schlangenjahr

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
pjesma

Beitragvon pjesma » 15.03.2013, 21:22

die sprache angesammelt
wie altkleidergesellschaft-
tuschelnd

davor stehe ich nackt
und habe nichts anzuziehen
ziele mit mottenkügelchen
in die champagnergläser

hilflos

höre ich denn nicht
wie sich im unteren laden
die ledersandalen häuten?

weiß ich denn nicht
wie staubig der schorf schmecken kann:
nach einem selbst
das nicht mehr ist

ratlos

wer diesmal in die stube stolpert
drückt seinen hut
noch tief in die stirn

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Elsa
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Beitragvon Elsa » 16.03.2013, 11:45

Liebe pjesma,

ich schau ja immer wieder gern herein, meist fehlen mir die worte, oder die faszination, mich zu äußern, aber hier mach ich das mal, weil der text mich anzieht. Ich mag den Inhalt sehr, er ist in der letzte Strophe geheimnisvoll, liefert mir Bilder, die ich empfinde und nachvollziehen kann. Der Titel spricht von Häutung, treffend!

Nicht so gern mag ich die Satzverdrehungen an manchen Stellen, weil ich sie nicht fließend finde.

Ich würde dein Gedicht (egoistisch) gern so lesen dürfen:

versammelt die sprache
und tuschelnd
wie eine altkleidergesellschaft

ich stehe nackt davor
und habe nichts anzuziehen
ziele mit mottenkügelchen
in die champagnergläser

hilflos

höre ich denn nicht
wie sich im unteren laden
die ledersandalen häuten?

weiß ich denn nicht
wie staubig der schorf schmecken kann:
nach einem selbst
das nicht mehr ist

ratlos

wer diesmal in die stube stolpert
drückt seinen hut
noch tiefer in die stirn


Liebe Grüße,
ELsa
Schreiben ist atmen

ecb

Beitragvon ecb » 16.03.2013, 19:31

... daß es zum Aus-der-Haut-fahren ist
mit diesem Nicht-aus-seiner-Haut-raus-können.

Mit lieben Grüßen
Eva :daumen:

pjesma

Beitragvon pjesma » 16.03.2013, 20:48

hallo und danke für komms :-)
elsa, es freut mich dass dich mein gedichtlein anspricht---es spricht nichts gegen flüßiger ;-), /das ist das eckige, verdrehung, was manchmal aus der muttersprache rüberschwappt, bin immer dankbar wenn man mich drauf aufmerksam macht :-) /....am anfang bin ich nicht ganz sicher---bzw. war meine intention vllt. nicht zu klar: wie egal oder wie wichtig ist es die sprache als angesammelt oder versammelt zu bezeichnen? ich dachte im sinne: so viele worte hab ich angesammelt, und doch habe ich keine richtigen...? "versammelt" konnotiert für mich sprache allgemein...angesammelt ist dann irgendwie "meine sprache", die ich angesammelt habe...die zu verändern, häuten, überwachsen oder überlisten gilt...weißt du was ich meine? und die letzte zeile, hm, ginge es auch "noch zu tief in die stirn?"
ja eva...was dann, hautlos, wenn man es abwirft und neue noch nicht gewachsen ist? nacktschnecke, iiih!!!

lg, pjesma

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Elsa
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Beitragvon Elsa » 16.03.2013, 23:38

Liebe pjesma

pjesma hat geschrieben:hallo und danke für komms :-)
elsa, es freut mich dass dich mein gedichtlein anspricht---es spricht nichts gegen flüßiger ;-), /das ist das eckige, verdrehung, was manchmal aus der muttersprache rüberschwappt, bin immer dankbar wenn man mich drauf aufmerksam macht :-)


Klar, ich verstehe das gut, kenne es von einem lieben freund und lyriker aus serbien. er schreibt tolle gedichte, aber ... daher dachte ich, du würdest meine gedanken auch nicht übel nehmen.

pjesma hat geschrieben: /....am anfang bin ich nicht ganz sicher---bzw. war meine intention vllt. nicht zu klar: wie egal oder wie wichtig ist es die sprache als angesammelt oder versammelt zu bezeichnen? ich dachte im sinne: so viele worte hab ich angesammelt, und doch habe ich keine richtigen...? "versammelt" konnotiert für mich sprache allgemein...angesammelt ist dann irgendwie "meine sprache", die ich angesammelt habe...die zu verändern, häuten, überwachsen oder überlisten gilt...weißt du was ich meine?


Ich sehe da schon einen unterschied. versammelt bedeutet für mich einerseits, sich zu einem defilée zusammentun, also eine gruppe zu bilden, was ja aus der "altkleidergesellschaft" hervorgeht. Es bedeutet auch konzentriert, oder eine versammelte haltung nimmt das dressurpferd mit reiter an, ehe es die kunststücke zeigt. ich fände das passender zum text. angesammelt ist irgendwie profaner. ist aber geschmacksache.

pjesma hat geschrieben:und die letzte zeile, hm, ginge es auch "noch zu tief in die stirn?"


Ja, das geht auch. sagt zwar was anderes aus, als ich rausgelesen habe, eben das gegenteil, aber es muss ja zu deiner intention passen, nicht zu meiner.

liebe grüße
elsa
Schreiben ist atmen

poeta

Beitragvon poeta » 17.03.2013, 08:26

hi pjesma,

ich stehe nackt davor
und habe nichts anzuziehen

jaaah!
... nach einem selbst
das nicht mehr ist

wieder ein jaaah! :smile:
nicht ganz klar ist mir, was du mit 'im unteren laden' meinst? wirklich 'der laden (ein geschäft) oder doch 'die lade' (schublade)?
insgesamt: ein gedicht nach meinem geschmack! :daumen: wobei ich mich von elsas kleinen nuancierungen sehr angesprochen (aus der seele gesprochen!) fühle.

liebe grüße, poeta

pjesma

Beitragvon pjesma » 17.03.2013, 11:05

danke elsa und poeta

ich lass es erstmal so stehen und guck es noch mal wenn es abgestanden hat ;-)
ja, mit ende haben wir, glaub ich, elsa, etwas unterschiedlich gedacht, aber "versammlung" überzeugt mich.
und poeta, du sprichst an was ich auch problematisch fand: die laden, dachte ich schon es könne missverstanden werden...gedacht hatte ich schubladen, hab aber sch da irgendwie nicht haben wollen...bzw. fand ich laden-leder-l schöner...vielleicht finde ich noch einen ersatzwort

danke euch!
lg, pjesma

poeta

Beitragvon poeta » 17.03.2013, 11:13

hi,
nochmal ich!
gegen 'die laden' habe ich gar nicht einzuwenden, das 'schub' kannst du ruhig weglassen, problematisch ist das vorwort mit artikel 'im' = in dem; es ist aber die lade, bzw. die laden im plural. du müsstest also 'in der/den lade/n' heißen.
es geht also bloß um grammatik. :smile:

liebe grüße, poeta

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 17.03.2013, 12:57

Liebe pjesma,

mal wieder ein außergewöhnlicher und sehr ausdrucksstarker Text von dir! Über Identität, den Vergleich mit anderen, mit der Vergangenheit, das Wahrgenommenwerden - es ist schwer auf den Punkt zu bringen und das macht einen Teil des Reizes aus. Ich würde alles genau so lassen.

Viele Grüße
fenestra


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