Seite 1 von 1

das Nest

Verfasst: 07.04.2013, 01:06
von fenestra
Das Nest.jpg
Weil wir gerade von alten Nestern reden, habe ich diesen Text mal vorgekramt. :-)


das Nest


das Blätterdach verweht und alle Tarnung aufgeflogen
Erbauer und Besitzer sind schon lange fortgezogen
es schwankt im Wind - ich wanke selbst bei jedem Blick nach oben
doch ist das Nest hoch im Geäst noch immer fest verwoben

zwei Dutzend Flöhe harren aus, sie haben jetzt viel Raum
dreihundert Milben nähren sich von altem Federflaum
bis sie vom Frost getrocknet werden, schließlich bleibt nur Staub
der auf dem Boden Asseln nährt im abgefallnen Laub

im Frühjahr kribbelt es im Baum, er spürt die Säfte steigen
er dreht und streckt sich und er wächst, ganz langsam wird sichs zeigen
und aus den Fugen geht das Nest, es hält dem Druck nicht stand
der Baum streifts endlich ab von seiner sonnenwarmen Hand

Verfasst: 07.04.2013, 08:21
von Niko
hallo fenestra,

ich mag das. eine eher -aus menschensicht - nebensächliche sache mittels sehr gut gereimten versen in der bedeutung hervorgehoben und nester mit rilkischem blattgold verziert. das finde eich sehr gelungen gemacht!das versmaß sehr sauber eingehalten, ohne dabei - und das ist die kunst - zu statisch zu wirken. besonders mag ich die zeile"doch ist das nest hoch im geäst........"
eine klitzekleine stelle ist mir ein klitzekleiner schönheitsfehler: "...nähren sich von Resten Federflaum" das ist mir ein bisschen ungelenk.

schwer beeindruckte grüße: niko

Verfasst: 07.04.2013, 09:46
von galapapa
Hallo fenestra,
auch mir hat Dein Gedicht gefallen; siebenhebige, jambische Verse habe ich bisher nur wenige gelesen.
Sie geben dem Text einen etwas erzählenden Charakter, was für den Inhalt, eine Naturbeschreibung, sehr gut passt.
Noch etwas hast Du bei mir ausgelöst mit Deinem schönen Gedicht: Mir fiel ein, dass ich dringend die Schwalbernester putzen muss. Die Sommergäste kommen bald.
Liebe Grüße!
galapapa

Verfasst: 07.04.2013, 09:55
von poeta
hi fenestra,

auch mir gefällt dieses nest ausgezeichnet, in dem wissen um die natur gekonnt mit menschlicher symbolik verwoben wird, dazu auch noch tadellos in reimform gebracht. bei der von niko angemerketen stelle 'Resten Federflaum' habe ich auch kurz gestutzt, wenn du ein komma dazwischeschieben würdest?
formalbemerkenswert finde ich auch, dass die reimendungen in s1 und s2 assonantisch in den gleichen vokalen, nur durch einen konsonanten variiert, auslaufen. in der dritten strophe brichst du damit, diese wird in sich durch die wechselnden kadenzen: das erste paar weiblich, das zweite männlich aufgebrochen in steigen und fallen, während der baum auflebt, geht das nest eben daran zugrunde.

das hast du ganz fein ausgetüftelt, liebe fenstra :smile:

liebe grüße, poeta

Verfasst: 07.04.2013, 11:07
von Klimperer
Ich habe auch fasziniert dieses schöne Gedicht gelesen, schließe mich den obigen Kommentaren an.

Vielleicht ist es eine Grundvoraussetzung für experimentelle Lyrik die beherrschung der "klassischen" Formen.

Im Vergleich mit der Malerei, Picasso, zum Beispiel, war ein hervorragender Zeichner, durchaus in der Lage, traditionell zu malen, das hat er auch gemacht, bevor er seine Bilder verzerrte. Das ist auch bei Salvador Dalí der Fall.

Viele liebe Grüße

Carlos

Verfasst: 07.04.2013, 11:36
von Niko
bei handwerkskunst steht das handwerk immer vor der kunst :-)

Verfasst: 07.04.2013, 13:38
von Mucki
Hallo fenestra,

ganz wunderbar finde ich dein Gedicht und den Rhythmus darin. Und jetzt, von dir im anderen "Nest" biologisch mit Wissen gefüttert *hi, hi*, lese und verstehe ich natürlich genau, worum es geht.
Herrlich, wie wir uns hier gegenseitig befruchten. ;-)

Liebe Grüße
Gabi

Verfasst: 07.04.2013, 22:52
von fenestra
Ein erfreutes Dankeschön für diese netten Kommentare! Es ist immer wieder spannend, wie die Texte hier aufgenommen werden. An diesem hier habe ich lange getüftelt, es war erst ein ungereimter Text, aber ich fand die Struktur hier doch wichtig, vielleicht weil die Wörter sich dadurch ineinander verschränken, wie die Zweige beim Nestbau.

Der angesprochene Webfehler:

Sprachlich korrekt wäre natürlich: von Resten von Federflaum
oder: von Federflaumresten
oder: von einem Rest Federflaum

Das passt allerdings entweder metrisch oder reimtechnisch nicht (oder beides). Für mich war diese Stelle eigentlich kein Problem, aber wenn ihr euch daran stößt, füge ich gern ein Komma ein.

Viele Grüße
fenestra

Verfasst: 08.04.2013, 01:07
von Niko
vielleicht kann man auch statt "von Resten Federflaum" schreiben: "vom alten Federflaum"?

liebe grüße - niko

Nachtrag: schöner klingt natürlich statt "vom alten federflaum" wenn du schriebest: von altem federflaum"

Verfasst: 08.04.2013, 08:14
von galapapa
Hallo fenestra,
ich seh da auch kein großes Problem; eine Möglichkeit wäre "...vom alten (oder letzten) Federflaum..."
Lieben Gruß!
galapapa

Verfasst: 08.04.2013, 23:48
von fenestra
Ja, von altem Federflaum! Habs schon geändert und ich finde, es passt klanglich sogar besser, als die Reste (die est/äst-Strophe ist ja eine andere).

Danke für dieses passende Zweiglein in meinem Nest!

Verfasst: 09.04.2013, 09:28
von Niko
nur noch ein paar apostrophe....

sich's
streift's
abgefall'nen

liebe grüße: niko

Verfasst: 09.04.2013, 12:43
von fenestra
Nö. Die sind aus dem Nest gefallen. ;)