freie sicht

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 20.04.2013, 18:05

freie sicht

sturzbetrunkne lichterbäume, zwinkern sternhagelblau
gegen das frühe zwitschern surren sie an
gegen sagen vom baden im drachentümpel
gegen eisenbahn und sogar: gegen helikopter

solche pappeln reinigen sonntags das gefieder
schütteln den staub raus, zählen durch, murmeln halblaut
zeigen sich gegenseitig ihr silber-blaues geschmeide



ein reiher steht im bach, wie zwei unkrautspritzen
spreizt er die flügel ab – noch ein schritt,
blümchen, und ich bin weg. ich ging ihn nicht

er flog trotzdem. finken, zaunkönige, alles katzenfutter
die pappeln, blau und grün geschlagen, mussten gefälligst weg
bald sind wieder rennen am nürburgring
und das heißt: sonntags reichlich helikopter

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 01.05.2013, 22:50

Hallo, Räuber,

das ist ja klasse, ich hatte diesen Text noch gar nicht bemerkt. Wie treffend und originell du hier zwischen Bäumen und Gewässer Beobachtungen anstellst! Sind die Pappeln sturzbetrunken, weil sie so schwanken? Und warum sternhagelblau? Ich bin sicher, du hattest dazu eine ganz bestimmte Beobachtung.

Diese Stelle ist mir unklar:

noch ein schritt,
blümchen, und ich bin weg


Legst du das dem Reiher in den Mund? Aber wieso Blümchen?

Alles Übrige finde ich rundum gelungen und nehme das Gedicht gleich in meine private Sammlung von Baumgedichten auf!

Viele Grüße
fenestra

RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 02.05.2013, 22:33

Danke für die Anmerkungen, Fenestra; die implizite Sprache des Vogels in der direkten Rede ist heikel. Das Blümchen kam mir in den Sinn, weil das Tier ja Wert drauf zu legen schien, dass es nicht aus Angst die Biege machte, sondern als Ausdruck der Entrüstung über mein Erscheinen.
Und sonst: ist's ja leider mehr ein Fällgedicht als ein Fall für die Baumsammlung, die Bäume waren wirklich laut und bunt und blinkernd gewesen, aber wo die städtischen Eigentumsschützer anrücken gilt keine Baumschutzverordnung mehr.
Grüße,
Franz

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 04.05.2013, 19:03

Hallo, Franz,

der Reiher redet dich also mit "Blümchen" an? Hatte dich gar nicht so klein in Erinnerung ... ;)

Für mich ist es doch ein Baumgedicht, eine Hommage an die Pappeln, ein vorweg genommener Nachruf von mir aus, aber die Beschreibung der Bäume darin ist einfach schön!

Ganz köstlich übrigens der Vergleich von ausgebreiteten Reiherflügeln mit Unkrautspritzen. :mrgreen:
Auf sowas kommt nur, wer wirklich offenen, unvorhergenommenen Auges unterwegs ist.

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 05.05.2013, 09:27

Hallo Franz,

die Stelle mit dem Blümchen hat mich auch verwirrt. :o) Etwas wie "du wicht" käme nicht in Frage?

Ansonsten schließe ich mich gerne Fenestra an. Schön gemacht mit einem phantasievollen Blick.
Nur die erste Zeile ist mir etwas zu schwer mit "sturzbetrunken" und "sternhagelblau". Das zweite würde ich wohl streichen, ohne es zu vermissen.
Und hier: blau und grün geschlagen, ist mir das Wortspiel ein wenig zu laut und geht auch für mich nicht auf, da die Pappeln ihre Farbe, bzw. ihre "Lebendigkeit" ja nicht vom Schlagen bekommen? Vielleicht könnte man das etwas abmildern, indem man das "blau" durch eine andere Beobachtung ersetzt?


Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

poeta

Beitragvon poeta » 05.05.2013, 11:22

hi räuber,

oh ja, das gefällt mir, sehr originelle bilder, die zwischen den ebenen 'sternhagelvoll' überspringen, mythos und moderne verbinden. ich sehs auch als ein baumgedicht, im schlimmsten fall als ein denkmal für die opfer, die unser lebensstil fordert.

dem vorschlag von flora, das 'blümchen' durch 'du wicht' zu ersetzen, kann ich sehr viel abgewinnen.

liebe grüße, poeta


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