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nur beiläufig erwähnt

Verfasst: 19.01.2013, 17:01
von Estragon
das meer wird bleiben

die papierrosen werden bleiben

bleiben wird der gedanke an

eine wählerschaft in einer sauberen wahlurne

oder jener gedanke

der aus einem schuhverkäufer einen träumer macht



die luft wird bleiben

der gedanke daran dass man glücklich sein könnte

die punkte werden bleiben

die sich fortpflanzen wollen werden bleiben



die nacht wird bleiben

sie wird wieder und wieder bleiben

das gedächtnis wird bleiben

das leben wird bleiben

die nacht wird bleiben

die kerzen werden bleiben

das fenster wird bleiben

jesus wird in den gesichtern der ungläubigen bleiben

afrika wird bleiben

bosnien wird bleiben



namen werden bleiben

sie werden gerufen und gesucht

sie werden gesucht und vergessen

das vergessen wird bleiben

das bleiben wird bleiben

die wiesen werden übernacht bleiben

die abgründe werden bleiben



manchmal wird der regen bleiben

die tage an denen der erbsenzähler seine erbsen zählt

die romane werden bleiben

die vergessenen werden bleiben

der trost wird in die luft steigen und die toten fragen

die fragen werden bleiben

die nilpferde und ihre freunde werden bleiben

es wird bleiben das schmalzbrot und

die guten ideen

die guten ideen werden bleiben

bleiben wird auch das heu

das heu wird bleiben und

diese unvergessenen nächte

diese unvergessenen nächte werden bleiben

das bleiben wird bleiben

das fremde in uns wird bleiben

die soldaten werden bleiben

die pazifisten und ihre schiessbefehle werden bleiben

es wird bleiben; die qual, die folter, die ungerechtigkeit

die flüchtlinge müssen bleiben

schiebt man sie ab schickt man sie in den tod

der tod wird bleiben



die namen werden bleiben

die türen und der planet wird bleiben

der planet wird bleiben

die töchter und die söhne werden bleiben

das brot wird bleiben

der hunger wird bleiben

bosnien wird bleiben

die nacht wird bleiben

afrika wird bleiben

zwei werden bleiben

gesichter werden bleiben

die nacht wird bleiben

Verfasst: 20.01.2013, 20:21
von ecb
Ein wunderbarer Text der Monotonie des Immerwiederkehrenden, aber auch der nie endenden Erwartung, Hoffnung, sogar Gewißheit von etwas, das es die Sache dennoch wert macht, ... zu bleiben.

Ungemein wirkungsvoll das "bleiben" und gewisse Wiederholungen - definitiv vorgemerkt für meine Monatswahl :daumen:

LG Eva

Verfasst: 21.01.2013, 12:22
von Renée Lomris
Liebe(r?) Estragon

Gegen diese Art von Gedichten wehre ich mich, auch wenn es manchmal meine eigenen sind. Wenn ich in einem Zustand von gesunder Distanz auf sie stoße und einer Selbstkritik fähig bin, die leider anfangs (bei mir jedenfalls) von einer großen Selbstverliebtheit in meine Texte verdrängt wird, dann mache ich mir selbst ähnliche Vorwürfe.

Erstens sind da viele Gedanken, die sich nicht in einer konsequenten Folge - ob spiralförmig oder pfeilartig eine Entwicklung ahnen lassen - gedanklich und lexikalisch aufeinander beziehen.

Zweitens sind einige Bilder nicht wirklich kohärent, zumindest eines, natürlich nur meiner Ansicht nach... siehe weiter unten,.

Drittens stören mich religionsideologische Einschübe. Jedem seine Meinung und EInstellung, aber auch das kann in einen neutraleren Rahmen gepackt werden.

Allerdings muss ich hinzufügen kommt, dass die Idee mir an sich gefällt, ich nur formal noch einiges ändern würde:


Estragon hat geschrieben:das meer wird bleiben

die papierrosen werden bleiben

bleiben wird der gedanke an

eine wählerschaft in einer sauberen wahlurne


Was tut die Wählerschaft in der Urne? Sind da nicht eher die Zettel, mit denen abgestimmt wurde?



Estragon hat geschrieben:oder jener gedanke

der aus einem schuhverkäufer einen träumer macht


diese Stelle gefälllt mir gut...


Estragon hat geschrieben:die luft wird bleiben

der gedanke daran dass man glücklich sein könnte

die punkte werden bleiben

die sich fortpflanzen wollen werden bleiben


dieses Springen von einem Sprachgebiet, Gedankenfeld, zum andern finde ich gelungen



Estragon hat geschrieben:die nacht wird bleiben

sie wird wieder und wieder bleiben

das gedächtnis wird bleiben

das leben wird bleiben

die nacht wird bleiben

die kerzen werden bleiben

das fenster wird bleiben

jesus wird in den gesichtern der ungläubigen bleiben

afrika wird bleiben

bosnien wird bleiben



Hier rufen deine Assoziationen bei mir ziemlichen Widerstand hervor: das lyr. Ich behauptet hier, bestimmt wohl wissend, dass das z.T. paradoxale Behauptungen sind, dass etwas bleibt, von dem wir genau wissen, dass es nicht bleibt, und so interessant eine Erwägung solch unrealistischen Bleibens, so uninteressant wird es für mich im Laufe der abrollenden Bilder. "Jesus wird in den Gesichtern der Ungläubigen bleiben" Warum, und Wie und Weshalb? Wer will das in dieser Form wissen? (Pardon, das ist kein schreiberisches Argument...)



Estragon hat geschrieben:namen werden bleiben

sie werden gerufen und gesucht

sie werden gesucht und vergessen

das vergessen wird bleiben

das bleiben wird bleiben

die wiesen werden übernacht bleiben

die abgründe werden bleiben



Hier empfinde ich eine Beliebigkeit, die mich nirgendwo hinführt. Statt Schüttelreimen haben wir hier Schüttelassoziationen, -- mir scheint, dass es hier an der Oberfläche bleibt. Etwas Flaches, Unreflektiertes warum werden die Wiesen übernacht bleiben? Warum?




Estragon hat geschrieben:manchmal wird der regen bleiben

die tage an denen der erbsenzähler seine erbsen zählt

die romane werden bleiben

die vergessenen werden bleiben

der trost wird in die luft steigen und die toten fragen

die fragen werden bleiben

die nilpferde und ihre freunde werden bleiben

es wird bleiben das schmalzbrot und

die guten ideen

die guten ideen werden bleiben

bleiben wird auch das heu

das heu wird bleiben und

diese unvergessenen nächte

diese unvergessenen nächte werden bleiben

das bleiben wird bleiben

das fremde in uns wird bleiben

die soldaten werden bleiben

die pazifisten und ihre schiessbefehle werden bleiben

es wird bleiben; die qual, die folter, die ungerechtigkeit

die flüchtlinge müssen bleiben

schiebt man sie ab schickt man sie in den tod

der tod wird bleiben



Dieser ganze Abschnitt ist für mich im Wesentlichen gelungen und ich kann mir dazu sehr gut eine Rezitation mit Musik vorstellen ... Aber auch hier schleichen sich bei mir kritische Überlegungen ein: z.B. frage ich :Warum müssen die Flüchtlinge bleiben? Flüchtlinge zeichnen sich dadurch aus, dass sie nichr bleiben. Das hat Bertolt Brecht in dem Gedicht "Radwechsel" wunderbar ausgedrückt.


Estragon hat geschrieben:die namen werden bleiben

die türen und der planet wird bleiben

der planet wird bleiben



Solche grammatischen Zwickmühlen würde ich auf jeden Fall vermeiden. Entweder du nimmst zwei Plurale, etwa so:

"die Türen und die Planeten werden bleiben". (also 2X Plural. Auch so könnte man diese Verszeile umändern:

"Türen werden bleiben. Und der Planet wird bleiben."
Natürlich die Wiederhollung der näachsten Zeile beibehalten.
Estragon hat geschrieben:die töchter und die söhne werden bleiben

das brot wird bleiben

der hunger wird bleiben

bosnien wird bleiben

die nacht wird bleiben

afrika wird bleiben

zwei werden bleiben

gesichter werden bleiben

die nacht wird bleiben


Die wiederholte Nacht bekommt allmählich ein Gesicht, es stört mich hier nur der "Planet", etwas wuchtig n einem feinen Wortgespinst ...

Fazit: Eigentlich würde eine Überarbeitung der insgesamt wenigen Stellen, die von mir kritisiert wurden, zu einer größeren Dichte führen... vielleicht kannst du etwas mit diesen Gedanken anfangen.

Noch schöne Tage und Nächte, möge dir das Beste und Schönste immer ... bleiben.
viele Grüße

Renate

Verfasst: 21.01.2013, 16:13
von Estragon
religionsideologische Einschübe...von mir? Nein du meinst nicht mich..
Aber vielen Dank für die Mühe

Verfasst: 21.01.2013, 16:33
von Estragon
die einschübe interessieren mich doch wirklich, hoffentlich meinst du nicht bosnien und afrika, nein gell...

Verfasst: 23.01.2013, 19:53
von fenestra
Hallo, Estragon,

formal gefällt mir der Text ausgesprochen gut. Die listenförmige Aufzählung, die monotone Struktur, die Wiederholungen, die Vermischung nicht zusammengehöriger Themenfetzen. Also was René teilweise moniert:

sind da viele Gedanken, die sich nicht in einer konsequenten Folge - ob spiralförmig oder pfeilartig eine Entwicklung ahnen lassen - gedanklich und lexikalisch aufeinander beziehen.


Gerade dieses nicht kohärente und das unlogische finde ich sehr anregend. Es ist ja kein Essay, sondern eben ein lyrischer Text, da muss meiner Meinung nicht alles logisch sein, vielmehr sollen Assoziationen hervorgerufen werden. Dennoch packt mich der Text inhaltlich nicht, denn ich muss bei fast allem, was da bleiben soll, NEIN schreien. Kommt sicher auf den Blickwinkel an. Nach der nächsten Nacht? Nach dem eigenen Tod? Oder überhaupt?

Dieser Planet wird natürlich nicht bleiben und mit ihm wird alles verschwinden. Viel früher wird noch verschwinden: Soldaten und Flüchtlinge, Namen, Türen und Brot. Dass Trost in die Luft steigt und Tote befragt, finde ich - pardon - kitschig. Und die Formulierung, dass Jesus in den Gesichtern Ungläubiger zu sehen ist, fände ich in einem Text des "Wachturm" wenig überraschend. Wenn das eine Schlüsselstelle des Gedichtes ist, soll es wohl missionieren? Das wäre für mich ziemlich unerträglich. Wenn da noch stände:

bleiben wird, dass manche in jedem gesicht eines ungläubigen jesus erblicken

würde das m.E. besser zu dieser Welterhaltungslitanei (und diesen Begriff meine ich nicht negativ gemeint) passen.

Viele Grüße
fenestra

Verfasst: 23.01.2013, 20:05
von Estragon
Ich habe gerade ein Gedicht von E.A Richter, wo er etwas ähnliches macht, ich meine das mit den aufzählungen, ich bin mir oft nicht sicher, ob es funktioniert.
Ich hatte ein Gedicht von Rolf-Dieter Brinkmann im Kopf, ich müsste es mal suchen, es ist um deutliches länger und naturgemäß tausendfach stärker als mein bescheidener Versuch

Verfasst: 23.01.2013, 21:21
von ecb
Estragon hat geschrieben:Ich habe gerade ein Gedicht von E.A Richter, wo er etwas ähnliches macht, ich meine das mit den aufzählungen, ich bin mir oft nicht sicher, ob es funktioniert.
Ich hatte ein Gedicht von Rolf-Dieter Brinkmann im Kopf, ich müsste es mal suchen, es ist um deutliches länger und naturgemäß tausendfach stärker als mein bescheidener Versuch


Jetzt weiß ich auch, woran mich dein Text dunkel erinnerte - das von Brinkmann hatte ich irgendwann kennengelernt. Tut der Sache keinen Abbruch.

LG Eva

Verfasst: 24.01.2013, 02:27
von Estragon
Alles macht weiter von Rolf Dieter Brinkmann

Der Text wurde aus Urheberrechtsgründen von der Moderation durch einen Link ersetzt.

Verfasst: 24.01.2013, 17:58
von fenestra
Hallo, Estragon,

vielen Dank für den Verweis auf das Gedicht von RDB und auf den Dichter E.A. Richter, den ich noch gar nicht kannte! Das Brinkmanngedicht ist tatsächlich sehr stark. Was unterscheidet es von deinem? Diese Formel "... macht weiter, .... machen weiter" hat etwas Resignatives für mich. Da schwingt immer etwas Obsoletes mit. Egal was auch passiert, alle machen weiter so. Das ist eine Beobachtung in diesem Gedicht, weil es im Präsens geschrieben ist.

Die Formel, die du gewählt hast, dieses "...wird bleiben, .... werden bleiben" klingt teilweise wie ein Trost, aber auch wie ein Blick in die Glaskugel, wegen der Futur-Form, fast etwas pathetisch. Da sieht man dann doch genau hin: Wird das wirklich bleiben? Ist es überhaupt ein Trost, wenn es bleibt? Allerdings zählst du auch negative Sachverhalte auf, die bleiben werden, da kommt dann doch das Resignative durch, was auch in Brinkmanns Text zu finden ist. Dennoch bleibt dieser Beigeschmack des Zukunftsblickes. Ein Sprecher, der jetzt schon weiß, was bleiben wird. Woher weiß er das? Ist das nicht eine Selbstüberschätzung? Ich denke, das ist der größte Unterschied zum Brinkmann-Text. Dennoch finde ich den Text formal gelungen. Versuche ruhig, noch andere Aufzählungsgedichte zu schreiben!

Viele Grüße
fenestra