gekauft

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
poeta

Beitragvon poeta » 21.02.2013, 13:34

gekauft


verspätet öffnet der morgen
schleppt in schweren kisten
sein tagesangebot vor die tür
wartet auf kundschaft

die angepriesene frische
nehme ich ihm nicht ganz ab
dennoch greife ich mir
eine handvoll erbsen
  - ungezählt -
(kaffeebohnen wären mir lieber)
zahlen muss ich
so oder so

Klimperer

Beitragvon Klimperer » 24.02.2013, 01:37

In "Die Geschichte von Amor und Psyche", von Apuleius, muss Psyche einen Haufen von verschiedenen Hülsefrüchten als Strafe auseinender bringen, trennen, in verschiedene Haufen ordnen. Das schafft sie mit Hilfe von Tausenden von Ameisen.

Erst jetzt glaube ich, dieses Gedicht zu verstehen.

Am Anfang wehrt man sich dagegen, weil man sich immer gegen die Wirklichkeit wehrt. Wir wollen nicht aus unserer geheimen Märchenwelt vertrieben werden.

Dieses Gedicht hat es in sich.

Poeta beschreibt hier was wir Tag für Tag erleben, erleben müssen.


Kompliment.

Niko

Beitragvon Niko » 24.02.2013, 12:09

das gedicht ist stark. vor allem, vor allem und nochmal vor allem in der ersten strophe in extremem ausmaß.
für mich wäre es runder, wenn die erbsen und kaffeebohnen rausflögen. das ist meine runde version:

gekauft


verspätet öffnet der morgen
schleppt in schweren kisten
sein tagesangebot vor die tür
wartet auf kundschaft

die angepriesene frische
nehme ich ihm nicht ganz ab


sehr, sehr gern gelesen! - niko

poeta

Beitragvon poeta » 24.02.2013, 17:38

hi Klimperer,
na sowas, an amor und psyche habe ich gar nicht gedacht, passt aber doch auch hinein. :smile:

einer anekdote folgend, soll karl baedeker (herausgeber der reiseführer) beim besteigen des mailänder doms, alle 20 stufen eine erbse von der westen- in die hosentasche (oder wars umgekehrt?) gesteckt haben. die erbsen dann mit 20 multipliziert plus die reststufen ergaben dann die genaue stufenzahl für den reisenführer. so soll es zu 'erbsenzählen' als ausdruck für genauigkeit bis zur pedanterie gekommen sein.

ich habe aber auch ein wenig richtung aschenbrödel (märchensammlung der brüder grimm) geschielt ... so gesehen gehts auch darum, sich die 'guten' rauszupicken und dabei nicht allzu pingelig zu sein.
mit den kaffeebohnen wollte ich das ganze langsam in die realität des heute zurückholen, sie stehen auch ein wenig ambivalent für bitteren genuss.
die tage anzunehmen mit ihrem jeweiligen angebot und das beste daraus zu machen als maxime?

besten dank für deinen kommi und liebe grüße, poeta




hi Niko,
ich kann mit der gekürzten form, wie du sie vorschlägst auch gut leben. sie klingt ein bisschen lyrischer und offener, lässt dem/r leserIn mehr persönlichen spielraum. in der erbsen-bohnen-fassung klingt mehr leichtigkeit, ein schnoddrig-achselzuckend-lässiges sich fügen stärker an (finde ich).
vielleicht sollte ich die erbsen-bohnen-geschichte gesondert 'verwerten'? weiß nicht?

jedenfalls danke ich dir sehr für dein großes lob bezüglich des ersten abschnitts. :smile:
liebe grüße, poeta


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