochmal konkret. Ich glaube zu verstehen, was Flora sieht, sie sieht die Titelzeile und die letzte Zeile als eine zusätzliche personale Ebene oder Schale. Ich sehe das nicht so. Für mich ist da kein Bruch. Alles eins.